Akute Nierenentzündung

Die akute Nierenentzündung wird auch Nephritis genannt. Die Erkrankung kann verschiedene Ursachen haben. Die Entzündung kann sich in Teilen des Nierengewebes oder in der gesamten Niere befinden.

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Was ist eine akute Nierenentzündung?

Die medizinische Bezeichnung lautet akute Glomerulonephritis, eine Entzündung der kleinen Nierenkörperchen (Glomeruli). Die Glomeruli filtern überschüssige Flüssigkeit, Elektrolyte und Abfallstoffe aus dem Blut und geben diese in den Urin ab. Die Glomerulonephritis kann akut aufgrund einer Entzündung auftreten oder sich langsam entwickeln und so zu einer chronischen Glomerulonephritis führen. Tritt die Glomerulonephritis allein auf, spricht man von einer primären Glomerulonephritis. Tritt sie als Teil einer anderen Erkrankung auf, z. B. Lupus oder Diabetes, spricht man von einer sekundären Glomerulonephritis. Bei einer schweren und langwierigen Entzündung kann die Glomerulonephritis die Nieren dauerhaft schädigen. Die Therapie hängt vom Typ der Glomerulonephritis ab.

Längsschnitt der Niere
Längsschnitt der Niere

Früher trat eine akute Nierenentzündung relativ häufig als Folge einer Streptokokkeninfektion auf, beispielsweise nach einer Mandelentzündung. Heutzutage tritt diese Ursache nur noch selten auf, wahrscheinlich weil die meisten dieser Streptokokkeninfektionen mit Antibiotika behandelt werden können.

Symptome

Die Symptome richten sich nach der Ursache der Nierenentzündung, häufig sind: roter oder dunkler Urin, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit und geschwollene Beine oder Augen. Bei einigen Patienten treten auch eine verringerte Harnmenge, Atembeschwerden, Fieber, Appetitlosigkeit, Erbrechen, Magenschmerzen und Flankenschmerzen auf. Krämpfe sind selten, können aber in Einzelfällen vorkommen.

Ursache

Die Entzündung der Niere (im Unterschied zu den Harnwegen von Nierenbecken bis Harnröhre) geht nicht auf eine bakterielle oder virale Infektion zurück. Möglicherweise produziert das Immunsystem Antikörper, die mit dem Gewebe des Körpers reagieren. Dabei kann es sich um eine Erkrankung mit mehreren Entzündungsherden im Körper oder um eine Erkrankung handeln, die nur die Nieren betrifft. In Einzelfällen kann dieser Prozess durch eine virale oder bakterielle Infektion an einer anderen Stelle im Körper ausgelöst werden. Ist eine solche autoimmun bedingte Nierenentzündung sehr langwierig, können die Nieren langsam zerstört werden.

Glomerulonephritis nach Streptokokkeninfektion

Diese Erkrankung kann ein oder zwei Wochen nach der Genesung von einer Halsentzündung oder in seltenen Fällen nach einer Hautinfektion (Eiterflechte bzw. Impetigo contagiosa) auftreten. Eine Überproduktion von Antikörpern aufgrund der Infektion kann danach die Glomeruli angreifen und die Entzündung hervorrufen. Kinder haben im Vergleich zu Erwachsenen ein erhöhtes Risiko für eine Glomerulonephritis nach Streptokokkeninfektion. Bei Kindern besteht aber auch eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie schnell wieder gesund werden.

Glomerulonephritis als Folge einer Autoimmunerkrankung

Lupus ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung, die viele Teile des Körpers betreffen kann, z. B. Haut, Gelenke, Nieren, Blutkörperchen, Herz und Lunge. Das Goodpasture-Syndrom ist eine seltene Autoimmunerkrankung der Lunge, die einer Lungenentzündung ähnelt. Das Goodpasture-Syndrom verursacht Blutungen in der Lunge und kann eine Glomerulonephritis auslösen. Die IgA-Nephritis kennzeichnet sich durch wiederholte Schübe mit Blut im Urin aufgrund von Ablagerungen von Immunglobulin A (IgA) in den Glomeruli. Die IgA-Nephritis kann sich über Jahre hinweg ohne auffällige Symptome entwickeln. Man vermutet, dass die Erkrankung bei Männern häufiger auftritt als bei Frauen.

Glomerulonephritis als Folge einer Vaskulitis (Gefäßentzündung)

Die Polyarthritis ist eine Form der Vaskulitis, die kleine und mittelgroße Blutgefäße in vielen Körperregionen betrifft, z. B. in Herz, Niere und Darm. Die Granulomatose mit Polyangiitis ist eine weitere Form der Vaskulitis, die kleine und mittelgroße Blutgefäße in der Lunge, den oberen Atemwegen und der Niere betrifft.

Glomerulonephritis als Folge einer Vaskulitis (Gefäßentzündung)

Die Polyarthritis ist eine Form der Vaskulitis, die kleine und mittelgroße Blutgefäße in vielen Körperregionen betrifft, z. B. in Herz, Niere und Darm. Die Granulomatose mit Polyangiitis ist eine weitere Form der Vaskulitis, die kleine und mittelgroße Blutgefäße in der Lunge, den oberen Atemwegen und der Niere betrifft.

Diagnostik

Wenn die o. g. Symptome auftreten, besteht ein Verdacht auf die Erkrankung. Stellt der Arzt darüber hinaus auch einen erhöhten Blutdruck fest, erhärtet sich der Verdacht. Blut- und Urinuntersuchungen bestätigen die Diagnose.

Bei der Urinuntersuchung können rote Blutkörperchen und rote Blutkörperchenzylinder festgestellt werden, die Anzeichen für eine mögliche Schädigung der Glomeruli sind. Die Urinuntersuchung kann ebenfalls weiße Blutkörperchen (häufig ein Zeichen einer Infektion oder Entzündung) und eine erhöhte Proteinausscheidung (Anzeichen für eine Schädigung der Nierenzellen) nachweisen.

Die Blutuntersuchung kann einen erhöhten Kreatininwert (ein Maß der Nierenfunktion) zeigen.

Wird eine Nierenerkrankung vermutet, werden auch bildgebende Diagnoseverfahren durchgeführt, z. B. Röntgen, Ultraschall oder Computertomografie.

Bei einer langwierigen Nierenentzündung können auch Gewebeproben der Niere (Biopsie) notwendig sein. So kann ermittelt werden, um welchen Typ der Entzündung es sich handelt. Das Gewebe wird mit einer Nadel entnommen; die Untersuchung wird in einer Spezialabteilung im Krankenhaus durchgeführt.

Therapie

Es gibt keine einfache Heilung für diese Erkrankung. Die Therapie richtet sich aus diesem Grund auf die Linderung der Symptome und die Vorbeugung eventueller Komplikationen. Das Ergebnis der Therapie hängt von Folgendem ab:

  • Ist die Erkrankung akut oder chronisch?
  • Welche Ursache liegt zugrunde?
  • Welche Symptome und Beschwerdebilder treten auf?

Einige Fälle der akuten Glomerulonephritis, insbesondere als Folge einer Streptokokkeninfektion, können von selbst heilen und bedürfen meist keiner speziellen Therapie. Die Therapie zielt im Allgemeinen darauf ab, die Nieren vor weiteren Schädigungen zu schützen.

Eine medikamentöse Behandlung zeigt eine gute Wirkung, dabei werden verschiedene Medikamente eingesetzt. Einige Medikamente lindern die Symptome, während andere Medikamente die Entzündung hemmen. Kortison ist bei der Therapie von großer Bedeutung.


Prognose

Manche Patienten müssen während der Erkrankung eine spezielle Diät befolgen. Es ist wichtig, dass der Flüssigkeitshaushalt genau überwacht wird. In manchen Fällen ist das Nierenversagen so ausgeprägt, dass eine Dialyse (Blutreinigungsverfahren) notwendig ist.

Der Krankheitsverlauf kann in einigen Fällen so unauffällig verlaufen, dass der Patient gar keine Symptome zeigt. Auf der anderen Seite kann der Zustand im schlimmsten Fall zu einem Nierenversagen führen, d. h. die Niere funktioniert nicht mehr richtig. Dies kann einen lebensbedrohlichen Zustand darstellen. Zwischen diesen beiden Extremen sind viele Verlaufsformen möglich.

Kinder

Die meisten Kinder, die von diesem Typ der Nierenentzündung betroffen sind, werden schnell wieder gesund. Fieber, Puls und Blutdruck bessern sich innerhalb von drei bis vier Tagen. Weniger als 1 % der Kinder erkrankt an einer schweren und tödlich verlaufenden Form der Nierenentzündung.

Erwachsene

50–60 % aller Erwachsenen, die an dieser Form der Nierenentzündung leiden, genesen wieder.

In 5 % der Fälle kann die Erkrankung tödlich verlaufen oder eine Dialyse notwendig machen. Bei der Dialyse wird das Blut gereinigt, wenn die Nieren nicht mehr funktionieren.

Bei milden Formen der Nierenentzündung ist eine Verlaufskontrolle der Patienten nicht notwendig. Bei einem schwereren Krankheitsverlauf ist die Verlaufskontrolle durch einen Spezialisten allerdings nötig; in einigen Fällen müssen die Patient in ein Krankenhaus eingewiesen werden.

Weitere Informationen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Akute Glomerulonephritis bei Kindern. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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