Diagnostik von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung

Vernachlässigung und Kindesmisshandlung kann sich in verschiedenen Formen, einschließlich sexuellem Missbrauch, äußern und für die betroffenen Kinder schwere Konsequenzen hinsichtlich der körperlichen und psychischen Entwicklung haben. Anzeichen von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung sollten sowohl von Kontaktpersonen als auch von ärztlichem Personal ernst genommen und weiter verfolgt werden.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Welche Formen der Vernachlässigung und Kindesmisshandlung gibt es?

Vernachlässigung und Kindesmisshandlung wird meist in folgende Gruppen, die sich jedoch häufig überschneiden, eingeteilt:

  • Vernachlässigung: Bedürfnisse der Kinder, seien es körperlicher oder seelischer Art, werden nicht erfüllt.
  • Körperliche Gewalt: Umfasst jegliche absichtliche physische Gewalt, wie Schläge, Verbrennungen oder das Schütteltrauma.
  • Psychische Gewalt: Umstände, die Kinder in ihrer seelischen Entwicklung beeinträchtigen können. Dazu gehören beispielsweise Ablehnung oder Überforderung.
  • Sexueller Missbrauch: Kinder, die sexueller Gewalt ausgesetzt werden.

Wie wird Kindesmisshandlung und Vernachlässigung erkannt?

Der Verdacht, dass ein Fall von Kindesmisshandlung vorliegt, kann von verschiedenen Seiten geäußert werden. Dies kann z. B. durch die Schule, medizinisches Personal oder bestimmte Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche, gleichermaßen aber auch durch Betroffene oder Familienangehörige selbst geschehen. Aufgabe des Arztes ist dann eine sorgfältige Klärung der Situation durch Gespräche mit der Familie und Untersuchung des Kindes, um den körperlichen und psychischen Entwicklungszustand und eventuelle Verletzungen zu beurteilen. Dabei ist es wichtig, einfühlsam und ohne Vorurteile vorzugehen. Die Schritte der Diagnose richten sich dabei nach Schwere und Art der vermuteten Kindesmisshandlung:

Vernachlässigung

Vernachlässigung kann sich bei betroffenen Kindern durch verschiedene Symptome äußern. Wenn die Kinder mangelhaft ernährt oder gepflegt werden, kann dies auffällige Symptome bezüglich Wachstum oder Haut- und Zahnzustand verursachen. Auch inzwischen unübliche Vitaminmangelerkrankungen können bei fehlernährten Kindern vorkommen und sollten vom Arzt erkannt werden. Wichtig ist es, auf die bei Kindern durchzuführenden Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen zu achten, die möglicherweise versäumt wurden. Etwas schwerer zu beurteilen sind die möglichen psychischen Konsequenzen der Vernachlässigung, die sich in Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität, Bindungsstörungen oder Depression äußern können. Der behandelnde Arzt sollte ein derart auffälliges Kind auf jeden Fall erneut sehen, um den Entwicklungsverlauf beurteilen zu können.

Körperliche Gewalt

Die Möglichkeit körperlicher Gewalt sollte bei Kindern grundsätzlich bei jeder Art von Verletzungen in Erwägung gezogen werden, jedoch haben Kinder auch in ihrem natürlich Verhalten ein hohes Risiko für Verletzungen. Es gibt daher einige Verletzungsmuster, die speziellen Verdacht erwecken lassen sollten. Nach Stürzen beispielsweise sind Verletzungen an Stellen wie dem Hals, dem Gesäß und dem Körperstamm eher ungewöhnlich. Auch bestimmte Knochenbrüche, wie z. B. komplizierte Schädelfrakturen sollten sorgfältig untersucht und auf Plausibilität geprüft werden. Symmetrische, scharf begrenzte Verbrennungen bzw. Verbrühungen ohne Abtropfspuren, insbesondere an ungewöhnlichen Stellen, sollten ebenfalls genauer abgeklärt werden.

Eine schwere Folge körperlicher Gewalt gegenüber Kindern können innere Verletzungen der Bauchorgane oder eine Schädelblutung nach einem Schütteltrauma sein. Wenn der Arzt körperliche Gewalt als Ursache einer Verletzung vermutet, muss das Kind ggf. ins Krankenhaus eingewiesen werden, um weitere Untersuchungen durchzuführen. Dazu gehören häufig eine Ultraschalluntersuchung der Bauchorgane, eine Bildgebung des Schädels und eine Röntgenuntersuchung des gesamten Skeletts, insbesondere bei Kindern unter zwei Jahren.

Spätestens bei häufigem Auftreten von untypischen Verletzungen sollte der Arzt hellhörig werden in Bezug auf körperliche Gewalt. Typisch ist, dass Eltern trotz ernster Verletzungen oft erst spät Kontakt zu Ärzten aufnehmen und die Schuld am Unfall meistens dem Kind zugeschrieben wird. Hier liegt es am Arzt, genau zu prüfen, ob der beschriebene Unfallhergang mit den vorhandenen Verletzungen zusammenpasst.

Psychische Gewalt

Psychische Gewalt ist mitunter schwer zu erkennen, aber sie kann schwere Schäden an der psychischen Verfassung und Entwicklung des Kindes verursachen. Gleichermaßen können viele psychische Symptome auch ohne zugrundeliegende Misshandlung auftreten, sodass hier eine sorgfältige Abklärung unter Einbezug von Ärzten der Kinder- und Jugendpsychiatrie notwendig ist. Mögliche Symptome sind Depression, starke Wut und Aggressionen, Essstörungen, Angststörungen und sozialer Rückzug. All diese Symptome sind stark altersabhängig. Während Kleinkinder oft Sprachentwicklungsstörungen oder Verhaltensauffälligkeiten wie spätes Daumenlutschen entwickeln, zeigen Schulkinder eher hyperaktives Verhalten oder Kontaktstörungen. Nach einem einschneidenden Ereignis kann es auch bei Kindern und Jugendlichen zu einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen, die sich in wiederkehrenden Erinnerungen, Alpträumen und zurückgezogenem Verhalten äußern kann. Für die Diagnose und Behandlung einer psychischen Störung wird das betroffene Kind meist an Ärzte oder Zentren, die auf Kinder- und Jugendpsychiatrie spezialisiert sind, weiterverwiesen.

Sexueller Missbrauch

Sexueller Missbrauch umfasst ein großes Spektrum möglicher Handlungen gegenüber Kindern und reicht von unangebrachter Entblößung Erwachsener bis hin zu Vergewaltigungen. Die Folgen sind meist sehr unspezifisch und umfassen emotionale und psychische Reaktionen, nicht selten zeigen die Kinder jedoch ein für ihr Alter unangemessenes sexualisiertes Verhalten. Da es sich um einen sehr sensiblen Prozess handelt, sollten die Gespräche und Untersuchungen auf jeden Fall von einem psychologisch geschulten Facharzt begleitet werden. Hierbei wird auch über die Dringlichkeit einer Behandlung und Beteiligung des Jugendamtes zum Schutz des Kindes entschieden.

Weitere Schritte

Die ausführliche Gesprächsführung und ärztliche Untersuchung sind die wichtigsten ersten Schritte und werden beim Verdacht auf Missbrauch besonders gründlich durchgeführt. Abhängig von der Situation und der weiteren Gefährdung des Kindes werden in Absprache mit der Familie andere Fachärzte, psychosozial geschultes Personal und weitere Einrichtungen wie die Jugendhilfe, Kinderschutz-Zentren und andere Beratungsstellen hinzugezogen. Eine Möglichkeit besteht in einer sogenannten Helferkonferenz, bei denen die Familie mit Helfern verschiedener Fachrichtungen und Betreuern wie z. B. Lehrern zusammenkommt, um die Situation des Kindes zu besprechen. Wenn eine akute Kindeswohlgefährdung besteht, kann der Arzt auch ohne Zustimmung der Eltern und unter Umgehung der Schweigepflicht das Jugendamt einbeziehen.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Jonas Klaus, Arzt, Freiburg i. Br.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin. Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. AWMF-Leitlinie Nr. 071/003. Stand 2010 (aktuell in Überarbeitung, daher online nicht verfügbar, Leitlinienanmeldung für Nr. 027/069) www.awmf.org
  2. McDonald KC. Child abuse: Approach and management. Am Fam Physician 2007; 75: 221-8. www.aafp.org
  3. Kairys SW, Johnson CF, for the Committee on Chlid Abuse and Neglect. The psychological maltreatment of children-technical report. Pediatrics 2002; 109: e68. pediatrics.aappublications.org
  4. Dubowitz H, Bennett S. Physical abuse and neglect of children. Lancet 2007; 369: 1891-99. PubMed
  5. Bundesministerium des Innern. Bericht zur polizeilichen Kriminalstatistik 2016. Stand April 2017; letzter Zugriff 07.07.2017. www.bka.de
  6. Deutscher Kinderschutzbund (DKSB), Landesverband Niedersachsen. Ärztlicher Leitfaden Kinderschutz. Hannover.2013. www.kinderschutz-niedersachsen.de
  7. Münnch T. Kindesmisshandlung - Neue Regeln für die Meldepflicht. Der Allgemeinarzt, 2013; 35: 42-44. www.allgemeinarzt-online.de
  8. Bundesärztekammer. (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte. Stand 2015. Letzter Zugriff am 07.07.2017 www.bundesaerztekammer.de
  9. Landesärztekammer Thüringen et al (Hrsg.):"Gewalt gegen Kinder"-Thüringer Leitfaden für Ärzte und Psychotherapeuten. 3. Auflage, 2015. www.laek-thueringen.de
  10. Svedin G, Wadsby M and Sydsjo G. Mental health, behaviour problems and incidence of child abuse at the age of 16 years. A prospective longitudinal study of children born at psychosocial risk. Eur Child Adolesc Psychiatry 2005; 14: 386-96. PubMed
  11. Wu SS, Ma CX, Carter RL, et al. Risk factors for infant maltreatment: a population-based study. Child Abuse Negl 2004; 28: 1253-64. PubMed
  12. Commitee on Child Abuse and Neglect, American Academy of Pediatrics. Evaluation of suspected child physical abuse. Pediatrics 2007; 119: 1232-1241 pediatrics.aappublications.org
  13. Kellogg ND; American Academy of Pediatrics Committee on Child Abuse and Neglect. Evaluation of suspected child physical abuse. Pediatrics. 2007;119(6):1232-1241. PubMed
  14. Pierce MC, Kaczor K, Aldridge S, O'Flynn J, Lorenz DJ. Bruising characteristics discriminating physical child abuse from accidental trauma published correction appears in Pediatrics. 2010;124(4):861. Pediatrics. 2010;125(1):67-74. PubMed
  15. King WK, Kiesel EL, Simon HK. Child abuse fatalities: are we missing opportunities for intervention? Pediatr Emerg Care. 2006;22(4):211-214. PubMed
  16. Scherl SA, Miller L, Lively N, Russinoff S, Sullivan CM, Tornetta P III. Accidental and nonaccidental femur fractures in children. Clin Orthop Relat Res 2000; 376: 96-105. www.ncbi.nlm.nih.gov
  17. Kocher MS, Kasser JR. Orthopaedic aspects of child abuse. J Am Acad Orthop Surg 2000; 8: 10-20. PubMed
  18. Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie (GPR). Verdacht auf Misshandlung bei Kindern - Bildgebende Diagnostik. AWMF-Leitlinie Nr. 064-014, Stand 2017. www.awmf.org
  19. American Academy of Pediatrics. Committee on Child Abuse and Neglect. When inflicted skin injuries constitute child abuse. Pediatrics 2002; 110: 644-5. Pediatrics
  20. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) et al. Psychische Störungen im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter. AWMF-Leitlinie Nr. 028-041, Stand 2013. www.awmf.org
  21. Rüth U, Freisleder FJ. Ärztliche Diagnose und Befunde – Formen von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. In: Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration (Hrsg.) Gewalt gegen Kinder und Jugendliche - Erkennen und Handeln - Leitfaden für Ärztinnen und Ärzte. Letzter Zugriff am 07.07.2017 www.aerzteleitfaden.bayern.de
  22. Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE): Gedeihstörung. AWMF-Leitlinie Nr. 068/002, Stand 2010. www.awmf.org
  23. Section on Radiology, American Academy of Pediatrics. Diagnostic imaging of child abuse. Pediatrics 2009; 123: 1430. PMID: 19403511 PubMed
  24. Reece RM, Jenny C. Medical training in child maltreatment. Am J Prev Med 2005; 29: 266-71. www.ncbi.nlm.nih.gov
  25. Bundesinitiative Frühe Hilfen. Bundesinitiative Frühe Hilfen Zwischenbericht 2014 – Mit Stellungnahme der Bundesregierung. Stand 2014. Letzter Zugriff am 07.07.2017 www.fruehehilfen.de
  26. Paul M, Nationales Zentrum Frühe Hilfen. Persönliche Auskunft per E-Mail am 07.07.2017.
  27. Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg. Frühe Hilfen - Vernetzung für wirksamen Kinderschutz. Stand Dezember 2016. Letzter Zugriff am 07.07.2017 www.kvbawue.de
  28. Hahn RA, Bilukha OO, Crosby A, Fullilove MT, Liberman A, Moscicki EK, et al. First reports evaluating the effectiveness of strategies for preventing violence: early childhood home visitation. Findings from the Task Force on Community Preventive Services. MMWR Recomm Rep 2003; 52: 1-9. www.ncbi.nlm.nih.gov