Kurz andauernde Anfälle bei Kindern

Es kann verschiedene Ursachen haben, warum bei einigen Kindern kurz andauernde, wiederkehrende Anfälle mit Bewusstseinsstörungen auftreten. Weitere Informationen darüber erhalten Sie in unserem Symptom-Checker.

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Worin bestehen kurz andauernde Anfälle bei kleinen Kindern?

  • Bei einigen Kindern treten kurz andauernde, wiederkehrende Anfälle mit Bewusstseinsstörungen unterschiedlicher Art auf.
  • Solche Anfälle können in einigen Fällen dramatisch und beängstigend auf die Eltern und andere Nahestehende wirken.
  • In den meisten Fällen handelt es sich um harmlose Erscheinungen, aber es ist wichtig, eine Epilepsie oder auch andere evtl. zugrunde liegende körperliche Krankheiten auszuschließen.

Häufigkeit

  • Das Phänomen ist bei Kindern v. a. im Vorschulalter nicht ungewöhnlich.
  • Etwa ein Drittel aller Notarzteinsätze bei Kindern sind darin begründet, dass das Kind bewusstlos geworden ist bzw. einen Krampfanfall hat.

Ursachen

Häufige Ursachen

  • Bewusstlosigkeit
    • Kann bei bis zu 20–50 % der Kinder auftreten (0–20 Jahre)
  • Fieberkrämpfe
    • Treten bei etwa 3 % aller Kinder im Alter zwischen ½ und 4 Jahren auf
    • Krampfanfall mit Fieber
  • Affektkrämpfe
    • Affektanfälle in Form von Wut, Schmerz, Angst. Hierbei kann es sich
      • entweder um einen schweren Schreianfall handeln, bei welchem das Kind stark schreit, in Atemnot gerät und blau anläuft
      • oder aber um ein minimales Schreien, auf welches Bewusstlosigkeit folgt und das Kind blass wird
    • Der Anfall dauert in der Regel nicht länger als 1 Minute
    • Das Kind erinnert sich später nicht, was während des Anfalls geschehen ist, oder gibt an, sich nicht daran zu erinnern.
  • Muskelzuckungen im Schlaf
    • Häufig bei Säuglingen, kann bis zum Schulalter andauern
    • Einzelne oder stärkere Zuckungen können auftreten, sobald das Kind schläft, und sich über die ganze Nacht erstrecken
    • Hierbei handelt es sich um einen harmlosen und vorübergehenden Zustand
  • Tics oder Tourette-Syndrom
    • Während Tics vorübergehend bei 15–25 % aller Kinder vorkommen, tritt das Tourette-Syndrom nur bei etwa 1 % aller Kinder in Erscheinung, hierbei deutlich öfter bei Jungen
    • Dominierende Merkmale für diese Zustände sind die eine oder andere Form von Tics – unfreiwillige Bewegungen oder Laute
  • Migräne
    • Kann bereits im Kleinkindalter beginnen.
    • Kann sich auf unterschiedliche Arten äußern.
    • Einige Betroffene leiden zusätzlich unter Sehstörungen, Schwindel, Erregungszuständen.
    • Kopfschmerzen und Erbrechen
  • Starren
    • Der Blick des Kindes erstarrt über einen kurzen Zeitraum.
    • Tritt vor allem in der Schule auf und wird von Lehrern beobachtet, jedoch nicht zu Hause.
    • Das Kind kann mit einem ausdrücklichen Befehl aus der "Trance" gerissen werden.
    • Tritt häufiger bei Kindern mit Lernschwierigkeiten auf.

Seltene Ursachen

  • Nachtschreck (Pavor nocturnus)
    • Eine Schlafstörung, die oft etwa ca. 90 Minuten nach dem Einschlafen auftritt.
    • Das Kind richtet sich abrupt auf und schreit, es ist bis zu 30 Minuten untröstlich, bevor es sich entspannt und wieder einschläft.
  • Narkolepsie
    • Bei Kindern ungewöhnlich, tritt in Einzelfällen bei Jugendlichen auf.
    • Ausgeprägte Schläfrigkeit am Tage, wirkt sich auf die schulischen Leistungen aus.
    • Es kann schwierig sein, das Kind am Morgen zu wecken, und das Kind kann verwirrt erscheinen, aggressiv werden oder sich verbal grob äußern.
  • Pseudoepileptische Anfälle
    • psychisch bedingte Anfälle, am häufigsten bei Mädchen
    • Während des Anfalls treten bestimmte Bewegungen auf, z. B. Gestikulationen, Tritte, Griffe, Radfahren mit den Beinen, Schläge, Kniffe.
    • Das Kind kann aber auch vollkommen still liegen, scheinbar reaktionslos.
    • Die Anfälle treten niemals auf, wenn das Kind alleine ist, und das Kind schlägt sich niemals selbst.
  • Vorübergehender Schwindel
    • Im Alter von 1–2 Jahren wird das Kind 1-bis 5-mal pro Jahr von plötzlichen Schwindelanfällen heimgesucht.
    • Die Schwindelanfälle dauern ca. 1 Minute – das Kind wird blass, wirkt erschrocken, schreit und fällt um, klagt über Übelkeit und Schwindel.
    • Das Bewusstsein bleibt erhalten.
  • Anfallsartiger Schiefhals (Torticollis)
    • selten, am häufigsten bei Kindern zwischen 1–2 Jahren
    • Plötzliche Anfälle, bei denen das Kind seinen Kopf schief hält, oftmals auch den ganzen Körper.
    • Die Anfälle dauern von einigen Minuten bis hin zu Tagen (im Gegensatz zum dauerhaften Schiefhals).
  • Anfälle mit Zittern
    • Solche Anfälle können im Kleinkindalter auftreten, häufiger in Familien, in denen größere Kinder und Erwachsene unter Zitteranfällen (Tremor) leiden.
    • keine Bewusstseinsstörungen
  • Gastroösophagealer Reflux
    • Säure aus dem Magen fließt über die Speiseröhre nach oben – dies kann Schmerzen verursachen, die das Kind nicht beschreiben kann.
    • häufiger bei Kindern mit Zerebralparese oder anderen Hirnschäden
    • Das Kind kann auffällige Positionen einnehmen, um zu versuchen, die Speiseröhre zu strecken.
    • Es ist zwar bei vollem Bewusstsein, zeigt aber Symptome wie Augenrollen, Atemaussetzer, hin und wieder Erbrechen, kann Epilepsie ähneln.

Grundsätzlich gibt es je nach Alter des Kindes sehr viele weitere Ursachen für kurz dauernde Anfälle bzw. Krämpfe bei Kindern. Kurz nach der Geburt etwa können Sauerstoffmangel, Unterzuckerung oder auch Entzugssymptome bei Drogenmissbrauch der Mutter Auslöser sein. In den ersten Lebenstagen können auch schwere Stoffwechselkrankheiten (etwa mit Kalziummangel), starker Flüssigkeitsmangel, Vergiftungen, Erkrankungen oder Fehlbildungen des Gehirns, schwere Infektionen (evtl. mit Hirnhautentzündung) zugrunde liegen. In einigen Fällen lässt sich aber auch keine Ursache für solche kurzen Anfälle finden.

Was können Sie selbst tun?

  • Die meisten dieser Anfälle sind harmlos, gehen von selbst vorüber und bedürfen keiner ärztlichen Untersuchung oder Behandlung.
  • Bei Kindern, die zur Ohnmacht neigen, können Sie beobachten, wann genau dies auftritt und dem Kind beibringen, sich rechtzeitig hinzusetzen oder hinzulegen, um Stürze zu vermeiden.
  • Bei Affektkrämpfen und Trotzanfällen ist es wichtig, dass die Eltern es unterlassen, diesem Ereignis große Bedeutung beizumessen. Hier können Gespräche mit einem Psychologen hilfreich sein.

Wann sollte ein Arzt aufgesucht werden?

Grundsätzlich wirkt jeder Krampfanfall, der als Erstereignis bei einem Kind auftritt, sehr Besorgnis erregend. Daher suchen die meisten Eltern einen Arzt auf, um das Kind untersuchen und sich beraten zu lassen. Ein Arztbesuch ist insbesondere zu empfehlen:

  • Bei Anfällen, die beängstigend und gefährlich wirken.
  • Bei unerklärlichen Anfällen
  • Bei häufigen und/oder länger andauernden Anfällen
  • Bei Anfällen, die die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen.
  • Bei Vorliegen weitere Krankheiten, Beschwerden, Auffälligkeiten (z. B. Fieber, andere Zeichen eines Infekts, Übelkeit, Erbrechen).

Was geschieht bei der ärztlichen Kontrolle?

  • Der Arzt wird in den meisten Fällen in der Lage sein, auf Basis der Krankengeschichte eine Diagnose zu erstellen.
  • Ist sich der Arzt nicht sicher, ob die Symptome Merkmale einer Epilepsie darstellen, wird das Kind an einen Facharzt überwiesen und dort ggf. ein EEG erstellt.

Anamnese

Der Arzt kann folgende Fragen stellen:

  • Wann sind die Beschwerden zuerst aufgetreten?
  • Wie häufig?
  • Wie ist der Gesundheitszustand des Kindes in der anfallsfreien Zeit einzustufen?
    • Gab es während der Schwangerschaft und bei der Geburt Probleme?
    • Sind nach der Geburt Symptome oder Probleme aufgetreten?
  • Wie äußert sich der Anfall?
    • Beschreiben Sie den Anfall.
    • Verliert das Kind während des Anfalls das Bewusstsein?
    • Treten Krämpfe auf? Welcher Art?
    • Dauer?
  • Leidet es nach dem Anfall an Müdigkeit?
  • Auslösende Faktoren?
    • Fieber?
    • Wut, Schmerz, Angst?
  • Wann treten die Anfälle auf?
    • Jederzeit?
    • Nur tagsüber?
    • Nur am Abend/in der Nacht?
    • Nur, wenn andere Menschen vor Ort sind?
  • Liegen zusätzlich Sehstörungen oder andere weitere Beschwerden vor?

Ärztliche Untersuchung

  • Der Arzt wird in der Regel eine allgemeine körperliche Untersuchung vornehmen und Fieber messen.
  • Der Arzt wird das Kind v. a. auf Anzeichen von Schädigungen des Nervensystems hin untersuchen und prüfen, ob unfreiwillige Bewegungen (Tics) auftreten und ob es Zeichen einer angeborenen Herzerkrankung gibt (Herzgeräusche, evtl. EKG).
  • Blutuntersuchungen können zeigen, ob erhöhte Entzündungszeichen, Auffälligkeiten der Mineralstoffe (Kalzium etc.), veränderter Blutzuckerspiegel vorliegen.

Andere Untersuchungen

  • Sind normalerweise bei einer Untersuchung durch den Allgemeinmediziner nicht erforderlich.

Überweisung zum Spezialisten oder in ein Krankenhaus

  • Ist in der Regel nicht erforderlich, aber wenn der Verdacht auf das Tourette-Syndrom vorliegt, kann eine Überweisung zum Kinderpsychiater oder Kinderarzt angebracht sein.
  • Ist sich der Arzt der Diagnose nicht sicher, wird er das Kind bei einer Kontrolle erneut untersuchen oder an einen Spezialisten überweisen.
  • Zeigt das Kind nach einem kurzen Anfall weiterhin auffällige Symptome, so sind genauere Untersuchungen von Gehirn und Nervensystem (evtl. MRT, Lumbalpunktion, EEG), des Herzens sowie Blutuntersuchungen angezeigt. 

Weitere Informationen

Autor

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Anfälle, nichtepileptische und epileptische bei Kindern. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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  2. Gesellschaft für Neuropädiatrie. Akute Bewusstseinsstörung jeneits der Neugeborenenperiode. AWMF-Leitlinie Nr. 022-016. Stand 2013. www.awmf.org
  3. Cui W, Kobau R, Zack MM, et al. Seizures in Children and Adolescents Aged 6–17 Years - United States, 2010–2014. MMWR Morb Mortal Wkly Rep 2015; 64:1209. PubMed
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  5. Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie e.V..Synkopen im Kindes- und Jugendalter. AWMF-Leitlinie Nr. 023-004. Stand 2014. www.awmf.org
  6. Maurer VO, Rizzi M, Bianchetti MG et. al. Benign neonatal sleep myoclonus: a review of the literature. Pediatrics 2010; 125: e919–24.