Fraktur des Oberschenkelknochen-Schaftes

Frakturen des Oberschenkelknochenschaftes werden oft durch Unfälle verursacht.

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Oberschenkel

Der Oberschenkelknochen (Femur) ist der längste Knochen des Körpers und ist ein typischer Röhrenknochen. Der oberste Teil, der Oberschenkelhals, ist gewinkelt und der Gelenkkopf bildet mit der Hüftpfanne (Acetabulum) des Hüftknochens (Ileum) ein Gelenk. Der mittlere Teil des Oberschenkelknochens, der Schaft, geht im unteren Bereich in eine breitere Partie über, die zusammen mit den Unterschenkelknochen das Kniegelenk bildet.

Verschiedene Frakturen des Oberschenkelschafts

Eine Fraktur des Oberschenkelknochenschaftes umfasst ein breites Spektrum von Frakturen, von Ermüdungsfrakturen ohne Verschiebungen bis hin zu schweren Trümmerfrakturen und Weichteilverletzungen. Man unterscheidet zwischen Querfrakturen, Schrägfrakturen, Spiralfrakturen und Trümmerfrakturen (Komminutivfrakturen).

Schädigungsmechanismen

Eine Fraktur des Oberschenkelknochenschaftes wird in der Regel durch Hochenergieschäden (zum Beispiel Verkehrsunfälle) verursacht und ist oft Teil eines Polytraumas, d. h. es liegen mehrere Verletzungen gleichzeitig vor, von denen eine Verletzung oder die Kombination mehrerer Verletzungen lebensbedrohlich ist.

Da der Oberschenkelknochen stark durchblutet ist, kann es schnell zu einem hohen Blutverlust kommen. Außerdem können die Frakturenden Schnittverletzungen der Arterie (Arteria femoralis/poplitea) verursachen. Das Frakturmuster hängt von der Richtung und Stärke der Schädigungskräfte ab. Kräfte direkt von der Seite können Querfrakturen verursachen. Kräfte in Längsrichtung können Knie oder Hüfte schädigen. Drehkräfte können Spiralfrakturen und Schrägfrakturen verursachen. Das Ausmaß einer Zertrümmerung (Komminutivfraktur) hängt von der Energiemenge ab, der der Oberschenkelknochen im Moment der Schädigung ausgesetzt ist.

Diagnose

In der Regel handelt es sich um einen gewaltsamen Unfall, und es liegt oft gleichzeitig eine Reihe weiterer Verletzungen vor. Die Fraktur ist sehr schmerzhaft, und der Verletzte kann sich nicht auf den Knochen stützen.

Bei der Untersuchung liegen erhebliche Schwellungen vor, und diese Frakturen sind meist sehr instabil. Der Arzt sucht gleichzeitig nach weiteren Verletzungen, tastet Becken, Hüften und Knie ab. Die Durchblutung und die Kraft sowie das Gefühl im Bein unterhalb der geschädigten Stelle müssen beurteilt werden.

Im Krankenhaus werden Röntgenaufnahmen des Oberschenkels, Hüft- und Kniegelenks durchgeführt. Wenn ein Verdacht auf weitere Verletzungen besteht, werden außerdem Aufnahmen (gegebenenfalls Computertomografie) von Brustkorb, Rückgrat und Becken durchgeführt.

Therapie

Ziel der Therapie einer Fraktur des Oberschenkelknochenschafts ist es, eine mögliche größere Blutung zu verhindern, gegebenenfalls zu stoppen und dafür zu sorgen, dass die Fraktur in einer guten Lage eingerichtet wird, damit langfristig die normale Funktion des Knochens wiederhergestellt wird.

Vor dem Transport ins Krankenhaus muss das verletzte Bein stabilisiert werden, um ein Abreißen großer Blutgefäße und Einklemmen von Nerven zu verhindern sowie Schmerzen während des Transports zu vermeiden. Man legt mit einer Nadel einen Blutgefäßzugang und verabreicht intravenös Flüssigkeit, um einen Schock zu verhindern. Bei starken Schmerzen werden schmerzstillende Mittel verabreicht.

Alle Patienten mit Frakturen des Oberschenkelknochenschaftes werden operiert. Oft wird die Operation noch am Tag der Verletzung durchgeführt. Die Fraktur wird eingerichtet und auf unterschiedliche Weise befestigt – von innen mit einem Nagel in die Markhöhle oder mit Platte und Schrauben. Die Fraktur kann auch von außen fixiert werden. Nach der Operation sollte der Patient die Fraktur so schnell belasten, wie die Schmerzen es zulassen. Es dürfen jedoch nicht alle Patienten die Fraktur des Oberschenkelknochenschaftes, nachdem sie operiert wurde, voll belasten. Mit Platten fixierte Frakturen dürfen nur leicht belastet werden (mit ca. 20 kg). Mit einem stabilen/massiven Marknagel mit Verriegelung fixierte Frakturen dürfen voll belastet werden. Es erfolgt eine vorbeugende Therapie gegen Blutgerinnsel.

Kontrollen werden in der Regel nach zwei bis drei Wochen durchgeführt, um die Fäden zu entfernen, und danach alle sechs Wochen, bis die Fraktur verheilt ist. Bei Kindern kann eine Kontrolle nach einem Jahr sinnvoll sein, um zu sehen, ob es in dem gebrochenen Knochen zu einem erhöhten Längenwachstum gekommen ist. Bei Verdacht auf eine instabile Fraktur muss der Patient häufiger zur Kontrolle kommen.

Prognose

Es können zahlreiche Komplikationen auftreten, zum Beispiel Blutungen, Nervenverletzung, Lungenkomplikationen, Blutgerinnsel, Entzündung des Knochens, Ausbleiben der Heilung, Heilung mit Fehlstellung und verzögerte Heilung. 95 % der Patienten mit einer Fraktur des Oberschenkelknochenschaftes heilen gut mit Marknagelung. Bei Kindern kommt häufig ein erhöhtes Längenwachstum des gebrochenen Knochens vor, deshalb sollte nach einem Jahr stets eine Kontrolle durchgeführt werden.

Weitere Informationen

 

Autoren

  • Marie-Christine Fritzsche, Ärztin, Freiburg

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Femurfraktur, Schaft. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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