Bakterien im Urin ohne Symptome (asymptomatische Bakteriurie)

Im Urin vieler Menschen können Bakterien nachgewiesen werden, ohne dass die Betroffenen Symptome haben. Man spricht dann von einer asymptomatischen Bakteriurie. In den meisten Fällen ist keine Therapie erforderlich. Schwangere Frauen mit Bakterien im Urin sollten in manchen Fällen, z. B. nach einer Frühgeburt bei einer vorherigen Schwangerschaft, antibiotisch behandelt werden.

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Die gesunde Harnblase – immer keimfrei?

Der Urin und die Harnblase gesunder Menschen sind nicht immer frei von Keimen, wie oft behauptet wird. Vor allem bei Frauen konnte nachgewiesen werden, dass im Kleinkindalter 2 von 100 und im höheren Alter etwa 18 von 100 Frauen Bakterien im Urin haben, ohne davon Notiz zu nehmen. Noch höher liegen die Zahlen bei Frauen und Männern in Pflegeeinrichtungen (bis zu 50 %). Menschen mit einem über mehrere Wochen oder Monate liegenden Urindauerkatheter haben sogar in bis zu 100 % der Fälle Bakterien im Urin, ohne unter Symptomen zu leiden.

Die in der Fachsprache sogenannte asymptomatische Bakteriurie, also das beschwerdefreie Ausscheiden von Bakterien über den Harn, ist abzugrenzen von einem Harnwegsinfekt. Auch hier werden Bakterien im Urin gefunden, zusätzlich aber leiden die Betroffenen unter sehr unangenehmen Symptomen wie Schmerzen und Brennen beim Wasserlassen sowie starkem und häufigem Harndrang. Im Fall der asymptomatischen Bakteriurie liegt lediglich eine oberflächliche Besiedlung der Schleimhaut des Harntraktes mit Bakterien wie z. B. E. coli vor. Bei einem Harnwegsinfekt reagiert die Schleimhaut mit einer Entzündungsreaktion.

Unter welchen Umständen werden Bakterien im Urin bemerkt, die keine Beschwerden verursachen? Der oft routinemäßig oder aufgrund einer anderen Fragestellung durchgeführte Urinstreifentest deckt das Vorkommen von Bakterien im Urin häufig auf.

Wie sollte von medizinischer Seite auf diesen Befund reagiert werden? Erkranken Personen mit Bakterien im Urin häufiger an einem manifesten Harnwegsinfekt? Sollten daher alle Betroffene Antibiotika einnehmen, bei denen Bakterien im Urin gefunden werden, unabhängig von entsprechenden Beschwerden?

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass nur ein kleiner Teil der Patientinnen und Patienten mit asymptomatischer Bakteriurie von einer Behandlung mit Antibiotika profitiert. Bei allen anderen schaden Antibiotika mehr als sie Nutzen bringen. Behandlungsbedürftig sind drei Patientengruppen:

Schwangerschaft und asymptomatische Bakteriurie

Bei 4–7 % der schwangeren Frauen werden Bakterien im Urin gefunden, ohne, dass Symptome vorliegen. Schwangere Frauen mit einer asymptomatischen Bakteriurie werden allerdings nicht generell auf Bakterien im Urin getestet oder antibiotisch behandelt, da keine Hinweise für eine Schädigung des Kindes durch eine asymptomatische Bakteriurie der Schwangeren oder den Vorteil einer antibiotischen Therapie vorliegen. Eine asymptomatische Bakteriurie bei Schwangeren erhöht jedoch das Risiko für einen Harnwegsinfekt in der Schwangerschaft. Dieser führt wiederum möglicherweise zum vermehrten Auftreten von Frühgeburten, einem niedrigen Geburtsgewicht beim Kind und Präeklampsie. Eine Untersuchung des Urins auf Bakterien wird deshalb in der Regel nur bei einer auffälligen Krankengeschichte, anderen auffälligen Urinbefunden (Sediment) oder bei Schwangerschaften mit erhöhtem Risiko durchgeführt, z. B. wenn in vergangenen Schwangerschaften Frühgeburten oder Fehlgeburten aufgetreten sind, oder in der Vorgeschichte bereits eine Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis) vorlag. 

Ein Urinteststreifen kann anzeigen, ob Bakterien vorliegen. Ggf. wird auch eine Urinkultur angelegt. Damit wird getestet, ob sich aus der Urinprobe nach wenigen Tagen Bakterien anzüchten lassen. Die Kultur ist ein zuverlässiger Test, vorausgesetzt die Urinprobe wurde nicht durch Keime verunreinigt, die von den äußeren Geschlechtsteilen stammen. Als Urinprobe eignet sich daher am besten der sogenannte Mittelstrahlurin: Lassen Sie den Urinstrahl erst eine Weile laufen, ehe Sie die mittlere Portion des Harnstrahls in einem sauberen Becher auffangen. Befüllen Sie den Becher nicht bis zum Aussetzen des Strahls, sondern lassen Sie die letzte Urinportion in die Toilette laufen.

Die Diagnose einer asymptomatischen Bakteriurie wird dann gestellt, wenn in zwei aufeinanderfolgenden Proben das Wachstum der gleichen Bakterien festgestellt wurde. Ob eine antibiotische Therapie durchgeführt wird, entscheiden die Ärzte individuell, je nachdem, ob bzw. welche Risikofaktoren vorliegen. In der Schwangerschaft dürfen nur bestimmte Antibiotika verabreicht werden. Nach der Therapie erfolgt eine Kontrolle mittels Urinkultur.

Mehr Informationen zu Harnwegsinfekten in der Schwangerschaft finden Sie im Artikel Harnwegsinfekte in der Schwangerschaft.

Prognose

Nur bei den bereits erwähnten Patientengruppen – schwangere Frauen mit Risikofaktoren, Kinder mit vesikoureteralem Reflux, Patienten vor urologischen Eingriffen – ist eine antibiotische Behandlung einer asymptomatischen Bakteriurie sinnvoll. Bei ihnen führt die Besiedlung des Harntraktes mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einer Infektion und zu gesundheitlichen Risiken.

Kinder unter vier Jahren mit vesikoureteralem Reflux haben ein erhöhtes Risiko, dauerhafte Nierenschäden davonzutragen, wenn sie an wiederkehrenden Harnwegsinfekten erkranken. Daher sollte bei positivem Bakterienbefund im Urin in Absprache mit der Kinderärztin eine Behandlung mit Antibiotika erfolgen.

Weitere Informationen

Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim
  • Dorit Abiry, Doktorandin am Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Bakteriurie, asymptomatische. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Brennen beim Wasserlassen – S3-Leitlinie und Anwenderversion der S3-Leitlinie Harnwegsinfektion. AWMF-Leitlinie Nr. 053-001. Stand 2018. www.awmf.org
  2. Deutsche Gesellschaft für Urologie e. V. (DGU) Harnwegsinfektionen. Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten. AWMF-Leitlinie Nr. 043-044, Stand 2017 www.awmf.org
  3. Dull RB, Friedman SK, Risoldi ZM, et al. Antimicrobial Treatment of Asymptomatic Bacteriuria in Noncatheterized Adults: A Systematic Review. Pharmacotherapy. 2014. PMID: 24807583 PubMed
  4. Institut für Qualität und Wirtschatlichkeit in der Medizin (IQWIG): [S13-02] Screening auf asymptomatische Bakteriurie im Rahmen der Mutterschaftsrichtlinien unter besonderer Berücksichtigung der Testmethoden, Stand 2015. www.iqwig.de
  5. Zalmanovici Trestioreanu A, Lador A, Sauerbrun-Cutler MT, et al. Antibiotics for asymptomatic bacteriuria. Cochrane Database Syst Rev. 2015 Apr 8;4:CD009534. PMID: 25851268. PubMed
  6. Bublak R. Antibiotika-Therapie auch bei Patienten ohne Symptome? Ärzte Zeitung, 10.12.2014 www.aerztezeitung.de
  7. Sundvall et al.. Evaluation of dipstick analysis among elderly residents to detect bacteriuria: a cross-sectional study in 32 nursing homes. BMC Geriatrics 2009; 9: 32. doi:10.1186/1471-2318-9-32 DOI
  8. Gemeinsamer Bundesausschuss. Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses über die ärztliche Betreuung während der Schwangerschaft und nach der Entbindung ("Mutterschafts-Richtlinien"). Berlin. 2015. www.g-ba.de