Nekrotisierende Enterokolitis (NEC)

Die nekrotisierende Enterokolitis gehört zu den häufigsten akuten Erkrankungen des Verdauungstrakts bei wesentlich zu früh und unreif geborenen Kindern (Dysmaturität).

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Was ist die nekrotisierende Enterokolitis?

Nekrotisierend bedeutet in diesem Fall, dass Teile des Darms unzureichend durchblutet sind und infolgedessen Darmgewebe abstirbt (nekrotisiert). Enterokolitis bedeutet, dass die Erkrankung den Dünndarm (Enteron) und den Dickdarm (Kolon) betrifft. Die Nachsilbe „-itis“ bedeutet, dass es sich um eine entzündliche Erkrankung handelt.

Die nekrotisierende Enterokolitis ist eine schwere Erkrankung bei Frühgeborenen. Die Ursache und Entwicklung der Erkrankung ist noch nicht abschließend geklärt, die Diagnose schwer zu stellen und die Behandlung anspruchsvoll und komplex. Die Erkrankung tritt erst nach der Geburt auf. Sie kommt bei voll ausgetragenen Neugeborenen selten vor und wird dann in der Regel von einer vorliegenden Grunderkrankung verursacht.

Die Erkrankung betrifft viele Frühgeborene, die die ersten Tage nach der Geburt überlebt haben, und geht dann mit einem hohen Sterblichkeitsrisiko einher. Das zunehmende Auftreten der nekrotisierenden Enterokolitis ist auch darauf zurückzuführen, dass immer mehr Frühgeborene die ersten Tage nach der Geburt überleben. Schätzungen zufolge liegt die Inzidenz bei Frühgeborenen bei 1–5 %. Für die Gesamtheit aller Lebendgeburten ist die Inzidenz mit 0,5–5 Fällen von 1.000 angegeben.

Ursache

Die Ursache und Entwicklung der Erkrankung ist noch nicht abschließend geklärt. Forschern zufolge ist das Risiko einer Erkrankung bei Frühgeborenen erhöht, weil die Organe noch nicht ausgereift sind und daher z. B. die Darmtätigkeit (Motilität), die Aufnahme von Nährstoffen, der Blutkreislauf, der Schutz gegen Darmbakterien sowie das Immunsystem noch nicht vollständig funktionsfähig sind. Weitere mögliche Faktoren sind Durchblutungsstörungen, das Füttern von Säuglingsanfangsnahrung und die Ansiedlung pathogener Bakterien im Darm. Über 90 % der Neugeborenen mit nekrotisierender Enterokolitis erhielten Nahrung über den Mund. Muttermilch scheint im Gegensatz zu Säuglingsanfangsnahrung eine schützende Wirkung zu haben. Je niedriger das Geburtsgewicht ist und je früher das Kind zur Welt gekommen ist, desto größer ist das Risiko, an der nekrotisierenden Enterokolitis zu erkranken.

Diagnostik

Eine nekrotisierende Enterokolitis äußert sich in Symptomen des Verdauungstrakts und Allgemeinsymptomen. Bei betroffenen Neugeborenen sind in der Regel Nahrungsmittelunverträglichkeit, verzögerte Magenentleerung, Schwellung und/oder Schmerzempfindlichkeit des Bauchs, Blut im Stuhl (sichtbar oder durch chemische Reaktion nachgewiesen), Schwäche, Atemprobleme oder Durchblutungsstörungen zu beobachten.

Die Erkrankung zeigt entweder einen milden Verlauf mit Symptomen, die hauptsächlich den Verdauungstrakt betreffen, oder einen schweren Verlauf mit plötzlichem Versagen mehrerer Organe. In schweren Fällen können Löcher im Darm, eine Bauchfellentzündung und ein schwerer Schock vorliegen.

Die Diagnose ist schwierig zu stellen. Anfangs wird häufig eine Blutvergiftung (Sepsis) vermutet, was häufig zu einer relativ späten Diagnose beiträgt. Bei entsprechendem Verdacht sind radiologische und Laboruntersuchungen erforderlich, um die Diagnose zu sichern. Den einen biologischen Marker, der eine frühe Diagnose ermöglichen würde, gibt es leider nicht.

Therapie

Das Therapieziel besteht darin, das Leben des Neugeborenen zu erhalten und lebensbedrohliche Komplikationen zu verhindern. Bei Verdacht auf nekrotisierende Enterokolitis braucht der Darm Ruhe (keine Ernährung über den Mund) und Entlastung (sanftes Absaugen des Mageninhalts in regelmäßigen Abständen); außerdem werden Breitbandantibiotika verabreicht. Als weitere Maßnahmen sind ggf. die Unterstützung der Herz- und Lungenfunktion oder die Gabe verschiedener Blutprodukte erforderlich. Die Behandlungsdauer richtet sich nach dem Verlauf.

Die meisten Fälle werden konservativ behandelt, aber in etwa 20–40 % ist eine Operation erforderlich. Da freie Luft im Bauchraum infolge eines Lochs im Darm das einzige Zeichen ist, das eine Operation eindeutig erforderlich macht, ist diese Entscheidung oft schwer zu treffen. Hier können auch die Röntgen- und Laborbefunde entscheidende Hinweise geben. Das Sterblichkeitsrisiko infolge einer solchen Operation liegt bei 50 % und ist umso größer, je kleiner und unreifer das Kind ist. Die schwerwiegendste mögliche Komplikation nach der Operation ist das Kurzdarmsyndrom (englisch: Short Bowel Syndrome): In diesem Fall musste ein so großer Teil des Darms entfernt werden, dass das Kind nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt wird.

Derzeit liegen noch keine gesicherten Erkenntnisse zu vorbeugenden Maßnahmen vor, die eine nekrotisierende Enterokolitis bei Frühgeborenen verhindern können. Es handelt sich allerdings um einen Bereich, in dem umfassende Forschungen betrieben werden.

Prognose

Die Sterblichkeit liegt zwischen 15 und 30 % und ist umso höher, je niedriger das Geburtsgewicht und je früher das Kind zur Welt gekommen ist. Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht, die eine nekrotisierende Enterokolitis überlebt haben, sind besonders anfällig für neurologische Entwicklungsstörungen und funktionelle Erkrankungen.

Bei rund 10–40 % der Patienten tritt durchschnittlich zwei Monate nach einer akuten nekrotisierenden Enterokolitis eine Verengung des Darms auf (Verwachsungen von Darmschlingen, Stenosen), die meist die linke Seite des Dickdarms betrifft. Diese Folgeerscheinung verläuft häufig zunächst ohne Symptome und verursacht erst zu einem späteren Zeitpunkt Beschwerden. Aufgrund des erhöhten Risikos für Verwachsungen von Darmschlingen und Stenosen sollte bei Kindern, die eine schwere nekrotisierende Enterokolitis durchlebt haben, nach vier bis acht Wochen der Dickdarm geröntgt werden.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Nekrotisierende Enterokolitis (NEK). Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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