Schlechte Gewichtszunahme bei Kindern

Nimmt ein Kind zu langsam an Gewicht zu, kann dies sehr viele Ursachen haben. Viele lassen sich beheben und das Kind entwickelt sich gesund weiter. In einigen Fällen liegt der geringen Gewichtszunahme jedoch eine schwerwiegende Krankheit zugrunde. Bleibt die Ernährung problematisch und das Körpergewicht langfristig zu gering, können Kleinwuchs und eine Entwicklungsverzögerung die Folge sein.

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Was ist eine schlechte Gewichtszunahme bei Kindern?

  • Für Säuglinge und Kleinkinder gibt es in Wachstums-/Entwicklungskurven aufgeführte Werte für Wachstum und Gewichtszunahme, die dem Durchschnitt aller gesunden Kinder entsprechen. Diese Werte umfassen einen recht breiten Bereich und geben beim Vergleich mit den aktuellen Messwerten des Kindes an, ob dieses in Bezug zu den meisten Kindern normal, eher langsam oder sehr schnell an Gewicht zunimmt und wächst.
  • Abweichungen werden durch regelmäßige Messungen beim Kinderarzt und den Vergleich mit den Wachstumskurven festgestellt oder bestätigt.
  • Die Diagnose wird gestellt, wenn das Gewicht eines Kindes im Vergleich zum Körperwachstum und Alter stark nach unten abweicht oder wenn Gewicht und Körperlänge in Bezug zum Alter deutlich zu gering sind. Ist das Kind deutlich unterernährt, ist das für Pflegekräfte und Ärzte natürlich auch ohne Heranziehung von Kurven sofort erkennbar.

Welche Folgen können auftreten?

  • Viele Kinder zeigen vorübergehend eine schlechte Gewichtszunahme, weil sie z. B. wegen eines Infekts keinen Appetit haben, wegen einer Magendarmkrankheit an Durchfall leiden, aufgrund von Schmerzen nicht essen mögen oder aus anderen Gründen (auch psychische, soziale Faktoren), die sich bei einer entsprechenden Therapie bzw. geeigneten Betreuung legen.
  • Manche Kinder, v.a. Frühgeborene, zeigen von Anfang an eine sehr langsame Gewichtszunahme. Ist diese nicht dramatisch langsam und bleibt über die Zeit konstant, sind bei einem ansonsten gesunden Kind in der Regel keine negativen Folgen zu erwarten. 
  • Kinder mit lange anhaltender zu geringer Gewichtszunahme jedoch haben ein erhöhtes Risiko für Kleinwuchs, Verhaltensprobleme und Entwicklungsverzögerungen.
  • Die schlechte Gewichtszunahme kann als Folge von Ernährungsproblemen auftreten und damit eine mangelnde Entwicklung verursachen. Eine mangelnde Gewichtszunahme kann jedoch auch Zeichen für eine zugrunde liegende körperliche Krankheit sein, die auch zu Kleinwuchs und einer Entwicklungsverzögerung führt.

Was ist die Ursache für eine schlechte Gewichtszunahme bei Kindern?

  • Unzureichende Kalorienzufuhr
    • Störung bei der Nahrungsmittelaufnahme (z. B. Schluckstörungen, Fehlbildungen der Zunge, der Speiseröhre; Verletzungen, Engstellen, Tumoren im Rachenraum)
    • Unzureichende Nahrungsmittelzufuhr (zu wenig Nahrung oder keine ausgewogene Ernährung, auch wegen Allergien/Unverträglichkeiten)
    • Regelmäßiges Aufstoßen/Erbrechen bei gastroösophagealem Reflux (Rückfluss von Magensäure)
    • Trinkschwäche durch schwere Erkrankungen (z. B. angeborene Herzfehler, Frühgeburtlichkeit, neurologische Erkrankungen, genetisch bedingte Krankheiten wie Trisomie 21 und andere)
    • Verhaltensstörungen oder körperliche Beeinträchtigungen (Hirnschäden) mit Auswirkung auf die Ernährung
    • Vernachlässigung/Misshandlung des Kindes
    • Ungeeignete Ernährung bzw. Fütterprobleme aufseiten der Eltern, Störungen in der Eltern-Kind-Beziehung
    • Trotzverhalten/Essprobleme des Kleinkindes bzw. Essstörungen des größeren Kindes 
  • Beeinträchtigte Nahrungsaufnahme im Verdauungstrakt, z. B.:
  • Erhöhter Stoffwechsel/Verwertungsstörung
    • Erhöhter Energieumsatz bei motorisch überaktiven Kindern (manche neurologischen/psychischen Krankheiten)
    • Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose)
    • Chronische Infektion, HIV, andere Immunschwäche, Krebserkrankung, Nierenerkrankung, Lebererkrankung
    • Angeborene Herzfehler, chronische Lungenerkrankung
  • Herzfehler/Herzinsuffizienz
    • Angeborene Herzfehler
    • Bei ca. 25 % der Neugeborenen wird der Herzfehler nicht direkt nach der Geburt entdeckt.
    • Symptome können Probleme beim Stillen, schlechte Gewichtszunahme und Erbrechen sein.
    • Bei diesen Kindern kann es zu einer Herzinsuffizienz mit Kurzatmigkeit, Unruhe, kaltem Schweiß und eventuell Zyanose (blaue Lippen) kommen.

Was können Sie selbst tun?

  • In den meisten Fällen sind eine Ernährungsberatung durch den Kinderarzt und/oder ausgebildete Fachleute und Ernährungsumstellung beim Kind ausreichend.
  • Eltern sollten darauf achten, dass die Atmosphäre bei den Mahlzeiten entspannt und angenehm ist und die Mahlzeiten regelmäßig eingenommen werden.
  • Eventuell können die Portionen allmählich gesteigert werden; verteilen Sie mehrere kleinere Mahlzeiten über den Tag.
  • Variieren Sie die Lebensmittel, die das Kind gern isst und vermeiden Sie Süßigkeiten. Auch bei Fruchtsäften gilt Vorsicht, da diese einen verhältnismäßig hohen Anteil an Fruchtzucker enthalten und den Appetit des Kindes auf nahrhafte Lebensmittel verringern.
  • Achten Sie darauf, dass das Kind beim Kinderarzt regelmäßig anhand der Perzentilkurven gemessen wird.

Wann sollten Sie einen Arzt konsultieren?

  • Bei Verdacht auf eine schlechte Gewichtszunahme und Entwicklungsstörung sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Das Kind sollte anhand der Wachstumskurve gewogen und gemessen werden, sodass festgestellt werden kann, ob eine verzögerte Wachstums- und Gewichtsentwicklung vorliegt.
  • Bestätigt sich der Verdacht einer schlechten Gewichtszunahme, wird der Arzt prüfen, ob es sich um einen vorübergehenden Zustand handelt oder eine behandlungswürdige Krankheit vorliegt. Möglicherweise wird er andere Fachärzte, Ernährungsberater, Psychotherapeuten etc. hinzuziehen.

Wie geht der Arzt vor?

Krankengeschichte (Anamnese)

Der Arzt wird Ihnen eventuell folgende Fragen stellen:

  • Was bekommt das Kind zu essen und sind ausreichend Nährstoffe enthalten?
  • Was trinkt das Kind?
  • Wann isst das Kind? Wo? Mit wem?
    • Wird das Kind abgelenkt?
    • Ist die Aufsicht beim Essen unzureichend?
    • Besteht eine angenehme Atmosphäre beim Essen oder eher Stress?
  • Wie isst das Kind?
    • Ist es in der Lage, alters- und entwicklungsgerecht zu essen?
  • Verweigert das Kind die Nahrungsaufnahme?
    • Ist es schwer, das Kind zum Essen zu bewegen?
    • Ist es trotzig, übermäßig wählerisch, schmeißt Essen um sich?
  • Verzehr von Süßigkeiten?
    • Was und wie oft?
    • Reduzierte Nahrungsaufnahme zu den Mahlzeiten aufgrund von Süßigkeiten?
  • Verliefen Schwangerschaft und Geburt normal?
  • Hat das Kind andere Krankheiten/Beschwerden (chronische oder gerade durchgemachte akute Beschwerden)?
  • War das Kind früher schon im Krankenhaus? Gab es Verletzungen/Unfälle?
  • Wie sieht der Stuhl des Kindes aus? Welche Konsistenz hat er?
  • Muss das Kind häufig aufstoßen/erbrechen?
  • Gibt es spezielle Krankheiten in der Familie? Leiden speziell die Eltern an Erkrankungen, die eine Versorgung des Kindes schwierig machen?
  • Wie sieht die Versorgung des Kindes in der Familie aus? Gibt es ausreichend Unterstützung für die Eltern?

Ärztliche Untersuchung

  • Der Arzt wird das Kind auf Anzeichen angeborener Erkrankungen untersuchen, eine allgemeine körperliche Untersuchung durchführen und insbesondere auf mögliche Ursachen für eine mangelnde Nahrungszufuhr achten. 
  • Dabei wird er auch auf neurologische Auffälligkeiten, Verhalten des Kindes und psychische Auffälligkeiten achten. 
  • Der Schweregrad und Anzeichen von Unterernährung werden ermittelt.

Weitere Untersuchungen

  • Weitere Untersuchungen werden durchgeführt, wenn Anomalien festgestellt werden oder der Verdacht einer Grunderkrankung besteht. Hier kommen Untersuchungen des Stoffwechsels, bildgebende Verfahren (Ultraschall, Magenspiegelung, MRT etc), genetische Untersuchungen, neurologische Tests neben vielen anderen in Betracht.
  • Eine Untersuchung von Urin und Blut wird häufig durchgeführt.

Überweisung an einen Spezialisten oder ein Krankenhaus

  • Eine Überweisung erfolgt bei Verdacht auf eine Grunderkrankung. Je nach Verdachtsdiagnose erfolgen spezielle Untersuchungen, etwa auf Unverträglichkeiten, Allergien, chronische Infektionen, Auffälligkeiten von Mund/Zähnen, Erkrankungen von Herz, Lunge oder Verdauungsorganen etc.
  • Kinder, bei denen sich zunächst keine zugrunde liegende Krankheit finden lässt, die aber nach den allgemein empfohlenen Maßnahmen und Ratschlägen für eine gesunde Ernährung nicht besser an Gewicht zunehmen, werden dann oft an einen Kinderarzt oder anderen Facharzt überwiesen.
  • Stehen bei der mangelnden Gewichtszunahme Probleme zwischen Eltern und Kind, der familiären Situation und/oder Verhaltensauffälligkeiten oder Essstörungen des Kindes im Vordergrund, werden Beratungsangebote für die Eltern, Psychologen/Psychotherapeuten zur Unterstützung herangezogen.
  • Ausgebildete Ernährungsberater können im Fall von Unverträglichkeiten, Krankheiten der Verdauungsorgane, Stoffwechselkrankheiten und Allergien spezielle Ratschläge für eine geeignete Ernährung geben.
  • Ein Krankenhausaufenthalt ist z. B. notwendig, wenn Fehlbildungen bestehen, die operiert werden müssen oder Untersuchungen notwendig sind, die sich am besten im Rahmen eines Klinikaufenthalts durchführen lassen.
  • Bei einer ausgeprägten Unterernährung kann ebenfalls ein Klinikaufenthalt nötig sein, um eine ausreichende und ausgewogene Ernährung (ggf. per Sonde) und damit Gewichtszunahme zu ermöglichen.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Ernährungsprobleme bei Kleinkindern. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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  6. Ballauff E. Nutritional Management bei schwerstbehinderten Kindern. Monatsschr Kinderheilkd 2009; 157: 136-146. doi:10.1007/s00112-008-1835-3 DOI