Schielen bei Kindern

Unter Schielen (Strabismus) versteht  man eine Fehlstellung der Augen.  Dabei handelt es sich um die häufigste Ursache, die bei Kindern zu einer Fehlsichtigkeit führt.

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Was ist Schielen?

Der Mensch hat zwei Augen, um ein räumliches (stereoskopisches) Sehen zu ermöglichen. Beide Augen nehmen leicht versetzte Sinneseindrücke war, die in der Sehrinde verschmelzen und ein einheitliches Bild ergeben. Wenn ein Auge von seiner Achse abweicht, ist dieses räumliche Sehen beeinträchtigt. Dies ist der Fall beim Schielen. Hier weicht das Auge von seiner parallelen Sehachse aufgrund einer Augenmuskelgleichgewichtsstörung ab. Ein manifestes Schielen bezeichnet ein ständig sichtbares Abweichen der Augenstellung. Ein latentes Schielen hingegen äußert sich nur hin und wieder. Am häufigsten ist das Schielen nach innen. Eine Achsabweichung nach außen kommt selten vor.

Neugeborene schielen in den ersten Lebenswochen in unterschiedlichem Maße. Das stereoskopische Sehen entwickelt sich erst zwischen dem 3. und 4. Lebensmonat. Bis zum 6. Lebensmonat sollten sich Fehlstellungen eingestellt haben. Ein Schielen nach dem 6. Lebensmonat hat immer einen krankheitswert und bedarf einer entsprechenden Therapie im Verlauf.

Lesen Sie mehr zur Entwicklung der Sehfähigkeit bei Neugeborenen.

Auch ein dezentes Schielen kann vom Spezialisten mit speziellen Tests, z. B. dem Taschenlampentest, sichtbar gemacht werden. Dabei wird der Lichtreflex beim Vorliegen einer Achsabweichung des Auges assymmetrisch gebrochen.

Häufigkeit

Ungefähr jedes 16. Kind in Mitteleuropa ist vom Schielen betroffen. Dabei tritt das latente Schielen bei Kindern am häufigsten auf. Schielen ist der Hauptgrund für die Entwicklung einer Sehschwäche bei Kindern (Amblyopie).

Schweregrad

Das Schielen führt oft dazu, dass das Kind unbewusst ein „Lieblingsauge“ wählt. Die Sehstärke dieses Auges entwickelt sich normal. Das verschmähte Auge entwickelt sich schlecht, was zur Entwicklung einer Sehschwäche auf diesem Auge führt. Durch frühe und angemessene Behandlung kann dies vermieden werden.

Ursache

Häufige Ursachen

  • Schielen
    • Latentes Schielen
      • Sporadisch auftretendes Schielen, häufig dann, wenn das Kind müde oder erschöpft ist
      • Diese Form ist normalerweise auf einen Sehfehler im Auge zurückzuführen, der nicht optimal korrigiert worden ist; bei Kindern handelt es sich insbesondere um Weitsichtigkeit, es treten aber auch Kurzsichtigkeit und andere Sehfehler auf.
      • Schielen muss behandelt werden, um Sehschwächen in Zukunft zu verhindern.
    • Manifestes Schielen
      • Permanentes Schielen
      • Kurzsichtigkeit führt zum Schielen nach außen
      • Weitsichtigkeit führt zum Schielen nach innen
      • Wie das latente Schielen, muss auch ein manifestes Schielen behandelt werden.
  • Pseudostrabismus (durch Epikanthus)
    • Vermeintliches Schielen
    • Kommt häufig bei Kindern orientalischer Herkunft vor, die eine ausgeprägte Epikanthus-Falte haben (eine Hautfalte am inneren Augenrand).
    • Negativer Taschenlampentest: symmetrischer Lichtreflex
  • Epikanthus bei gerade ausgerichtetem Blick
    Epikanthusfalte (1) bei gerade ausgerichtetem Blick
  • Epikanthus beim seitlich ausgerichteten Blick
    Epikanthusfalte (1) beim seitlich ausgerichtetem Blick. Es sieht so aus, als ob das Kind schielt, aber die Lichtreflexe sind symmetrisch.

Seltene Ursachen

    • Retinoblastom
    • Es handelt sich um einen Tumor im Auge, der bei einem von 15.000 Kindern auftritt. Meist sind Kinder unter vier Jahren betroffen. Der Tumor führt zu einer schleichenden Verschlechterung des Sehvermögens, evtl. zum Schielen.
    • Meist bei Kindern unter vier Jahren
    • Führt zu schleichender Verschlechterung des Sehvermögens, evtl. Schielen
Retinoblastom
Retinoblastom
  • Angeborener grauer Star (Katarakt)
    • Eine seltene Erkrankung, bei der die Linse im Auge von Geburt an verdunkelt ist

Wann sollten Sie einen Arzt aufsuchen?

Neugeborene schielen in den ersten Wochen in der Regel in unterschiedlichem Maße. Dies geschieht aus dem Grunde, da sich das stereoskopische Sehen erst im Alter von 3–4 Monaten entwickelt. Schielt das Kind nach einem Alter von sechs Monaten, ist dies ungewöhnlich und muss ärztlich untersucht werden. Das Kind wächst aus dem Schielen nicht heraus.

Da Schielen die häufigste Ursache dafür ist, dass ein Kind auf einem Auge eine Sehschwäche entwickelt (Amblyopie) ist es wichtig, rechtzeitig einen Arzt aufzusuchen

Was geschieht bei der ärztlichen Kontrolle?

Der Arzt wird sich mit der Krankengeschichte auseinandersetzen- bitte finden Sie Antworten auf folgende Fragen:

  • Wann hat das Schielen begonnen?
  • Schielt das Kind dauerhaft?
  • Gibt es Fälle von Schielen in der Familie? (Schielen ist in hohem Maße erblich)
  • Ärztliche Untersuchung
    • Der Arzt wird die Augen beleuchten, um zu begutachten, ob ein Schielen vorliegt
    • Der Arzt wird ein Auge abwechselnd abdecken/die Abdeckung entfernen, um zu untersuchen, ob das Auge abgleitet, wenn es abgedeckt wird (latentes Schielen)
    • Der Arzt wird das Auge beleuchten, um den Fundusrotreflex zu untersuchen - d.h. er klärt ab, ob die Linse des Auges verdunkelt ist (grauer Star)
    • Nach Möglichkeit wird die Sehstärke kontrolliert. Bei kleinen Kindern ist dies nicht möglich
  • Überweisung zum Augenarzt
    • Sowohl beim manifesten als auch beim latenten Schielen nach dem Alter von sechs Monaten sind eine Untersuchung und Behandlung durch den Spezialisten oder durch eine Fachabteilung erforderlich.

 Autoren

Natalie Anasiewicz, Ärztin, Freiburg i.Br.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Strabismus im Kindesalter. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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