Piriformis-Syndrom

Das Piriformis-Syndrom äußert sich in Form von Schmerzen in der Gesäßregion, die bis ins Bein ausstrahlen können. Die Diagnose ist umstritten.

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Was ist das Piriformis-Syndrom?

Der Musculus piriformis ist ein Skelettmuskel der tiefen Hüftmuskulatur. Er verläuft vom Kreuzbein (Os sacrum), dem unteren Ende der Wirbelsäule, durch das Becken bis hin zur Außenseite des Oberschenkelknochens (Femur). Die Kontraktion des M. piriformis bewirkt eine Außenrotation im Hüftgelenk. Desweiteren ist er an der Abduktion des Oberschenkels (nach außen führen) beteiligt.

Das Piriformis-Syndrom äußert sich in Form von Schmerzen in der Gesäßregion, die über die Rückseite des Oberschenkels bis hin zum Knie ausstrahlen können. Sie beruhen auf einer Kompression des Nervus ischiadicus durch den M. piriformis. Es handelt sich um ein Engpass-Syndrom im Bereich des Foramen infrapiriforme, wo der Ischiasnerv den M. piriformis durchtritt oder seitlich passiert. Die Beschwerden treten häufig bei durchtrainierten Personen mit kurzen, kräftigen und schlecht gedehnten Muskeln auf, können aber auch bei Nichtsportlern vorkommen. Charakteristisch für das Piriformis-Syndrom sind oftmals diffuse Schmerzen und Instabilität im Bereich des hinteren Beckens.

Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Schätzungen zufolge beruhen bis zu 6 % aller Fälle von Ischiasbeschwerden auf dem Piriformis-Syndrom. Insbesondere im Kraftsport und beim Bodybuilding kann es zu Reizung des Ischiasnervs kommen.

Das Piriformis-Syndrom stellt in der Neurologie ein kontroverses Thema dar: Definition, Krankheitsmechanismen und Therapie sind bis heute umstritten. Die Existenz des Syndroms wird von einigen Experten grundlegend infrage gestellt. Aus diesem Grund existiert auch kein internationaler Konsens zu den diagnostischen Kriterien. Eine objektive Darstellung des Syndroms mithilfe von bildgebenden Verfahren oder elektrophysiologischen Untersuchungen ist bislang nicht möglich.

Ursachen

Ursache und Pathogenese des Piriformis-Syndroms sind ebenfalls umstritten. Die Beschwerden können sekundär zu einer lokalen Entzündung nach einem Trauma (Blutung) oder Muskelkrämpfen auftreten, durch die es zu einem Engpass im Bereich der Nervenpassage kommt. Auch seltenere Ursachen können zu einer Kompression des N. ischiadicus führen. Die Kompression des Ischiasnervs ruft ein Taubheitsgefühl und Schmerzen in den von ihm innervierten Regionen hervor; die Beschwerden nehmen bei starker Beanspruchung der Muskulatur in der Nähe der Kompressionsstelle zu. Die Kompression des Ischiasnervs durch den M. piriformis verursacht oft heftige Schmerzen in der Gesäßregion, die bis zur Rückseite des Oberschenkels ausstrahlen können. Die Beschwerden können die Gesäßregion sowie die Rückseite des Oberschenkels und der Wade umfassen und sich schlimmstenfalls bis zur Außenkante des Fußes hin ziehen.

Das Piriformis-Syndrom lässt sich vom herkömmlichen Ischias-Syndrom mitunter nur schwer unterscheiden. Die Symptome sind in beiden Fällen identisch, da sie auf einer Reizung des Ischiasnervs beruhen. Der Unterschied besteht lediglich in der Lokalisation und der Ursache der Nervenkompression. Das Ischiassyndrom ist häufig Folge anhaltender Rückenschmerzen, die über das Gesäß bis in die Beine ausstrahlen können. Die auch als Ischialgie bezeichneten Beschwerden beruhen auf einer Kompression der Nervenwurzel im Bereich der Wirbelsäule, z. B. durch einen Bandscheibenvorfall. Beim Piriformis-Syndrom wird der Nerv im Bereich des Beckens eingeklemmt und führt direkt zu Schmerzen in der Gesäßregion ohne vorherige Rückenschmerzen. Da sich die Therapie in beiden Fällen voneinander unterscheidet, ist es wichtig, den Ort der Nervenkompression eindeutig zu bestimmen.

Primäre oder sekundäre Ursachen

Im Allgemeinen wird zwischen primären und sekundären Krankheitsursachen unterschieden.

Ein primärer Zustand ist angeboren. Der Verlauf des N. ischiadicus ist etwas ungewöhnlich. Meist verläuft er dicht an der Unterseite des M. piriformis entlang, bei etwa 20 % durchtritt er den Muskel allerdings teilweise oder komplett. Bei der zweiten Variante besteht ein erhöhtes Risiko für die Entstehung des Piriformis-Syndroms. Das primäre Piriformis-Syndrom macht weniger als 15 % aller Fälle aus.

Als sekundäre Ursache kommt ein Trauma des M. piriformis mit anschließender Entzündungsreaktion infrage, die zu einer Engstelle im Bereich der Nervenpassage führt. Es handelt sich um die häufigste Ursache des Piriformis-Syndroms. Zu einer solchen Verletzung kann es auf verschiedene Art und Weise kommen. In einigen Fällen beruht sie auf einer Überbelastung, beispielsweise durch lange Spaziergänge, Laufen oder intensives/ungewohntes Krafttraining. Auch ein anhaltender, direkter Druck auf die Muskulatur, etwa durch das Sitzen auf einer harten Unterlage oder mit der Brieftasche in der Gesäßtasche, kommt als Ursache infrage. Nach größeren Verletzungen wie Verkehrsunfällen oder einem Sturz auf das Gesäß kann es ebenfalls zum Piriformis-Syndrom kommen. Vermutlich liegt den Beschwerden in diesen Fällen ein Muskelkrampf infolge einer Reizung oder Verletzung des M. piriformis zugrunde. Diese mehr oder weniger konstante Muskelkontraktion kann zu einer Kompression des N. ischiadicus führen.

Symptome

Manchmal lässt sich als Ursache eine vorangegangene Verletzung in der Gesäßregion ausmachen, meist bleibt allerdings unklar, wie es zu den Beschwerden gekommen ist. Die Schmerzen lassen sich häufig nur schwer lokalisieren, sie können in der Hüfte, dem Steißbein, dem Gesäß, in der Leiste oder im Unterschenkel wahrgenommen werden. Meist äußert sich das Piriformis-Syndrom allerdings durch starke Schmerzen in der Gesäßregion, die zuweilen bis in die Rückseite des Oberschenkels oder sogar das gesamte Bein hinab ausstrahlen können. Bei starker Beanspruchung des M. piriformis, etwa beim Gehen oder Hocken, nehmen die Schmerzen zu. Auch die anhaltende Hüftbeugung bei langem Sitzen, z. B. beim Autofahren, führt zu einer Intensivierung der Schmerzen. Betroffene müssen beim Autofahren oft anhalten, aussteigen und sich strecken, ehe sie weiterfahren können. Seltener kommt es zu Symptomen wie Beschwerden beim Stuhlgang, Schmerzen in den Schamlippen oder dem Hodensack, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr bei Frauen oder Schmerzen beim Aufstehen aus dem Bett und einer erhöhten Intoleranz gegenüber sitzenden Positionen. Sportler beschreiben die Beschwerden häufig mit dem Gefühl, die Muskulatur auf der Rückseite des Oberschenkels sei verkürzt, und klagen über Probleme beim Sprinten.

Diagnostik

Grundlage für die Verdachtsdiagnose ist die Krankengeschichte des Patienten. Der Ausschluss anderer potenzieller Ursachen für die vorliegenden Beschwerden kann eine enorme Herausforderung darstellen.

Typische Befunde bei der ärztlichen Untersuchung sind Schmerzen in der Gesäßregion beim Beugen des Hüftgelenks und bei der Innenrotation des betroffenen Beins (Sitzen mit überschlagenen Beinen). Die Funktion des M. piriformis kann geschwächt sein: Der Patient hat Probleme, in Seitenlage das Bein anzuheben. Die Untersuchung kann mitunter Schmerzen auslösen. Im Gegensatz zu Ischias existieren keine Anzeichen einer Nervenschädigung.

Weitere Untersuchungen sind normalerweise nicht erforderlich. Ein CT oder MRT zum Ausschluss anderer Erkrankungen kann zuweilen sinnvoll sein.

Therapie

Dehnen hilft
Dehnen hilft
Dehnung der Gesäßmuskulatur
Dehnung der Gesäßmuskulatur

Da Uneinigkeit über die diagnostischen Kriterien beim Piriformis-Syndrom besteht, existiert auch kein universeller Therapieansatz zur Behandlung der Beschwerden. Forschungsstudien zur Wirksamkeit verschiedener Behandlungsmaßnahmen gibt es ebenso wenig. Daher ist unklar, inwiefern die verschiedenen therapeutischen Ansätze zu einem positiven Behandlungsergebnis führen.

Die wichtigste Maßnahme besteht in der Entlastung. Sportler sollten ihr Trainingsprogramm entsprechend anpassen. Die Intensität des Krafttrainings sollte reduziert werden. Zusätzlich sollte der M. piriformis mehrmals täglich gedehnt werden, dabei genügt bereits eine Dehnung für wenige Minuten. Bei starken Beschwerden können entzündungshemmende Medikamente (NSAR) schmerzlindernd wirken. Eine Physiotherapie kann ebenfalls hilfreich sein. Ärzte mit spezieller Erfahrung können Injektionen mit Kortison oder Botulinumtoxin in Erwägung ziehen. Der Ischiasnerv darf dabei nicht getroffen werden.

Der M. piriformis lässt sich mittels maximaler Beugung bei gleichzeitiger Adduktion und Innenrotation des Hüftgelenks dehnen. Dazu wird das schmerzende Bein über das Knie des gesunden Beins gelegt und mit den Händen zum Rumpf hin gezogen. Darüber hinaus sollten sämtliche Muskelgruppen im Bereich des Hüftgelenks gedehnt werden (auf der Vorder-, Außen- und Rückseite sowie in der Gesäßregion). Der Arzt oder Physiotherapeut sollte darauf achten, dass die Übungen korrekt ausgeführt werden.

Eine Operation ist der letzte Ausweg. Dabei wird die Sehne des M piriformis durchtrennt. Das Behandlungsergebnisse ist im Allgemeinen zufriedenstellend.

Die beiden Bilder in diesem Dokument veranschaulichen die Dehnung des M. piriformis. Führen Sie am besten beide Varianten regelmäßig durch.

Prognose

Bei frühzeitiger Diagnose und entsprechender Therapie ist die Prognose im Allgemeinen gut. Beschwerden des Weichgewebes (in diesem Fall der Muskulatur) können bei später Diagnose oder unzureichender Behandlung chronisch werden.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Piriformis-Syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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