Skoliose (Seitabweichung der Wirbelsäule)

Die Skoliose ist definiert als eine seitliche Drehverbiegung der Wirbelsäule. Sie kann gut durch eine körperliche Untersuchung und Röntgenaufnahmen beurteilt werden . Etwa 3–5 von 1.000 Kindern bzw. Jugendlichen haben eine Skoliose.

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Was ist eine Skoliose?

Die Skoliose ist eine seitliche Drehverbiegung der Wirbelsäule, die zu einer 3-dimensionalen Deformität führt. Sie entsteht durch eine veränderte Form bzw. Ausrichtung der Wirbelkörper, sodass die Wirbelsäule seitlich verbogen und gleichzeitig rotiert ist. Wenn sich die Betroffenen mit dem Rücken vorbeugen, drehen sich die Wirbelkörper zusammen mit den Rippen, sodass häufig ein „Rippenbuckel" oder eine „Lendenwulst" sichtbar wird.

In manchen Fällen treten Skoliosen sekundär, d. h. als Folge einer anderen Erkrankung auf, z.B. durch angeborene oder erworbene Skeletterkrankungen, Nervenschäden, Muskelerkrankungen oder nach Operationen im Brustkorbbereich.

Skoliosen können allerdings auch ohne strukturelle Veränderungen der Wirbelsäule auftreten, z. B. im Rahmen von einer veränderten Körperhaltung durch Schmerzzustände oder durch einen Beckenschiefstand. Man spricht dann von einer funktionellen Skoliose, die meist durch Haltungsveränderungen rückgängig zu machen ist (reversibel).

Viele Skoliosen machen zunächst keine oder nur geringe Beschwerden und werden häufig zufällig entdeckt. Eine starke Seitabweichung der Wirbelsäule kann allerdings auch zu Problemen führen, z. B. zu Schmerzen und zu Einschränkungen der Atmung.

Häufigkeit

Von 1.000 Kindern und Jugendlichen liegt bei 3–5 eine Skoliose vor. Bei 3 von 1.000 Betroffenen ist eine Therapie notwendig. Bei Mädchen tritt die idiopathische Skoliose 7-mal häufiger auf als bei Jungen.

Klassifikation

In 80 % der Fälle ist die Ursache der Skoliose unbekannt – genannt idiopathische Skoliose. Sie ist zu Teilen genetisch bedingt und vererbt. Außerdem werden muskuläre, hormonelle, nervenbezogene Störungen oder eine verminderte Knochendichte als Auslöser vermutet. Man geht davon aus, dass es zu einem ungleichmäßigen Wachstum der Wirbelkörper kommt, wodurch sich die Wirbelkörper drehen. Auch eine stark unterschiedliche Beinlänge kann ursächlich für eine Skoliose sein. Es konnte nicht nachgewiesen werden, dass Fehlhaltungen oder stark einseitige sportliche Aktivitäten eine Skoliose begünstigen.

Seltener tritt die Skoliose als Folge einer spezifischen Erkrankung auf. Diese lassen sich in verschiedenen Gruppen zusammenfassen:

  • Osteopathisch/osteogen: Die Ursache der Skoliose sind Deformitäten von Halswirbeln, Fusionswirbeln, Rippen oder systemische Erkrankungen des Skeletts.
  • Neuropathisch: Nervenschädigungen wirken sich negativ auf Muskulatur und Knochen aus, sodass eine Skoliose resultiert. Beispiele sind poliomyelitische Lähmungen, Syringomyelie oder die Friedreich-Ataxie.
  • Myopathisch: Muskuläre Erkrankungen verursachen die Skoliose, z. B. bei progressiver Muskeldystrophie und angeborenen Muskelerkrankungen.
  • Fibrotisch: Fibrotisches Bindegewebe entsteht zum Beispiel nach einem Trauma oder einer Operation und kann die Stellung der Wirbelkörper verändern.
  • Systemerkrankungen: Skoliosen treten bei einigen Systemerkrankungen wie Neurofibromatosen, Marfan-Syndrom, Osteogenesis imperfecta oder Achondroplasie auf.

Wann sollten Sie ärztlichen Rat suchen?

Die Entwicklung einer Skoliose geschieht meist über einen längeren Zeitraum und ist in der Regel zunächst schmerzlos. Dennoch sollte die Abklärung bei einem Verdacht auf eine Skoliose möglichst rasch erfolgen. Eine Früherkennung ist wichtig, um eine Zunahme der Skoliose und mögliche Komplikationen zu verhindern.

Diagnostik

Die Diagnose wird in der Regel in Zusammenschau der möglicherweise vorhandenen Beschwerden, der ärztlichen Untersuchung und der Röntgenaufnahme der Wirbelsäule gestellt. Die Skoliose kann z. B. im Rahmen einer U-Untersuchung auffällig werden.

Wie äußert sich Skoliose?

Häufig tritt die Erkrankung während Wachstumsschüben auf oder verschlimmert sich in dieser Zeit. Betroffene sind bei körperlicher Aktivität schneller ermüdbar, insbesondere bei einseitigen Belastungen. Kinder mit struktureller Skoliose leiden in der Regel nicht mehr unter Rückenschmerzen als ihre Altersgenossen.

Was wird untersucht?

In der körperlichen Untersuchung werden Oberkörper und Beine vollständig betrachtet. Hierbei wird zum Beispiel auf die Kopfhaltung und Beckenstellung geachtet. Eventuell fällt eine Beinlängendifferenz auf. Möglicherweise sind auch die Schulterblätter unterschiedlich hoch. Im Stehen kann ggf. eine S-Form oder C-Form der Wirbelsäule beobachtet werden. Anschließend wird die Wirbelsäule im vornübergebeugten Zustand beurteilt. Dabei können die Rippen sowie der Lendenbereich deutlich hervortreten („Rippenbuckel" oder Lendenwulst"). Zusätzlich erfolgt eine allgemeine körperliche sowie eine neurologische Untersuchung.

Röntgen und weitere Untersuchungen

Um das Ausmaß der Skoliose besser beurteilen zu können, wird mittels Röntgen der sogenannte Cobb-Winkel bestimmt. Dieser gibt an, wie stark die Seitabweichung der Wirbelsäule ist. Der sog. Mehta-Winkel dient der Einschätzung des Risikos für ein Fortschreiten der Erkrankung. Mit der Röntgenaufnahme können auch Fehlbildungen der Wirbelsäule festgestellt werden. Ggf. sind weitere Untersuchungen notwendig, z. B. eine MRT oder CT.

Therapie

Allgemeines

Die Behandlung der Skoliose ist u. a. abhängig vom Ausmaß der Skoliose (Cobb-Winkel), dem Alter sowie dem Wachstumspotenzial und eventuellen Risikofaktoren. Normalerweise erfolgt die Betreuung durch Fachärzt*innen der Orthopädie oder Kinderheilkunde.

Das Ziel der Therapie ist es, eine Zunahme der Skoliose sowie Komplikationen zu verhindern, die Beweglichkeit zu erhalten und Schmerzen zu lindern. Eine Früherkennung ist deshalb wichtig.

Korsett-Therapie

Bei einer Krümmung von über 20–25 Grad oder schnellem Fortschreiten der Skoliose ist eine Korsett-Therapie indiziert. Das Korsett sollte möglichst 23 Stunden am Tag getragen und im Abstand von 4–6 Monaten ärztlich kontrolliert/angepasst werden. Bei Kindern bis 3 Jahren wird eine Abschulung nach 1 Jahr versucht. Bei älteren Kindern kann die Therapie auch bis zur Pubertät fortgesetzt werden, für Mädchen beispielsweise noch für 2 Jahre nach der ersten Menstruation. Nach Abschluss des Wachstums oder bei einem Winkel von über 45 Grad ist ein Korsett nicht mehr sinnvoll.

Physiotherapie

Die Physiotherapie ist eine wichtige Komplementärmaßnahe, jedoch sind keine Daten zur Wirksamkeit vorhanden. Ziele sind die Optimierung der Haltung, Stärkung der Muskulatur oder das Erlernen für den richtigen Umgang mit dem Korsett.

Gipsdression

Bei frühkindlicher idiopathischer Skoliose bis zum 5. Lebensjahr ist eine serielle Gipsdression (auch Casting genannt) möglich. Diese wird in Narkose angelegt und soll die Wirbelsäule derotieren und begradigen. Der Gips wird 3-mal jeweils 1 Monat getragen und dann angepasst. Anschließend wird die Korsett-Therapie durchgeführt.

Operation

In manchen Fällen, vor allem bei einem großen Cobb-Winkel (ab ca. 40–50 Grad) und Fortschreiten der Erkrankung, wird eine operative Therapie empfohlen. Es existieren mehrere operative Techniken, wie die Wirbelkörperverblockung oder die Implantation eines Wachstumsstabs. Ein Wachstumsstab wird etwa 2 x pro Jahr – entsprechend dem Längenwachstum – durch kleine operative Eingriffe verlängert. Die operativen Techniken werden ständig weiterentwickelt, um die Beweglichkeit sowie ein normales Wachstum zu ermöglichen. Ggf. wird postoperativ der Einsatz eines Korsetts empfohlen.

Weitere Maßnahmen

Betroffene Kinder sollten an körperlichen Aktivitäten mit Gleichaltrigen teilnehmen und keine schweren Rucksäcke tragen. Es ist allerdings nicht möglich, den spontanen Verlauf der idiopathischen Skoliose mit körperlichem Training zu beeinflussen.

Verlauf und Prognose

Je nach Ursache und Ausmaß der Skoliose ist der Verlauf unterschiedlich und kann von einem spontanen Rückgang bis hin zu einer schweren Zunahme reichen, die einer operativen Therapie bedarf. Die Zunahme der Skoliose wird meist mit dem abgeschlossenen Wachstum geringer. Häufig verursacht die Skoliose keine relevanten medizinischen Komplikationen, kann jedoch zu sichtbaren Deformitäten und damit verbundenen psychosozialen Problemen führen. Seltene Komplikationen sind Einschränkungen u. a. Einschränkungen der Atem-, Sitz-, Steh- und Gehfunktion. Negative Risikofaktoren für ein Fortschreiten der Erkrankung sind eine S-förmige Krümmung, ein Cobb-Winkel von über 30 Grad oder ein junges Erkrankungsalter (Erstauftreten vor oder während des pubertären Wachstumsschubs).

Weitere Informationen

Autor*innen

  • Hannah Brand, Cand. med., Berlin
  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim
 

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Skoliose. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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