Schleudertrauma, Nackenverletzung

Bei etwa 10 % der Personen mit einer Nackenverletzung infolge eines Unfalls treten Schmerzen und Steifheit im Nacken und möglicherweise auch Kopfschmerzen und Schwindel auf. Weniger als 15% dieser Personen entwickeln chronische Beschwerden.

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Was ist ein Schleudertrauma?

Ein Schleudertrauma ist in der Regel mit Verletzungen nach einem Auffahrunfall verbunden, bei dem der Kopf eine starke und unerwartete Bewegung nach vorne und  hinten macht. Ähnliche Verletzungen können jedoch auch während einer Seitenkollision, bei Ski- oder Snowboardfahrern sowie bei Stürzen von Sprungschanzen auftreten.

Durch eine beschleunigende Kraft von hinten wird z. B. bei einem Auffahrunfall der Kopf des Betroffenen mit einer einem Peitschenhieb ähnlichen Bewegung erst nach vorne und dann wieder nach hinten geschleudert. Dadurch kommt es zu einer Überstreckung des unteren Teils des Nackens. Da das Auto danach plötzlich stoppt, wird der Kopf nach vorne geschleudert. Dadurch kommt es wieder zu einer Überdehnung der Bänder, Sehnen und Muskeln.

Ist die Schädigung so enorm, dass es zu Knochenbrüchen oder Gelenkverschiebungen einerseits oder zu Verletzungen des Nervensystems andererseits kommt, wird die Erkrankung als gravierende Nackenverletzung und nicht als Schleudertrauma definiert.

Bei einem Schleudertrauma liegen solche Verletzunge nicht vor, es entwickeln sich jedoch möglicherweise chronische Schmerzen mit oder ohne Einbeziehung des Bewegungsapparates.

Von den Patienten, die unter einem Schleudertrauma leiden, tragen die meisten keine bleibenden Schäden davon.

Anstelle des Begriffs Schleudertrauma wird im medizinischen Bereich häufig die Bezeichnung Halswirbelsäulen-Distorsion (HWS-Distorsion) verwendet.

Häufigkeit

Laut einer Statistik leiden lediglich 10% der Fälle, die potentiell zu einem Schleudertrauma führen können, tatsächlich unter derartigen Beschwerden. Von diesen Patienten wiederum heilen bei über 85 % entsprechende Beschwerden innerhalb von 6 Monaten aus. In Deutschland leiden jährlich geschätzt 400.000 Menschen nach Autounfällen oder anderen Unfällen an Beschwerden im Nacken.

Ursachen

Genaue Kenntnisse über die Entstehungsmechanismen des Schleudertraumas liegen nicht vor. Es gibt auch keinen eindeutigen Beleg für einen Zusammenhang zwischen dem Verletzungsgrad und dem späteren Auftreten von Beschwerden. Im Folgenden finden Sie den derzeit gültigen Erklärungsansatz für die Entstehung eines Schleudertraumas.

Wenn der Kopf plötzlich nach vorne geworfen wird, knickt die Nackenwirbelsäule entsprechend nach vorne ab. Alle Weichteile an der Rückseite der Wirbelsäule werden dabei ruckartig überdehnt. Dies kann also zur Dehnung der Sehnen und Muskelfasern führen, und aufgrund der Gewebeschäden kann sich eine lokale Nervenreizung entwickeln. Wenn der Kopf anschließend plötzlich nach hinten geworfen wird, können entsprechende Gewebeschäden in den Weichteilen an der Vorderseite der Halswirbel entstehen.

Die Strukturen im Bereich des Nackens liegen zudem sehr dicht aneinander und sind äußerst empfindlich. Daher können bereits geringe Gewebeschäden ggf. zu relativ großen Beschwerden führen. Derartige Verletzungen können jedoch selten mittels Röntgendiagnostik nachgewiesen werden.

Es gibt eine Reihe prädisponierender Faktoren, die ein Schleudertrauma begünstigen:

  • frühere psychische Erkrankungen
  • hohes Alter
  • weibliches Geschlecht
  • Nackenmyalgie, Nackensteifigkeit, Nackenschmerzen oder Kopfschmerzen vor dem Trauma
  • Schwindel oder Gleichgewichtsprobleme vor dem Trauma
  • degenerative Veränderungen der Halswirbelsäule
  • enger Spinalkanal

Chronische Beschwerden?

Weniger als 15 % der Personen mit akuten Beschwerden entwickeln lang anhaltende Schmerzen und eine Steifigkeit mit mehr oder weniger Einfluss auf das Funktionsniveau. Zu den Symptomen gehören unter anderem Nackenschmerzen und -steife, Kopfschmerzen, Schulterschmerzen und -steife, Schwindel, Abgeschlagenheit, Beschwerden im Kiefergelenk, Armschmerzen, Kribbeln in den Armen, Sehstörungen, Tinnitus, Sprachstörungen und Rückenschmerzen. Darüber hinaus kann es zu psychosozialen Symptomen wie Depression, Wut, Angst, beruflichen Probleme, Hypochondrie, posttraumatischen Belastungsstörungen, Schlafstörungen und zu sozialer Isolation kommen. Dabei ist zu beachten, dass einige der genannten Symptome aus anderen Gründen in der Bevölkerung weit verbreitet sind.

Diagnose

Es gibt keine eindeutigen Diagnosekriterien. Beschwerden treten zeitnah nach dem Vorfall auf, nämlich ab dem Zeitpunkt der Verletzung bis drei Tage später. Bei Beschwerden, die sich noch später entwickeln, erscheint ein Zusammenhang mit einem akuten Trauma unwahrscheinlich. Die Anamnese umfasst typischerweise Nackenschmerzen, Steifigkeit und Kopfschmerzen. Laut Definition sollten keine Anzeichen neurologischer Schäden, von Knochenbrüchen oder Verletzungen vorliegen.

Bei einer nicht eindeutigen Diagnose muss möglicherweise eine Röntgen- oder Computertomographie (CT)-Untersuchung durchgeführt werden. Bei neurologischen Befunden wird eine Magnetresonanztomographie (MRT) veranlasst. In einigen Fällen werden eine interdisziplinäre psychosomatische Beurteilung und möglicherweise auch eine neuropsychologische Untersuchung empfohlen.

Behandlung

Wie bei anderen akuten Verletzungen sind unnötige Belastungen des Nackens in den ersten Tagen nach der Verletzung zu vermeiden, damit die körpereigenen Reparaturmechanismen effektiv arbeiten können. In dieser Zeit kann eine schmerzlindernde medikamentöse Behandlung hilfreich sein. Es können nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), eine Gruppe von entzündungshemmenden Schmerzmitteln, zu denen z. B. Ibuprofen gehört, eingenommen werden. Es ist wichtig, normale Bewegungen mit dem Nacken durchzuführen und ihn wie üblich zu verwenden. Das Tragen einer Halskrause wird in den meisten Fällen nicht empfohlen. Die Verwendung einer Halskrause über mehr als 48 Stunden kann zur Verlängerung und Verschlechterung der Symptome führen. Übungen in Form von sich wiederholenden, sanften Bewegungen des Halses/Kopfes sollten im Laufe des Tages stündlich wiederholt werden. Dadurch werden die Schmerzen gelindert. Die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn die Behandlung zeitnah beginnt, d. h. innerhalb von vier Tagen nach der Verletzung.

Nach der ersten Woche ist es sehr wichtig, dass Sie mit der Bewegung und dem normalen Einsatz des Halses beginnen, auch wenn dies mit einigen Schmerzen verbunden ist. Normale Bewegungen sind für die Erhaltung der Elastizität der Weichteile wichtig und vermeiden eine dauerhafte Steifigkeit der umliegenden Strukturen. Eine passive Behandlung sorgt für eine langsamere Genesung.

Insbesondere bei einer chronischen Erkrankung (> 3 Monate) sollte eine Beratung bezüglich eines langfristigen Therapieplans mit einem Physiotherapeuten erarbeitet werden. Nach der klinischen Beurteilung der chronischen Schmerzen werden teilweise auch schmerzlindernde Medikamente verschrieben.

Prognose

Nur etwa 10% aller Personen mit einem Schleudertrauma entwickeln Beschwerden. Bei der Mehrheit dieser Fälle (über 85 %) ist der Verlauf positiv, die Beschwerden verringern sich allmählich und verschwinden innerhalb von 6 Monaten. Der Verlauf nach der Verletzung hängt von prädisponierenden psychologischen und körperlichen Faktoren ab, die mit auslösenden und die Symptome moderierenden Faktoren zusammenhängen. Schwere körperliche Arbeit, die Angst vor schweren Verletzungen und die Erwartung eines Funktionsverlusts sind Faktoren, die sich auf den Verlauf und die psychosoziale Funktionsebene auswirken.

Weniger als 15 % der Betroffenen entwickeln chronische gesundheitliche Probleme. Ungefähr 5 % der Patienten werden arbeitsunfähig. Die Prognose ist bei den meisten Personen jedoch gut.

Weitere Informationen

Autoren

  • Marie-Christine Fritzsche, Ärztin, Freiburg

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Schleudertrauma. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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