Enkopresis (Einkoten)

Eine Enkopresis liegt vor, wenn ein Kind in einem Alter, in dem Kinder normalerweise bereits Kontrolle über ihren Stuhlgang haben (ab dem Alter von etwa 4 Jahren), nicht adäquat auf der Toilette Stuhlgang hat, sondern Kot in die Unterwäsche oder auch anderen Orten absetzt. Die Ursachen dafür sind vielfältig.

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Enkopresis – Was ist das?

Einkoten bzw. Enkopresis wird definiert als willkürliches oder unwillkürliches Absetzen von Kot normaler oder fast normaler Konsistenz an nicht dafür vorgesehenen Stellen (Kleidung, nicht auf der Toilette, z.B. auf dem Boden) noch ab einem Alter vor etwa 4 Jahren. Tritt dies länger als 6 Monate lang etwa einmal im Monat auf, spricht man von einer Enkopresis. Betroffene Kinder setzen Kot entweder unwillkürlich versehentlich oder auch absichtlich an ungeeigneten Stellen bzw. nicht auf der Toilette ab. Manche Kinder halten den Stuhl auch sehr lange zurück, z. B. weil sie während des Stuhlgangs stets Schmerzen haben. Dann kann es dazu kommen, dass der Darm sich unkontrolliert entleert, wenn er zu stark gefüllt ist.1

Die Enkopresis lässt sich in zwei Formen einteilen:

  • Primäre Enkopresis: Das Kind hat noch nicht gelernt, seinen Stuhlgang zu kontrollieren.
  • Sekundäre Enkopresis: Das Kind hatte bereits länger als 6 Monate Kontrolle über den Stuhlgang, kotet nun aber wieder ein.

Betroffene Kinder leiden oft zusätzlich an chronischer Verstopfung (Obstipation), einige aber auch nicht. Letztere haben meist täglich normal geformten Stuhlgang, gehen aber nicht zur Toilette. Manche Betroffene möchten zwar nicht auf die Toilette gehen (obwohl sie dort normal Wasser lassen), entleeren ihren Darm jedoch gezielt in eine Windel, nachdem sie diese umgelegt bekommen haben. Andere Kinder entwickeln eine solche angsbesetzte Abneigung gegen die Toilette, dass sie dort auch nicht urinieren können (Phobie).

Die Häufigkeit der Enkopresis nimmt mit zunehmendem Alter ab. Sie liegt aber noch bei 1–3 % bei den 7- bis 8-Jährigen. Jungen sind deutlich häufiger betroffen als Mädchen (Verhältnis von 3–4 zu 1). In vielen Fällen gehen psychische Auffälligkeiten mit der Erkrankung einher.

Ursachen

Für die Enkopresis spielen in der Regel viele Ursachen eine Rolle. Zum einen sind rein körperliche Faktoren zu nennen: Das Zusammenspiel zwischen Nervensignalen, die die Füllung des Darms signalisieren und die Darm- und Anusmuskulatur zur willentlichen Defäkation steuern, reift bei manchen Kindern erst verzögert. Einkoten kann daher im Rahmen von Entwicklungsstörungen auftreten und kommt auch bei Kindern mit geistiger Behinderung häufiger auf . Auch Veranlagung spielt eine Rolle: Hatten Eltern aoder andere enge Familienangehörige solche Probleme, ist auch der Nachwuchs häufiger betroffen.

Bei einigen Kindern verstärken sich auch Verstopfung und Einkoten wechselseitig: Harter Stuhl nach einigen Tagen Verstopfung verursacht Schmerzen beim Toilettengang und kann zu Einrissen der Schleimhaut am Anus führen, also halten betroffene Kinder den Stuhl oft möglichst lange zurück. Dies wiederum führt zu anhaltender Verstopfung, und erschwert die Defäkation noch mehr. Bei einigen Kindern läuft dann flüssiger Stuhl an den harten Kotballen vorbei und unkontrolliert aus dem Darm.

Viele Kinder mit Enkopresis zeigen auffällige psychische Schwierigkeiten, etwa Verhaltensstörungen, hyperaktive Symptome oder auffälliges Trotzverhalten. Weitere Ursachen sind eine problematische Sauberkeitserziehung: Manche Eltern sind hier zu streng, andere zu nachlässig bzw. inkonsequent. Hier sind auch Ernährungsgewohnheiten zu beachten: Verstopfung lässt sich durch ausreichend Flüssigkeit sowie eine ballaststoffreiche Nahrung (viel Gemüse, Obst, Vollkorn) vorbeugen. Vernachlässigung oder gar Misshandlung eines Kindes sind ebenfalls mögliche Gründe für Einkoten. Manche Kinder koten ein, wenn sich Belastungssituationen ergeben (familiäre Unruhe, auch z. B. durch Geburt eines Geschwisterkindes, Probleme im Kindergarten) oder können nur zu Hause ganz normal zur Toilette gehen.  

 Symptome

Mögliche Symptome und Beschwerdebilder einer Enkopresis sind:

  • Abgang von Stuhl oder dünnflüssigem Stuhl in die Unterwäsche: Wenn viel Stuhl abgeht, kann dies als Durchfall fehlinterpretiert werden.
  • Geruch
  • Verstopfung und harter, trockener Stuhl oder kleine trockene Stuhlballen
  • Absetzen großer Stuhlmengen, die die Toilette verstopfen oder beinahe verstopfen
  • Vermeidung des Toilettengangs
  • Großer Abstand zwischen den einzelnen Toilettenbesuchen, mitunter von bis zu einer Woche
  • Appetitlosigkeit (nach Absetzen von Stuhl wieder mehr Appetit)
  • Bauchschmerzen, die nach dem Stuhlgang nachlassen
  • Viele Kinder nässen zudem manchmal ein (meist, weil der Druck auf die Blase durch den gefüllten Darm zu groß wird).

Kinder mit einer Enkopresis können unter verschiedenen Gefühlen wie Verlegenheit, Frustration, Scham oder Wut leiden. Wird das Kind von Freunden gehänselt oder von Erwachsenen gerügt, kann dies zu Niedergeschlagenheit und einem geringen Selbstwertgefühl führen.

Vorbereitung des Arzttermins

Ein Arzttermin wird häufig als kurz und hektisch wahrgenommen. Deshalb kann es sinnvoll sein, sich angemessen vorzubereiten. Hier finden Sie einige Empfehlungen zur Vorbereitung auf den Arzttermin:

  • Fertigen Sie eine Liste über die Symptome des Kindes und die Dauer ihres Bestehens an: Wie oft und wo kotet das Kind ein? Wie ist die Konsistenz des Stuhls? Wechseln sich harter Stuhl und Durchfall ab?
  • Haben wichtige Ereignisse im Leben des Kindes stattgefunden, die zu dem Problem beigetragen haben könnten?
  • Nimmt das Kind Medikamente, Vitamine, pflanzliche Präparate oder Ähnliches ein?
  • Schreiben Sie auf, was das Kind an einem normalen Tag isst und trinkt. Wie viel und welche Milchprodukte, feste Nahrung und Getränke nimmt das Kind zu sich?

Überlegen Sie sich auch, was Sie den Arzt fragen möchten:

  • Was ist die wahrscheinlichste Ursache für die Symptome meines Kindes?
  • Kann den Symptomen eine bestimmte Ursache zugrunde liegen?
  • Welche Untersuchungen müssen durchgeführt werden? Müssen für diese Untersuchungen besondere Vorbereitungen getroffen werden?
  • Wie lange kann das Problem anhalten?
  • Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es, und welche würden Sie empfehlen?
  • Kann die Behandlung Nebenwirkungen haben?
  • Können die Beschwerden des Kindes durch eine Veränderung der Ernährungsgewohnheiten gelindert werden?
  • Kann mehr körperliche Bewegung hilfreich sein? Sollte mein Kind am Sport teilnehmen?

Diagnostik

Der Arzt wird in einem Gespräch versuchen, den Beschwerden auf den Grund zu gehen. Es ist wichtig, die Folgen und Belastungen zu berücksichtigen, die aufgrund der Enkopresis des Kindes für die Familie entstehen. Der Arzt führt in der Regel eine allgemeine Untersuchung durch und tastet v. a. den Bauch sorgfältig ab. Dabei sollte auch der Bereich des Anus untersucht werden. Dabei handelt es sich lediglich um eine äußerliche Untersuchung, die keine Schmerzen verursacht.

Der Arzt wird möglicherweise eine Ultraschalluntersuchung des Bauchs durchführen, um den Darm und auch die Harnblase beurteilen zu können. Blutuntersuchungen sind nicht notwendig. Auch Röntgenuntersuchungen sind nur in ganz besonderen und seltenen Fällen erforderlich. Gegebenenfalls werden diese vom Hausarzt verordnet.

Behandlung

Um soziale und emotionale Folgen für das Kind zu verhindern, muss die Enkopresis frühzeitig behandelt werden.

Es ist wichtig, das Symptom zu entdramatisieren. Die Situation verschlimmert sich nur, wenn dem Kind Vorwürfe gemacht werden. Die Ernährung spielt eine wesentliche Rolle. Sorgen Sie für regelmäßige Mahlzeiten mit ausreichend faserreicher Kost (Gemüse, Obst, Vollkornprodukte), sauren Milchprodukten (Joghurt, Dickmilch) und ausreichend Flüssigkeit (vorwiegend Wasser, wenig Milch).

Es gibt keine Medikamente, die gegen die Enkopresis selbst wirksam sind. Bei einer Verstopfung muss der Darm des Kindes jedoch richtig entleert werden. Zur Darmentleerung werden verschiedene Mittel wie Öl-Klistiere, Laktulose oder Paraffin eingesetzt. Wurde der feste Stuhl aus dem Darm entfernt, liegt der Schwerpunkt der Behandlung auf der Erlernung geeigneter Toilettengewohnheiten (ggf. mit Unterstützung von Laxanzien bei weiterer Neigung zu Verstopfung).

  • Dem Kind sollte angewöhnt werden, jeden Tag zur gleichen Zeit auf die Toilette zu gehen, am besten direkt nach einer größeren Mahlzeit wie dem Frühstück oder Mittagessen. Der Darm ist innerhalb der ersten halben Stunde nach einer Mahlzeit aktiver, sodass sich die Darmentleerung in dieser Zeit einfacher gestaltet.
  • Das Kind sollte dann je nach Erfolg 2- bis 3-mal am Tag für je 5–10 Minuten auf der Toilette sitzen bleiben, wobei der Platz bequem sein sollte (Toilettensitz in geeigneter Größe, evtl. Bänckchen für die Füße, ein Buch oder Spielzeug zur Beschäftigung).
  • Die Eltern sollten Erzieher oder andere Betreuer ggf. über dieses Training genau informieren. 
  • Dem Kind sollte außerdem beigebracht werden, umgehend auf die Toilette zu gehen, wenn es den Drang verspürt (und z. B. nicht einfach weiter zu spielen, weil dies gerade spannender ist).
  • War das Kind auf der Toilette erfolgreich, sollte es belohnt werden. In einem Tagebuch lässt sich vermerken, an welchen Tagen das Kind nicht eingekotet hat bzw. zur Toilette gegangen ist. Dies lässt sich mit kleinen Belohnungen kombinieren (etwa ein kleines Geschenk für mehrere Tage Stuhlgang auf der Toilette). 
  • Sollte dieses Training nicht erfolgreich sein, kann Ihnen der Kinderarzt eine zusätzliche Unterstützung durch Kinderpsychologen anbieten, die spezielle Verhaltenstrainings durchführen.

Gespräche

Lassen Sie sich von Ihrem Kinderarzt mögliche Ursachen und Folgen von Enkopresis erklären und holen Sie Rat ein. Das Kind benötigt konkrete Hilfestellung beim Umgang mit dem Problem und muss die Gelegenheit bekommen, über seine eigene Wahrnehmung der Situation zu sprechen. Infolge der Enkopresis verspürt das Kind unter Umständen Gefühle von Scham, Schuld oder Depression oder leidet unter einem geringen Selbstwertgefühl. Die Eltern sollten eine positive, unterstützende und nicht verurteilende Haltung an den Tag legen. Ein Belohnungssystem sollte nicht zu lange aufrecht erhalten werden, denn natürlich sollte der Gang auf die Toilette auch für kleine Kinder eine ganz natürliche Sache sein.

Prognose

Bei den meisten Kindern bessern sich die Beschwerden mit zunehmendem Alter. Wird das Problem besprochen und darüber aufgeklärt, lassen sich eventuell schneller Fortschritte erzielen. Sinnvoll ist es, auch nachdem das Kind den Stuhlgang kontrolliert, das Toilettentraining noch mehrere Wochen weiter zu führen und auch zur Nachkontrolle nochmals nach einigen Monaten zum Arzt zu gehen. Aufgrund der psychischen Belastung kann es bei einigen Kindern zur Entwicklung von Verhaltensstörungen oder anderen psychischen Beschwerden kommen. Besteht der Verdacht, dass dies der Fall sein könnte, sollte Hilfe in Anspruch genommen werden.

Weitere Informationen

Literatur

  1. Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. Einkoten (Enkopresis). Stand März 2016. www.kinderaerzte-im-netz.de

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Enkopresis (Stuhlinkontinenz). Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Enkopresis. AWMF-Leitlinie Nr. 028-027, Stand 2006. www.awmf.org
  2. Bongers ME, Tabbers MM, Benninga MA. Functional nonretentive fecal incontinence in children. J Pediatr Gastroenterol Nutr 2007; 44: 5-13. PubMed
  3. Sonnenmoser M. Enkopresis: Hoher Leidensdruck. Deutsches Ärzteblatt 2006; PP 5, Ausgabe April: 173. www.aerzteblatt.de
  4. Zeller T, Cissarek T, Kroeger K et al. Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. Stuttgart: Georg Thime Verlag KG, 2011.
  5. Mehler-Wex C, Schweuerpflug P, Peschke N et al. Enkopresis – Prognosefaktoren und Langzeitverlauf. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherap 2005; 33(4): 285-293. doi:DOI 10.1024/1422-4917.33.4.285 econtent.hogrefe.com
  6. Loening-Baucke V. Prevalence rates for constipation and faecal and urinary incontinence. Arch Dis Child 2007; 92: 486-9. PubMed
  7. Claßen M. Obstipation. CME Zertifizierte Fortbildung. Monatsschrift Kinderheilkunde 2015; 163: 269-282. doi:10.1007/s00112-014-3264-9 DOI