Krebs und Sexualität, körperliche Probleme bei Frauen

Eine Krebsbehandlung kann mit verschiedenen körperlichen Auswirkungen auf die Sexualität einhergehen. Frauen leiden während oder nach der Therapie häufig unter vaginaler Trockenheit und Irritation.

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"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

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Einleitung

Im Falle einer Krebserkrankung kann die Erkrankung selbst oder die Therapie mit Veränderungen des körperlichen oder geistigen Wohlbefindens einhergehen. Dies kann dazu führen, dass sich die Einstellung gegenüber der eigenen sowie partnerschaftlichen Sexualität ändert oder dass körperliche Probleme auftreten, die sexuelle Handlungen erschweren. Mögliche Fragen, die sich Patienten in diesem Rahmen stellen können, sind folgende:

  • Welche Auswirkungen haben Chemo- oder Strahlentherapie auf körperliches Verlangen und sexuelle Funktionen?
  • Kann ich aufgrund einer Operation meine Sexualität nicht mehr ausleben?
  • Wie wird mein Partner reagieren? Bin ich noch attraktiv für meinen Partner?

Natürlich sind diese Fragen individuell unterschiedlich zu beantworten. Jede Krebserkrankung ist anders und wird auf unterschiedliche Arten behandelt. Daraus ergeben sich eine Vielzahl möglicher Nebenwirkungen, sowohl auf körperlicher, als auch auf psychischer Ebene, die die Sexualität einschränken können. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die meisten Patienten mit Krebs ein erfülltes Sexualleben genießen können, sofern es ihnen gelingt, die psychischen Hindernisse zu überwinden oder eine Lösung für etwaige körperliche Probleme zu finden.

Chemo- und Strahlentherapie

Weder eine Strahlen- noch eine Chemotherapie mit Zytostatika oder Hormonen stellen grundlegend ein Hindernis für ein aktives Sexualleben dar. Allerdings können die Nebenwirkungen der Therapie zu sexuellen Problemen führen. Häufig leiden Patienten infolge der Krebsbehandlung an Übelkeit und Müdigkeit, sodass keine Gedanken an sexuelle Aktivitäten aufkommen. Auch nach einer abgeschlossenen Behandlung dauert es oft einige Zeit, bis das sexuelle Verlangen zurückkehrt. Es gibt dennoch keinerlei Gründe für  Enthaltsamkeit, sofern beide Partner Lust aufeinander verspüren und sich gesundheitlich dazu in der Lage fühlen.

Wird im Bereich der Vagina bestrahlt (z. B. bei bestimmten Stadien des Gebärmutterhalskrebs), kann sich die Vagina narbenartig verengen. Diese Verengung kann durch eine Dehnungsbehandlung mit einem sogenannten Dilatator oder einer Östrogensalbe reduziert werden. Eine häufige Nebenwirkung der Strahlentherapie im Beckenbereich sowie bei Hormonentzugstherapien ist außerdem die Scheidentrockenheit, die zu Beschwerden beim Geschlechtsverkehr führen kann. Die Beschwerden können in der Regel durch die Verwendung spezieller Salben, die Sie von Ihrem Arzt verschrieben bekommen, teilweise oder ganz behoben werden. Während des Geschlechtsverkehrs kann Gleitmittel verwendet werden. Verwenden Sie bitte ein Gleitgel auf Wasserbasis, da sich sonst die Reißfestigkeit von Kondomen reduzieren kann. Weitere Informationen zum Thema finden Sie in der Patienteninformation Krebs und Sexualität: Hilfsmittel.

Bei einer Bestrahlung der Eierstöcke hört die Hormonproduktion auf. Jüngere Frauen kommen dann vorzeitig in die Wechseljahre. Mithilfe einer Hormontherapie lassen sich einige der körperlichen Beschwerden lindern. Die Hormontherapie kann allerdings in der Regel nicht bei Krebsarten durchgeführt werden, die hormonabhängig wachsen.

Sowohl bei der Chemo- als auch bei Strahlentherapie können die Eizellen geschädigt werden, weshalb eine effektive, sichere Verhütungsmethode angewandt werden sollte. Während der Behandlung besteht ein höheres Risiko für Missbildungen, sollte eine Schwangerschaft entstehen. Beraten Sie sich mit ihrem Arzt, ab wann Sie eine Schwangerschaft planen können. Ist es im Vorhinein einer Krebsbehandlung wahrscheinlich, dass die Zeugungsfähigkeit gefährdet wird, besteht evtl. die Möglichkeit des Einfrierens von Eizellen. Bei einer Beckenbestrahlung können die Eierstöcke vorübergehend operativ aus dem Strahlenfeld verlegt werden.

Krebserkrankungen der weiblichen Genitalien

Die drei häufigsten Krebserkrankungen der weiblichen Genitalien betreffen den Gebärmutterhals (Zervixkarzinom), die Gebärmutterschleimhaut (Endometriumkarzinom) und die Eierstöcke (Ovarialkarzinom). Bösartige Tumoren im Bereich der Klitoris, der Vagina und der Schamlippen sind sehr selten.

Zervixkarzinome werden durch die regelmäßige Krebsvorsorge meist in einem frühen Stadium diagnostiziert. Sie lassen sich in diesem Fall mit einem kleinen operativen Eingriff entfernen. Die Gebärfähigkeit der Frau ist dadurch meist nicht beeinträchtigt. Bei einer Diagnose im fortgeschrittenen Krankheitsstadium wird oftmals die gesamte Gebärmutter und der obere Teil der Vagina operativ entfernt. Das obere Ende der Vagina wird anschließend vernäht und endet blind. Meist hat dies keine Auswirkungen auf den Geschlechtsverkehr, da die Länge der Vagina ausreichend bleibt. Als Folge kann sich die Vagina allerdings narbenartig verengen. Hier können Salben und eine Dehnungsbehandlung helfen, die Vagina wieder zu weiten. Östrogenhaltige Salben werden allerdings nicht bei hormonsensiblen Krebsarten verschrieben. Besprechen Sie mit Ihrem Frauenarzt, ob die Verschreibung einer Salbe sinnvoll sein könnte. Nach einer Entfernung der Gebärmutter können die betroffenen Frauen keine Kinder mehr austragen.

Je nach Stadium wird sowohl bei einem Ovarialkarzinom als auch bei einem Endometriumkarzinom die Gebärmutter entfernt. Bei einer Entfernung der Eierstöcke erliegt die Hormonproduktion, wodurch bei jungen Frauen die Wechseljahre einsetzen. Dies kann zu Scheidentrockenheit führen. Evtl. kann eine Hormontherapie erwogen werden (siehe vorheriger Abschnitt). Wenn beide Eierstöcke entfernt werden, besteht keine Möglichkeit mehr für eine Schwangerschaft.

Bei einer Krebserkrankung im Bereich der Schamlippen und der Vagina werden die betroffenen Bereiche teilweise oder komplett entfernt. Es besteht die Möglichkeit, die Vagina in einem operativen Schritt nachzubilden (Neovagina), sollte sie komplett entfernt werden. Die sensible Empfindung kann im operierten Bereich reduziert sein.

Sexuelles Empfindungsvermögen

Die Orgasmusfähigkeit ist trotz der Entfernung von Sexualorganen in der Regel noch gegeben. Meist wird der Orgasmus über die Stimulation der Region rund um die Vaginalöffnung, u. a. der Klitoris, oder der Vagina selbst ausgelöst. Für viele Frauen ist es zudem wichtig, dass auch andere Körperbereiche berührt und liebkost werden. Der Orgasmus äußert sich in der rhythmischen Kontraktion von Beckenboden- und Gebärmuttermuskulatur. Ist die Gebärmutter nicht mehr vorhanden, kann sich der Orgasmus anders anfühlen. Manche Frauen wiederum stellen keinen Unterschied zu vorher fest. Einige Frauen empfinden ihr Sexualleben auch ohne einen Orgasmus als äußerst befriedigend.

Die reduzierte sensible Empfindung im operierten Bereich kann manchmal durch eine erhöhte Empfindlichkeit in anderen Körperregionen ausgeglichen werden.

Haben Sie Geduld mit sich selbst und setzen Sie sich nicht unter Druck. Auch, wenn es beim ersten Mal nicht gleich funktioniert, wie Sie es sich vorgestellt haben, sollten Sie nicht sofort aufgeben. Es kann helfen, über die eigenen Unsicherheiten mit dem Partner zu reden, eine entspannte Stimmung zu schaffen, z. B. durch Massagen oder gedämpftes Licht, oder sich zunächst selbst zu entdecken. Sich im eigenen Körper wieder wohlzufühlen kann einen großen Zugewinn sowohl für die eigene als auch die partnerschaftliche Sexualität bedeuten. Für manche Frauen kann zudem die Verwendung eines Vibrators durchaus hilfreich sein.

Geschlechtsverkehr während und nach der Therapie

In der Regel spricht nach der Verheilung eventueller Operationswunden nichts gegen die Wiederaufnahme sexueller Aktivitäten, sofern beide Partner Lust aufeinander verspüren und gesundheitlich nichts dagegen spricht. Der Geschlechtsakt kann zunächst als unangenehm oder schmerzhaft empfunden werden. In diesem Fall sollten die Partner besonders vorsichtig und rücksichtsvoll sein.

Ist die Vagina sehr trocken oder empfindlich, können Gleitmittel in der Regel Abhilfe schaffen. Verwenden Sie keine Vaseline, Öl oder ähnliche fetthaltige Produkte, da diese Mittel die Reißfestigkeit von Kondomen beeinträchtigen und das Risiko für Pilzinfektionen und Entzündungen erhöhen. Empfehlenswert ist ein unparfümiertes Gleitgel auf Wasserbasis, welches z. B. in Drogeriemärkten oder der Apotheke frei verkäuflich ist.

Wenn Sie zu Vaginalinfektionen neigen, empfiehlt sich die Verwendung eines Kondoms. Nach einer Strahlen- oder Chemotherapie oder einer Hormonentzugstherapie können die Patienten anfälliger für Infektionen werden. Meist äußert sich eine Infektion der Scheide in lokalem Juckreiz, Brennen oder übelriechendem Ausfluss. Wenn Sie die Symptome an sich feststellen, ist eine Vorstellung beim Frauenarzt empfehlenswert. Verzichten Sie bei der Körperhygiene auf Seifen im Intimbereich, da sie das Scheidenmilieu beeinträchtigen. Nach dem Geschlechtsverkehr ist es ratsam, zu Urinieren, da durch den Sex eingeschleppte Bakterien aus der Blase ausgespült werden und die Gefahr einer Blasenentzündung verringert wird.

Andere Krebsarten

Auch andere Krebserkrankungen, die nicht unmittelbar die Geschlechtsorgane betreffen, können das Sexualleben beeinträchtigen.

Brustkrebs

Die Brüste spielen im Rahmen der Sexualität sowohl physisch als auch psychisch eine entscheidende Rolle. Die operative Entfernung einer oder beider Brüste stellt daher emotional meist eine enorme Herausforderung dar und wirkt sich häufig auf das Selbstbild der Frau aus. Dies kann Auswirkung auf die sexuelle Partnerbeziehung haben. Eine offene Kommunikation zur Vermeidung von Missverständnissen ist oft der Schlüssel zur Problemlösung.

Einige Frauen bevorzugen es, ihren Oberkörper auch in intimen Situationen zu bedecken sowie BH und Brustprothese anzubehalten. Andere empfinden es als angenehm, dort berührt zu werden, wo einst die Brust war. Wichtig ist in erster Linie, dass sowohl die Frauen als auch ihre Partner einen Weg finden, der sich für beide richtig und gut anfühlt.

Darmkrebs

Im Falle einer Darmkrebserkrankung ist es oftmals erforderlich, den Dick- oder Enddarm zu entfernen und ein sogenanntes Stoma anzulegen. Das Stoma ist ein künstlicher Darmausgang, über den der Stuhl in einen Beutel ausgeleitet wird. Bei der Operation kann es auch zu einer Schädigung der Nerven im Beckenbereich kommen. Dies kann bei Frauen zu einer Verminderung der sensiblen Empfindung führen.

Nach einer Entfernung des Dickdarms kann sich die Gebärmutter in manchen Fällen nach hinten verlagern. Dadurch kann es zu einem Knick im oberen Anteil der Vagina kommen, so dass eine Aussackung entsteht, in der sich Ausfluss ansammeln kann. Dieser entleert sich bei bestimmten Körperhaltungen, zum Beispiel beim Vorbeugen. Häufig lässt sich das Problem mit regelmäßigen Scheidenspülungen lösen. Eine nach hinten geknickte Gebärmutter kann beim Geschlechtsverkehr Schmerzen hervorrufen. In diesem Fall können Stellungen helfen, bei denen die Frau vornübergebeugt ist. Falls Ausfluss oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr erhebliche Probleme bedeuten, kann eine operative Korrektur in Absprache mit den behandelnden Ärzten erwogen werden.

Blasenkrebs

Je nach Stadium kann es bei einem Blasenkarzinom sein, dass die gesamte Harnblase entfernt wird. In diesem Fall wird in der Regel eine Urostomie vorgenommen. Eine Urostomie ist ein künstlicher Blasenausgang in der Bauchwand, über den der Urin in einen auf der Haut befestigten Stomabeutel ausgeleitet wird. Alternativ kann eine künstliche Harnblase, z. B. aus Darmgewebe, geschaffen werden. Der Urin wird dann auf normalem Weg ausgeschieden oder mit Hilfe eines Katheters ausgeleitet.

Stoma und Sexualität

Auch wenn das sexuelle Vermögen durch die Operation nicht beeinträchtigt wird, so fühlen sich Patienten mit Stoma oftmals weniger attraktiv und haben Angst vor der Reaktion der Partner auf den Stomabeutel. Mitunter kann es zu unangenehmen Gerüchen und Geräuschen kommen. Wie auch in anderen Zusammenhängen gilt hier, dass Offenheit und Gesprächsbereitschaft die Grundvoraussetzungen für eine funktionierende (sexuelle) Beziehung sind. Erklären Sie die Situation am Besten im Vorhinein, sodass Partner die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen. Meist besteht auf Seiten der Partner viel Verständnis für die Situation oder sogar Neugierde.

Die meisten Betroffenen entleeren oder wechseln den Stomabeutel, ehe es zu intimen Situationen kommt. Einige Patienten bevorzugen es, den Stomabeutel mit einem weichen Überzug oder einem Kleidungsstück, z. B. einem Tuch, zu bedecken. Spezielle Stellungen sind nicht erforderlich.

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Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim