Maßnahmen bei Kindesmisshandlung

Vernachlässigung und Kindesmisshandlung kann sich in verschiedenen Formen, einschließlich sexuellem Missbrauch, äußern und für die betroffenen Kinder schwere Konsequenzen hinsichtlich der körperlichen und psychischen Entwicklung haben. Das vorrangige Ziel ist es dann, das Kind zu schützen. Abhängig von der Schwere und Art der Misshandlung werden verschiedene Akteure mit einbezogen, um ein Handlungskonzept auszuarbeiten und die Situation für das Kind langfristig zu verbessern.

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Rolle des Arztes

Kinder, die Opfer von Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung wurden, können Ärzten durch verschiedene Symptome auffallen, von denen einige sehr subtil sein können. Möglich sind häufige und untypische Verletzungen, psychische Auffälligkeiten oder eine verzögerte Entwicklung des Kindes. Auch wenn zuerst andere Ursachen wahrscheinlicher erscheinen, sollte der Arzt immer an die Möglichkeit einer Misshandlung denken. Nach ausführlichen Gesprächen mit dem Kind und den Eltern und einer entsprechenden Untersuchung kann sich ein solcher Verdacht gelegentlich bestätigen. Nach Möglichkeit sollte der Arzt einfühlsam und vorurteilsfrei vorgehen, um eine vertrauensvolle Basis mit den Eltern zu erhalten und diese in die Maßnahmen einzubinden.

Der Arzt ist dann verantwortlich für die entsprechenden Maßnahmen und den Kontakt zu weiterem Fachpersonal und Institutionen, die dem Kind ausreichend Schutz vor weiterer Misshandlung bieten. Das Vorgehen in solchen Fällen ist meist interdisziplinär, d. h. es werden Helfer verschiedenster Fachrichtungen eingebunden. Dies können beispielsweise Kinder- und Jugendpsychiater, Fachkräfte der Jugendhilfe oder Sozialarbeiter sein. In schweren und sehr akuten Fällen kann eine Einweisung ins Krankenhaus notwendig sein, um eine konsequente Betreuung und ggf. Behandlung des Kindes sicherzustellen.

Für eine Beteiligung des Jugendamtes ist eine Entbindung von der Schweigepflicht durch die Eltern nötig. Wenn der betreuende Arzt jedoch eine Gefährdung des Kindeswohls vermutet, kann dies unter Umgehung der Schweigepflicht trotzdem gemeldet werden. In konkreten Fällen, z. B. im Falle einer konkreten drohenden Gefahr sind Ärzte verpflichtet, die Polizei einzuschalten.

Aufgabenteilung

Im Falle von Kindesmisshandlung kommen Personen verschiedener Fachrichtungen zusammen, um gemeinsam mit den Familien den Schutz des Kindes und eine Verbesserung der Umstände zu bewirken. Eine gemeinsame Besprechung und Planung erfolgt häufig in einer sogenannten Helferkonferenz. Im Folgenden sind einige der wichtigsten beteiligten Personen und Institutionen genannt:

  • Haus- und Kinderärzte untersuchen und behandeln die Kinder und leiten sie an entsprechende Hilfsangebote weiter.
  • Ärztliche Spezialisten wie Kinder- und Jugendpsychiater übernehmen die weitere Behandlung der Kinder.
  • Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und Paar- und Familienpsychotherapeuten sind ebenfalls an der Therapie beteiligt.
  • Kinderkliniken können schwer kranke und gefährdete Kinder stationär behandeln und betreuen.
  • Verschiedene Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche sind lokal aktiv.
  • Das Jugendamt handelt bei Situationen, die das Kindeswohl gefährden und kann das Kind vorübergehend in Obhut nehmen.
  • Die Polizei ermittelt in strafrechtlich relevanten Fällen.
  • Kindergarten, Schule und Institutionen gestalten die tägliche Betreuung des Kindes.

Vorgehen

Das weitere Vorgehen wird von den beteiligten Helfern verschiedener Fachrichtungen ggf. in Absprache mit dem Kind und den Eltern entschieden. In erster Linie ist der Plan abhängig von der Schwere der Misshandlung und dem weiteren Gefährdungsrisiko für das Kind.

Im besten Fall erkennen die Eltern die bestehenden Probleme an und wollen an einer Verbesserung der Situation mitwirken. Wenn nach professioneller Einschätzung zusätzlich ein geringes Gefährdungsrisiko besteht, kann das Kind bei der Familie bleiben und dort behandelt werden. Weiterhin sollten Verhaltensänderungen in der Familie angestoßen werden und vorhandene Probleme wie Misshandlungserfahrungen der Eltern oder Suchtverhalten besprochen werden. Die Familie wird dann an weitere Unterstützungsangebote verwiesen, um nachhaltige Veränderung sicherzustellen. Hausbesuche, beispielsweise durch Sozialarbeiter oder Pflegepersonal, können als längerfristige Maßnahme zur Unterstützung der Familie und Beobachtung der Situation des Kindes sinnvoll sein.

Wenn diese Maßnahmen keinen Effekt zeigen oder ein Kind schwere körperliche oder psychische Schäden durch eine Misshandlung erlitten hat, muss es eventuell vorläufig in das Krankenhaus eingewiesen werden. Hier kann eine genaue Untersuchung und entsprechende Behandlung und Betreuung sichergestellt werden. Die behandelnden Ärzte halten Rücksprache mit der Jugendhilfe und weiteren Fachkräften, um zu entscheiden, ob das Jugendamt verständigt werden sollte. Wenn das Jugendamt letztendlich zu dem Entschluss kommt, dass das Kind nicht weiter ungefährdet in der Familie leben kann, gibt es Kinderbetreuungseinrichtungen, die die Fürsorge und pädagogische Erziehung übernehmen.

Therapieformen

In vielen Fällen von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung erfolgt eine Therapie durch Ärzte der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dies kann in verschiedenen Formaten geschehen, beispielsweise durch Einzel- oder Gruppentherapie. Wenn die Eltern bereit sind, an einer Verbesserung der Situation zu arbeiten, kann auch eine Familientherapie durchgeführt werden. Regelmäßige, feste Gesprächstermine können den Betroffenen zusätzliche Sicherheit bieten und den Helfern ermöglichen, die Entwicklung des Kindes zu verfolgen.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Jonas Klaus, Arzt, Freiburg i. Br.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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