Ohnmacht (Synkope) bei Kindern und Jugendlichen

Ein Ohnmachtsanfall (Synkope) bezeichnet einen plötzlichen Bewusstseinsverlust von kurzer Dauer. Synkopen treten bei Kindern und jungen Erwachsenen häufig auf und können unterschiedlichen Ursprungs sein.

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Was sind Synkopen?

Bei einem Ohnmachtsanfall (Synkope) tritt ein vorübergehender Bewusstseinsverlust auf, der in der Regel dazu führt, dass die Betroffenen zusammenbrechen oder umfallen. Synkopen treten plötzlich auf und haben in der Regel eine kurze Dauer von 30–60 Sekunden bis max. 5 Minuten. Manchmal zeigen die Betroffenen zusätzlich krampfähnliche Bewegungen. Ursache ist eine vorübergehende Minderversorgung des Gehirns mit Blut. Die Minderversorgung kann unterschiedlichen Ursprungs sein. Anschließend kehrt das Bewusstsein von alleine wieder zurück.

Synkopen treten bei Kindern und jungen Erwachsenen häufig auf. 15 % aller Kinder unter 18 Jahren erleben mindestens einen Ohnmachtsanfall. Typischerweise sind Kinder und Jugendliche im Alter von 12–19 Jahren und Mädchen häufiger als Jungen betroffen.

Was ist die Ursache für Synkopen bei Kindern und Jugendlichen?

Eine Ohnmacht kann vielerlei Ursachen haben. Zugrunde liegt eine vorübergehend unzureichende Blutversorgung des Gehirns. Grundsätzlich ist die Ohnmacht eine Art Schutzmechanimus: Wenn der Betroffene ohnmächtig wird und auf den Boden sinkt, wird das Gehirn in der waagerechten Lage wieder besser durchblutet als im Stehen.

Reflexsynkope

Eine häufige Art der Synkope bei Kindern ist die Reflexsynkope. Sie tritt bei Kleinkindern als sogenannter „Affektkrampf" auf, bei dem ein Schreck oder eine emotionale Belastung Auslöser sein kann. Affektkrämpfe können in zwei Unterformen eingeteilt werden. Bei einer Form des Affektkrampfes führt heftiges Schreien zum Blauanlaufen (Zyanose) des Kindes mit vorübergehendem Atemstillstand, schnellem Herzschlag und anschließender Bewusstlosigkeit. Bei einer anderen Form bleibt das Schreien meist aus oder beschränkt sich auf einen kurzen Aufschrei. Das Kind wird blass, anschließend ohnmächtig und kann krampfartige Bewegungen zeigen.

Bei größeren Kindern und Jugendlichen (meist 12–19 Jahren) werden Reflexsynkopen z. B. durch Schmerzen, den Anblick von Blut oder einen unerträglichen Geruch ausgelöst. In der Mehrzahl der Fälle ereignet sich die Reflexsynkope nach längerem Stehen. Sie kündigt sich meist durch Schwindelgefühle, Schwarzwerden vor den Augen, Augenflimmern, verschwommenes Sehen, Hitze- oder Kältegefühl, Schweißausbrüche oder Übelkeit an. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen sacken dann üblicherweise zusammen. Die Bewusstlosigkeit hält nur kurz an. Beim Erwachen wissen die Kinder und Jugendlichen, wo sie sich befinden und erinnern sich in der Regel an den Beginn des Sturzes. Betroffene können sich allerdings noch mehrere Stunden abgeschlagen und unwohl fühlen. Situationssynkopen, die auch zu den Reflexsynkopen gezählt werden, treten z. B. auf, wenn die Betroffenen Wasserlassen, Husten, Niesen oder Lachen.

Orthostatische Synkope

Ein anderer häufiger Grund für eine Synkope ist ein schneller Lagewechsel vom Liegen zum Stehen: Steuert der Herzmuskel nicht sofort gegen und pumpt verstärkt Blut, kann der Blutdruck plötzlich abfallen (orthostatische Hypotension, d. h. Blutdruckabfall durch Lagewechsel). Das Blut „versackt" in der unteren Körperhälfte. Dadurch wird das Gehirn einige Sekunden lang zu wenig mit Blut versorgt. Flüssigkeitsmangel kann das Auftreten von orthostatischen Synkopen begünstigen.

Kardiale Synkope

Herzerkrankungen, z. B. Herzrhythmusstörungen oder angeborene Herzfehler, können seltener ursächlich für Synkopen sein. Kommt es infolge von körperlicher Anstrengung oder in Rückenlage zu einer Synkope, kann dies für eine kardiale Ursache sprechen. Hinweise können außerdem ein plötzlicher Brustschmerz, ein plötzlich einsetzender schneller Herzschlag oder Herzstolpern sein. Diese Anzeichen können aber auch fehlen.

Manchmal kann es sein, dass keine Ursache für eine Synkope festgestellt wird.

Andere Ursachen für Bewusstlosigkeit bei Kindern

Abzugrenzen sind Synkopen von anderen Erkrankungen, bei denen es zur Bewusstlosigkeit kommt (siehe auch Bewusstlosigkeit bei Kindern unter 8 Jahren bzw. Bewusstlosigkeit bei Personen über 8 Jahren).

Hierzu zählen neurologischen Erkrankungen, z. B. die Epilepsie. Bestimmte Merkmale können für einen epileptischen Anfall sprechen. Im Gegensatz zur Synkope sind die Augen beim generalisierten, tonisch-klonischen Anfall geöffnet. Betroffene sacken nicht zusammen, sondern fallen steif „wie ein Baum" zu Boden. Es kann schwer sein, die Muskelzuckungen der Synkope von denen eines epileptischen Anfalls abzugrenzen. Für einen epileptischen Anfall spricht, wenn sich die Kinder bzw. Jugendlichen nach dem Anfall für längere Zeit nicht wieder orientieren können und lange schläfrig bleiben. Epileptische Anfälle können auch durch Hirnhautentzündungen oder Fieber hervorgerufen werden.

Bei der Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus Typ 1 kann ein zu niedriger Blutzucker (Hypoglykämie) oder ein zu hoher Blutzucker (Hyperglykämie) zu Bewusstlosigkeit führen. Auch andere Stoffwechselerkrankungen oder Elektrolytstörungen können mit Synkopen einhergehen.

Psychische Erkrankungen, wie Panikstörungen können mit einer Hyperventilation einhergehen, die zur Ohnmacht führt.

Was können Sie selbst tun?

Wenn Sie bemerken, dass Ihr Kind droht, in Ohnmacht zu fallen, vermeiden Sie wenn möglich einen Sturz und legen Sie Ihr Kind flach auf den Rücken. Überprüfen Sie die Atmung, indem Sie Ihr Ohr über den Mund des Kindes halten und dabei in Richtung Brustkorb blicken: Sie können den Atemstrom somit hören, sehen (Brustkorb hebt und senkt sich) und fühlen. Bei einem Atemstillstand sollten Sie sofort mit der Wiederbelebung (bzw. Wiederbelebung bei Jugendlichen/Erwachsenen) beginnen und den Notruf (112) alarmieren. Atmet das Kind, versuchen Sie die Blutzufuhr zum Gehirn zu verbessern, indem Sie die Beine gestreckt anheben. Lockern Sie einengende Kleidung und sorgen Sie für frische Luft. Das Kind erlangt in der Regel schnell wieder das Bewusstsein. Besteht jedoch weiterhin Bewusstlosigkeit (siehe auch Bewusstlosigkeit bei Personen über 8 Jahren), rufen Sie 112 an und bringen Sie das Kind in die stabile Seitenlage. Achten Sie bis zum Eintreffen des Notdienstes darauf, dass das Kind weiteratmet.

Wann sollten Sie einen Arzt aufsuchen?

Nach einer erstmaligen Synkope, bei Synkopen aus unerklärlichen Gründen sowie bei Synkopen nach körperlicher Anstrengung, nach Herzrasen oder bei wiederkehrenden Synkopen sollten Sie bzw. Ihr Kind zeitnah einen Kinder- und Jugendarzt aufsuchen, um die Ursachen abzuklären. Bestehen Fieber, Atemnot, eine lang anhaltende Bewusstlosigkeit oder andere Symptome, sollte das Kind direkt durch den Notdienst, im Krankenhaus oder vom niedergelassenen Kinder- und Jugendarzt untersucht werden.

Wie geht der Arzt vor?

Die Ursache eines Ohnmachtsanfalls kann mithilfe der Krankengeschichte (Anamnese) und einer ärztlichen Untersuchung eingegrenzt werden. Teilweise reicht dies schon zur Diagnosestellung aus, da einige Synkopen charakteristische Merkmale zeigen. Es wird der Blutdruck gemessen und ein EKG geschrieben. In manchen Fällen ist eine Blutuntersuchung erforderlich. Bei Verdacht auf eine Erkrankung des Herzens oder des zentralen Nervensystems werden umfassendere Untersuchungen durchgeführt.

Krankengeschichte (Anamnese)

Für die Abklärung einer Synkope ist die Krankengeschichte besonders wichtig. Sie kann helfen, die Synkope von einem epileptischen Anfall oder anderen Ursachen für die Bewusstlosigkeit abzugrenzen. Das medizinische Personal wird deshalb einige Fragen stellen, z. B.:

  • Setzte die Ohnmacht plötzlich ein?
  • Wie lange bestand Bewusstlosigkeit?
  • Wie war die Erholungsphase? Konnte sich das Kind danach an alles erinnern? Wusste es schnell wieder, wo es war?
  • Unter welchen Umständen kam es zur Ohnmacht? Gab es Auslöser (z. B. unangenehme Situationen, Anblicke oder Gerüche, Schmerzreiz)? Ist sie durch Lagewechsel vom Liegen zum Stehen oder nach einer körperlichen Belastung zustande gekommen?
  • Wie begann der Ohnmachtsanfall?
  • Kam es im Vorfeld zu Symptomen?
    • Schwindelgefühle
    • Schwarzwerden vor den Augen
    • Augenflimmern
    • verschwommenes Sehen
    • Hitze- oder Kältegefühl
    • Schweißausbrüche
    • Übelkeit
    • Schmerzen in der Brust
    • schneller Herzschlag oder Herzstolpern
  • Gibt es Personen, die den Ohnmachtsanfall beobachtet haben? Diese werden ggf. auch befragt.
  • Gibt es noch andere Familienmitglieder mit ähnlichen Symptomen? Bestehen (Herz-)Erkrankungen innerhalb der Familie?

Körperliche Untersuchung

Der Arzt nimmt eine allgemeine körperliche Untersuchung vor. Insbesondere werden Puls und Blutdruck gemessen und das Herz abgehört. Durch eine Blutdruckmessung beim Lagewechsel kann die Anpassung des Blutdrucks untersucht werden.

Weitere Untersuchungen

In der Regel wird ein EKG geschrieben. In vielen Fällen sind das EKG und die oben aufgeführten Maßnahmen ausreichend, um eine Synkope abzuklären.

In manchen Fällen werden auch speziellere Untersuchungen durchgeführt, wenn z. B. der Verdacht auf eine Herzerkrankung oder eine neurologische Erkrankung besteht.

Maßnahmen und Empfehlungen

Die Prognose für Reflexsynkopen und orthostatische Synkopen ist sehr gut. Meist verschwinden die Synkopen im Verlauf von alleine, können aber auch wiederholt auftreten. Die Prognose wird durch ein Wiederauftreten allerdings nicht verschlechtert. Nur selten ist eine Therapie (z. B. durch Medikamente) erforderlich und allgemeine Maßnahmen in der Regel ausreichend. Liegt eine kardiale Synkope vor, orientiert sich die Therapie an der zugrundeliegenden Herzerkrankung.

Bei einer drohenden Reflex- oder orthostatischen Synkope kann es helfen, die Position zu ändern, z. B. indem sich das Kind hinlegt oder hockt. Manchmal kann es hilfreich sein, die Bein- und Gesäßmuskeln anzuspannen. Eine ausreichende Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme, ausreichend Schlaf sowie Ausdauersport können vorbeugend wirken. Um mögliche Auslöser herauszufinden und in Zukunft zu meiden, kann ein Synkopen-Tagebuch geführt werden.

Weitere Informationen

Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Synkope bei Kindern und jungen Erwachsenen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Rosenecker J. Pädiatrische Differenzialdiagnostik. Berlin Heidelberg: Springer Verlag, 2014.
  2. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Synkopen. AWMF-Leitlinie Nr. 030-072, Stand 2012. www.awmf.org
  3. Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie. Synkopen im Kindes- und Jugendalter. AWMF-Leitlinie Nr. 023.004, Stand 2014. awmf.org
  4. Brignole M, Alboni P, Benditt DG et al. Guidelines on management (diagnosis and treatment) of syncope - update 2004. Executive summary. Eur Heart J 2004; 25: 2054-72. European Heart Journal
  5. Koletzko B. Kinder- und J ugendmedizin. Berlin Heidelberg: Springer-Verlag, 2013.
  6. DiMario FJ jr. Prospective study of children with cyanotic and pallid breath-holding spells. Pediatrics 2001; 107: 265-9. Pediatrics
  7. Cooper P (Chairman). NICE clinical guideline 109, Transient loss of consciousness (‘blackouts’) management in adults and young people. London: National Institute for Health and Clinical Excellence, MidCity Place, 71 High Holborn, London WC1V 6NA, 2010. www.nice.org.uk