Blut im Urin

Wenn sich der Urin rot färbt, kann dies viele Ursachen haben. Manchmal ist eine Blutungsquelle im Harntrakt der Grund. Blut im Urin führt aber nicht immer zu einer Rotfärbung des Urins. Teilweise liefert ein Routinetest den Hinweis. Viele Ursachen von Blut im Urin sind leicht behandelbar. Oft steckt eine Entzündung dahinter. Betroffene haben dann meist auch Schmerzen beim Wasserlassen. Vorsicht ist geboten, wenn Erwachsene ab 40 Jahren Blut im Urin haben, ohne unter weiteren Beschwerden zu leiden. Dann kann Blasenkrebs die Ursache sein.

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Blut im Urin – was steckt dahinter?

Wenn sich der Urin plötzlich rot färbt, kann das erschreckend wirken. Roter Urin hat viele mögliche Ursachen. Die Vermischung mit Blut ist eine. Die Blutungsquelle kann irgendwo im Harntrakt liegen, oben angefangen bei den Nieren, hinab über die Harnleiter, die Harnblase, bis zur Harnröhre. Vereinzelt mischt sich auch Blut aus den Geschlechtsteilen oder dem Anus in den Urin. Bei Frauen kann Menstruationsblut den Urin blutig tingieren.

Nicht nur Blut färbt den Urin rot. Einige Speisen wie zum Beispiel Rote Beete haben eine solche Wirkung. Auch Medikamente und Eisen- oder Vitaminpräparate verändern die Farbe des Urins. Wird wenig Flüssigkeit getrunken, nimmt der konzentrierte Urin ebenfalls eine dunkle Farbe an. Auch einige seltene Stoffwechselerkrankungen (zum Beispiel Porphyrien) sorgen für einen roten Urin.

Liegt eine Blutungsquelle vor (Hämaturie), führt das nicht immer zu einer sichtbaren Rotfärbung des Urins, die von Ärzten Makrohämaturie genannt wird. Die Anzahl der roten Blutkörperchen oder des roten Blutfarbstoffs im Urin kann so gering sein, dass der Urin eine unauffällige Farbe hat, Ärzte sprechen hier von Mikrohämaturie. Ein solcher Befund kann zufällig bei einer Routineuntersuchung mittels Schnelltest auffallen, zum Beispiel im Rahmen des Check-up 35. Dafür wird ein Teststreifen, der auch über weitere Parameter des Urins Auskunft gibt, in frischen Urin getunkt.

Rund in der Hälfte der Fälle findet man keine Erklärung für eine Mikrohämaturie. Ein Grund dafür ist, dass der Urinschnelltest nicht sehr genau misst. Falscher Alarm ist in einigen Fällen die Folge. Doch Ihre Ärztin wird trotzdem Nachkontrollen durchführen. Einer Hämaturie, ob sichtbar oder nicht-sichtbar, können nämlich behandelbare Erkrankungen zugrunde liegen – infektiöse und nicht-infektiöse Entzündungen, eine Verletzung im Rahmen eines Unfalls, ein Steinleiden, aber auch Krebserkrankungen.  

Ursachen für Blut im Urin

Studien machen uneinheitliche Angaben zur Häufigkeit des Symptoms Blut im Urin. 2,5–20 von 100 Erwachsenen sollen betroffen sein, unter Kindern sollen es 1–2 Fälle auf 100 Kinder sein.  

Die häufigsten Ursachen, die bei Erwachsenen zu einem sichtbar rot verfärbten Urin führen (Makrohämaturie), sind Blasenentzündungen (30–50 %), Erkrankungen der Prostata (20–30 %) und Krebserkrankungen (40 %). Seltener ist Blut im Urin bei Erwachsenen ein Zeichen für ein Steinleiden, eine Nierenerkrankung oder eine Verletzung des Harntraktes im Rahmen eines Unfalls.   

Die nicht-sichtbaren Fälle von Blut im Urin (Mikrohämaturie) gehen in 40% der Fälle auf Messfehler oder andere nicht behandlungsbedürftige Ursachen zurück. Der Urinschnelltest ist Bestandteil des Check-up-35, der Routineuntersuchung, die gesetzlich krankenversicherten Männern und Frauen ab 35 Jahren alle 2 Jahre kostenlos angeboten wird. Kein Test ist zu 100 % sicher. Das gilt auch für den Test auf nicht-sichtbares Blut im Urin. Bis zu 9 von 100 getesteten Personen haben gar kein Blut im Urin, wenn der Test positiv ausfällt. Zu 25–50 % liegt eine Infektion vor, meist eine bakterielle Blasenentzündung, und zu 20–30 % eine Prostataerkrankung. Nicht-sichtbares Blut im Urin ist in wenigen Fällen ein Hinweis auf eine Krebserkrankung (5 %). 

Die Ursachen bei Kindern unterscheiden sich von den Gründen bei Erwachsenen. Kinder sind insgesamt seltener vom Symptom Blut im Urin betroffen. In rund 40% der Fälle wird auch nach gründlichem Untersuchen keine Ursache gefunden. In solchen Fällen ist keine Behandlung notwendig. Häufig haben Kinder mit Blut im Urin eine Erkrankung der Nieren. Auch Infektionen und Steinleiden sind wahrscheinliche Ursachen. Nur äußerst selten ist eine Krebserkrankung der Grund. 

Bei vielen der oben genannten Erkrankungen ist Blut im Urin nicht das einzige Symptom. Eine genaue Anmnese sowie eine körperliche Untersuchung reichen oft schon aus, um die häufigsten Ursachen zu bestimmen. Von der unkomplizierten Blasenentzündung zum Beispiel, die unter allen die häufigste Ursache für Blut im Urin darstellt, sind meist sexuell aktive, junge Frauen betroffen, die Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen sowie einen starken und häufigen Harndrang verspüren.

Einen besonderen Stellenwert hat sichtbares Blut im Urin bei Personen, die sonst über keine Beschwerden oder Schmerzen klagen. Das kann auf eine Krebserkrankung, meist Blasenkrebs, hinweisen. Auch hier hilft die Anamnese weiter. Bekanntermaßen erhöhen folgende Merkmale das Risiko für Blasenkrebs: Rauchen, häufiger Kontakt zu Chemikalien oder Färbemitteln, Einnahme des Medikaments Cyclophosphamid, Bestrahlungen der Beckenregion, zum Beispiel im Rahmen einer Krebstherapie.

Diagnostik

Da das Spektrum möglicher Erkrankungen bei dem Symptom Blut im Urin so breit ist, steht an erster Stelle ein ausführliches Anamnesegespräch. Zunächst muss die Hausärztin ausschließen, dass die Verfärbung des Urins oder der Befund im Urinschnelltest auf eine andere Ursache zurückgeht, wie den Verzehr bestimmter Speisen, die Einnahme von Medikamenten, die den Urin färben, oder das Verwechseln mit Menstruationsblut. Wichtig ist dann das Erfragen weiterer Beschwerden, Risikofaktoren und Begleitumstände. Viele der möglichen Erkrankungen verursachen typische Symptome, zum Beispiel die unkomplizierte Blasenentzündung bei jungen Frauen, eine Prostataentzündung bei Männern oder Harnleitersteine. Auch ein Ausbleiben jeglicher Symptome kann wegweisend sein. Dann muss an Blasenkrebs gedacht werden. Präsentiert sich ein Kind mit Blut im Urin, werden Fragen gestellt, die auf eine Nierenerkrankung hinweisen: Hat das Kind vor kurzem eine Rachenentzündung durchgemacht? Liegt gleichzeitig ein Hautausschlag vor? Sind Gelenkbeschwerden vorhanden? Hat das Kind Bauchschmerzen? 

Das weitere Vorgehen hängt von dem Bild ab, das sich der Arzt im Anamnesegespräch macht. Bei einer eindeutigen Blasenentzündung ohne erschwerende Umstände (unter anderem Fieber, Schmerzen über den Nieren, Schwangerschaft, höheres Alter, Diabetiker) sind keine weiteren Untersuchungen notwendig. Bei Verdacht auf eine Prostataerkrankung tastet der Arzt mit seinem Finger die Prostata ab und kann dabei Form, Größe, Konsistenz und Schmerzhaftigkeit prüfen. Diese Untersuchung erfolgt über den Anus.

Laboruntersuchungen von Blut und Urin liefern weitere Hinweise über die Funktion der Niere und ein Entzündungsgeschehen im Körper. 

Bei Bedarf kommen unterschiedliche Apparate zur Anwendung. Die Ultraschalldiagnostik zur Beurteilung von Nieren und Harnblase wird in vielen Hausarztpraxen durchgeführt. Je nach Verdacht können eine Computertomographie, Magnetresonanztomographie, Blasenspiegelung und weitere Methoden sinnvoll sein.  

Ein besonderer Fall für die Diagnostik sind Fälle von positiven Urinstreifentests, die bei dem Patienten oder der Patientin nicht mit Beschwerden verbunden sind. Fast die Hälfte solcher Befunde sind nicht behandlungsbedürftig, in einigen Fällen beruht das Ergebnis lediglich auf einem Messfehler. Um die Fälle von falschem Alarm zu identifizieren, wird der Urinstreifentest 1–2 weitere Male im Abstand von jeweils ca. 2 Wochen wiederholt. Nur wenn sich das positive Testergebnis erneut zeigt, ist eine weitere Diagnostik durchzuführen. Betroffene, die 40 Jahre oder älter sind und einen weiteren Risikofaktor für Harnblasenkrebs aufweisen (zum Beispiel Rauchen, weitere Auffälligkeiten beim Wasserlassen, frühere Bestrahlung des Beckenbereichs), sollten in die Urologie überwiesen werden. Dort schließen sich weitere apparative Untersuchungen an, die unter anderem eine Krebserkrankung ausschließen. Patienten und Patientinnen, die zusätzlich zum nicht-sichtbaren und schmerzlosen Blut im Urin einen Bluthochdruck sowie ein bekanntes Nierenleiden haben, werden am besten von einer Nephrologin weiteruntersucht. 

Therapie

Blut im Urin alleine ist nicht behandlungsbedürftig. Die Behandlung möglicher zurgrundeliegender Erkrankungen lässt sich nicht einheitlich darstellen. Infektionen werden in vielen Fällen antibiotisch behandelt, Steine werden teilweise operativ entfernt, eine Krebserkrankung erfordert eine chemotherapeutische, chirurgische oder Bestrahlungsbehandlung.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Dorit Abiry, Doktorandin am Institut für Allgemeimedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Hämaturie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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