Kaudasyndrom

Bei einem Bandscheibenvorfall im unteren Rücken können mitunter Nervenfasern, die sogenannte Cauda equina, abgeklemmt und im schlimmsten Fall geschädigt werden. Es handelt sich um eine spezielle Variante des Ischiassyndroms, die als Kaudasyndrom bezeichnet wird.

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Was ist die Cauda equina?

Das Rückgrat besteht aus einer 33 bis 34 Wirbel umfassenden Wirbelsäule, mehreren Membranen, der Zerebrospinalflüssigkeit (Liquor) und dem Rückenmark mit den Nerven. Die Wirbelsäule ist in sieben Halswirbel, zwölf Brustwirbel, fünf Lendenwirbel, das Kreuzbein und das Steißbein unterteilt. Zwischen den einzelnen Wirbeln liegen die Bandscheiben, die als eine Art Bewegungs- und Stoßdämpfer fungieren. Das Rückenmark befindet sich im innerhalb der Wirbelsäule gelegenen Wirbelkanal. Es wird vom Knochengewebe und dem Liquor – der extrazellulären wässrigen Flüssigkeit, die das Rückenmark umgibt – geschützt. Umhüllt vom Rückenmark laufen im Inneren der Wirbelsäule die Nerven entlang, die den Rumpf mitsamt den Organen sowie die Gliedmaßen innervieren. Sie treten paarweise, einer nach rechts und einer nach links, aus den Zwischenwirbellöchern aus und erstrecken sich bis zu den Geweben und Organen. Jeder dieser Nerven versorgt ein klar abgegrenztes Gebiet des Körpers mit zwei Nervenfasern, die unterschiedliche Aufgaben haben: Die sensiblen Nervenfasern leiten Empfindungen aus dem Körper an das Zentralnervensystem weiter, die motorischen Nerven dienen der Erregungsweiterleitung vom Zentralnervensystem hin zu den Muskeln und Muskelsehnen.

Der untere Teil des Rückenmarks (Conus medullaris) endet auf Höhe des ersten Lendenwirbelkörpers. Die unteren Rückenmarksnerven verlaufen vom Conus aus abwärts zum Kreuzbein, bis sie jeweils paarweise durch die weiter unten liegenden Zwischenwirbellöcher austreten. Dieses Nervenbündel erinnert an einen Pferdeschwanz. Daher wird es als Cauda equina (lat. für Pferdeschwanz) bezeichnet.

Kaudasyndrom – was ist das?

Die Wirbelsäule besteht aus Wirbelkörpern, zwischen denen sich die Bandscheiben befinden. Die Bandscheiben haben eine wichtige Aufgabe: Sie fungieren als Stoßdämpfer und ermöglichen den einzelnen Wirbelkörpern, sich im Verhältnis zueinander zu bewegen (z. B. wenn der Rücken gebeugt wird). Jede Bandscheibe besteht aus einem festen äußeren Ring mit einem weichen, gallertartigen Kern in der Mitte. Die harte Außenhülle ist im hinteren Bereich oft etwas schwächer und kann infolge altersbedingter Abnutzung oder bei akuter Belastung reißen. Teile des weichen Kerns können dann nach außen dringen und eine Art Ausbuchtung auf der Außenseite der Bandscheibe bilden. Diese Ausbuchtung wird auch als Bandscheibenvorfall oder Prolaps bezeichnet. Drückt der Bandscheibenvorfall auf die aus den Zwischenwirbellöchern austretenden Nerven, so kann dies Schmerzen verursachen und zu Nervenschäden führen.

Wenn es im unteren Bereich der Wirbelsäule zu einem Bandscheibenvorfall kommt, kann die Cauda equina betroffen sein. Es handelt sich um eine spezielle Variante des Ischiassyndroms, die als Kaudasyndrom bezeichnet wird.

Symptome

Das Kaudasyndrom ruft verschiedene Symptome und Beschwerden hervor: Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule, ausstrahlende Schmerzen und motorische Schwächung der Beine, sowie Empfindungsstörungen im Bereich der Enddarmöffnung, der Geschlechtsorgane und der inneren Oberschenkel (Reithosenbereich). Auch sexuelle Funktionsstörungen kommen vor. Ein weiteres typisches Symptom der Erkrankung ist die Inkontinenz: Aufgrund von Muskellähmungen verlieren Betroffene die Kontrolle über die Entleerung von Harnblase und Darm. Vollständiger Harnverhalt stellt ein Warnsignal dar, Sie sollten sofort einen Arzt aufsuchen. 

Das Kaudasyndrom kann auch ohne gleichzeitige motorische oder sensorische Störungen in den Beinen auftreten. Auch Schmerzen müssen nicht immer vorhanden sein.

Zum Nachweis des Kaudasyndroms wird eine Magnetresonanztomografie (MRT) empfohlen.

Therapie

Die individuelle Prognose ist stark abhängig davon, wann die Behandlung eingeleitet wird. Ein akutes Kaudasyndrom ist ein Notfall, der sofortiges Handeln in Form einer Operation erfordert. Die Operation sollte so schnell wie möglich, am besten innerhalb der ersten 24 Stunden und keinesfalls später als nach 48 Stunden, erfolgen. Nur so kann das Risiko eventuell fortbestehender Beschwerden wie Harninkontinenz, Muskelschwäche in den Beinen, chronische Schmerzen und sexuelle Probleme möglichst gering gehalten werden.

Prognose

Wenn der Bandscheibenvorfall durch Operation behoben wird, kann die Funktionsfähigkeit der Nerven in der Cauda equina häufig wiedererlangt werden. Die Cauda equina zählt zum peripheren Nervensystem, sie ist deutlich robuster als das Rückenmark und besitzt die Fähigkeit zur Regeneration.

Das Kaudasyndrom ist mit Problemen beim Wasserlassen verbunden. Im Allgemeinen wird je nachdem, ob das Wasserlassen noch möglich ist oder nicht (Harnverhalt), zwischen zwei Varianten unterschieden: dem inkompletten und dem kompletten Kaudasyndrom. Liegt ein vollständiger Harnverhalt vor, ist die Prognose auch bei frühzeitiger Operation ungünstig; bleibende Schäden können in diesem Fall bereits nach sechs Stunden auftreten. Bei einer Störung der Harnblase, die nicht mit einem Harnverhalt einhergeht, ist die Prognose deutlich besser. Bei rund 50 % der Patienten kann eine gestörte Blasenfunktion wiederhergestellt werden.

Illustrationen

Lumbaler Diskusprolaps
Lumbaler Diskusprolaps

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Lumbale Bandscheibenschäden mit Radikulopathie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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