Zerebralparese (CP, ICP)

Zerebralparese ist eine Schädigung des Gehirns, die in der Zeit zwischen frühem fetalen Status bis zum Alter von zwei Jahren auftritt. Welche Auswirkungen die Zerebralparese hat, hängt vom Ausmaß der Schäden und ihrer Lokalisierung ab.

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Was ist Zerebralparese (CP)?

Das Gehirn entwickelt sich vor allem in der Zeit vom Beginn des fetalen Status bis zum Alter von zwei Jahren. Eine Schädigung oder eine Anomalie während der Entwicklung des Gehirns kann zu einer Zerebralparese führen. Wenn man eine solche Verletzung erlitten hat, bleiben die Beeinträchtigungen für den Rest des Lebens bestehen. Symptome oder Auswirkungen der Hirnverletzungen können sich verändern, da sich das Gehirn weiterentwickelt und wächst.

Die Gehirnschädigung beeinflusst die Signale, die das Gehirn an die Muskeln sendet, aber auch die Signale, die „Sensoren“ überall im Körper in die andere Richtung zum Gehirn senden. Störungen im „Zentrum“ (Gehirn) führen dazu, dass die Muskeln nicht vollständig gehorchen, und die Bewegungen, die man macht, nicht so sind wie beabsichtigt. Dies wird auch darauf zurückgeführt, dass das Gehirn nicht die richtigen Signale erhält, wo sich die verschiedenen Körperteile genau befinden.

In Norwegen haben oder bekommen zwei von 1.000 Säuglingen Zerebralparese. Das bedeutet, dass jedes Jahr etwa 120 neue Fälle auftreten.

Symptome

Insbesondere im ersten Lebensjahr kann es schwierig festzustellen sein, ob das Kind normal ist oder ob es Hirnschäden hat. Folgende Anzeichen deuten auf eine Zerebralparese hin: Saug-Schluckprobleme mit Sabbern, fehlender Tag-Nacht-Rhythmus, mangelndes Interesse an Geräuschen und visuellen Eindrücken, Unterschiede in der Bewegung der beiden Körperhälften, seltsame Körperhaltungen und unzureichende Kontrolle von Kopfbewegungen.

Eine Zerebralparese äußert sich bei jedem Menschen anders. Bei milden Formen treten lediglich leicht ungewöhnliche Bewegungen und Handhaltungen auf. Bei schweren Fällen dagegen besteht praktisch keine Muskelkontrolle, was sowohl die Bewegungen als auch die Sprachfähigkeit stark beeinflusst.

Wie sich die Zerebralparese äußert, hängt davon ab, welcher Teil des Gehirns beschädigt ist. Eins oder mehrere der folgenden Symptome sind üblich:

  • verspannte Muskeln und Muskelkrämpfe (Muskelverhärtung)
  • unwillkürliche Bewegungen
  • Probleme mit der Grobmotorik (z. B. beim Gehen und Laufen)
  • Probleme mit der Feinmotorik (z. B. beim Schreiben und Sprechen)
  • anomale Wahrnehmung und Verarbeitung von Sinneseindrücken
  • Probleme mit dem räumlichen Vorstellungsvermögen und bei der Augen-Hand-Koordination
  • Lernschwierigkeiten und Probleme, eigenständig zu handeln, zeigen sich im Schulalter deutlicher

Je nach Ausmaß der Gehirnschädigung kann die Zerebralparese auch mit anderen Problemen, wie mit epileptischen Anfällen und Entwicklungsverzögerungen, in Verbindung stehen.

Die bestehenden Schäden können nicht behoben werden, aber ihre Auswirkungen können beeinflusst werden. Dies bedeutet, dass man zwar eine bessere Körperbeherrschung trainieren kann, aber auch, dass Muskelverhärtungen mit zunehmendem Alter schlimmer werden.

Ursache

In der Zeit, in der sich das Gehirn entwickelt, können alle schädlichen Einflüsse eine Zerebralparese verursachen. Die Schädigung kann während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder während der ersten Lebensjahre eintreten.

Während der Schwangerschaft:

  • Alle Umstände, die zu einer Frühgeburt oder einem niedrigen Geburtsgewicht führen können, erhöhen die Wahrscheinlichkeit für eine Zerebralparese:
    • mehr als ein Fötus (Zwillinge, Drillinge)
    • beschädigte Plazenta und damit Beeinflussung des fetalen Wachstums
    • Infektionen in der Schwangerschaft
    • schlechte Ernährung während der Schwangerschaft
    • wenn die Mutter während der Schwangerschaft Giftstoffen ausgesetzt ist, dazu gehören auch das Rauchen und Alkohol
    • Blutunverträglichkeit zwischen Mutter und Kind
  • Chromosomendefekt beim Kind
  • erbliche Defekte beim Kind
  • zufällig entstandene Fehlbildungen im Gehirn des Kindes

Während der Geburt

  • Längere oder sehr plötzliche Geburten können Schäden verursachen:
    • eine schlechte Sauerstoffversorgung des Säuglings während der Geburt kann zu Gehirnschäden führen

In der frühen Kindheit

  • Infektionen wie Meningitis oder andere schwere Infektionen in der frühen Phase nach der Geburt
  • Hirnblutung
  • Kopfverletzungen durch Unfälle oder Misshandlung
  • Ertrinken
  • Vergiftung

Früher galt eine schlechte Sauerstoffversorgung des Säuglings während der Geburt als Ursache für die Zerebralparese. Untersuchungen haben nun gezeigt, dass die Ursachen wesentlich komplexer sind. Eine schwere Geburt kann die Folge einer bereits vorliegenden Schädigung des Kindes sein. Sie selbst kann aber auch eine Zerebralparese erst verursachen. Viele ICP-Kinder wurden zu früh geboren. Aber auch Kinder, die nach einer völlig problemlosen Schwangerschaft zur Welt kommen, können eine Zerebralparese haben.

Es kommt selten vor, dass man eindeutig bestimmen kann, welcher Faktor die Entwicklung der zerebralen Lähmung verursacht hat. Die meisten müssen sich leider damit abfinden, dass sie darauf nie eine befriedigende Antwort erhalten werden. Es ist eine große Stärke, wenn man es schafft, diese Fragen zu ignorieren, die ICP des Kindes zu akzeptieren und nach vorne zu blicken.

Behandlung

Wenn Ihr Arzt bei Ihrem Kind ICP vermutet, wird es für weitere Untersuchungen ins Krankenhaus geschickt. Dort werden dann eine MRT des Kopfes, Untersuchungen zur Entdeckung von anomalen Hirnaktivitäten, Untersuchungen des Stoffwechsels und die Überprüfung von Seh- und Hörvermögen vorgenommen.

Wenn die Diagnose gestellt ist, sind umfassende Behandlungs- und Unterstützungsprogramme erforderlich, um die bestmögliche Behandlung zu bieten. Verschiedenes Fachpersonal wird in unterschiedlichen Zeiträumen wichtig für die Behandlung des Kindes sein: Physiotherapeut, Krankenschwester, Kindergärtnerin, Sonderschullehrerin, Logopäde, Allgemeinärzte und verschiedene Fachärzte, Psychologen, Sozialarbeiter und evtl. Sozialtherapeuten. In Abhängigkeit von der Entwicklung Ihres Kindes ändern sich seine Bedürfnisse. In jeder Phase der Behandlung sollte eine zentrale Person die Übersicht behalten und die Maßnahmen koordinieren. Eine enge und gute Zusammenarbeit zwischen den Fachkräften und den Eltern ist für eine gute Behandlung von größter Bedeutung.

Menschen mit ICP und Epilepsie erhalten Medikamente, um Krampfanfälle zu verhindern oder zumindest die Zahl der Anfälle zu reduzieren. Spasmen sind das häufigste und gleichzeitig das größte Hindernis für die motorische Entwicklung. Sobald festgestellt wird, dass eine spastische Muskulatur die motorische Entwicklung behindert, sollte der Schwerpunkt auf der medikamentösen Krampfbehandlung liegen. Die Behandlung erfordert eine gute Funktionsdiagnostik, klare Therapieziele und einen eindeutigen Behandlungsplan. Es gibt drei Möglichkeiten: Botulinumtoxin A (BoNT, Botulinum-Neurotoxin) intramuskulär, Baclofen peroral und Baclofen intrathekal.

BoNT reduziert die Spastizität. Die Wirkung hält drei bis fünf Monate an. Die Injektionen müssen deshalb häufig mehrere Male wiederholt werden. Das Hauptziel ist, das motorische Lernen zu beeinflussen. Die Behandlung ist in erster Linie im Vorschulalter indiziert. Häufige Anzeichen sind Spitzfuß, Kreuzen der unteren Extremitäten, schwierige Ausrichtung der Knie und eingeschlagene Daumen. Die Behandlung erzielt eine umso bessere Wirkung, wenn sie mit anderen Maßnahmen kombiniert wird, wie einer spezifischen Physiotherapie, Orthesen und bei Spitzfußstellung möglicherweise mit einem drei- bis vierwöchigen Gips, um die Dehnungswirkung zu verstärken.

Baclofen kann in Form von Tabletten verabreicht werden. Allerdings erreicht es dann nur etwa 3 % des Zentralnervensystems, im Vergleich zu etwa 95 %, wenn es in den Hohlraum rund um das Rückenmark gegeben wird (intrathekal). Die medikamentöse Behandlung hat daher oft eine begrenzte Wirkung, und die Erhöhung der Dosis kann zu Überdosierungen und der Entwicklung von Nebenwirkungen führen, die in dieser Patientengruppe schwer zu entdecken sein können. Zunächst wird deshalb Baclofen intrathekal ausprobiert. Wenn die Testdosis die gewünschte Wirkung erzielt, wird dem Kind angeboten, für die kontinuierliche Behandlung eine Baclofen-Pumpe unter der Haut einzusetzen. Abgesehen von operationstechnischen Komplikationen treten bei dieser Behandlung selten Nebenwirkungen auf. Die Dosierung kann in der Pumpe eingestellt werden. Die Pumpe muss (je nach programmierter Dosierung) nach einem bis sechs Monaten aufgefüllt werden. Die Batterie hat eine Lebensdauer von fünf bis sieben Jahren.

Eine Physiotherapie zielt auf die Verbesserung der Koordinationsfähigkeiten. Sie soll schädliche Körperhaltungen und Bewegungsmuster verhindern und die Mobilität des Kindes im Allgemeinen verbessern. Dies wird nicht immer ausreichen, sodass eine Operation notwendig wird. In solchen Fällen geht es in erster Linie um die Verlängerung der Sehnen, die aufgrund der Muskelspannungen zu kurz sind.

Prognose

Da der Grad der Hirnschädigung sehr unterschiedlich sein kann, sind auch die Lebensaussichten von ICP-Patienten sehr unterschiedlich. Patienten, die mit der Lähmung von Armen und Beinen am stärksten betroffen sind und außerdem epileptische Anfälle haben, haben die schlechteste Prognose. Die meisten Menschen mit ICP haben eine etwas kürzere Lebenserwartung als der Rest der Bevölkerung. Dies bedeutet nicht, dass es nicht möglich ist, mit diesen Funktionseinschränkungen ein erfülltes und normal langes Leben zu haben. Wie bei allen Menschen sind eine gesunde Ernährung und regelmäßige körperliche Aktivitäten wichtig. Bei Menschen mit zerebraler Lähmung sind sie umso entscheidender, um die Lebensqualität noch zu erhöhen.

Weitere Informationen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Zerebralparese (CP). Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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