Akute Bauchschmerzen bei Kindern

Akute Bauchschmerzen kommen bei Kindern häufig vor. Die meisten Episoden gehen von selbst vorüber und nur selten ist ein Krankenhausaufenthalt nötig.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was sind akute Bauchschmerzen bei Kindern?

  • Es handelt sich um plötzlich einsetzende, starke Schmerzen in der Bauchregion.
  • Akute Bauchschmerzen bei Kindern treten häufig auf. Dabei müssen die Schmerzen nicht immer im Bauch ihren Ursprung haben. Besonders Kinder zwischen dem 1. und 5. Lebensjahr können Schmerzen, die von anderen Organen ausgehen, nicht genau lokalisieren und zeigen die Schmerzen im Bauch an.
  • Die meisten Episoden von akuten Bauchschmerzen sind harmlos und gehen von selbst vorüber. Es kann aber auch selten ein lebensbedrohlicher Grund hinter den Bauchschmerzen stecken und einen Krankenhausaufenthalt rechtfertigen.

Diagnostische Einschätzungen in Bezug auf das Alter

  • Kinder unter 1 Jahr
    • In dieser Altersgruppe sind die wichtigsten Symptome für Bauchschmerzen anhaltendes bzw. lautes Weinen und Anziehen der Beine unter den Körper.
  • Kleinkinder: etwa 1 bis fünf Jahre
    • Bauchschmerzen sind ein sehr unspezifisches Symptom, die meist auf eine Krankheit oder Infektion in einem anderen Organ hindeuten.
    • Das Kind zeigt fast ausnahmslos Schmerzen um den Bauchnabel herum an, auch wenn die Krankheit an anderer Stelle lokalisiert ist.
  • Ältere Kinder: über 5 Jahre
    • Die Symptome ähneln den Symptomen bei Erwachsenen.
    • Psychogene Bauchschmerzen treten ab dem Schulalter häufiger auf.

Was ist die Ursache für akute Bauchschmerzen bei Kindern?

Häufige Ursachen, die behandelt werden müssen

  • Verstopfung bei Kleinkindern
    • Eine akute Verstopfung kann auf eine andere Erkrankung hinweisen.
    • Eine chronische Verstopfung kann zu akuten Bauchschmerzen führen. Die Schmerzen treten meist links oder direkt über dem Schambein auf.
  • Verstopfung bei Säuglingen
    • Dies kommt sehr selten vor, aber da zwischen den Darmentleerungen viel Zeit vergehen kann, können Eltern die Situation falsch einschätzen und eine Verstopfung vermuten.
    • Bei einer Verstopfung wird der Stuhl fester und härter. Beim Stuhlgang kommt es zu Schmerzen oder Beschwerden, und die Zeit zwischen den Darmentleerungen ist länger.
  • Harnwegsinfekt
    • Die Krankheit ist selten.
    • Es kommt zu Schmerzen, Druck auf der Blase, Brennen beim Wasserlassen und häufigem Wasserlassen.
  • Blinddarmentzündung (Appendizitis)
    • Es handelt sich um eine Entzündung des Wurmfortsatzes und nicht des Blinddarmes, wie der Name fälschlich vermuten lässt.
    • Die Entzündung tritt am häufigsten im Alter von 10–30 Jahren auf.
    • Die diffusen Schmerzen mit möglicher Übelkeit und Erbechen beginnen häufig oben im Bauch und verlagern sich dann innerhalb von Stunden auf die untere rechte Bauchseite. Leichtes bis mäßiges Fieber ist möglich, und körperliche Aktivität verstärkt die Schmerzen.

Häufige Ursachen, die nicht behandelt werden müssen

  • Säuglingskolik
    • Koliken treten bei Säuglingen häufig auf.
    • Sie kommen bei 10–20 % der Säuglinge in den ersten Lebenswochen bis zum dritten Lebensmonat vor.
    • Die Ursache ist bis heute nicht geklärt.
    • Betroffene Kinder schreien, ziehen die Knie Richtung Bauch und scheinen starke Schmerzen zu haben. Die Schmerzen treten meist am Abend nach Nahrungsaufnahme und in der Nacht auf.
  • Magen-Darm-Infektion
    • Sie ist eine der häufigsten Ursachen von Bauchschmerzen bei Kindern.
    • In den meisten Fällen verursachen Viren die Beschwerden. Es können aber auch Bakterien verantwortlich sein.
    • Es kommt zu diffusen oder kolikartigen, sich verlagernden Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Fieber. Meist sind auch andere Personen in der Familie/im direkten Umfeld betroffen, und häufig tritt die Übelkeit vor dem Durchfall auf.
  • Reizdarm
    • Die Erkrankung tritt am häufigsten bei Kindern und Jugendlichen auf. Sie wird durch psychische Faktoren und Stress verursacht.
    • Es kommt zu wiederkehrenden Problemen in Form von wechselndem Stuhlverhalten, Unterbauchschmerzen und Blähungen. Nach Stuhl- und Gasentleerung kommt es meistens zu einer Linderung der Beschwerden.
  • Lymphknotenschwellung im Bauchbereich (Lymphadenitis mesenterialis)
    • Sie tritt bei Kindern und jungen Erwachsenen auf. Sie wird durch entzündete, geschwollene und empfindliche Lymphknoten im Bauchbereich verursacht.
    • Es kommt zu ähnlichen Symptomen wie bei einer Blinddarmentzündung.
    • Häufig tritt eine gleichzeitige Infektion der oberen Atemwege auf.
    • Da die Beschwerden schwer von einer Blinddarmentzündung zu unterscheiden sind, wird die Diagnose meist erst während der Blinddarmoperation gestellt.
  • Wiederholte Anfälle von Bauchschmerzen bei Kindern (Reizmagen)
    • Die Schmerzen treten wiederholt über mehrere Monate auf und beeinträchtigen die normalen Aktivitäten des Kindes.
    • Anders als beim Reizdarm sind die Schmerzen eher im Oberbauch lokalisiert.
    • Das Kind reagiert mit Bauchschmerzen auf Stress, Anspannung, Angst usw.
    • Die Schmerzen gehen meist von selbst vorüber, und ein Arzt muss nur in Ausnahmefällen kontaktiert werden.

Seltene Ursachen

  • Einklemmungsbruch (Hernia incarcerata)
    • Im Leistenbereich kommt es zu einer Schwellung, die sich nicht wieder eindrücken lässt. Dabei treten Teile der Baucheingeweide nach außen hervor und kommen unter der Haut zu liegen. 
    • Bei einer akuten Einklemmung bestehen sehr starke Schmerzen.
  • Darmverschluss bei Säuglingen (Darminvagination)
    • Es handelt sich um einen Notfall. Heftige Bauchschmerzen und galliges Erbrechen sind Warnzeichen. Der Bauch kann stark gebläht sein.
    • Im Unterschied zu Koliken schreit der Säugling meist anhaltend, und der Allgemeinzustand ist deutlich schlechter. 
    • Die Säuglinge fallen häufig durch eine blasse Hautfarbe auf und können einen blutig-schleimigen Stuhl absetzen.
  • Meckel-Divertikulitis
    • Die Krankheit tritt meist bei Kindern unter zehn Jahren auf. Das Meckel-Divertikel ist eine Aussackung des Dünndarms, die sich entzünden kann.
    • Es kann zu intensiven, anfallsartigen Schmerzen kommen. Symptome sind Fieber, Übelkeit, Erbrechen und ein harter Bauch.
  • Laktoseintoleranz
    • Bei einer Laktoseintoleranz verträgt das Kind  keinen Milchzucker (Laktose). Die Laktoseintoleranz kommt bei Kindern selten vor und tritt fast immer aufgrund einer anderen Erkrankung des Magen-Darm-Trakts auf, z. B. bei einer gleichzeitigen Infektion. Sie tritt meist bei Säuglingen oder Kleinkindern auf.
    • Die Symptome werden durch die Aufnahme von Milch verursacht. Das Kind leidet einige Stunden nach dem Verzehr von Milch unter einem Blähbauch, Bauchkrämpfen, Blähungen und wässrigem Durchfall.
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankung
    • Sie tritt am häufigsten bei älteren Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf.
    • Die Colitis ulcerosa äußert sich häufig in Form von blutigem Durchfall.
    • Morbus Crohn ist durch Schmerzen, Durchfall und kleine Abszesse um den After gekennzeichnet.
  • Sonstiges
    • Viele seltene Krankheiten können akute Bauchschmerzen verursachen.

Was können Sie selbst tun?

  • Akute, starke Bauchschmerzen bedürfen normalerweise einer ärztlichen Untersuchung.
  • Bei Schmerzen aufgrund einer bekannten Diagnose sollten Sie die zuvor erteilten Ratschläge befolgen.
  • Bei leichten Bauchschmerzen können Sie abwarten und den weiteren Verlauf der Schmerzen beobachten. Meist gehen Bauchschmerzen bei Kindern von selbst vorüber.

Wann sollten Sie einen Arzt aufsuchen?

  • Kommt es zu akuten, starken Bauchschmerzen, sollten Sie einen Arzt aufsuchen.

Wie geht der Arzt vor?

Krankengeschichte (Anamnese)

Der Arzt wird Ihnen eventuell folgende Fragen stellen:

  • Wann sind die Schmerzen aufgetreten?
  • Traten die Schmerzen plötzlich auf und/oder haben sie sich im Laufe der Zeit verstärkt?
  • Haben sich die Schmerzen im Verlauf verändert?
  • Hat das Kind eine erhöhte Temperatur?
  • Zeigt das Kind noch andere Symptome?
    • Übelkeit?
    • Erbrechen?
    • Durchfall?
    • Hat das Kind Probleme beim Wasserlassen?
  • Hatte das Kind in den letzten 24 Stunden Blähungen und/oder Stuhlgang?
  • Leidet das Kind an anderen bekannten Erkrankungen?
  • Wurde das Kind schon einmal am Bauch operiert?
  • Schmerzen
    • Wo genau tut es weh?
    • Strahlen die Schmerzen aus? Wohin?
    • Kann das Kind die Schmerzen beschreiben? Sind die Schmerzen anhaltend, kolikartig, stechend oder dumpf?
    • Kann das Kind noch laufen oder verweigert es jede Bewegung?
  • Sind Bauchschmerzen bei psychischem Stress bekannt?

Ärztliche Untersuchung

  • Der Arzt führt eine gründliche Untersuchung des Kindes durch. Er wird den Bauch ansehen, abhören und abtasten.
  • Bei Bedarf wird eine ärztliche Enddarmuntersuchung oder evtl. eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt.
  • Der Arzt wird auch Ohren, Rachen und Lunge untersuchen und auf Nackensteife kontrollieren.
  • Wenn eine ernste Erkrankung ausgeschlossen wurde, gilt es das Kind zu beobachten. Sollte sich der Zustand nicht verbessert oder sogar verschlechtert haben, wenden Sie sich erneut an Ihren Arzt.

Weitere Untersuchungen

  • Je nach Ermessen des Arztes können weitere Untersuchungen notwendig sein.
  • Es können Blutproben, Stuhlproben und Urinuntersuchungen benötigt werden.
  • Falls erforderlich, sind weitere Untersuchungen im Krankenhaus durchzuführen.

Überweisung ins Krankenhaus

  • Besteht von ärztlicher Seite der Verdacht auf eine akute Erkrankung, die einen Krankenhausaufenthalt erfordert, wird das Kind sofort ins Krankenhaus eingewiesen.
  • In vielen Fällen handelt es sich bei der Ursache für akute Bauchschmerzen um Erkrankungen, die vom niedergelassenen Kinderarzt behandelt werden können.

Autoren

  • Natalie Anasiewicz, Ärztin, Freiburg i. Br.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Bauchschmerzen bei Kindern, akute. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Schaufelberger M, Meer A, Furger P, Derkx H et al.. Red Flags - Expertenkonsens - Alarmsymptome der Medizin. Neuhausen am Rheinfall, Schweiz: Editions D&F, 2018.
  2. Fleischmann T. Fälle Klinische Notfallmedizin - Die 100 wichtigsten Diagnosen. München, Deutschland: Elsevier, 2018.
  3. D'Agostino J. Common abdominal emergencies in children. Emerg Med Clin North Am 2002; 20:139. PubMed
  4. Leung AKC, Sigalet DL. Acute abdominal pain in children. Am Fam Physician 2003; 67: 2321-6. PubMed
  5. Abklärung akuter Bauchschmerzen beim Kind. Ärztekammer Nordrhein. Rheinisches Ärzteblatt. Mai 2008. www.aekno.de
  6. Garrison M, Christakis D. A Systematic Review of Treatments for Infant Colic. Pediatrics 2000;106:184–190. pediatrics.aappublications.org
  7. Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH). Invagination. AWMF Leitlinie Nr. 006-027. S1, Stand 2013. www.awmf.org
  8. Zernikow B, Hechler T. Schmerztherapie bei Kindern und Jugendlichen. Dtsch Arztebl 2008; 105(28–29): 511–22DOI: 10.3238/arztebl.2008.0511 DOI
  9. Bufler P, Groß M. Uhlig H. Chronische Bauchschmerzen bei Kindern und Jugendlichen. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(17): 295-304; DOI: 10.3238/arztebl.2011.0295 DOI
  10. Shaikh N, Morone NE, Lopez J, et. al. Does this child have a urinary tract infection?. JAMA 2007; 298: 2895-904. Journal of the American Medical Association
  11. Leung AK, Robson WL. Urinary tract infection in infancy and childhood. Adv Pediatr 1991;38:257-85. PubMed
  12. Bundy DG, Byerley JS, Liles EA, et. al. Does this child have appendicitis?. JAMA 2007; 298: 438-51. Journal of the American Medical Association
  13. Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie (GPR). Bauchschmerz bei Kindern - Bildgebende Diagnostik. AWMF Leitlinie Nr. 064 - 016. S1. Stand 2017 www.awmf.org
  14. Kokki H, Lintula H, Vanamo K, Heiskanen M, Eskelinen M. Oxycodone vs placebo in children with undifferentiated abdominal pain: a randomized, double-blind clinical trial of the effect of analgesia on diagnostic accuracy. Arch Pediatr Adolesc Med 2005; 159: 320-5. PubMed