Harnwegsinfekte bei Männern

Harnwegsinfektionen treten zwar bei Männern seltener auf als bei Frauen, kommen jedoch mit steigendem Alter infolge von Prostatavergrößerungen häufiger vor. Typische Beschwerden sind Brennen beim Wasserlassen mit häufigem, starkem Harndrang. Harnwegsinfektionen bei Männern werden in der Regel als komplizierte Infektionen eingeschätzt, da die Prostata mitbetroffen sein kann. Brennen beim Wasserlassen kann auch ein typisches Symptom bei alleinigen Entzündungen der Prostata und einigen sexuell übertragbaren Krankheiten sein. Diese Erkrankungen müssen bei der Diagnostik mitberücksichtigt werden.

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Harnwegsinfekte beim Mann sind selten, aber tückisch

Bei einem Harnwegsinfekt rufen Bakterien eine Entzündungsreaktion in der Schleimhaut der Harnwege hervor. Man unterscheidet zwischen unteren und oberen Harnwegsinfekten. Die unteren Harnwege bestehen aus Harnröhre und Harnblase. Bei einer Harnröhrenentzündung (Urethritis) können stechende oder brennende Schmerzen besonders anfangs beim Wasserlassen auftreten. Die Patienten leiden ggf. unter Ausfluss (z. B. dickflüssig, weiß-gelblich) sowie einer schmerzhaften Reizung der Harnröhre. Eine Urethritis kommt am häufigsten bei Männern zwischen 20 und 34 Jahren vor. Die häufigste Ursache sind Chlamydien, seltener Mykoplasmen oder Gonokokken.

Ist die Harnblase betroffen (Blasenentzündung oder akute Zystitis), verursacht die Infektion mitunter Brennen beim Wasserlassen, besonders gegen Ende des Wasserlassens, häufigen und starken Drang zur Harnentleerung mit oftmals nur geringen Mengen, ein unangenehmes Gefühl im Unterbauch sowie manchmal blutigen Urin.

Dehnt sich die Entzündung auf die oberen Harnwege (Harnleiter) und die Nierenbecken aus (Nierenbeckenentzündung oder Pyelonephritis), können Fieber, Schüttelfrost sowie Rücken- oder Flankenschmerzen hinzukommen.

Abbildung der Nieren und des Harntraktes mit Nierenbecken, Harnleiter, Harnblase und angedeuteter Harnröhre
Abbildung der Nieren und des Harntraktes mit Nierenbecken, Harnleiter, Harnblase und angedeuteter Harnröhre.

Harnwegsinfekte sind insgesamt häufig. In mehr als 95 % der Fälle sind allerdings junge, gesunde Frauen betroffen. Meist liegt hierbei ein unkomplizierter Harnwegsinfekt vor, der rasch diagnostiziert und relativ einfach therapiert werden kann.

Männer erkranken selten an Harnwegsinfekten. Ihre Harnröhre ist erheblich länger als die weibliche. Es wird angenommen, dass aufsteigende Bakterien beim Wasserlassen ausgewaschen werden, ehe sie die Blase erreichen. Zusätzlich ist der männliche Harnröhrenausgang mit weniger Bakterien besiedelt als der weibliche. Außerdem sondert die Prostata ein antimikrobielles Sekret ab.

Männliche Geschlechtsorgane
Die männlichen Geschlechtsorgane mit Harntrakt. Die Prostata liegt unterhalb der Harnblase und umkleidet den oberen Abschnitt der Harnröhre.

Bei Männern entstehen Harnwegsinfekte in der Mehrzahl der Fälle auf dem Boden bestimmter Vorerkrankungen oder anderer spezifischer Begleitumstände. Betroffen sind in erster Linie Kinder und ältere Patienten. In jungen Jahren kann eine angeborene Fehlbildung des Harntraktes die zugrundeliegende Ursache sein, im Alter ist es oft eine vergrößerte Prostata, die dazu führt, dass die Harnröhre zusammengedrückt wird und deshalb eine gewisse Mengen Restharn in der Blase verbleibt – ein idealer Nährboden für Bakterien.  

Aus diesem Grund schließt die Diagnostik bei männlichen Harnwegsinfekten die Suche nach einer zugrundeliegenden Ursache sowie deren Behandlung mit ein. Ansonsten besteht das Risiko wiederkehrender Harnwegsinfekte oder einer Ausbreitung der Infektion.

Die genannten Besonderheiten bei Entstehung, Diagnostik und Therapie von Harnwegsinfekten beim Mann erklären, dass man hier von komplizierten Harnwegsinfekten spricht.

Harnwegsinfekte beim Mann gehen mit ähnlichen Symptomen einher, die auch bei einer akuten oder chronischen Prostataentzündung (Prostatitis) oder bei einer sexuell übertragbaren Infektion vorliegen können, z. B. bei einer Chlamydien-Infektion oder Gonorrhö. Diese Erkrankungen sind bei der Diagnostik, Behandlung und Verlaufskontrolle zu berücksichtigen.

Ursachen

Das Keimspektrum von Harnwegsinfekten beim Mann und bei der Frau sind grundsätzlich identisch. Etwa 75 % der Harnwegsinfekte bei Männern entstehen durch das Darmbakterium E. coli. Es besiedelt den Darmausgang und teilweise die äußeren Geschlechtsteile und kann unter bestimmten Umständen durch die Harnröhre in die Blase oder weiter nach oben bis ins Nierenbecken aufsteigen. Bei betroffenen Männern liegen häufig Begleitumstände wie die folgenden vor:

  • Hindernisse in den Harnwegen, die den Urinabfluss stören, zum Beispiel Prostatavergrößerung, Harnröhrenverengung, Vorhautveränderungen, Steinleiden sowie gut- oder bösartige Geschwüre. Der dadurch in der Blase verbleibende Restharn beziehungsweise der in den Nierenbecken aufgestaute Urin fördern das Wachstum von Bakterien.
  • Neurologische Krankheiten, bei denen die normale Harnentleerung gestört ist, zum Beispiel Querschnittslähmungen, Multiple Sklerose sowie Demenz. Es bildet sich Restharn.
  • Grunderkrankungen wie Diabetes oder Nierenversagen. Der im Urin ausgeschiedene Zucker bei nicht oder nur unzureichend behandeltem Diabetes liefert eine ideale Ernährungsgrundlage für Bakterien.
  • Liegende Dauerkatheter oder andere Fremdkörper im Harntrakt. Sie sind oft innerhalb weniger Tage mit Bakterien besiedelt. Der entstehende Biofilm schützt Bakterien vor dem menschlichen Immunsystem und vor Antibiotika.
  • Angeborene oder erworbene Fehlbildungen des Harntraktes, die zum Beispiel einen vesikoureteralen Reflux bedingen. Es bildet sich häufig Restharn.
  • Einnahme von Medikamenten, die die Immunabwehr des Körpers schwächen.
  • Krankheiten, die die Immunabwehr des Körpers schwächen.

Nicht alle Männer, die an einem Harnwegsinfekt erkranken, weisen eine Grunderkrankung auf. V. a. in der Altersgruppe der 15- bis 50-jährigen kommen Harnwegsinfekte auch unter gesunden Männern vor. Beispielsweise kann Analverkehr oder Geschlechtsverkehr mit einer infizierten Person einen Harnwegsinfekt bei Männern begünstigen.

Diagnostik

Wegweisend für die Diagnosefindung ist das Anamnesegespräch, also die Schilderung der klassischen Beschwerden eines unteren oder oberen Harnwegsinfektes. In der körperlichen Untersuchung werden Patienten auf das Vorhandensein von Fieber, Schmerzen über den Nieren beim Beklopfen und einer prall gefüllten Harnblase untersucht.

Da bei Männern in der Regel von einem komplizierten Harnwegsinfekt ausgegangen wird, ist eine Urindiagnostik mittels Teststreifen sowie Urinkultur erforderlich, die eine auf den Erreger genau abgestimmte antibiotische Behandlung möglich macht. Überdies wird nach zugrundeliegenden Erkrankungen wie oben aufgeführt gesucht. Bei Männern über 50 Jahre umfasst dies ggf. das rektale Abtasten der Prostata. Eine Ultraschalluntersuchung der Nieren und der Blase dient dem Nachweis eines Urinaufstaus in der Niere und von Restharn in der Harnblase. Bei entsprechenden Hinweisen können weitere Untersuchungen anfallen. 

Schmerzen beim Wasserlassen ist ebenfalls ein typisches Symptom bei Entzündungen der Prostata. Es werden deshalb Beschwerden in Zusammenhang mit einer Prostatabeteiligung abgefragt, z. B. Fieber, Schmerzen am Damm oder im Becken, Harnträufeln, Harnstottern. Liegt Ausfluss aus der Harnröhre (z. B. dickflüssig, weiß-gelblich), Schmerzen v. a. bei Beginn des Wasserlassens sowie eine schmerzhafte Reizung der Harnröhre vor, kann es sich um eine Entzündung der Harnröhre (Urethritis) handeln. Diese kann z. B. durch Chlamydien, seltener Mykoplasmen oder Gonokokken verursacht sein. Diese Erkrankungen können durch weitere diagnostische Maßnahmen abgeklärt werden, z. B. durch einen Harnröhrenabstrich.

Eine Überweisung an einen Urologen oder eine Krankenhauseinweisung ist ggf. angezeigt, wenn z. B. der Verdacht auf eine Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis), Entzündungen von Hoden (Orchitis) oder Nebenhoden (Epididymitis), eine Sepsis (Blutvergiftung) oder eine behandlungsbedürftige Verlegung der Harnwege, etwa bei Harnleiter- oder Nierensteinen, vorliegt.

Therapie

Die Behandlung zielt auf die Beseitigung der akuten Infektion wie auch die Behebung eventuell zugrundeliegender Ursachen ab. In den meisten Fällen wird zu einer Antibiotikatherapie geraten, in der Regel angepasst an die Ergebnisse der Urinkultur.

Kehren die Symptome kurze Zeit nach Behandlung mit einem Antibiotikum zurück, sollte eine chronische Prostataentzündung (Prostatitis) in Betracht gezogen werden.

Prognose

Die Prognose von bakteriellen Harnwegsinfektionen ist in der Regel gut. Der Erfolg der Behandlung hängt allerdings von der möglicherweise zugrundeliegenden Erkrankung ab. Nicht oder nicht richtig behandelte Harnwegsinfekte des Mannes können auf das Nierenbecken, die Hoden, Nebenhoden oder die Prostata übergreifen. Daraus folgen teils langwierige Krankheitsverläufe.

Weitere Informationen

Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim
  • Dorit Abiry, Doktorandin am Institut und der Poliklinik für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Harnwegsinfekt bei Männern. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Benton TJ. Urinary tract infections in men. BMJ Best Practice, last updated Aug 12, 2014. bp.api.bmj.com
  2. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Brennen beim Wasserlassen – S3-Leitlinie und Anwenderversion der S3-Leitlinie Harnwegsinfektion. AWMF-Leitlinie Nr. 053-001. Stand 2018. www.awmf.org
  3. Deutsche Gesellschaft für Urologie e. V. (DGU) Harnwegsinfektionen. Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten. AWMF-Leitlinie Nr. 043-044, Stand 2017 www.awmf.org
  4. Schaeffer AJ, Nicolle LE. Urinary Tract Infections in Older Men. N Engl J Med. 2016 Jun 2;374(22):2192. doi: 10.1056/NEJMc1603508 PubMed PMID: 27248641 www.ncbi.nlm.nih.gov
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  6. Drekonja DM, Rector TS, Cutting A, Johnson JR. Urinary tract infection in male veterans: treatment patterns and outcomes. JAMA Intern Med. 2013 Jan 14;173(1):62-8. doi: 10.1001/2013.jamainternmed.829 PubMed PMID: 23212273 www.ncbi.nlm.nih.gov