Leistenzerrung

Eine Leistenzerrung wird auch als Adduktorentendopathie oder Adduktorenzerrung bezeichnet. Das Ausmaß einer solchen Verletzung variiert erheblich; sie kann unbedeutend sein oder aber einen Sportler über mehr als ein Jahr an der Ausübung seines Trainings hindern.

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Was ist eine Leistenzerrung?

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Bei einer Leisten- oder Adduktorenzerrung handelt es sich um eine Überlastung, Entzündung und/oder Schädigung bzw. einen Riss der Adduktorenmuskeln des Hüftgelenks. Diese Muskelgruppe besteht aus sechs unterschiedlichen Muskeln, die am Schambein (Symphyse) entspringen und über dem größten Teil der Rückseite des Oberschenkelknochens ansetzen. Die Muskeln sind in mehreren Schichten angeordnet und dienen der Heranführung des Oberschenkels an den Körper und der Beugung im Hüftgelenk. 

Eine Adduktorenzerrung entsteht entweder nach längerer Überlastung oder durch eine akute Verletzung, bei der es zum Muskelfaserriss kommt. Eine unzureichende Behandlung oder die zu frühe Wiederaufnahme der sportlichen Aktivitäten kann zu chronischen Beschwerden führen.

Leistenzerrungen sind ein häufiges Problem bei Personen, die körperlich aktiv sind, vor allem im Leistungssport. Die häufigsten Sportarten, bei denen diese Zerrungen auftreten, sind Fußball, Handball, Eislaufen und Kurzstreckenlauf. Überlastung wird am häufigsten bei Reitern, Eishockeyspielern und Skilangläufern beobachtet. Laut Studien treten bei Fußballspielern 10–18 Verletzungen pro 100 Spieler auf. Studien legen auch nahe, dass Schäden der Adduktoren die häufigste Ursache von Leistenzerrungen darstellen. Unter den Adduktorenmuskeln ist der M. adductor longus am häufigsten betroffen.

Ursachen 

Häufig treten Verletzungen der Adduktoren infolge einer ruckartigen Seitwärtsbewegung auf, z. B. bei einem Täuschungsmanöver, einer „Grätsche“ im Fußball oder einer plötzlichen Ausweichbewegung. Auf die Adduktoren wirken starke Kräfte ein, wenn Sportler mitten in der Bewegung die Richtung ändern. Im Fußball treten Verletzungen der Adduktoren auch auf, wenn ein Spieler versucht, den Ball zu schießen, während ein Gegenspieler den Schuss blockiert. Bei Adduktorenzerrungen können die Fasern teilweise oder vollständig reißen. Die Ursache ist häufig eine Überlastung des Muskel-Sehnen-Übergangs oder des Sehnenansatzes am Schambein.

Die häufigste Ursache für chronische Sehnenerkrankungen ist eine zu schnelle Rehabilitation nach einem akuten Riss in einem der Adduktorenmuskeln und die vorzeitige Wiederaufnahme der sportlichen Aktivität.

Risikofaktoren sind eine vorausgegangene Verletzung, eine (altersbedingte) Schwäche des Bindegewebes und die Ausübung bestimmter Sportarten.

Symptome

Bei Überlastung über einen längeren Zeitraum bemerken die Patienten zunächst diffuse Schmerzen in der Leistenregion und der Innenseite des Oberschenkels. Allmählich halten die Beschwerden an und die Schmerzen strahlen in die Innenseite des Oberschenkels aus. Einige haben auch Schmerzen im geraden Bauchmuskel, z. B. bei „Sit-ups“. Die Schmerzen werden von Steifigkeit begleitet, vor allem morgens und am Anfang des Trainings. Wenn die Muskeln warm werden, lässt die Steifigkeit nach, aber der Schmerz nimmt zu. Nach Abschluss des Trainings kehrt die Steifigkeit zurück.

Bei einer akuten Zerrung fühlt es sich für die Betroffenen häufig so an, als ob plötzlich etwas reißt, oder sie verspüren einen stechenden Schmerz in der Leistengegend. Der erste intensive Schmerz verschwindet in weniger als einer Sekunde, an dessen Stelle treten starke, diffuse Schmerzen. Die Unfähigkeit, den Oberschenkel nach innen zu ziehen (Adduktion), deutet auf einen schwerwiegenden Riss hin.

Eine chronische Zerrung ist häufig auf eine ungenügende Behandlung einer Überlastung oder Verletzung zurückzuführen. Die Patienten sind oft ungeduldig und wollen ihre sportlichen Aktivitäten wiederaufnehmen, dies kann zu einer chronischen Sehnenerkrankung führen. Charakteristisch sind vage Schmerzen und Steifigkeit in der Leistengegend am Morgen und nach sportlichen Aktivitäten. Die Betroffenen können nach einer Weile ihr Training nicht mehr absolvieren und haben unter Umständen selbst bei normalen Spaziergängen Schmerzen.

Diagnostik

Die Krankengeschichte (Anamnese) sowie die Beschreibung des Verletzungshergangs lenken in der Regel den Verdacht auf die Diagnose. Allerdings können Beschwerden im Leistenbereich viele verschiedene Ursachen haben, weshalb es nicht immer einfach ist, eine genaue Diagnose zu stellen. Bei der körperlichen Untersuchung können Ärzte in vielen Fällen die Verletzung auf eine Schädigung der Adduktorenmuskeln zurückführen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass andere Ursachen, wie ein Leistenbruch, ausgeschlossen werden.

Bei unsicherer Diagnose wird in einigen Fällen eine Röntgenuntersuchung, Ultraschall oder eine Magnetresonanztomografie (MRT) durchgeführt.

Therapie

Therapieziel ist zunächst die Schmerzlinderung, an zweiter Stelle steht die Rehabilitation der Muskeln und Vorbeugung von Rückfällen.

Im akuten Verletzungsfall sind die üblichen Erste-Hilfe-Maßnahmen in Form von Ruhe, Kühlung, Druck auf die verletzte Stelle und Hochlagerung des Beines zu ergreifen. Gehstützen sollten die ersten paar Tage verwendet werden, um die Schmerzen zu lindern. Ein Dehnen in der akuten Phase kann nach Meinung einiger Experten den Zustand verschlimmern und eine chronische Schädigung nach sich ziehen.

Bei Überlastung und chronischen Beschwerden besteht die wichtigste Therapie in unterschiedlichen Trainingsmaßnahmen. Eine solche konservative Therapie ist langwierig, sie dauert oft 4–6 Monate oder länger. Am Anfang soll auf jegliche sportliche Aktivität verzichtet werden. Wenn die konservative Behandlung nach 6–12 Monaten keine zufriedenstellende Wirkung zeigt, kann eine Operation erwogen werden.

Zu Beginn der Behandlung werden oft Schmerzmittel und entzündungshemmende Medikamente (NSAR) gegeben. Die Injektion von Kortison ist umstritten. Die Behandlung scheint nur vorübergehend wirksam zu sein, verstärkt jedoch langfristig die Probleme, da sie die ohnehin geschädigten Sehnenansätze zusätzlich schwächt. Auch liegen keine fundierten wissenschaftlichen Studien zur Wirkung von Kortisonspritzen vor.

Rehabilitation

Es darf nicht vergessen werden, dass zu intensive Rehabilitationsmaßnahmen und die frühzeitige Wiederaufnahme sportlicher Aktivitäten die häufigste Ursache für chronische Beschwerden darstellen. Der Schmerz darf während oder nach dem Training nicht zunehmen.

Es wird mit passiven Bewegungsübungen begonnen, sobald die Patienten sie ohne Schmerzen durchführen können. Nach einer Weile kann vorsichtig mit Kräftigungsübungen begonnen werden. Erhöhen Sie die Belastung allmählich. Belastungsübungen, bei denen gleichzeitig die Muskeln gedehnt werden (exzentrische Übungen), sind zu empfehlen. Machen Sie gleichzeitig Kräftigungsübungen für die Hüftbeuger und Bauchmuskulatur. Die Anzahl der Wiederholungen sollte allmählich auf 30–40 gesteigert werden. Auch Gleichgewichtsübungen zusammen mit Dehnübungen sind empfehlenswert. Nach einer Weile können Sie mit einem Radfahrtraining beginnen. Erst wenn alle Übungen mit hoher Intensität schmerzfrei durchgeführt werden können, darf mit dem Lauftraining begonnen werden.

Sobald die volle Beweglichkeit in beiden Seiten ohne Schmerzen und mit normaler Kraftanwendung in den Adduktorenmuskeln wieder erreicht ist, können Sie vorsichtig mit den sportartspezifischen Trainingsmaßnahmen beginnen. Die Wiederaufnahme der vollständigen sportlichen Aktivitäten muss schrittweise erfolgen. Dieser Teil des Rehabilitationsprogrammes kann 3–6 Monate dauern.

Operative Therapie

Bei einem seltenen kompletten Abriss der Adduktorensehne oder wenn sich die Beschwerden durch die konservative Therapie nicht bessern, kann eine Operation erwogen werden.

Im Rahmen der Operation wird die Sehne durchtrennt (Tenotomie). Der Eingriff kann unter örtlicher Betäubung durchgeführt werden. Nach der Operation müssen für ein paar Tage Unterarmgehstützen zur Entlastung verwendet werden, bevor die Muskulatur wieder voll belastet werden darf. Aktive und passive Dehnungsübungen können frühzeitig begonnen werden und nach und nach durch Kräftigungsübungen ergänzt werden. Nach 2–3 Wochen ist ein leichtes Fahrradtraining möglich, und nach etwa 6 Wochen können Sie mit dem Lauftraining beginnen. In der Regel können Sportler ihre sportliche Betätigung nach 10–12 Wochen in vollem Umfang wieder aufnehmen. Leichte Beschwerden nach dem Eingriff können andauern, aber selten wird die volle Ausübung der Aktivitäten dadurch beeinträchtigt.

Prognose

Die Prognose hängt davon ab, ob eine korrekte Rehabilitation erfolgt. Zu schnelle Rehabilitation und Wiederaufnahme sportartspezifischer Aktivitäten erhöhen das Risiko eines erneuten Auftretens und chronischer Beschwerden. Laut einer Studie von 1980 konnten 42 % der Sportler mit Leistenzerrung die körperlichen Aktivitäten erst 20 Wochen nach der ursprünglichen Verletzung wiederaufnehmen.

Übungen zur Kräftigung der Adduktorenmuskulatur können Adduktorenzerrungen vorbeugen. Ausreichendes Aufwärmen und Dehnen vor und nach dem Sport gilt zudem als wirkungsvolle Maßnahme zur Verhinderung von Rückfällen.

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Adduktoren-Tendopathie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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