Abbildung

Schäden an der Rotatorenmanschette

Als Rotatorenmanschette wird eine Gruppe von vier Muskeln im Bereich der Schulter bezeichnet. Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen im Schultergelenk sind häufig durch eine Verletzung oder Schädigung einer dieser Muskeln oder deren Sehnen bedingt.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist die Rotatorenmanschette?

Die Rotatorenmanschette besteht aus vier Muskeln (M. supraspinatus, M. infraspinatus, M. teres minor und M. subscapularis). Alle Muskeln befinden sich auf der Vorder- oder Rückseite des Schulterblattes und ziehen am Schultergelenk vorbei zum oberen Ende des Oberarmknochens befestigt. Wie der Name schon sagt, haben die Muskeln die Aufgabe, den Arm nach außen und nach oben zu drehen (zu rotieren). Die Rotatorenmanschette ist auch wichtig, um das Schultergelenk stabil zu halten. Alle Muskeln verjüngen sich in ihrem Verlauf und sind mit einer Sehne am Oberarmknochen befestigt. Ein Einriss oder sogar ein vollständiger Abriss von Sehnen oder Muskeln der Rotatorenmanschette kann durch eine Verletzung oder Überlastung verursacht werden.

Diese Erkrankung kommt nicht häufig vor, ist aber auch nicht ungewöhnlich. Besonders Sportler sind solchen Verletzungen ausgesetzt, und zwar vor allem diejenigen, die Wurf- oder Kontaktsportarten betreiben. Eine plötzliche Verletzung an der Rotatorenmanschette kann auch durch einen Sturz auf die Schulter entstehen, zum Beispiel beim Skifahren, und kann Menschen aller Altersgruppen betreffen. Die Erkrankung kann aber auch als Belastungsstörung auftreten, also durch lang anhaltende Schulterbeschwerden, die zu einem Verschleiß der Muskeln und Sehnen und deren Schwächung führen, was schließlich im Einreißen oder sogar in einem vollständigen Abriss (Ruptur) enden kann.

Ursache

Risse in der Rotatorenmanschette können durch ein ganzes Spektrum von Schäden ausgelöst worden sein. Eine Ursache ist z. B. ein lang anhaltende Belastung/Überlastung des Schultergelenks: Dies kann mit der Zeit zu herabgesetzter Blutzirkulation in der Sehne und dem geschwächten Sehnengewebe führen (Tendinose, Tendopathie) – was das Risiko erhöht, dass sich die Supraspinatus-Sehne abnutzen kann; diese ist in diesem Bereich am häufigsten betroffen. Solche degenerativen Veränderungen treten häufiger in höherem Alter auf.

Die Sehne kann aber auch unter einem Knochenvorsprung oben am Schulterblatt (Akromion) oder aufgrund knöcherner Veränderungen in diesem Bereich eingeklemmt sein – ein Leiden, das in der Fachsprache als „Impingement“ bezeichnet wird.

Andere Ursachen sind schwere Verletzungen der Schulter. Schwere Verletzungen an einer gesunden Rotatorenmanschette können bis hin zum Abreißen einer gesamten Sehne oder der Muskeln führen. Die Schwere der Verletzung, die hierfür notwendig ist, kann zum Beispiel ein schlimmer Sturz sein, wie etwa bei einem Motorradunfall, bei dem die Schulter ausgerenkt wird. Kleinere Verletzungen können einen Einriss verursachen, der nicht durch den gesamten Muskel oder die Sehne geht.

Grundsätzlich sind Schäden der Rotatorenmanschette meist auf mehrere Ursachen zurückzuführen, also eine größere oder mehrere kleine Verletzungen zusammen mit degenerativen Veränderungen und Durchblutungsstörungen (letztere werden z. B. auch verstärkt durch Rauchen). Auch kleinste Kalkablagerungen in einer Sehne können die Beschwerden auslösen. Eine Infektion oder Strahlentherapie in diesem Bereich können die Muskeln und Sehnen ebenfalls schädigen und zu den Beschwerden beitragen.

Diagnostik

Es muss klargestellt werden, ob die Erkrankung durch eine Verletzung und/oder durch eine Belastungsschädigung ausgelöst wurde und wie die Erkrankung zunächst entstanden ist. Bei Belastungsschäden gibt es oft eine lange Krankengeschichte mit wiederholten Verletzungen oder Zerrungen. Typischerweise wird man erleben, dass sich der Schmerz und die Muskelschwäche verschlechtern, wenn man Aktivitäten auf Schulterhöhe durchführt und wenn man den Arm nach außen zur Seite hält und dann versucht, ihn wieder zurückzuführen. Patienten mit einer Tendinopathie oder einem Riss in der Rotatorenmanschette haben oft auch Schmerzen, wenn sie auf dem Arm liegen.

Der Arzt wird eine gründliche Untersuchung der Schulter vornehmen. Es geht darum, die Beweglichkeit und die Kraft in den verschiedenen Muskelgruppen zu beurteilen und festzustellen, ob bestimmte Bewegungen schmerzhaft sind. Hierfür sind ganz unterschiedliche Bewegungstests erforderlich. Manchmal lässt sich ein Sehnen- oder Muskeldefekt auch tasten. Der Arzt wird zudem die Berührungsempfindlichkeit des Arms und die Durchblutung prüfen. Bei schwerwiegenden Problemen kann es erforderlich sein, eine Röntgen-, Ultraschall- oder MRT-Untersuchung durchzuführen, evtl. auch eine genauere Untersuchung des Schultergelenks. Besteht der Verdacht auf eine Entzündung oder eine rheumatische Krankheit, sind Blutuntersuchungen sinnvoll.

Therapie

Das Ziel der Therapie ist es, die Linderung der Symptome zu erreichen und die Funktion in der Schulter wiederherzustellen. In den meisten Fällen können gute Therapieergebnisse ohne Operation erzielt werden (konservative Therapie). Doch v. a. bei jungen, aktiven Patienten – vor allem Sportlern, hier aber auch älteren sportlich aktiven Patienten – mit akutem vollständigem Abriss und massivem Ausfall der Schulter-Funktion wird in den meisten Fällen eine Operation durchgeführt werden müssen. Auch wenn die konservative Theraopie nach einigen Monaten noch keinen Effekt gebracht hat, ist eine Operation in Erwägung zu ziehen.

In Absprache mit Ihnen wird der Arzt die Notwendigkeit einer Operation besprechen und mit Ihnen klären, wie schlimm Ihr Zustand ist, wie lange Sie schon Schmerzen haben, welche Therapiemethoden bereits versucht wurden usw.

Bei einer konservativen Therapie wird in der Anfangsphase großer Wert auf Ruhe gelegt, auf Entlastung und eingegrenzte Bewegungen. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf Prävention gelegt, damit sich ein Sportler die Verletzung, durch die die Erkrankung ausgelöst wurde, nicht noch einmal zufügt. Die Zeit kompletter Ruhe sollte kurz sein (1–2 Wochen). In den ersten Tagen sollte die Verletzung mit Kälte oder Eis behandelt werden, zudem sind entzündungshemmende Medikamente (NSAR) oft hilfreich. In einigen Fällen wird eine Kortison-Injektion unter dem Akromion (Schulterdach) gesetzt. Vorsichtige Bewegungsübungen und Pendelübungen sollten in der Ruhezeit begonnen werden, um die Beweglichkeit zu erhalten. Wenn der Schmerz nachgelassen hat, sollten Sie mit einem Trainingsprogramm beginnen, das Streck- und Kräftigungsübungen beinhaltet. Das Trainingsprogramm sollte von einem Physiotherapeuten oder einem geschulten Trainer überwacht werden.

Eine Operation kommt wie gesagt v. a. bei jüngeren Menschen und bei Sportlern infrage, ist aber immer eine individuelle Entscheidung. Offenbar ist es nicht so entscheidend für das Ergebnis, ob die Operation sehr rasch nach der Diagnosestellung oder erst später erfolgt. In den meisten Fällen kann im Rahmen einer Gelenkspiegelung oder minimal-invasiv operiert werden, sodass der Heilungsverlauf recht zügig ist. Je nach Schwere der Verletzung und Ursache werden Knochenvorsprünge beseitigt, Sehnen genäht, Muskeln zusammengefügt oder mit einem Transplantat repariert oder auch größere Eingriffe vorgenommen.

Auch nach einer Operation sind eine längere Ruhephase und anschließend ein vorsichtiges, regelmäßiges Museklaufbautraining unter physiotherapeutischer Anleitung wichtig.

Prognose

Es existieren keine verlässlichen Zahlen darüber, wie erfolgreich die konservative oder auch operative Behandlungsmethode ist. Die Verläufe sind individuell sehr unterschiedlich und von vielen Faktoren abhängig. Bei kleineren, teilweisen Einrissen ist die Prognose sowohl bei der konservativen als auch bei der operativen Behandlung gut. Aber auch größere Verletzungen heilen oft gut aus und der betroffene Arm ist wieder gut einsatzfähig. Das Resultat hängt allerdings davon ab, wie groß der Schaden ist, wie viele Sehnen gerissen sind und wie weit die Abnutzung des Sehnengewebes (Tendinose) fortgeschritten ist. Zudem kann es durch die Operation zu Komplikationen kommen, falls versehentlich Nerven oder Blutgefäße geschädigt wurden. Manchmal reißt ein genähter Muskel oder eine reparierte Sehne nach einiger Zeit auch erneut, v. a. bei älteren Menschen.

Bei Leistungssportlern bedeutet ein Riss in der Rotatorenmanschette nicht unbedingt das Karriereende. Ein totaler Abriss tritt bei sportlichen Aktivitäten nur selten auf, und das Nähen führt in der Regel zu zufriedenstellenden Ergebnissen. Allerdings sind Kraft und Funktion oft nicht mehr ganz so gut wie vor der Verletzung.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Rotatorenmanschettenläsion. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Quintana EC. Rotator cuff injuries. Medscape, last updated Feb 12, 2016. emedicine.medscape.com
  2. Joneleit, M.; König, U. Konservative Therapiemöglichkeiten der irreparablen Rotatorenmanschettenmassenruptur Arthroskopie (2014-02-01) 27: 21-25 , February 01, 2014 link.springer.com
  3. Yamaguchi K, Ditsios K, Middleton WD, Hildebolt CF, Galatz LM, Teefey SA. The demographic and morphological features of rotator cuff disease: a comparison of asymptomatic and symptomatic shoulders. J Bone Joint Surg Am 2006; 88: 1699-1704. PubMed
  4. Sher JS, Uribe JW, Posada A, Murphy BJ, Zlatkin MB. Abnormal findings on magnetic resonance images of asymptomatic shoulders. J Bone Joint Surg Am 1995; 77: 10-15. PubMed
  5. Milgrom C, Schaffler M, Gilbert S, van Holsbeeck M. Rotator-cuff changes in asymptomatic adults: the effect of age, hand dominance and gender. J Bone Joint Surg Br 1995; 77: 296-8. PubMed
  6. Bischoff H-P, Heisel J, Locher H. Praxis der konservativen Orthopädie Thieme- Verlag Stuttgart. 1. Auflage: 2007. S. 369ff
  7. Mutschler, Kohn, Pohlemann. Praxis der Orthopädie und Unfallchirurgie. 3., vollständig überarbeitete Auflage 2013 Thieme Verlag Stuttgart S. 994ff
  8. Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie. Rotatorenmanschette. AWMF-Leitlinie-Nr.033 - 041. Stand 2017. www.awmf.org
  9. Kasten P, Lützner J . Tendinopathie der Sportlerschulter Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin. Jahrgang 61, Nr. 4 2010
  10. Matsen FA. Rotator-cuff failure. N Engl J Med 2008; 358: 2138-47. PubMed
  11. Wei AS, Callaci JJ, Juknelis D, et al. The effect of corticosteroid on collagen expression in injured rotator cuff tendon. J Bone Joint Surg Am 2006; 88: 1331-8. PubMed
  12. Gosk J, Urban M, Rutowski R. Entrapment of the suprascapular nerve: anatomy, etiology, diagnosis, treatment. Ortop Traumatol Rehabil 2007; 9: 68-74. PubMed
  13. Brkic M, Froemel D. Meurer A. Klinische Untersuchung der Schulter. Manuelle Medizin 2015 53:63–78 Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015
  14. Teefey SA, Rubin DA, Middleton WD et al. Detection and quantification of rotator cuff tears: comparison of ultrasonographic, magnetic resonance imaging, and arthroscopic findings in seventy-one consecutive cases. J Bone Joint Surg Am 2004; 86-A: 708-16.
  15. Zanetti M, Jost B, Hodler J, Gerber C. MR imaging after rotator cuff repair: full-thickness defects and bursitis-like subacromial abnormalities in asymptomatic subjects. Skeletal Radiol 2000; 29: 314-9. PubMed
  16. Dunn WR, Schackman BR, Walsh C et al. Variation in orthopaedic surgeons' perceptions about the indications for rotator cuff surgery. J Bone Joint Surg Am 2005; 87: 1978-84. PubMed
  17. Kukkonen J, Joukainen A, Lehtinen J, et al. Treatment of Nontraumatic Rotator Cuff Tears: A Randomized Controlled Trial with Two Years of Clinical and Imaging Follow-up. J Bone Joint Surg Am. 2015 Nov 4;97(21):1729-37. PubMed
  18. Moosmayer S, Lund G, Seljom U, et al. Comparison between surgery and physiotherapy in the treatment of small and medium-sized tears of the rotator cuff. J Bone Joint Surg Br 2010; 92: 83-91. PubMed
  19. Moosmayer S, Lund G, Seljom US, et al. Tendon repair compared with physiotherapy in the treatment of rotator cuff tears: a randomized controlled study in 103 cases with a five-year follow-up. J Bone Joint Surg Am. 2014 Sep 17;96(18):1504-14. PubMed
  20. Kukkonen J, Joukainen A, Lehtinen J, et al. Treatment of non-traumatic rotator cuff tears: A randomised controlled trial with one-year clinical results. Bone Joint J. 2014 Jan;96-B(1):75-81.
  21. DeBerardino TM, Arciero RA, Taylor DC, Uhorchak JM. Prospective evaluation of arthroscopic stabilization of acute, initial anterior shoulder dislocations in young athletes. Two- to five-year follow-up. Am J Sports Med 2001; 29: 586-92. PubMed
  22. Boudreault J, Desmeules F, Roy JS, et al. The efficacy of oral non-steroidal anti-inflammatory drugs for rotator cuff tendinopathy: a systematic review and meta-analysis. J Rehabil Med. 2014 ;46(4):294-306. doi: 10.2340/16501977-1800.
  23. Hanratty CE, McVeigh JG, Kerr DP, et al. The effectiveness of physiotherapy exercises in subacromial impingement syndrome: a systematic review and meta-analysis. Seminars in Arthritis and Rheumatism 2012; 42(3): 297-316. pmid: 22607807 PubMed
  24. Gladstone JN, Bishop JY, Lo IK, Flatow EL. Fatty infiltration and atrophy of the rotator cuff do not improve after rotator cuff repair and correlate with poor functional outcome. Am J Sports Med 2007; 35: 719-28. PubMed
  25. Morse K, Davis AD, Afra R, Kaye EK, Schepsis A, Voloshin I. Arthroscopic versus mini-open rotator cuff repair: a comprehensive review and meta-analysis. Am J Sports Med 2008; 36; 1824-8.
  26. Kim YS, Lee HJ, Park I, et al. Are Delayed Operations Effective for Patients With Rotator Cuff Tears and Concomitant Stiffness? An Analysis of Immediate Versus Delayed Surgery on Outcomes. Arthroscopy. 2014 Oct 8.
  27. Chen X, Jones IA, Park C, et al. The Efficacy of Platelet-Rich Plasma on Tendon and Ligament Healing: A Systematic Review and Meta-analysis With Bias Assessment. Am J Sports Med 2017 Dec 1. pmid:29268037 PubMed
  28. Zhao JG, Zhao L, Jiang YX, et al. Platelet-Rich Plasma in Arthroscopic Rotator Cuff Repair: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Arthroscopy 2015; 31(1): 125-35. pmid:25278352 PubMed
  29. Quelle: Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU), Berlin, 22.-25.10.2013.Sitzung: Muskel- und Sehnenverletzungen im Sport
  30. Zingg PO, Jost B, Sukthankar A, Buhler M, Pfirrmann CW, Gerber C. Clinical and structural outcomes of nonoperative management of massive rotator cuff tears. J Bone Joint Surg Am 2007; 89: 1928-34. PubMed