Harninkontinenz (Blasenschwäche) bei Kindern während des Tages

Harninkontinenz bei Kindern bezeichnet den unfreiwilligen Harnverlust bei Kindern, die bereits die Kontrolle über das Wasserlassen gewonnen haben.

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Was ist Inkontinenz oder Blasenschwäche?

Harninkontinenz (Blasenschwäche) während des Tages kann für Schulkinder eine große Belastung sein und hat einen negativen Einfluss auf das Selbstwertgefühl des Kindes. Daher ist eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sehr wichtig. Harninkontinenz bei Kindern bezeichnet den unfreiwilligen Harnverlust über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten bei Kindern, die bereits die Kontrolle über das Wasserlassen gewonnen haben. In der Regel ist die Harninkontinenz erst ab einem Alter von 5 Jahren behandlungsbedürftig. Die Harninkontinenz kann tagsüber oder nachts auftreten. Es gibt verschiedene Formen der Harninkontinenz bei Kindern. Typisch ist häufiger (mehr als sieben Mal pro Tag) und starker Harndrang mit geringem Harnverlust. Oft wird ein Zurückhalten des Wasserlassens beobachtet, d. h. das Kind hält inne und zieht sich beim Harndrang zusammen.

Bis zum 4. Lebensjahr gilt Harninkontinenz als normal. Harninkontinenz tagsüber ist weit seltener als das nächtliche Bettnässen und tritt etwas häufiger bei Mädchen auf. Studien zeigen, dass bis zu 20 % der 4- bis 6-Jährigen gelegentlich einen unwillkürlichen Harnverlust während des Tages haben, während bei 3 % ein Harnverlust zwei oder mehrere Male pro Woche festgestellt wurde. Ein Großteil der Kinder mit tagsüber bestehender Harninkontinenz nässt auch nachts ein. Das Problem nimmt mit fortschreitendem Alter ab. Während bei 2–5 % der 7-Jährigen eine Harninkontinenz besteht, sind bei den 11- bis 13-Jährigen nur noch 0,5 % der Kinder betroffen.

Ursachen

Verschiedene Faktoren können zur Entwicklung einer Harninkontinenz beitragen. Die familiäre Veranlagung und eine verzögerte Reifung der Blasenfunktion können eine Rolle spielen.

Normalerweise arbeiten der Blasenmuskel, der bei Entleerung der Blase mitwirkt, und der Schließmuskel zusammen. Dieses Zusammenspiel ist bei Kindern mit funktioneller Harninkontinenz gestört. Eine Ursache kann darin liegen, dass das Kind zuvor den Harndrang unterdrückt hat, statt zur Toilette zu gehen, und auf diese Weise das Zusammenspiel der Muskeln gestört hat. Gründe, warum Kinder den Harndrang unterdrücken, können beispielsweise sein, dass sie beim Spielen keine Zeit haben oder dass sie Schmerzen bei einer Harnwegsinfektion oder Empfindlichkeit im Unterleib haben. Auch eine unter- oder überaktive Blasenfunktion kann zu Harninkontinenz führen.

Andere Erkrankungen, die mit Harninkontinenz bei Kindern in Verbindung stehen, sind Harnwegsinfekte, vesikoureteraler Reflux, Verstopfung und psychische Störungen wie ADHS. Diese Erkrankungen sollten diagnostiziert und behandelt werden.

Diagnostik

Die Symptome sind charakteristisch. Die Ärztin untersucht das Kind, um eine organische Ursache der Harninkontinenz auszuschließen. In der Regel kann dabei kein Befund festgestellt werden. Der Urin wird im Hinblick auf eine Infektion untersucht. Zusätzlich kann eine Ultraschall-Untersuchung angebracht sein, um Anomalien der Harnwege (Vesikoureteraler Reflux) auszuschließen.

Um das Ausmaß der Harninkontinenz zu erfassen, kann es hilfreich sein, einige Tage ein Blasentagebuch zu führen. Hier werden die Trinkmenge, die Häufigkeit des Wasserlassens, unwillkürlicher Harnverlust und die Häufigkeit der Darmentleerung aufgezeichnet.

Behandlung

Die Patienten und die Eltern werden darüber aufgeklärt, wie die Blase arbeitet. Meist wird eine Vereinbarung über ein regelmäßiges Wasserlassen getroffen, vorzugsweise alle drei Stunden. Ein nützliches Hilfsmittel dabei ist, ein Tagebuch über das Wasserlassen für einen Zeitraum von 14 Tagen zu führen, in dem auch der Harnverlust eingetragen wird. Zunächst wird die tagsüber bestehende Harninkontinenz, anschließend nächtliches Bettnässen therapiert. Wenn das Kind zeitgleich an Verstopfung leidet, wird diese zuerst behandelt. Häufig bessert sich dadurch auch die Harninkontinenz. Evtl. zugrunde liegende psychische Erkrankungen sollten ebenfalls behandelt werden.

In der Regel werden keine Medikamente gegen die Inkontinenz verwendet. Bei einer überaktiven Blase können, wenn die oben beschriebenen Maßnahmen nicht zum Erfolg geführt haben, in einzelnen Fällen sogenannte Anticholinergika hilfreich sein. In manchen Fällen hilft auch eine Physiotherapie mit Beckenbodentraining. Die überwiegende Mehrheit spricht gut auf die Einführung guter Gewohnheiten mit regelmäßigen Toilettenbesuchen an.

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Inkontinenz bei Kindern. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Enuresis und nicht-organische (funktionelle) Harninkontinenz bei Kindern und Jugendlichen. AWMF-Leitlinie Nr. 028-026, Stand 2015. www.awmf.org
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