Beckenfraktur

Im Beckenring liegen wichtige Organe bzw. passieren diesen. Dazu gehören beispielsweise große Blutgefäße, große Nerven, Darm, Harnwege und die weiblichen Genitalien. Bei einer Beckenfraktur besteht immer die Gefahr, dass diese Strukturen oder Organe in Mitleidenschaft gezogen werden.

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Das Becken

Das Becken besteht aus mehreren Knochen. Der dominierende Knochen auf jeder Seite ist der Hüftknochen (Os coxae), der unter anderem aus Hüftkamm und Hüftgelenkpfanne (Acetabulum) besteht. Vorne werden die beiden Hüftknochen durch das Schambein (Symphyse) verbunden. Auf der Rückseite sind die beiden Hüftknochen durch ein Gelenk (Iliosakralgelenk, ISG) mit dem untersten Teil der Wirbelsäule (Sakrum oder Kreuzbein) verbunden. Auf diese Weise wird ein vollständiger Knochenring, den wir Becken, Beckenring oder Pelvis nennen, gebildet.

Im Beckenring liegen wichtige Organe bzw. passieren diesen. Dazu gehören beispielsweise große Blutgefäße, große Nerven, Darm, Harnwege und die weiblichen Geschlechtsorgane. Bei einer Beckenfraktur (Beckenbruch) besteht immer die Gefahr, dass diese Strukturen oder Organe in Mitleidenschaft gezogen werden.

Beckenfraktur

Bei Verletzungen des Beckens unterscheidet man zwischen Frakturen (Knochenbrüchen) des vorderen Beckenrings und Frakturen des hinteren Beckenrings. Darüber hinaus kommen Frakturen des Kreuzbeins, der Hüftgelenkpfanne und der Schambeinäste vor.

Beckenfrakturen machen 3 % aller Knochenbrüche aus und können in allen Altersgruppen auftreten. Jedoch unterscheiden sich die Ursachen im Allgemeinen bei jüngeren und älteren Personen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. 

Bei älteren Menschen sind Beckenfrakturen häufig auf einen Sturz aus dem Stand zurückzuführen. Meist entsteht dabei ein Knochenbruch im vorderen Teil des Beckens, der mäßige Beschwerden ohne Blutungen oder äußere Verletzungen verursacht. Osteoporose (Knochenschwund) und ein hohes Alter stellen wichtige Risikofaktoren dar. Krebserkrankungen können sich auf das Becken ausbreiten und Frakturen verursachen.

Bei jungen Menschen sind Beckenfrakturen häufig die Folge von Verkehrsunfällen oder anderen Ereignissen mit hoher Gewalteinwirkung. Meist bestehen Verletzungen im vorderen und hinteren Bereich des Beckens. Häufig liegen noch weitere, teils schwerwiegende Verletzungen vor.

Diagnostik

Beckenfrakturen sind die Folge von Verletzungen oder Stürzen mit direktem Schlag/Druck gegen das Becken. Bei schweren Unfällen sind Beckenfrakturen häufig nur eine von vielen Verletzungen (Polytrauma) und werden von inneren Blutungen begleitet. 

Bei einer Beckenfraktur treten in der Regel lokale Schmerzen und Druckempfindlichkeit auf, insbesondere beim Gehen. In Becken und Leiste können Schwellungen, Blutergüsse und Fehlstellungen auftreten. Bei der ärztlichen Untersuchung können Unebenheiten ertastet, Knistergeräusche oder abnorm bewegliche Teile im Becken festgestellt werden.

Frakturen des vorderen Beckenrings verursachen Druckempfindlichkeit, wenn Druck auf den vorderen Bereich des Beckens ausgeübt wird. Werden andere Teile des Beckenrings zusammengedrückt, können im Frakturbereich Schmerzen auftreten. Diese Art von Knochenbrüchen ist oft stabil. Schmerzen bei einer stabilen Beckenfraktur dauern häufig seit mehreren Tagen oder Wochen an.

Frakturen des hinteren Beckenrings sind häufig schon durch äußerliche Merkmale im Zusammenhang mit der Verletzung erkennbar (Blutergüsse, Wunden etc.). Die Verletzten leiden meist unter starken Schmerzen, unter Umständen bestehen auch innere Blutungen und Schock. Druck auf den Beckenring verursacht Schmerzen. Diese Frakturen sind meistens instabil.

Da immer mit einer Verletzung der inneren Organe zu rechnen ist, muss eine entsprechende Untersuchung stattfinden. Größere Blutansammlungen und ungewöhnliche Knochenvorsprünge können im Rahmen einer Tastuntersuchung durch Enddarm oder Scheide nachgewiesen werden. Verminderte Kraft im Schließmuskel des Enddarms kann auf Nervenschäden hindeuten. Blut in der Harnröhre lenkt den Verdacht auf eine Verletzung der Harnwege. 

Um eine korrekte Diagnose zu stellen, sind bildgebende Verfahren von entscheidender Bedeutung. An erster Stelle werden Röntgenaufnahmen von Becken, Hüfte und gegebenenfalls dem Kreuzbein gemacht. Eine Ultraschalluntersuchung kann innere Verletzungen darstellen. Unter Umständen ist auch eine CT- oder MRT-Untersuchung oder Angiografie (Kontrastdarstellung von Blutgefäßen) erforderlich sowie gelegentlich gegebenenfalls eine Kontrastuntersuchung der Harnwege.

Therapie

Therapieziele sind Schmerzlinderung, Stillen von Blutungen und Reposition der Beckenknochen, um gute Voraussetzungen für die Heilung zu schaffen. Stabile Frakturen werden nicht operiert, bei instabilen Frakturen ist eine Operation erforderlich.

In der akuten Phase sind Schmerzlinderung, Kontrolle einer möglichen Blutung, Flüssigkeitszufuhr direkt in die Blutbahn, um einem Schock entgegenzuwirken, Ruhigstellung und ein rascher Transport ins Krankenhaus zu gewährleisten.

Nicht-operative Behandlung

Bei stabilen Beckenfrakturen ist ein Krankenhausaufenthalt normalerweise nicht erforderlich. Anfangs wird Bettruhe empfohlen. Schmerzmittel können die Beschwerden lindern. Die verletzte Person sollte angehalten werden, aufzustehen und umherzugehen, sobald die Schmerzen nachlassen. Gelegentlich ist eine Einweisung ins Krankenhaus dennoch sinnvoll, wenn die normale Beweglichkeit aufgrund der Schmerzen derart eingeschränkt ist, dass die betroffene Person ihren Alltag alleine nicht bewältigen kann.

Anschließend werden die Patienten physiotherapeutisch weiterbehandelt. Bis zur vollständigen Mobilisation sollte eine Thromboseprophylaxe durchgeführt werden.

Operation

Bei Verdacht auf Blutungen wird sofort operiert, da die Patienten unter Umständen bereits einen erheblichen Blutverlust in die Bauchhöhle erlitten haben. Blutungen können auch bei einer Angiografie behandelt werden. Wird Blut im Urin gefunden, muss ein Katheter durch die Haut in die Harnblase gelegt werden. Eine weitere Operation, im Rahmen derer die Fraktur mit Schrauben und Platten fixiert wird, wird gegebenenfalls ein paar Tage später durchgeführt. Ein sogenannter Fixateur externe kann über einen kürzeren oder längeren Zeitraum äußerlich zum Einsatz kommen, um den Beckenring zu stabilisieren.

Später erfolgt eine schrittweise Mobilisation und Rehabilitation.

Prävention

Um einem Beckenbruch vorzubeugen, sollte einer Osteoporose vorgebeugt oder eine bestehende Osteoporose behandelt werden. Auch der Vorbeugung von Stürzen kommt eine große Bedeutung zu.

Komplikationen

Bei Beckenfrakturen können große Blutgefäße im Beckenboden in Mitleidenschaft gezogen werden, dies kann zu schwerwiegenden Blutungen und Schock führen. Es handelt sich dabei um die Haupttodesursache bei Beckenverletzungen. Zudem ist das Thromboserisiko deutlich erhöht. Verletzungen an Harnröhre und Blase können vorkommen, gynäkologische Verletzungen und Verletzungen des Enddarms sind seltener. Auch Verletzungen von Nerven oder Nervenwurzeln können auftreten. Langfristige Komplikationen sind darüber hinaus chronische Schmerzen, Impotenz oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.

Prognose

Die Prognose hängt davon ab, ob eine Fraktur im vorderen oder hinteren Beckenring vorliegt. Frakturen des hinteren Beckenrings haben einen schwereren Verlauf. Ansonsten wird die Prognose vom Schweregrad der weiteren Verletzungen beeinflusst.

Weitere Informationen

Illustrationen

Beckengürtel
Beckengürtel

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Beckenfraktur. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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