Dranginkontinenz

Dranginkontinenz ist der unfreiwillige Harnverlust nach plötzlichem und zwingendem Harndrang. Wenn Sie die unwillkürliche Blasenentleerung nicht unterbrechen können, kann dies zur Abgabe einer großen Menge Urin führen.

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Was ist Dranginkontinenz?

Dranginkontinenz ist der unfreiwillige Harnverlust nach plötzlichem und zwingendem Harndrang. Bei manchen Patientinnen äußern sich die Beschwerden als häufiger und dringender Harndrang, ohne dass unfreiwillig Harn abgegeben wird. In diesem Fall spricht man von einer Drangsymptomatik. Die Beschwerden können durch eine Grunderkrankung verursacht werden oder unabhängig entstehen.

Unabhängig davon, ob unfreiwillig Harn abgegeben wird oder nicht, wird das Problem auch als „überaktive Blase" bezeichnet, wenn keine andere Erkrankung als Ursache festgestellt wird. Das Krankheitsbild der überaktiven Blase (ÜAB, Overactive Bladder) beinhaltet die folgenden Symptome:

  1. zu häufiges Wasserlassen (mehr als 8 Toilettengänge in 24 Stunden bei normaler Harnmenge von bis zu 2,8 l in 24 Stunden)
  2. plötzlicher, ohne Vorwarnung einsetzender Harndrang (imperativer Harndrang)
  3. nächtliches Wasserlassen mit oder ohne Inkontinenz (Nykturie).

Je nach Alter geben etwa 3–50 % aller Frauen an, dass sie unfreiwillig Harn verlieren. Frauen mit Dranginkontinenz machen 10–15 % der Patientinnen mit Inkontinenz aus. 35–50 % haben eine Mischinkontinenz aus Drang- und Belastungsinkontinenz. Die Belastungsinkontinenz als die häufigste Form der Harninkontinenz zeichnet sich durch unfreiwilligen Abgang zumeist kleinerer Harnmengen bei Belastung aus, beispielsweise beim Husten oder Niesen ohne Harndrang. Mit zunehmendem Alter kommt Inkontinenz häufiger vor.

Ursache

Die Ursache der Beschwerden ist oft unklar. Die Inkontinenz beruht unter anderem auf der fehlerhaften Koordination bei der Steuerung des Muskels, der die Blase entleert. Es treten unwillkürliche Kontraktionen des Harnblasenmuskels auf, welche zu unfreiwilligem Harnverlust führen.

In den meisten Fällen werden bei den Patienten keine ursächlichen Erkrankungen festgestellt. Die Dranginkontinenz ist dann ein Symptom einer überaktiven Blase.

Beschwerden mit Drangsymptomatik wie bei der Dranginkontinenz können aber auch in Zusammenhang mit einer akuten Harnwegsinfektion auftreten. Weitere mögliche Ursachen für die Symptome können verschiedene andere Krankheiten, wie z. B. multiple Sklerose (MS), das Parkinson-Syndrom, Schlaganfall oder Verletzungen des Rückenmarks sein.

Diagnostik

Die Diagnose lässt sich in der Regel schon anhand der von Ihnen berichteten Symptome stellen, die meist typisch sind.

Sehr hilfreich kann das Führen eines sogenannten Miktionstagebuches (Toiletten-/Trinkprotokoll) über 2–5 Tage sein, um den Schweregrad und den Leidensdruck zu erfassen.

Mit einer Urinprobe werden Harnwegsinfektionen oder Blut im Urin ausgeschlossen.

Bei einer gewöhnlichen ärztlichen Untersuchung und evtl. einer Ultraschalluntersuchung fallen die Ergebnisse in der Regel normal aus, in einigen seltenen Fällen kann Ihr Arzt jedoch Anzeichen einer der Drangsymptomatik zugrunde liegenden Erkrankung finden. In diesem Fall werden Sie zu einem Facharzt überwiesen, um neurologische, internistische oder urologische Erkrankungen abklären zu lassen.

Wenn Unklarheiten bei der Diagnose auftreten oder die Behandlung nicht hilft, kann es sinnvoll sein, Sie zu einer sogenannten urodynamischen Untersuchung zu überweisen. Bei dieser Untersuchung werden Druckmessungen durchgeführt, die die Diagnose erhärten können. Die Untersuchung erfolgt im Krankenhaus oder in spezialisierten Arztpraxen. Dort kann ggf. auch eine Blasenspiegelung (Zystoskopie) durchgeführt werden.

Behandlung

Die Behandlung der Dranginkontinenz erfolgt mehrstufig. Studien belegen die Wirksamkeit von Beckenbodentraining, Elektrostimulation und medikamentöser Therapie, während zur abschließenden Beurteilung der operativen Therapie noch keine ausreichenden Daten vorliegen. Mögliche Grunderkrankungen sollten behandelt werden.

In erster Linie sollten Betroffene die Blase sowie die Beckenbodenmuskulatur trainieren.

Beckenboden- und Blasentraining

Eine grundlegende Behandlungsmethode sind Beckenbodenübungen. Am besten sollten diese von einem Physiotherapeuten professionell angeleitet und danach dauerhaft und regelmäßig eigenständig von Ihnen zu Hause durchgeführt werden. Die Muskeln, die Sie trainieren sollen, sind die, die Sie verwenden, um eine laufende Blasenentleerung zu stoppen.

Dabei können spezielle Vaginalkonen als Hilfsmittel verwendet werden. Es handelt sich um unterschiedlich schwere Gewichte, die in der Scheide platziert werden und so die Beckenbodenmuskulatur trainieren und stärken. Die Vaginalkonen werden im Alltag bei stehenden oder gehenden Tätigkeiten einmal 30 Minuten oder zweimal 15 Minuten täglich getragen. Sie können auch versuchen, diese Gewichte bei Ihren Beckenbodenübungen zu verwenden. Vorteil dieser Methode ist der geringe Zeitaufwand. Ihre Wirksamkeit ist jedoch nicht wissenschaftlich bestätigt.

Beckenbodenübungen wirken auch bei einer Belastungsinkontinenz.

Blasentraining ist ein sorgfältig strukturiertes Übungsprogramm, bei dem Sie nach und nach die Zeit zwischen den Blasenentleerungen erhöhen. Das Ziel ist es, wieder die Kontrolle über Ihre Blasenfunktion zu erlangen und dieser wieder zu vertrauen.

Zusätzlich kann es hilfreich sein, Ihren Lebensstil anzupassen. Sie sollten täglich eine angemessene Flüssigkeitsmenge und möglichst wenig Koffein zu sich nehmen. Versuchen Sie, mögliches Übergewicht abzubauen.

Medikamentöse Therapie

Eine medikamentöse Behandlung der Dranginkontinenz ist auch möglich.

Die lokale Behandlung mit Östrogen wird aufgrund wissenschaftlicher Studienergebnisse bei einer überaktiven Blase empfohlen. Auch können empfindliche Stellen im Genitalbereich durch die Verwendung von Östrogencreme oder -zäpfchen vermieden werden. Betroffene sollten sich an diesen Stellen zudem nicht zu oft mit Seife waschen.

Daneben werden Medikamente in Tablettenform, sogenannte Anticholinergika, eingesetzt. Letztere dämpfen die Überaktivität des die Blase entleerenden Muskels. Bei manchen Patienten kann dieses Medikament Nebenwirkungen, wie z. B. Mundtrockenheit, Verstopfung, trockene Augen und trockene Haut, verursachen. Diese treten insbesondere zu Beginn der Therapie auf und werden in vielen Fällen im Verlauf besser. Diese Behandlung allein führt allerdings meist zu keiner kompletten Heilung, jedoch zu einer Verbesserung der Beschwerden. Die Wirkung hält nur so lange an, wie Sie das Medikament einnehmen. Die beste Wirkung der Behandlung erhalten Sie, wenn Sie sie mit Beckenbodenübungen kombinieren.

Elektrostimulation und Biofeedback

Bei leichten und mittelschweren Fällen von Dranginkontinenz ist eine der Behandlungsmöglichkeiten die sogenannte Elektrostimulation. Diese Behandlung kann zu Hause mit einem speziellen Gerät einfach durchgeführt werden. Der Elektrostimulator soll 20 Minuten angewendet werden, ein bis zwei Mal täglich für bis zu drei Monate. Den größten Therapieerfolg können Sie mit einer Kombination aus Beckenbodentraining und Elektrostimulation erzielen.

In Ergänzung zum Beckenbodentraining kann auch Biofeedback angewendet werden.

Operative Behandlung

Bei Versagen aller konservativer Behandlungen wird Ihr Arzt Ihnen möglicherweise auch eine operative Therapie empfehlen. Mögliche Operationen sind die Blasenwandinfiltration mit Botulinum-A-Toxin, die sakrale invasive Neuromodulation und als letzte Möglichkeit der Harnblasenersatz bzw. die Harnableitung.

Botulinum-A-Toxin

Über eine Harnblasenspiegelung wird das Medikament Botulinum-A-Toxin in die Blasenwand eingespritzt. Die Wirkung tritt innerhalb von 14 Tagen ein, hält allerdings nur über mehrere Wochen bis Monate, da Botulinum-A-Toxin vom Körper abgebaut wird. Somit muss die Behandlung zur dauerhaften Wirkung immer wieder in regelmäßigen Abständen durchgeführt werden. Unerwünschte Nebenwirkungen der Behandlung sind in seltenen Fällen Blasenentleerungsstörungen.

Sakrale invasive Neuromodulation

Zur chronischen sakralen Neuromodulation werden im Rahmen einer Operation Stimulationselektroden in die Öffnungen für die Rückenmarksnerven des Steißbeins eingeführt, welche über einen Schrittmacher dauerhaft bedient werden. Der Wirkmechanismus entspricht der externen Elektrostimulation. Ein Vorteil ist, dass die Elektroden näher an den Nerven liegen und diese dauerhaft stimulieren. Bei 10 % der Patienten treten nach der Operation Komplikationen auf.

Harnblasenersatz/Harnableitung

Nur wenn alle zuvor beschriebenen Behandlungen versagen und die Patienten stark unter den Beschwerden leiden, kann der Harnblasenersatz bzw. die Harnableitung als letzte Möglichkeit zur Verbesserung der Lebensqualität erwogen werden.

Weitere Hilfsmittel

Es gibt eine Reihe von Hilfsmitteln für Menschen mit Inkontinenz, wie Spezialunterhosen, Windeln und Matratzenschutz. Diese sind in Apotheken und Gesundheitsfachgeschäften erhältlich. Hier werden Sie auf Wunsch auch beraten. Viele der erwähnten Hilfsmittel werden nach Verschreibung von der Krankenkasse bezahlt.

Diese Hilfsmittel sollten jedoch keine Therapie ersetzen.

Prognose

Dranginkontinenz, die auf eine überaktive Blase zurückzuführen ist, verläuft häufig chronisch. Bei richtiger Behandlung erleben die meisten Patientinnen eine Verbesserung, einige erreichen auch eine völlige Symptomfreiheit. 

Manche empfinden ihre Inkontinenzbeschwerden als so belastend, dass eine soziale Isolation entsteht. Ein Rat für diejenigen, die unter Inkontinenz leiden, ist, offen mit den Beschwerden umzugehen. Dies kann Stress reduzieren und die soziale Interaktion erleichtern.

Auch kann die Teilnahme an Selbsthilfegruppen hilfreich sein, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Weitere Informationen

 Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden
  • Dr. med. Julia Trifyllis, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W.
  • Terje Johannessen, Professor für Allgemeinmedizin, Universität Trondheim

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Dranginkontinenz bei Frauen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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