Windpocken

Windpocken sind eine hochansteckende Kinderkrankheit. Die Infektion mit dem sogenannten Varizella-Zoster-Virus (VZV) verursacht einen juckenden Hautausschlag mit Bläschen am ganzen Körper.

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Was sind Windpocken?

Windpocken werden durch das weltweit verbreitete Varizella-Zoster-Virus (VZV) verursacht. Dabei handelt es sich um eine Krankheit, die mit Fieber und einem juckenden Hautausschlag einhergeht. Windpocken sind die am stärksten ansteckende Kinderkrankheit. In den meisten Fällen ist  auch das nahe Umfeld, z.B Kinder im Kindergarten, von Windpocken betroffen.

Am häufigsten erkranken nicht geimpfte Kinder zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr. Aber auch Erwachsene ohne Impfschutz können an Windpocken erkranken. Die Krankheit ist mit der Einführung der Impfung ab dem 11. Lebensmonat rückläufig. Nach einer Windpockenerkrankung oder einer Impfung gegen das VZV ist man aller Regel nach immun, d.h. die Krankheit tritt nicht noch einmal auf.

Nicht alle  Erkrankten zeigen einen typischen Verlauf der Windpocken. Manche können auch einen ganz milden Verlauf mit nur wenigen oder gar keinen Bläschen an der Haut aufweisen. Um eine nicht erinnerliche Windpockeninfektion nachzuweisen, misst man die spezifischen Antikörper gegen das VZV im Blut.

Ursachen

Windpocken werden durch das Varizella-Zoster-Virus verursacht, das über eine Tröpfcheninfektion übertragen wird. Das Virus befindet sich im Speichel und wird durch Husten oder Niesen zusammen mit winzigen Speicheltröpfchen ausgestoßen und so verbreitet. Windpocken sind sehr ansteckend: 61 bis 100 % der nicht geimpften Personen werden bei nahem Kontakt mit einer erkrankten Person angesteckt. 

Windpocken
Windpocken

Windpocken sind bereits einige Tage vor Auftreten des Hautausschlags ansteckend. Die Ansteckungsgefahr besteht, solange neue Blasen auftreten, und endet, wenn alle Blasen einen Schorf gebildet haben. In der Regel dauert dies fünf bis sieben Tage. In der frühen Phase des Krankheitsverlaufs ist die Ansteckungsgefahr am größten.

Mit Einführung der Impfung erkranken immer weniger Menschen an Windpocken.

Krankheitsverlauf bei Windpocken

Die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit (Inkubationszeit) liegt im Bereich von 10 bis 21 Tagen, überwiegend jedoch bei 14 bis 16 Tagen. Die Krankheit beginnt in der Regel mit leichtem Fieber und Unwohlsein. Innerhalb von ein bis zwei Tagen nach Auftreten des Fiebers tritt ein roter Hautausschlag auf. Fieber und Krankheitsempfinden sind bei Erwachsenen am stärksten ausgeprägt, während Kinder von diesen Symptomen meist weniger beeinträchtigt sind.

Der juckende Ausschlag beginnt in der Regel an Kopfhaut und Gesicht und breitet sich anschließend auf Körper und Gliedmaßen aus. Der Ausschlag ist zunächst als kleiner roter Fleck erkennbar, der sich nach einigen Stunden zu einer kleinen Blase entwickelt, die mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt ist. Nach wenigen Tagen bildet sich ein Schorf, der schließlich abfällt. Auch an der Mundschleimhaut können Blasen auftreten. Der Umfang des Ausschlags variiert von einigen wenigen bis zu mehreren hundert Blasen. Die einzelnen Blasen treten in der Regel nach und nach auf. Deswegen sind manche Blasen schon von Schorf bedeckt, während andere noch mit Flüssigkeit gefüllt sind.

Es ist auf eine sorgfältige Hautpflege zu achten, damit sich die Blasen nicht infizieren. Kratzen sollte vermieden werden, um eine Infektion der Haut zu verhindern. Dadurch kann es sonst zu einer dauerhaften Narbenbildung kommen. Um dies zu vermeiden, empfiehlt man Kleinkindern Handschuhe anzuziehen.

Die Dauer der Erkrankung erstreckt sich von fünf bis sechs Tagen bei leichtem Verlauf und von sieben bis zehn Tagen bei ausgeprägterem Befall. Nur in Ausnahmefällen dauert die Krankheit mehr als zwei Wochen.

Sind Windpocken gefährlich?

Für ansonsten gesunde Menschen sind Windpocken eine harmlose Erkrankung. Insbesondere bei Kindern hat sie einen milden Verlauf und geht von alleine vorüber.

Für Schwangere am Anfang und am Ende der Schwangerschaft, für Neugeborene, deren Mutter keine Windpocken durchgemacht hat bzw. ohne Impfschutz ist und für immungeschwächte Patienten, z. B bei Krebserkrankungen, stellen Windpocken eine gefährliche Infektion dar. Bei einer Infektion während der Schwangerschaft, kann es zu dem sogenannten kongenitalen Varizellensyndrom kommen. Dabei besteht das Risiko, dass das Ungeborene erhebliche Fehlbildungen erleidet. Ungeschützte Schwangere, die kurz vor der Geburt an Windpocken erkranken, können ihr Kind anstecken. Da das Immunsystem des Neugeborenen noch nicht fertig entwickelt ist, stellt eine Infektion eine große Gefahr dar. Auch für erwachsene Patienten mit einem geschwächten Immunsystem kann eine Infektion zu einer schweren Erkrankung führen.

Komplikationen sind im Allgemeinen selten. Wenige Erwachsene können eine Lungenentzündung bekommen, die durch den Windpocken-Virus verursacht wird. Kinder können eine Hirnhautentzündung mit gutartigem Verlauf entwickeln, und der Hautausschlag kann sich mit Bakterien infizieren.

Behandlung

Die Erkrankung geht von selbst vorüber. Kinder und Jugendliche, die ansonsten gesund sind, benötigen keine Medikamente zur Bekämpfung des Virus. Für Patienten über 20 Jahre und Personen mit geschwächtem Immunsystem wird eine Behandlung mit virushemmenden Medikamenten empfohlen (Aciclovir). Im Falle des Bedarfs schmerzlindernder Medikamente wird Paracetamol empfohlen.

Bei lästigem Juckreiz kann eine Zinklotion aufgetragen werden. Sie wird auf die Blasen getupft und sorgt für kühle Linderung. Ist der Juckreiz sehr ausgeprägt, kann die Gabe eines antiallergisch wirksamen Präparats sinnvoll sein („Antihistaminikum“).

Bei einer Windpocken-Infektion muss versucht werden, eine Ansteckung anderer Personen zu vermeiden. Insbesondere muss der Kontakt zu Personengruppen mit geschwächter Immunabwehr vermieden werden (siehe oben).

Kindergarten/Tagesmutter

Kinder müssen von Schule oder Kindergarten fernbleiben, bis der Ausschlag trocken, d.h. die Blasen von Schorf bedeckt sind, und das Kind fieberfrei ist. Dies dauert vom ersten Fieberausbruch an durchschnittlich fünf bis sieben Tage. Der Arzt entscheidet, wann das Kind wieder in die Gemeinschaftseinrichtung zurück kann. 

Schwangerschaft und Windpocken

In sehr seltenen Fällen kann der Windpocken-Virus auf das Ungeborene übergehen, vor allem wenn die Mutter im ersten Teil der Schwangerschaft angesteckt wurde. Erkrankt die Mutter vor der 20. Schwangerschaftswoche an Windpocken, liegt das Risiko einer Schädigung des Fötus bei schätzungsweise 2 %.

Eine Schwangere, die nicht gegen Windpocken geschützt ist und für die das Risiko einer Ansteckung besteht, kann durch eine Behandlung mit Immunglobulin geschützt werden.

Eine Impfung mit dem Lebendimpfstoff während der Schwangerschaft ist nicht erlaubt.

Für ein Neugeborenes, dessen Mutter keine Windpocken-Antikörper hat (Bestätigung durch Blutuntersuchung erforderlich), besteht ein erhöhtes Risiko, die Windpocken zu bekommen, wenn die Mutter wenige Tage vor der Geburt an Windpocken erkrankt oder das Kind innerhalb von einer Woche nach der Geburt mit den Viren in Berührung kommt.

Impfung

Sie können Ihr Kind durch eine zweimalige Impfung vor einer Infektion mit Windpocken sicher schützen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung1, die in Deutschland routinemäßig durchgeführt wird. Im Alter von 11 bis 14 Monaten erfolgt zeitgleich mit der ersten Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR) oder frühestens vier Wochen danach die erste Impfung. Vier bis sechs Wochen nach der ersten Impfung, im Alter von 15 bis 23 Monaten, wird die zweite Teilimpfung durchgeführt. Es kann auch ein Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken (MMRV-Kombinationsimpfstoff) angewendet werden. Die Impfung muss nur dann verschoben werden, wenn das Kind eine schwere, behandlungsbedürftige Erkrankung hat.2 

Auch Erwachsene ohne Antikörper können geimpft werden, da die Windpocken bei Erwachsenen einen schwereren Verlauf haben als bei Kindern. Frauen, die keine Antikörper haben und eine Schwangerschaft planen, wird die Impfung empfohlen. Die Impfung sollte mindestens drei Monate vor Beginn der Schwangerschaft erfolgen. Während der Schwangerschaft kann nicht mehr geimpft werden.

Prognose

Die Prognose ist in den allermeisten Fällen gut. Die Erkrankung hat in der Regel einen milden Verlauf und heilt ohne weitere Maßnahmen aus. Bei Kindern oder Erwachsenen mit einer schweren Grunderkrankung können Windpocken einen schweren Krankheitsverlauf entwickeln. Neugeborene, deren Mütter im Laufe des letzten Schwangerschaftsmonats an Windpocken erkranken, können von einem schweren Verlauf betroffen sein (Risiko ca. 10 %). Der Krankheitsverlauf ist am schwersten, wenn der Windpocken-Ausschlag bei der Mutter in den letzten 4-5 Tagen vor der Niederkunft aufgetreten ist.

Bei der großen Mehrheit sorgen durchgemachte Windpocken für eine lebenslange Immunität. Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem kann der Schutz jedoch unvollständig sein, weshalb diese bei einer weiteren Ansteckung erneut erkranken können. Es ist nicht auszuschließen, dass Menschen, die die Windpocken bereits hatten, erneut angesteckt werden. Bei einem gesund ausgeprägten Immunsystem ist dies jedoch sehr selten.

Nach durchgemachten Windpocken verbleiben einige Viren im Körper, genauer gesagt in Nervenzellen, die vom Rückenmark ausgehen. Dort verbleiben die Viren in einer inaktiven Form. Viele Jahre später können sie wieder aktiv werden. Dann treten sie aus den

Gürtelrose
Gürtelrose

 Nervenzellen aus und verursachen einen schmerzhaften Ausschlag mit kleinen Blasen, der Gürtelrose (Herpes zoster) genannt wird. Dies kann vor allem bei älteren Patienten mit geschwächtem Immunsystem der Fall sein. Aber auch Kinder können an einer Gürtelrose erkranken.

Weiterführende Informationen

Literatur

  1. Ständige Impfkommission. Empfehlungen zur Varizellen-Impfung. Berlin, Rober Koch-Institut 2016. www.rki.de
  2. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Windpocken-Impfung bei Kindern. Köln, BZgA o.D., Zugriff: 17.8.2016. www.impfen-info.de

Autoren

  • Natalie Anasiewicz, Ärztin, Freiburg i. Br.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Windpocken. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Lohnstein M, Eras J, Hammerbacher C. Der Prüfungsguide Allgemeinmedizin - Aktualisierte und erweiterte 3. Auflage. Augsburg: Wißner-Verlag, 2018.
  2. Heininger U, Seward JF. Varicella. Lancet 2006; 368: 1365-76.
  3. Aebi C, Fischer K, Gorgievski M, Matter L and Muhlemann K. Age-specific seroprevalence to varicella-zoster virus: study in Swiss children and analysis of European data. Vaccine 2001; 19: 3097-103.
  4. Bonhoeffer J, Baer G, Muehleisen B, et al. Prospective surveillance of hospitalisations associated with varicella-zoster virus infections in children and adolescents. Eur J Pediatr 2005; 164: 366-70.
  5. Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2015, Datenstand: 1. März 2016. Robert Koch Institut: , 2015. www.rki.de
  6. S2k-Leitlinie. Labordiagnostik schwangerschaftsrelevanter Virusinfektionen. AWMF-Registernummer 0093/001. www.awmf.org
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  9. RKI, Ratgeber Varizellen, Stand 30.03.2016 www.rki.de
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