Vernachlässigung und Kindesmisshandlung

Vernachlässigung und Kindesmisshandlung kommen in allen Ländern dieser Welt und in allen sozialen Schichten vor. Dies kann sich in verschiedenen Formen, einschließlich sexuellem Missbrauch, äußern und für die betroffenen Kinder schwere Konsequenzen hinsichtlich der körperlichen und psychischen Entwicklung haben.

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Was versteht man unter Vernachlässigung und Kindesmisshandlung?

Vernachlässigung und Kindesmisshandlung können für das Kind nachhaltige körperliche und psychische Konsequenzen haben und entstehen oft als Folge einer problematischen Eltern-Kind-Beziehung. Während Vernachlässigung eher ein passiver Vorgang ist, wird das Kind in Fällen von Kindesmisshandlung zum Opfer aktiver Gewalt.

Vernachlässigung und Kindesmisshandlung wird meist in folgende Gruppen eingeteilt:

  • Vernachlässigung: Körperliche und seelische Bedürfnisse der Kinder werden nicht erfüllt.
  • Körperliche Gewalt: Umfasst jegliche absichtliche physische Gewalt, wie Schläge, Verbrennungen oder das Schütteltrauma.
  • Psychische Gewalt: Umstände, die Kinder in ihrer seelischen Entwicklung beeinträchtigen können. Dazu gehören beispielsweise ablehnendes Verhalten oder Überforderung.
  • Sexueller Missbrauch: Kinder, die sexueller Gewalt ausgesetzt werden.

Diese Formen kommen häufig gleichzeitig vor. Nicht zwangsläufig, aber in vielen Fällen ist der Täter ein Elternteil oder eine sorgeberechtigte Person. Vernachlässigung und Kindesmisshandlung bleiben noch immer häufig unerkannt.

Häufigkeit

Kindesmisshandlungen kommen in allen Ländern dieser Welt, unabhängig von ethnischer Herkunft und Religionszugehörigkeit, vor. In Deutschland gibt es aktuell keine offiziellen Daten über Kindesmisshandlungen, daher ist die Häufigkeit nicht bekannt. Schätzungen zufolge sind etwa 10 % im Laufe ihrer Kindheit mindestens einmal körperlicher Gewalt ausgesetzt gewesen. Unter den im Krankenhaus behandelten Kindern leiden etwa 2 % unter den Folgen von Misshandlung oder Vernachlässigung. Veröffentlichte Zahlen, z. B. zur Häufigkeit von Anzeigen, sind generell mit Vorsicht zu betrachten, da man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen muss.

Risikofaktoren

Kindesmisshandlungen und sexueller Missbrauch treten prinzipiell in allen sozialen Schichten auf, jedoch können schwierige soziale Verhältnisse das Risiko erhöhen. All diese Faktoren sollten nicht isoliert betrachtet werden, sondern zu einem vorurteilsfreien Bild der familiären Umstände des Kindes beitragen. Mögliche Hintergründe von Kindesmisshandlung oder Vernachlässigungen können beispielsweise eine ungewollte Schwangerschaft, eine ungeklärte Vaterschaft oder andere Krisen während der Schwangerschaft oder in der Beziehung der Eltern sein. Die Aufgaben in Verbindung mit einem Kind können die Erziehungsberechtigten überfordern, z. B. im Falle von Alleinerziehenden oder sehr jungen Eltern. Auch zusätzliche Belastungen, beispielsweise durch körperliche oder psychische Erkrankungen und Alkoholabhängigkeit stehen mitunter im Zusammenhang mit Gewalt gegen Kinder. Man geht zudem davon aus, dass das Risiko unter Eltern, die selbst Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit erlebt haben, erhöht ist. Gewalt gegen Kinder ist oftmals verbunden mit Gewalt gegen andere Familienmitglieder. Entgegen diesen Risikofaktoren stehen sogenannte Schutzfaktoren, die dem Risiko von Kindesmisshandlung entgegenwirken. Dazu gehören stabile Bindungen zu Bezugspersonen, eine gute Erziehung sowie frühe Unterstützung der Eltern von außen.

Merkmale

Vernachlässigung. Diese kann sowohl körperliche als auch seelische Bedürfnisse betreffen. Ein Beispiel für körperliche Vernachlässigung ist eine nicht ausreichende Ernährung, die zu verzögerter Entwicklung oder Krankheiten durch Vitaminmangel führen kann. Eine seelische Vernachlässigung kann vielfältige Folgen, wie z. B. ein gestörtes Bindungsverhalten, eine Verzögerung der Sprachentwicklung oder Hyperaktivität und andere Verhaltensauffälligkeiten zur Folge haben.

Körperliche Gewalt. Körperliche Gewalt gegenüber Kindern kann verschiedene Formen annehmen. Gewalt gegen Kinder führt häufig zu äußeren, erkennbaren Verletzungen wie Abschürfungen, Blutergüssen und Platzwunden, aber auch Verbrühungen oder Verbrennungen. Schwieriger zu erkennen sind innere Verletzungen. Schäden an inneren Organen oder ein Schütteltrauma können zu inneren Blutungen führen und für das Kind lebensgefährlich sein. Natürlich sind nicht alle Verletzungen von Kindern auf Kindesmisshandlung zurückzuführen, jedoch sollte bei häufigen oder untypischen Zeichen daran gedacht werden.

Psychische Kindesmisshandlung. Kinder, die Opfer von psychischer Misshandlung waren, können ein schwer gestörtes Selbstwertgefühl und zahlreiche psychische Erkrankungen erleiden. Dies kann sich nach einschneidenden Ereignissen z. B. als posttraumatische Belastungsstörung mit wiederkehrenden Erinnerungen und Vermeidungsverhalten äußern. Ebenso können betroffene Kinder andere psychische Folgen, wie Depressionen, Essstörungen oder Einnässen erleiden. Hier ist jedoch Vorsicht geboten, da diese psychischen Störungen auch ohne zugrundeliegende Kindesmisshandlung auftreten können.

Sexuelle Gewalt. Hier handelt es sich um sexuelle Handlungen an Kindern und Jugendlichen, die entwicklungsmäßig weder in der Lage sind, sie zu verstehen, noch eine Einwilligung zu geben. Sexueller Missbrauch betrifft Kinder aller Altersgruppen, am häufigsten sind jedoch Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren betroffen. Die Folgen für das Kind können vielfältig sein, oft führt sexueller Missbrauch zu einem Gefühl von Hilflosigkeit und Isolation. Depression und Verhaltensänderungen sind weitere häufige Symptome und viele Betroffene leiden noch im Erwachsenenalter unter psychischen Erkrankungen. Körperliche Merkmale sind vergleichsweise selten und kein sicheres Kriterium, um festzustellen, ob ein sexueller Übergriff stattgefunden hat.

 Vorgehen

Der Verdacht, dass ein Fall von Kindesmisshandlung vorliegt, kann von verschiedenen Seiten geäußert werden. Dies kann z. B. durch die Schule, medizinisches Personal oder bestimmte Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche, gleichermaßen aber auch durch Betroffene oder Familienangehörige selbst geschehen. Aufgabe des Arztes ist dann eine sorgfältige Klärung durch Gespräche mit der Familie und Untersuchung des Kindes, um den körperlichen und psychischen Entwicklungszustand und eventuelle Verletzungen zu beurteilen. Dabei ist es für alle Beteiligten wichtig, einfühlsam und ohne Vorurteile vorzugehen, 

Das Vorgehen hängt entscheidend von der Schwere der Situation ab. Meist versucht der behandelnde Arzt über Gespräche mit den Eltern, weiteren spezialisierten Ärzten, geschulten Psychologen und Kontaktpersonen wie Lehrern eine Verbesserung der Situation zu bewirken. Viele Beratungsstellen und Fachkräfte können daraufhin weitere Hilfe von außen bieten und in einigen Fällen erfolgt eine Gesprächsrunde in sogenannten Helferkonferenzen. Bei schweren Verletzungen des Kindes oder nach einem Schütteltrauma kann hingegen eine Einweisung ins Krankenhaus notwendig sein. Wenn nach der Einschätzung des behandelnden Arztes ein hohes Gefährdungsrisiko für das Kind besteht, kann dieser die ärztliche Schweigepflicht umgehen und Kontakt mit dem Jugendamt oder sogar der Polizei aufnehmen.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Jonas Klaus, Arzt, Freiburg i. Br.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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