Krebstherapien, Medikamente

Mit einer Chemotherapie können Krebserkrankungen eingedämmt oder geheilt werden. Dies kann mit Nebenwirkungen einhergehen.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Chemotherapie (Zytostatika)

Bei einer Chemotherapie werden Medikamente eingesetzt, die den Krebs eindämmen oder abtöten sollen. Diese werden Zytostatika (Singular Zytostatikum) genannt, vom Griechischen Zyto = Zelle und statik = anhalten. Es gibt viele Zytostatika, die sich in ihrer Wirkung und Nebenwirkung unterscheiden. Ihnen ist gemeinsam, dass sie in den Teilungszyklus der Krebszellen eingreifen, meist indem das Erbgut (Desoxyribonukleinsäure = DNS) geschädigt wird. Damit soll eine Vermehrung der Krebszellen verhindern werden. Zytostatika wirken umso besser, je schneller sich Zellen teilen. Deshalb wirkt die Chemotherapie besonders gut bei Tumorzellen, da sie sich sehr schnell teilen. Auch andere Gewebe mit schnell teilenden Zellen werden von der Chemotherapie angegriffen und sind von Nebenwirkungen betroffen. Hierzu gehören die Schleimhaut, die Haut, die Haare und das Knochenmark.

Die Chemotherapie kann die alleinige Therapiemethode sein oder in Kombination mit anderen Therapien durchgeführt werden. Klassischerweise werden heilbare Krebsarten möglichst operiert und bei Bedarf anschließend chemotherapiert. Dies hat den Sinn, dass mikroskopische Zellbestandteile, die bei der Operation nicht entfernt werden konnten, trotzdem abgetötet werden, sodass das Risiko für Metastasen oder für das Wiederauftreten der Krebserkrankung reduziert wird.

Andere Medikamente

Krebszellen können auch auf andere Arten abgetötet werden. Eine Möglichkeit besteht in der zielgerichteten Behandlung mit Antikörpern oder anderen Molekülen, die die Tumorzellen direkt angreifen und abtöten. Manche Tumorarten, z. B. Brustkrebs oder Prostatakrebs, sind hormonsensibel, d. h. sie benötigen für ihr Wachstum das Vorhandensein von Hormonen. Hier ist es möglich, dem Körper die Hormone durch Medikamente zu entziehen. In einigen Fällen werden diese Stoffe auch in Kombination mit Chemotherapeutika eingesetzt.

In Zukunft ist zu erwarten, dass die Krebstherapie wesentlich zielgerichteter und individueller gestaltet werden wird. Dabei ist der Ansatz, das körpereigene Immunsystem zu stärken, auf die Erkennung von Krebszellen zu trainieren und dadurch den Krebs selbst bekämpfen zu lassen (Immunonkologie). Bei bestimmten Krebsarten hat sich diese Therapie bereits erfolgreich gezeigt.

Wie werden Zytostatika eingesetzt?

Die Auswahl des Chemotherapeutikums oder Zytostatikums entscheidet sich nach der Krebsart, dem Stadium der Erkrankung und den Nebenerkrankungen des Patienten. Zudem muss der Gesamtzustand des Patienten in die Medikamentenauswahl miteinbezogen werden. Bei älteren Patienten in schlechter körperlicher Verfassung, die meist noch an anderen Erkrankungen leiden, wird meist eine geringere Dosis oder ein weniger aggressives Zytostatikum als bei jungen, leistungsfähigen Patienten eingesetzt.

Das Medikament kann in folgenden Formen verabreicht werden:

  • Injektion der Substanz in eine Vene (intravenös) über eine Infusion, in der Regel aufgelöst in einer größeren Menge Flüssigkeit in einem Beutel oder einer Flasche. Dies ist die üblichste Form der Verabreichung.
  • Tabletten oder Kapseln zum Schlucken
  • Injektion in einen Muskel oder unter die Haut
  • Injektion in eine Körperhöhle (Blase, Brusthöhle).

Häufig werden verschiedene Zytostatika in einer Behandlungsphase kombiniert.

Therapieziel

Je nach Therapieziel unterscheiden sich die Darreichungsform und Dosis sowie Art des Zytostatikums. Folgende Therapieformen gilt es zu unterscheiden:

Heilende (kurative) Therapie: Diese Therapie zielt auf die Heilung der Krankheit ab. Dabei werden eine möglichst hohe Dosis des Chemotherapeutikums eingesetzt und Nebenwirkungen in Kauf genommen, um den Krebs möglichst vollständig abzutöten.

Lindernde (palliative) Therapie: Diese Therapie soll schmerzhafte Symptome lindern oder verhindern sowie die Lebenserwartung möglichst verlängern. Der Grundsatz der Palliativtherapie besteht in dem Erhalt einer möglichst hohen Lebensqualität bei möglichst geringen Nebenwirkungen.

Zusätzliche (adjuvante) Therapie: Die Zytostatika werden nach einer Operation oder Strahlentherapie verabreicht, um eventuell verbliebene Krebszellen im Körper abzutöten. Diese Art der Therapie kann das Wachstum von Metastasen verzögern und damit die Lebenserwartung verlängern. Die Therapie kann auch zu einer Heilung führen.

Wirkprinzip

Die Zytostatika werden über das Blut in alle Regionen des Körpers und damit in jede einzelne Zelle transportiert. Bei Injektion in die Vene erreicht das Medikament das Herz und wird anschließend durch die Pumpfunktion des Herzens verteilt. In Tablettenform wird das Medikament über den Darm aufgenommen und ins Blut abgegeben. Erreicht das Medikament den Tumor, wird es von den Krebszellen aufgenommen und hemmt oder stoppt die Zellteilung, meist durch Schädigung des Erbguts (Desoxyribonukleinsäure = DNS). Dadurch werden die Krebszellen an der Vermehrung gehindert. Die Zytostatika wirken sich auch auf gesunde Körperzellen aus. Diese sind jedoch im Gegensatz zu den Krebszellen besser in der Lage, sich zu reparieren. Die Nebenwirkungen sind daher in der Regel vorübergehend. Werden mehrere Zytostatika kombiniert, ist die Therapie noch wirkungsvoller, da die unterschiedlichen Substanzen die Tumorzellen auf verschiedene Weise angreifen. Für das Erzielen einer Wirkung sind die Dosen der Substanzen bei einer Kombination in der Regel geringer als die einer einzelnen Substanz. Dadurch können die Nebenwirkungen auf gesundes Gewebe reduziert werden.

Krebszellen haben durch die hohe Teilungsrate die Möglichkeit, Methoden zu entwickeln, um der Wirkung der Medikamente zu entgehen, Resistenz genannt. Eine Kombination der Chemotherapeutika reduziert das Risiko, dass der Tumor eine Resistenz gehen die Medikamente entwickelt.

Vorgehensweise

Nachdem eine Tumorerkrankung festgestellt wurde, wird von den behandelnden Ärzten (in der Regel Hämato-Onkologen) der Bedarf einer Chemotherapie überprüft und ggf. verordnet. Manchmal wird auch erst im Verlauf einer Tumorerkrankung eine Chemotherapie eingeleitet. Sie wird meist ambulant durchgeführt und verläuft in der Regel in Zyklen, d. h. die Zytostatika werden über einen gewissen Zeitraum in bestimmten Abständen verabreicht. Der Ablauf unterscheidet sich je nach Krebsart und ist anhand von Studien für die jeweilige Krebsart festgelegt worden. Die Pausen zwischen den Medikamentengaben dienen der Regeneration der gesunden Körperzellen, die durch die Chemotherapie geschädigt wurden. Manchmal kann es der Fall sein, dass wegen starker Nebenwirkungen zusätzliche Pausen eingelegt werden.

In der Regel werden die Zytostatika als Infusion über einen Kunststoffschlauch (peripherer Venenkatheter), der in die Vene geschoben wird, verabreicht. Eine andere Möglichkeit besteht in der Anlage eines Portsystems, welches in eine zentralere Vene nahe dem Körperstamm, meist unterhalb des Schlüsselbeins, implantiert wird und dauerhaft verfügbar bleibt. Da manche Zytostatika extrem venenreizend sind und bei Fehlinjektion das umliegende Gewebe schädigen können, hat dies den Vorteil, dass die peripheren Venen geschont bleiben und Fehlinjektionen vermieden werden.

Zytostatika werden nur selten mit einer Spritze in einen Muskel (intramuskulär) oder unter die Haut (subkutan) injiziert. Bei Harnblasenkrebs können Zytostatika auch direkt über einen Katheter in die Blase verabreicht werden. Tabletten oder Kapseln werden unzerkaut mit reichlich Flüssigkeit geschluckt. Bei einigen Zytostatika werden Patienten während der gesamten Therapiedauer sorgfältig überwacht werden, da es zu akuten Nebenwirkungen kommen kann.

Nebenwirkungen

Die Zytostatika greifen auch die gesunden Körperzellen an, was zu Nebenwirkungen führt. Wie stark die Nebenwirkungen sind, ist abhängig von der Wahl des Zytostatikums, der Dosis sowie dem allgemeinen Zustand und den Vorerkrankungen des Patienten. Allgemeine akute Nebenwirkungen sind die allergische Reaktion auf das Medikament sowie die Venenreizung bei Injektion. Die oben genannte Fehlinjektion kann schwere Hautschäden hervorrufen, ist allerdings selten. Als seltene Allgemeinreaktion kann außerdem Fieber auftreten. Tritt das Fieber unabhängig von der Injektion bzw. Medikamenteneinnahme auf, ist eine möglichst rasche Vorstellung im behandelnden Krankenhaus oder beim behandelnden Arzt anzuraten.

Übelkeit und Erbrechen

Viele Zytostatika lösen Übelkeit und Erbrechen aus. Um diese Beschwerden zu mildern oder zu verhindern, werden sogenannte Antiemetika (Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen) verabreicht. Durch breite und frühzeitige Anwendung, sowie die Entwicklung neuartiger Antiemetika konnte die Nebenwirkungsrate deutlich gesenkt werden. Neben körperlicher Ursachen können im Rahmen einer Krebserkrankung auch psychische Faktoren die Übelkeit verschlimmern: allein der Gedanke an die nächste Behandlung kann bei einigen Patienten schon Erbrechen auslösen. Dies stellt für die Patienten eine große Belastung dar. Eine psychotherapeutische Betreuung kann in diesem Fall hilfreich sein.

Haarausfall

Durch einige Zytostatika wird Haarausfall ausgelöst. Diese Nebenwirkung tritt meist nach ein oder zwei Behandlungen auf. Nach Abschluss der Therapie wachsen die Haare wieder nach. Dies kann jedoch einige Monate dauern. Krankenkassen bieten Zuzahlungen für eine ärztlich verordnete Perücke an. Diese kann bereits vor dem eingetretenem Haarausfall angefordert und individuell zugeschnitten werden. Neben dem Haarausfall können auch die Nägel nach einer Chemotherapie Rillen zeigen oder brüchig werden.

Verletzung der Schleimhäute

Die Schleimhäute in Mund und Rachen reagieren oft empfindlich auf Zytostatika. Es kommt zu einer entzündlichen Reaktion, die  ausgeprägte Schmerzen hervorrufen und mit Appetitlosigkeit einhergehen kann. Der Ernährungs- und Allgemeinzustand des Patienten wird dadurch stark beeinträchtigt. Es kann auch zu Schleimhautschäden des Magens, des Darms, des Genitaltrakts oder der Blase kommen. Geschädigte Schleimhäute bieten einen Nährboden für bakterielle Infektionen. Deshalb gehört ein standardisiertes Programm zur Mundpflege zur Grundversorgung von Patienten mit einem erhöhten Risiko für eine Schädigung der Mundschleimhaut:

  • Zähneputzen mit einer weichen Zahnbürste
  • Reinigung der Zahnzwischenräume mit Zahnseide und/oder Interdentalbürsten
  • Mundspülungen ohne aggressive Inhaltsstoffe
  • Regelmäßige Mundbefeuchtung
  • Vermeidung alkohol- oder zuckerhaltige Lösungen, Tabak, scharfen und heißen Speisen, säurehaltigen Lebensmitteln
  • Fortlaufende ärztliche Kontrolle auf Schleimhautschäden und Schmerzen.

Veränderte Blutbildung

Die meisten Zytostatika senken die Produktion der Blutkörperchen im Knochenmark. In einigen Fällen ist die Produktion so stark vermindert, dass eine Behandlungspause eingelegt wird, damit sich das Knochenmark erholen kann. Bei Verminderung der weißen Blutkörperchen (Leukopenie) ist das Infektionsrisiko erhöht, da die weißen Blutkörperchen für die körpereigene Immunabwehr von Bakterien und Viren verantwortlich sind. Vermeiden Sie daher den Kontakt mit Menschen, die an einer Atemwegs- oder anderen übertragbaren Infektionen erkrankt sind. Auch die Anzahl der Blutplättchen kann verringert sein (Thrombozytopenie). Dies kann zu einem erhöhten Blutungsrisiko führen. Bei einer herabgesetzten Produktion von roten Blutkörperchen kann es zu einer Blutarmut (Anämie) kommen. In diesem Fall wird eventuell eine Bluttransfusion durchgeführt.

Das Blutbild wird im Therapieverlauf regelmäßig kontrolliert, um eine Beeinträchtigung des Knochenmarks auszuschließen. In manchen Fällen kann es erforderlich sein, ein Medikament zur Anregung der Produktion von weißen oder roten Blutkörperchen zu verabreichen.

Auswirkungen auf den Hormonhaushalt

Bei Frauen kann es nach einer Chemotherapie zu unregelmäßigen Menstruationen oder zum Ausbleiben selbiger kommen. Die Chemotherapie kann außerdem die Fruchtbarkeit bei Frauen und bei Männern beeinträchtigen. Es gibt in manchen Fällen die Möglichkeit, die Fortpflanzungsfähigkeit trotz einer Chemotherapie zu erhalten (z. B. durch Einfrieren von Sperma oder Eizellen).

Nervenschädigungen

Nervenschädigungen an kleinen Nervenästen können vorübergehend oder dauerhaft auftreten und zu Muskelschwäche, Empfindungsstörungen, z. B. einem Kälte- oder Kribbelgefühl, in Zehen und Fingern führen.

Spätfolgen

Als allgemeine Spätfolge können noch nach Jahren Zweittumoren auftreten, also Krebs an einer anderen Stelle im Körper als die vorherige Krebserkrankung. Außerdem können bestimmte Zytostatika das Herz sowie andere Organe langfristig schädigen. Je jünger Patienten zum Zeitpunkt der Chemotherapie sind, desto höher ist das Risiko für Spätfolgen. Deshalb wird von Ärzten im Vorhinein überprüft, ob der Nutzen der Chemotherapie für die aktuelle Krebserkrankung gegenüber dem potenziellen Risiko für Spätfolgen überwiegt.

Alltag während der Therapie

Versuchen Sie, ihren bisherigen Alltagsaktivitäten nachzugehen, soweit es möglich ist. Frische Luft und leichte sportliche Aktivitäten können die Stimmung heben, die Erschöpfbarkeit reduzieren und sich positiv auf den Appetit auswirken. Achten Sie auf eine ausreichende Trinkmenge von mindestens zwei Litern täglich, damit die toten Zellbestandteile leichter ausgeschieden werden können. Der Geschmackssinn kann sich während der Therapie ändern. Essen Sie, worauf Sie Lust haben, beispielweise über mehrere kleine Mahlzeiten verteilt. Bei Übelkeit empfiehlt es sich, leicht verdauliche Lebensmittel zu sich zu nehmen. Alkohol sollte in der Regel nicht konsumiert werden, da einige Zytostatika nicht zusammen mit Alkohol eingenommen werden dürfen. Um Infektionen zu vermeiden, sollten Sie auf eine ausreichende Körperhygiene achten. Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, welche Nebenwirkungen die bei Ihnen verwendeten Chemotherapeutika hervorrufen können und was Sie bei Ihrer Ernährung beachten sollten.

Sexuelle Aktivitäten

Während einer Chemotherapie sollten Sie auf sichere Verhütungsmethoden wie Kondome zurückgreifen. Eine Schwangerschaft sollte möglichst vermieden werden, da Zytostatika dem Embryo erheblich schaden.

Verwendung anderer Medikamente zusammen mit Zytostatika

Informieren Sie die behandelnden Ärzte über alle Arzneimittel, die Sie einnehmen. Bei einigen Medikamenten kann es zu Wechselwirkungen mit den Zytostatika kommen.

Weitere Informationen

Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim