Essstörungen bei Kleinkindern

Essstörungen bei Kleinkindern werden noch genauer als Fütterstörungen bezeichnet. Ihnen können viele verschiedene Ursachen zugrunde liegen.

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In der Fachsprache werden Probleme beim Essen bei Kindern, die jünger als 3 Jahre sind, als Fütterstörung bezeichnet, bei größeren Kindern als Essstörung. In diesem Text geht es v. a. um Fütterstörungen und Essstörungen bei Kindergartenkindern. Die eher bei Jugendlichen auftretenden Störungen wie Bulimie oder Magersucht werden in anderen Artikeln beschrieben.

Kinder, die nicht essen wollen oder können, stellen für Eltern eine starke Belastung dar. Für viele Eltern ist eine Mahlzeit die Gelegenheit, sich als Familie zu versammeln und Zeit miteinander zu verbringen. Wenn diese Zeit durch Sorgen und den ausschließlichen Fokus auf ein Kind geprägt wird, das nicht isst, kann dies schwerwiegende Folgen haben.

Was sind Fütter-/Essstörungen bei Kindern?

Zunächst ist zu beachten, ob ein Kind nicht essen oder schlucken kann, weil es körperlich krank ist. Dazu gehören die Trinkschwäche beim Säugling oder Schluckstörungen bei Kindern mit neurologischen Krankheiten, die im Abschnitt Ursachen aufgeführt sind. Ist ein Kind jedoch körperlich in der Lage, zu kauen und zu schlucken, isst jedoch trotzdem nicht oder nicht ausreichend, liegen psychische, soziale oder ähnliche Gründe für dieses Verhalten vor. 

Grundsätzlich kann möglicherweise auch eine Fütter-/Essstörung beim Kind vorliegen, wenn es über längere Zeit nicht dasselbe essen kann oder möchte wie seine Altersgenossen oder sehr viel länger isst als üblich. Eine Essstörung kann sich auch dadurch äußern, dass Ihr Kind nur ganz bestimmte und sehr wenige Lebensmittel isst, sodass eine ausgewogene Ernährung völlig unmöglich ist. Auch ein auffälliges Verhalten des Kindes während der Mahlzeit kann eine Essstörung darstellen, z. B. wenn das Kind mit den Nahrungsmitteln umherwirft oder mit dem Löffel schlägt. Manche Kinder verweigern das Essen komplett oder lassen sich nur mit verschiedenen „Tricks" zum Essen bewegen oder füttern.

Ursachen

Viele Kinder mit chronischen Krankheiten haben Essstörungen. Kinder mit angeborenen Herzfehlern oder Lungenerkrankungen haben oft Probleme in Verbindung mit Mahlzeiten, weil sie nicht kräftig genug sind, genügend Milch zu saugen (Trinkschwäche) oder zu essen. Kinder mit Gehirnschäden oder neurologischen Erkrankungen können oft auch die Muskeln schlecht kontrollieren, die fürs Kauen und Schlucken wichtig sind und haben daher große Probleme beim Essen. Auch Fehlbildungen im Bereich des Gesichts, der Zunge, des Kiefers, des Rachens oder der Speiseröhre können die Nahrungsaufnahme extrem erschweren. 

Bei manchen Kindern kann eine vorübergehende Krankheit (wie Sodbrennen, eine langanhaltende Halsentzündung, eine fieberhafte Infektion, ein Darminfekt mit Erbrechen oder eine Stoffwechselstörung) dazu führen, dass sie eine Mahlzeit mit Schmerzen oder Beschwerden verbinden und daher nicht essen wollen oder zu schwach zum Essen sind.

Einem problematischen Essverhalten können jedoch auch Verhaltensauffälligkeiten oder psychosoziale Probleme zugrunde liegen. Oft umfasst das Verhalten in der sogenannten Trotzphase der Kinder auch die Nahrungsaufnahme. Häufig sind auch Störungen der Eltern-Kind-Beziehung zu beobachten. Diese bedingen sich dann oft gegenseitig: Wenn Ihr Kind erst einmal Essstörungen entwickelt hat, kann sich die Situation durch die Sorge der Eltern und ihren Versuchen, dem Kind genügend Nahrung zuzuführen, verschlimmern.

Alle gesunden Kinder essen manchmal wenig oder weigern sich, bestimmte oder ihnen bisher unbekannte Lebensmittel zu essen. Dies ist oft eine vorübergehende Erscheinung, und auch wenn das Kind sich weigert, z. B. Makrele in Tomatensauce zu essen, isst es häufig ohne Probleme andere Lebensmittel. Diese Art von wählerischem Verhalten wird selten als Essstörung bezeichnet.

Wann sollten Sie ärztlichen Rat einholen?

Vereinfacht ausgedrückt sind Essstörungen schwerwiegender, je früher sie entstehen. Ist Ihr Kind jünger als 12 Monate und isst schlecht/hat Essstörungen, wird eine ärztliche Untersuchung empfohlen. Dies gilt insbesondere, wenn das Kind nicht normal an Gewicht zunimmt oder wenn es sich oft verschluckt und während der Mahlzeiten Hustenanfälle bekommt.

Um die kleinsten Kinder zu wiegen, ist es oft sinnvoll zu messen, wie viel sie tatsächlich zu sich nehmen. Es ist leicht, den Eindruck zu bekommen, dass das Kind sehr wenig isst, aber wenn es an Gewicht zunimmt, wie es sollte, besteht erst einmal kein Grund zur Sorge.

Die meisten Kinder unter 5–6 Jahren essen sehr variabel, was eines der Gründe ist, weshalb sich Eltern über die Nahrungsaufnahme sorgen können. Kinder können z. B. eine halbe Stunde damit verbringen, eine halbe Scheibe Brot zu essen, aber einige Stunden später oder am nächsten Tag können sie eine große Mahlzeit in wenigen Minuten essen.

Diagnose

Liegt eine deutliche Fehlbildung oder eine auffällige neurologische Krankheit vor, ist die Diagnose leicht zu stellen. In solchen Fällen stehen die Therapie der zugrunde liegenden Krankheit im Vordergrund sowie geeignete Maßnahmen, das Kind trotzdem ausreichend zu ernähren.

Ein wichtiger Teil der Untersuchung liegt bei ansonsten erst einmal gesund erscheinenden Kindern darin, einen Überblick über die Entwicklung des Kindes in anderen Bereichen als den der Nahrungsaufnahme zu erhalten. Gab es während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder in den ersten Lebenswochen des Kindes besondere Ereignisse? Entwickelt sich das Kind wie seine Altersgenossen, was Sprache, Krabbeln oder Laufen, Schlafen, Interesse an der Umgebung usw. angeht?

Der Arzt wird u. a. auch fragen, wie oft am Tag das Kind welche Nahrungsmittel isst, wie das Essen abläuft, ob das Kind selbst isst oder gefüttert wird, ob es sich verschluckt oder spucken muss, ob es konzentriert isst oder ständig abgelenkt ist oder ob es zu Konflikten kommt, weil das Kind nicht richtig isst.

Meist wird eine allgemeine Untersuchung durchgeführt, die auch einen Blick in den Mund und das Abhören von Herz und Lunge beinhaltet. Die Ärzte versuchen auch, einen Eindruck zu bekommen, wie sich Ihr Kind verhält und bewegt.

In einigen Fällen können spezielle Untersuchungen sinnvoll bzw. erforderlich sein, um nach Krankheiten zu suchen, die die Essstörungen Ihres Kindes verursachen können. Hier kann der Kinderarzt auch zusätzliche Untersuchungen beim Zahnarzt, Neurologen, Ernährungsberater, Physiotherapeuten, Psychologen oder anderen Fachdisziplinen empfehlen.

Weist das Kind jedoch insgesamt eine gesunde Entwicklung auf und hat insbesondere ein gesundes Körpergewicht, so besteht meist keine Fütter- oder Essstörung, sondern das Problem liegt eher darin, dass die Eltern ein Essverhalten von ihrem Kind erwarten, das möglicherweise nicht dem Alter entspricht oder das Kind aus anderen Gründen evtl. überfordert.  

Behandlung

Die Behandlung ist natürlich stark abhängig von der Ursache der Essstörungen. Hat das Kind eine bekannte Krankheit, die die Nahrungsaufnahme erschwert, wird versucht, diese zu behandeln und das Kind entsprechend ggf. auf anderem Wege etwa über eine Sonde oder andere geeignete Nahrung) ausgewogen zu ernähren.

Unabhängig von der Ursache für Essstörungen, haben die meisten Kinder mit Essstörungen einige psychologische Barrieren gegen Essen. Sie können z. B. Mahlzeiten mit Beschwerden verbinden, die auf frühere Erkrankungen zurückzuführen sind, oder sie haben sich bestimmte Verhaltensweisen angewöhnt und essen z. B. nur, wenn ihnen die Eltern vorsingen, oder wenn sie fernsehen dürfen.

Liegt keine körperliche Krankheit zugrunde, richtet sich daher ein großer Teil der Behandlung auf die Schaffung einer so normalen Essenssituation wie möglich. Spielzeug, Fernsehen und sonstige Ablenkungen sollten nicht im Bereich des Esstischs sein. Das Kind sollte mit Lebensmitteln Erfahrungen machen, die auf der richtigen „Ebene” im Verhältnis zur Nahrungsentwicklung des Kindes liegen. Manchmal müssen Sie einen oder mehrere Schritte zurückgehen und dem Kind z. B. zunächst wieder Brei geben und erst dann wieder feste Nahrung. Um richtiges Essen zu erlernen, ist die Stimulation im Mund ein wichtiger Bestandteil. Manchmal wird z. B. empfohlen, Kinder auf einer Zahnbürste kauen zu lassen, um ihre Essensfertigkeiten zu üben.

Der soziale Aspekt der Versammlung um eine Mahlzeit herum ist wichtig. Um die Beziehung der Kinder zum Essen zu normalisieren, ist z. B. der Kindergarten ein geeigneter Ort. Kinder lernen im Kindergarten oft, „normal” zu essen. Die anderen Kinder dienen als Vorbilder, und viele Eltern wundern sich dann, weil ihre Kinder im Kindergarten gut essen, zu Hause aber nicht. Das kommt nicht selten vor, denn Kinder sind anpassungsfähig und haben gelernt, zu Hause auf eine Weise und im Kindergarten auf eine andere Weise zu reagieren. Die Tatsache, dass Kinder im Kindergarten essen, ist eine gute Nachricht, die bedeutet, dass sich auch zu Hause nach und nach eine normale Esssituation einstellt.

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen