Zyklisches Erbrechen

Das zyklische Erbrechen wird von vielen Fachleuten als eine Variante der Migräne angesehen, die anstelle von Kopfschmerzen jedoch mit starker Übelkeit und Erbrechen einhergeht. Die Betroffenen leiden regelmäßig an Übelkeit und Erbrechen, das jeweils einige Tage andauern kann. In der zeit zwischen den Anfällen sind sie gesund.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiemann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist zyklisches Erbrechen?

Das zyklische Erbrechen bezeichnet eine Erkrankung mit schwerer Übelkeit und Erbrechen. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass die Betroffenen über einen Zeitraum von 1–10 Tagen regelmäßig erbrechen und über Übelkeit klagen. Ist diese Zeit vorbei, geht es den Patienten für einige Wochen oder Monate gut, sie sind dann ganz gesund bis zum Auftreten einer erneuten Episode. Die Erkrankung betrifft in der Regel Kinder, kann jedoch auch bei Erwachsenen vorkommen.

Gemäß der Definition kann diese Diagnose gestellt werden, wenn ein ansonsten gesundes Kind oder ein Erwachsener regelmäßig an Übelkeit und Erbrechen oder starkem Würgen leidet, diese Phasen seit mindestens 6 Monaten bestehen und in diesem Zeitraum mindestens 3-mal aufgetreten sind. Die Episoden halten 1–10 Tage an, dazwischen liegt jeweils mindestens 1 Woche. Die Beschwerden können unterschiedlich sein, gleichen sich aber bei demselben Patienten während jeder Episode.

Da Übelkeit und Erbrechen grundsätzlich Hinweise für zahlreiche Krankheiten sein können, darunter auch lebensbedrohliche, ist es wichtig, solche Ursachen auszuschließen. Bei Kindern kommt hier vor allem die Malrotation infrage, die zu einem Darmverschluss führen kann.

Ursachen

Die Ursache des zyklischen Erbrechens ist nicht bekannt. Die Art der Episoden und die vollständige Genesung zwischen den Episoden erinnert an Migräne. Darüber hinaus besteht bei Kindern mit dieser Erkrankung häufig ein familiärer Zusammenhang mit Migräne (besonders häufig, wenn die Mutter unter Migräne leidet). Die präventive Verabreichung von Migräne-Medikamenten zeigt bei einigen Patienten mit zyklischem Erbrechen Wirkung. Deshalb wird das zyklische Erbrechen von vielen als eine Variante der Migräne eingestuft. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein Zusammenhang mit einer Fehlfunktion des vegetativen Nervensystems besteht (das vegetative Nervensystem steuert die unbewussten Prozesse im Körper, wie Herzschlag, Atmung, Verdauung). Manche gehen auch davon aus, dass Nahrungsmittelallergien, Erkrankungen des Stoffwechsels oder des Hormonhaushalts oder der Mitochondrien (bestimmte Organellen der Körperzellen) ursächlich eine Rolle spielen.

Diagnose

Es gibt keine Tests, die nachweisen können, dass man unter zyklischem Erbrechen leidet. Die Anamnese ist häufig so typisch, dass sie zur Diagnosestellung ausreicht. Viele Patienten beschreiben 4 Phasen der Krankheit: Nach der beschwerdefreien Phase (Wochen bis Monate) folgt eine Phase mit leichten Symptomen als Anzeichen (Prodromalphase über einige Minuten bis Stunden mit Schwitzen, Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen u. a.). Dann folgen Übelkeit und Erbrechen, die anfangs sehr stark sind und dann etwas erträglicher werden.

Um eine Malrotation auszuschließen, wird oft der obere Teil des Magen-Darm-Traktes geröntgt. Die Malrotation kann sich auf die gleiche Weise wie zyklisches Erbrechen äußern, die Behandlungsmethode weicht jedoch ab. Häufig wird die Ärztin/der Arzt eine Untersuchung einiger Blutwerte sowie des Urins vornehmen, um Stoffwechselkrankheiten und Krankheiten von Nieren und Harnwegen auszuschließen. Sind hier keine Hinweise auf eine andere Krankheit zu finden und geht die Anamnese mit der Diagnose zyklisches Erbrechen konform, ist es üblich, die Erkrankung über einige Monate zu behandeln. Solange die Behandlung wirksam ist und die Betroffenen keine weiteren Symptome aufweisen, ist es in der Regel nicht erforderlich, nach anderen Ursachen für die Erkrankung zu suchen.

Behandlung

Es mangelt an wissenschaftlichen Erkenntnissen in Bezug auf die Behandlung von zyklischem Erbrechen. Diverse Behandlungsansätze haben sich als wirksam erwiesen, es mangelt jedoch an Patientenstudien. Bei vielen zeigt sich, dass allein die Diagnosestellung und die Erläuterung, worauf die Beschwerden zurückzuführen sind, die Anzahl der Krankheitsepisoden verringert. Wahrscheinlich ist die Besorgnis ein auslösender Faktor für Krankheitsepisoden, und der Grad der Besorgnis reduziert sich häufig, wenn die Ursachen der Erkrankung nachvollziehbar sind.

Die verwendeten Arzneimittel sind häufig identisch mit denen, die bei Migräne eingesetzt werden. Die Verabreichung von Betablockern kann probiert werden, das Gleiche gilt für trizyklische Antidepressiva. Beide Medikamente sind jedoch eigentlich nur für die Migränetherapie zugelassen. Lassen Sie sich von Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt beraten. Auch eine Supplementierung mit Q10 und L-Carnitin hat bei einigen Patienten nachweislich Wirkung gezeigt. Da sowohl Q10 als auch L-Carnitin kaum Nebenwirkungen haben (vorausgesetzt, die Dosierung ist korrekt), äußern viele den Wunsch, diese Behandlungsform als Erstes zu probieren.

Muss der Betroffene in den Beschwerdephasen heftig erbrechen, sind möglicherweise eine Flüssigkeitszufuhr über eine Infusion und die Gabe von Medikamenten gegen Übelkeit hilfreich, ggf. auch ein Klinikaufenthalt. Viele Betroffene können die Symptome besser ertragen, wenn sie in einem abgedunkelten Raum liegen. Wenn Kinder nach der Prodromalphase tief schlafen können, fallen die Beschwerden manchmal nicht so stark aus.

Leben mit der Erkrankung

Kinder bemerken die ersten Symptome häufig im Alter von 5–6 Jahren. Häufig vergehen bis zur Diagnosestellung mehrere Monate bis Jahre, da Übelkeit und Erbrechen bei Kindern häufig aus ganz verschiedenen Gründen vorkommen und die Kinder in der Zwischenzeit ja immer wieder ganz gesund sind. Die Symptome können z. B. mit denen einer Gastroenteritis (Magen-Darm-Infektion) verwechselt werden, die bei Kindern relativ häufig auftritt.

Viele Kinder, die an zyklischem Erbrechen leiden, gesunden bis zum Erreichen des Teenager-Alters. Bei Jugendlichen und Erwachsenen gestaltet sich der Verlauf oft variabler. Bei einigen kommt im Verlauf eine Migräne hinzu.

Viele Betroffene können die Anzahl der Episoden reduzieren, indem sie die auslösenden Faktoren meiden. Dabei kann es sich um extreme körperliche Erschöpfung, Schlafmangel, Stress, Autofahren, Fasten/Diäten und den Verzehr einiger Lebensmittel wie Schokolade und bestimmte Käsesorten handeln. Die auslösenden Faktoren für Episoden können individuell variieren. Das gewissenhafte Führen eines Tagebuchs kann dazu beitragen, die ursächlichen Faktoren aufzuspüren.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Zyklisches Erbrechen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Bufler P, Groß M, Uhlig GG. Chronische Bauchschmerzen bei Kindern und Jugendlichen. Dtsch Ärzteblatt 2011, 108 (17): 295 ff. www.aerzteblatt.de
  2. Tack J, Talley NJ, Camilleri M. Functional gastroduodenal disorders. Gastroenterology 2006; 130: 1466-79. pmid: 16678560 PubMed
  3. Li BU, Lefevre F, Chelimsky GG et al. North American Society for Pediatric Gastroenterology, Hepatology, and Nutrition consensus statement on the diagnosis and management of cyclic vomiting syndrome. J Pediatr Gastroenterol Nutr 2008; 47: 379-93. pmid:18728540 PubMed
  4. Lee LY, Abbott L, Mahlangu B et al. The management of cyclic vomiting syndrome: a systematic review. Eur J Gastroenterol Hepatol 2012; 24: 1001-6. pmid:22634989 PubMed
  5. Fitzpatrick E, Bourke B, Drumm B, Rowland M. The incidence of cyclic vomiting syndrome in children: population-based study. Am J Gastroenterol 2008; 103: 103. pmid:18070235. www.ncbi.nlm.nih.gov
  6. Li BU, Misiewicz L. Cyclic vomiting syndrome: a brain-gut disorder. Gastroenterol Clin North Am 2003; 32: 997-1019. pmid:14562585 PubMed
  7. Venkatesan T. Cyclic Vomiting Syndrome. emedicine.medscape, 3.9.2015. emedicine.medscape.com
  8. Venkatesan T, Prieto T, Barboi A, et al. Autonomic nerve function in adults with cyclic vomiting syndrome: a prospective study. Neurogastroenterol Motil 2010; 22: 1303. pmid:20667005. www.ncbi.nlm.nih.gov
  9. Boles RG, Zaki EA, Lavenbarg T, et al. Are pediatric and adult-onset cyclic vomiting syndrome (CVS) biologically different conditions? Relationship of adult-onset CVS with the migraine and pediatric CVS-associated common mtDNA polymorphisms 16519T and 3010A. Neurogastroenterol Motil 2009; 21: 936. pmid:19368653 PubMed
  10. Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie. Erbrechen bei Kindern – Bildgebende Diagnostik. AWMF-Leitlinie Nr. 064-017, Stand 2013. www.awmf.org
  11. Hikita T, Kodama S, et al. Sumatriptan as treatment for cyclic vomiting syndrome: a clinical trial. Cephalgia 2011;31:504. pmid 21147834. www.ncbi.nlm.nih.gov
  12. Badihian N, Saneian H, Badihian S, Yaghini O. Prophylactic Therapy of Cyclic Vomiting Syndrome in Children: Comparison of Amitriptyline and Cyproheptadine: A Randomized Clinical Trial. Am J Gastroenterol 2017. pmid:28719594 PubMed
  13. Hikita T, Kodama H, Ogita K, et al. Cyclic Vomiting Syndrome in Infants and Children: A Clinical Follow-Up Study. Pediatr Neurol 2016; 57: 29-33. pmid:26861170. www.ncbi.nlm.nih.gov