Verstopfung, Palliativmedizin

Verstopfungen kommen bei Krebspatienten sehr häufig vor.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Definition

Mit Verstopfung (Obstipation) ist ein langsamer und/oder unvollständiger Stuhlgang gemeint. Die Transitzeit der Nahrung (vom Mund bis zum Enddarm) ist erhöht, und liegt über 3,5 Tagen. Definitionsgemäß müssen zusätzlich eine oder mehrere der folgenden Beschwerden vorliegen:

  • Aufgetriebener oder aufgeblähter Bauch
  • Schmerzen, unangenehmes Gefühl oder Druckgefühl im Bauch
  • Allgemeine Symptome wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Kopfschmerzen oder schlechter Geschmack im Mund
  • Evtl. gleichzeitig Durchfall mit oder ohne Leckage
  • Eine Verstopfung führt häufig zu einer deutlich eingeschränkten Lebensqualität.

Der Begriff symptomlindernde (palliative) Behandlung1,2 wird für die Behandlung von Patienten mit unheilbaren Erkrankungen verwendet, bei denen von einer kurzen Lebenserwartung ausgegangen wird. Dies gilt in erster Linie für Krebserkrankungen. Das Behandlungsprinzip kommt aber auch bei anderen Erkrankungsarten zum Einsatz, z. B. im Endstadium chronischer neurologischer Erkrankungen.

Viele Krebspatienten haben Beschwerden, die mit dem Magen-Darm-Trakt in Verbindung stehen. Für die Patienten können diese Symptome sehr unangenehm und schmerzhaft sein. Die häufigsten und schwersten Symptome sind Übelkeit, Erbrechen, Mundtrockenheit sowie Verstopfung. Sowohl Verstopfung als auch Mundtrockenheit sind dabei unterbewertete und vernachlässigte Beschwerden von Krebspatienten.

Häufigkeit

Verstopfungen kommen bei Krebspatienten sehr häufig vor. Bei fortgeschrittenem Krebs leiden 50–60 % der Patienten unter Verstopfung. Selbst wenn vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden, treten bei mehr als der Hälfte der Patienten Verstopfungen auf. Fast alle Patienten, die Opioide erhalten (Morphin oder morphinähnliche Medikamente), bekommen Verstopfungen.

Ursachen

Eine Verstopfung bei einer fortgeschrittenen Krebserkrankung hat oft mehrere Ursachen gleichzeitig. Häufig ist sie auf den Einsatz von Medikamenten zurückzuführen. Gründe sind aber auch mangelnde körperliche Aktivität und verringerte Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme z.B. aufgrund von Übelkeit oder Appetitlosigkeit. Einige Patienten haben einen herabgesetzten Stoffwechsel, was auch zu einem trägeren Magen beiträgt. Unbequeme und ungewohnte Toilettenbedingungen können die Beschwerden ebenfalls verschlimmern.

Diagnostik

Die Diagnose wird auf Grundlage der Krankengeschichte und der ärztlichen Untersuchung des Magens und des Enddarms bestätigt. Es kommt allerdings häufig vor, dass eine Verstopfung nicht erkannt und das Problem heruntergespielt wird. Es ist notwendig, einige Bluttests durchzuführen, um den Flüssigkeits- und Salzgehalt, die Nierenfunktion, den Stoffwechsel etc. zu bestimmen. In einigen Fällen sind auch Röntgen- oder CT-Untersuchungen erforderlich, um unter anderem zu überprüfen, ob Narbengewebe, Verwachsungen oder Tumorgewebe Teile des Darms verlegen.

Therapie

Das Ziel der Behandlung ist es, Verstopfungen und Beschwerden durch Verstopfung zu verhindern, zu begrenzen und zu lindern. Vorbeugende Maßnahmen haben Vorrang. Körperliche Aktivität wird durch eine gute Schmerzlinderung und die Linderung anderer Beschwerden gefördert, was wiederum dazu beiträgt, Verstopfungen zu reduzieren. Es ist außerdem von entscheidender Bedeutung, viel Flüssigkeit und Ballaststoffe zu sich zu nehmen. Ballaststoffe können über Vollkornprodukte, Gemüse und Früchte aufgenommen werden. Evtl. kann Ballaststoff-Pulver (wasserlösliche Ballaststoffe) in der Apotheken gekauft werden. Die Mindestanforderung, die man zu erreichen hofft, liegt bei einem Stuhlgang alle 3 Tage.

Medikamentöse Therapie

Prävention

Allen Patienten, die mit Opioiden behandelt werden, wird empfohlen, vorbeugend Abführmittel einzunehmen. Ausnahmen sind Patienten, die einen künstlichem Darmausgang haben oder die bereits von Beginn an Durchfall hatten. Es wird ein weichmachendes Abführmittel, z. B. Lactulose, empfohlen, das durch ein darmstimulierendes Medikament für stärkere Kontraktionen des Darms ergänzt werden kann, wenn die erwünschte Wirkung ausbleibt. Abführmittel, die das Darmvolumen erhöhen, werden nicht empfohlen, wenn eine Opioidtherapie durchgeführt wird.

Wenn eine Verstopfung aufgetreten ist

Bei weichem Stuhl werden Abführmittel verwendet, die die Kontraktionen des Darms stimulieren (sogenannte Sennaglykoside und Bisacodyl). Bei hartem Stuhl werden weichmachende Abführmittel bevorzugt, z. B. Lactulose. Meistens sind Kombinationstherapien erforderlich. Evtl. kann zusätzlich gereinigtes Paraffin (2 x 5 ml) verabreicht werden. Die Dosierungen lassen sich nach oben anpassen, bis sie durch Nebenwirkungen begrenzt werden. Wenn auch dies nicht ausreicht, müssen Zäpfchen oder Einläufe zum Einsatz kommen.

Bei Patienten, die mit Opioiden behandelt werden, kommt es häufig vor, dass die oben genannten Ratschläge und Therapien nicht zum Ziel führen. In solchen Fällen greift man häufig zu einem Medikament, das die Wirkung des Opioids auf den Darm blockiert, ohne die schmerzlindernde Wirkung zu blockieren.

Bei hartem Stuhl im Enddarm

Wenn angenommen wird, dass die Patienten die Möglichkeit haben, sich selbst zu entleeren, wird zuerst die Behandlung mit einem Mini-Einlauf versucht, evtl. gefolgt von einem darmstimulierenden Zäpfchen. Es kann erforderlich werden, besonders harten Stuhl aus dem Enddarm zu entnehmen. In diesen Fällen ist es zweckmäßig, über Nacht eine Vorbehandlung mit einem Öleinlauf durchzuführen. Aufgrund der Unannehmlichkeiten bei der Entnahme des Stuhls kann es angebracht sein, den Patienten zusätzlich Schmerzmittel oder Beruhigungsmittel zu verabreichen.

Wenn die Verstopfung darauf zurückzuführen ist, dass Narbengewebe (z. B. nach einer Strahlentherapie oder einer früheren Operationen) oder Tumorgewebe den Darm abklemmt, können verschiedenen Formen von Entlastungsoperation erforderlich sein.

Nebenwirkungen

Eine längere Verwendung darmstimulierender Medikamente kann zu Störungen des Elektrolythaushalts (Natrium, Kalium, Chlor im Blut) und zu Reizungen der Darmschleimhaut führen. Vor allem durch Überdosierung können Blähungen, Darmkoliken und Durchfall verursacht werden. Sennaglykoside verfärben den Urin, alkalischer Urin färbt sich rot, während saurer Urin gelbbraun wird.

Weitere Informationen

Palliative Behandlung bei fortgeschrittener Krebserkrankung

Literatur

  1. Leitlinienprogramm Onkologie. Patientenleitlinie Palliativmedizin für Patientinnen und Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung. Berlin 2015. www.awmf.org
  2. Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin. Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung. AWMF-Leitlinie Nr. 128-001OL, Stand 2015 www.awmf.org

Autoren

  • Marie-Christine Fritzsche, Ärztin, Freiburg

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Obstipation, palliative Behandlung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin. Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung. AWMF-Leitlinie Nr. 128-001OL, Stand 2015. www.awmf.org
  2. Candy B, Jones L, Larkin PJ, Vickerstaff V, Tookman A, Stone P. Laxatives for the management of constipation in people receiving palliative care. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 5. Art. No.: CD003448. DOI: 10.1002/14651858.CD003448.pub4. cochranelibrary-wiley.com
  3. Thomas J, Karver S, Cooney GA et al. Methylnaltrexone for Opioid-Induced Constipation in Advanced Illness. N Engl J Med 2008; 358: 2332-43. PubMed
  4. Fellowes D, Barnes K, Wilkinson SSM. Aromatherapy and massage for symptom relief in patients with cancer. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 4. Art. No.: CD002287. DOI: 10.1002/14651858.CD002287.pub3 DOI
  5. Candy B, Jones L, Larkin PJ, Vickerstaff V, Tookman A, Stone P. Laxatives for the management of constipation in people receiving palliative care. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 5. Art. No.: CD003448. DOI: 10.1002/14651858.CD003448.pub4. cochranelibrary-wiley.com