Schulterschmerzen

Bei Schulterschmerzen gehen Schmerzen von den Strukturen im Schultergelenk oder Schultereckgelenk (AC-Gelenk), der Verbindung zwischen Schlüsselbein und Schulterblatt, sowie den umgebenden Strukturen aus.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was sind Schulterschmerzen?

  • Häufige Beschwerden; Schulterschmerzen sind nach Rückenschmerzen die zweithäufigtse Ursache für Beschwerden von Gelenken/Muskeln, die Patienten zum Arzt führen.
  • Vor allem ältere Menschen sind von Schmerzen in der Schulter betroffen, oft auch in Form ständiger Schmerzen.
  • Sportler, v.a. beim Schwimmen, Wurfsportarten oder Tennis, verletzen sich häufig im Bereich des Schultergelenks. Jüngere Personen leiden dann eher an einer Instabilität des Gelenks aufgrund der akuten Verletzung, über 40-Jährige eher an Schmerzen aufgrund einer ständigen Überlastung von Muskeln und Sehnen. 

Welche Mechanismen liegen den Schmerzen zugrunde?

  • Beim Schultergelenk handelt es sich um ein komplexes Gelenk, das Bewegung in alle Richtungen ermöglicht. Der Oberarmknochen endet mit einer kugeligen Wölbung unter einem Knochenvorsprung des Schulterblatts und liegt in einer kleinen Gelenkpfanne. Das Gelenk ist von einer Gelenkkapsel, verschiedenen Bändern und Sehnen umgeben. Sie bilden eine Art Haube um das Schultergelenk und halten einerseits das knöcherne Gelenk an seinem Platz und ermöglichen andererseits die normale Funktion und Beweglichkeit. Zwischen Brustbein und äußerem Rand des Schulterblatts liegt zudem das Schlüsselbein und endet im Bereich des Schultergelenks.
  • Im Bereich des Schultergelenks setzen verschiedene Muskeln an, die in Richtung Rücken, Oberarm/Unterarm oder Brustkorb ziehen. Die 4 Muskeln, die vom Schultergelenk aus den Oberarmknochen umgeben, bezeichnet man zusammen als Rotatorenmanschette. Sie sorgen für vielfältige Bewegungen im Schultergelenk.
  • Schleimbeutel tragen dazu bei, dass die Sehnen reibungslos gegeneinander gleiten.
  • Bei Schulterschmerzen können Krankheiten oder Verletzungen im eigentlichen Gelenk bzw. der Knochen, Veränderungen der Sehnen oder Gelenkkapsel, Schleimbeutelentzündungen oder auch Muskelschäden die Ursache sein.
  • Die meisten Fälle von Schulterschmerzen sind auf Überlastung oder Fehlbelastung zurückzuführen: Akute Unfälle/Stürze führen zu einem Knochenbruch, einer Ausrenkung oder einem Sehnenriss. Langfristige Überlastung zu entzündlichen Veränderungen oder Degeneration (Verschleiß) der Sehnen, Kapsel und Muskulatur. 
  • Seltener sind systemische Krankheiten die Ursache (z.B. rheumatische Arthritis) oder auch Tumoren.
  • Beim Herzinfarkt kann der Schmerz auch in die Schulter ausstrahlen und als plötzlicher Schulterschmerz wahrgenommen werden, obwohl die Schulter selbst gar nicht geschädigt ist. Ähnliches kann bei einer Gallenblasenkolik der Fall sein.

Was kann die Ursache sein?

Häufige Ursachen

  • Sehnenerkrankung
    • Eine sog. Tendopathie ist eine nichtinfektiöse Erkrankung einer Sehne, die auf eine starke einmalige oder chronische Überlastung zurückzuführen sind. Kleine Einrisse sind Ursache der Schmerzen. Häufig sind die Sehnen der Muskeln der Rotatorenmanschette betroffen, v.a. die Supraspinatussehne.
    • Die Schäden können ausheilen, aber auch dauerhaft bestehen bleiben.
    • Es kommt zu Schmerzen in der Schulter, wobei sich die Schmerzen bei Bewegungen, die eine Belastung der Sehne darstellen, verschlimmern.
    • Bei länger bestehender Tendopathie können sich in der Sehne kleinste Kalkpartikel ablagern (Kalkschulter).
  • Akute Schleimbeutelentzündung
    • Eine akute Schleimbeutelentzündung kann Folge einer akuten Verletzung sein, aber auch bei Rheuma auftreten.
    • Sie beginnt meist mit akuten Schmerzen, die den Schlaf stören. Es kommt zu Schmerzen bei den meisten Bewegungen.
  • Chronische Schleimbeutelentzündung
    • Häufig ein langwieriger Verlauf mit Zunahme der Schmerzen bei sehr vielen Bewegungen und Belastungen der Schulter.
    • Geht oft mit einer Sehnenerkrankung einher.
  • Gelenkkapselentzündung
    • Charakteristisch sind Schmerzen und eine Beeinträchtigung der aktiven und passiven Beweglichkeit sowie Steifigkeit („Frozen Shoulder“/Schultersteife).
    • Die Kapsulitis kann allein auftreten oder Folge anderer Krankheiten sein; die genaue Ursache ist meist nicht bekannt.
    • Die Beschwerden heilen in der Regel über längere Zeit von selbst (oder mit Unterstützung von Physiotherapie) aus.
    Verletzung der Muskeln: Rotatorenmanschettenruptur (Riss eines oder mehrerer Muskeln der Rotatorenmanschette)Arthrose (Gelenkverschleiß):
      Wie andere Gelenke auch, kann das Schultergelenk von knöchernen Veränderungen betroffen sein, die Schmerzen verursachen. Reicht eine konservative Therapie nicht aus, ist eine Operation (z.B. teilweiser Gelenkersatz) eine Option.
    Verletzungen beim Sport oder durch Stürze: 
    • Können Blutungen in und um die Sehnen verursachen, was wiederum Schäden nach sich ziehen kann.
    • Knochenbrüche (Oberarmknochen, Schlüsselbein) können natürlich starke akute Schmerzen verursachen und sind entsprechend zu behandeln.
    Schmerzen, die darauf zurückzuführen sind, dass die Schulter mehrfach aus dem Gelenk gesprungen ist (Gelenkluxation):
    • Auf Schäden an Gelenken und Bändern zurückzuführen. 
    • Die Luxation/Ausrenkung kann Folge eines akuten Unfalls sein; manche Patienten renken sich ihr Gelenk jedoch immer wieder auch bei sehr geringen Belastungen aus.
    • Das Gelenk kann nach vorne oder nach hinten "auskugeln".

Seltene Ursachen

  • Überlastung des AC-Gelenks
    • Ist häufig auf eine Schädigung zurückzuführen, in deren Folge es zu Instabilität der Bänder und Entzündungsreaktionen sowie langfristig arthrotische Veränderungen kommen kann.
    • Charakteristisch sind Schmerzen über dem AC-Gelenk (Akromioklavikulargelenk: Gelenk zwischen Schulterblatt und Schlüsselbein) und Schmerzen, die in den Hals ausstrahlen.
  • Sehnenriss:
    • Nach wiederholten Schäden an der Supraspinatussehne (oder einer anderen Sehne) können kleine Risse und altersbedingte Veränderungen entstehen, die schließlich zum Ablösen der vollständigen Sehne führen.
    • Viele der Patienten sind zwischen 40 und 50 Jahre alt und geben wiederholte Schäden oder Belastungen an. Gelegentlich wurde in der Vergangenheit eine Therapie mit lokalen Kortisoninjektionen durchgeführt (dies kann das Risiko für spätere Schäden erhöhen).
    • Die Behandlung ist die gleiche wie bei einer Tendinopathie. Wenn der Behandlungserfolg ausbleibt, kann eine Operation in Betracht gezogen werden.
  • Nerveinklemmung:
    • Ein Nerv (N. suprascapularis) kann in der Schulter eingeklemmt werden. Tritt häufig bei Sportlern wie Volleyballspielern, Schwimmern, Werfern und Tennisspielern auf.
    • Verminderte Kraft bei bestimmten Bewegungen und Schmerzen an der Rückseite der Schulter.
    • Therapeutisch sind Entlastung sowie spezielle Übungen angezeigt. Wenn innerhalb von 6–12 Monaten keine Besserung eintritt, kann ein chirurgischer Eingriff in Erwägung gezogen werden.
  • Rheumatische Erkrankungen
  • Andere seltene Ursachen:
    • Beispielsweise Infektionen, Tumoren, Blutkrebs

Was können Sie selbst tun?

  • Die meisten Schulterprobleme verschwinden mit der Zeit von allein, es kann jedoch mehrere Monate oder Jahre dauern.
  • Wenn Sie auf einer oder beiden Seiten Probleme haben, können Sie wie nachfolgend beschrieben eine Linderung der Schmerzen erreichen:
    • Vermeiden Sie einseitige Tätigkeiten und achten Sie auf Ihre Körperhaltung.
    • Machen Sie Pausen.
    • Machen Sie Übungen nach den Anweisungen der Ärztin oder des Physiotherapeuten.
    • Sind die Beschwerden durch Tätigkeiten am Arbeitsplatz verursacht, sollten Sie den Betriebsarzt informieren.

Wann sollten Sie einen Arzt aufsuchen?

  • Bei starken Schmerzen.
  • Bei lang anhaltenden Beschwerden (Schmerz und Einschränkung der Beweglichkeit).
  • Bei wiederholten Schmerzen (z.B. stets nach dem Sport).
  • Bei akuten Verletzungen der Schulter mit nachfolgenden Schmerzen.
  • Bei zusätzlichen anderen Symptomen (Blutarmut, Beschwerden an anderen Gelenken, etc).

Wie geht der Arzt vor?

Anamnese

Der Arzt wird Ihnen eventuell folgende Fragen stellen:

  • Wann haben Sie dies zum ersten Mal bemerkt?
  • Wie hat alles angefangen?
  • Hatten Sie eine Schulterverletzung? Was ist passiert?
  • Haben Sie eine berufliche Tätigkeit oder Beschäftigung, die eine Belastung der Schulter darstellt?
  • Können Sie genau beschreiben, wo der Schmerz sitzt?
  • Strahlen die Schmerzen in den Arm aus? Wo?
  • Haben Sie Schmerzen auch in Ruhe? Und in der Nacht?
  • Können Sie angeben, welche Bewegungen in Schulter oder Arm mit Schmerzen verbunden sind?
  • Können Sie angeben, welche Belastungen von Schulter oder Arm die Schmerzen verursachen?
  • Haben Sie sich schon einmal die Schulter ausgerenkt?
  • Welche Auswirkungen haben die Schulterbeschwerden auf Ihre Arbeitssituation oder anderen Aktivitäten des täglichen Lebens?

Ärztliche Untersuchung

  • Es wird eine sorgfältige körperliche Untersuchung vorgenommen.
  • Dabei wird das Augenmerk auf Schiefstellungen oder andere sichtbaren Veränderungen gelegt.
  • Die Schulter wird abgetastet, um herauszufinden, wo der Schmerz sitzt.
  • Es werden verschiedene Untersuchungen mit passiven und aktiven Bewegungen durchgeführt und getestet, welche Belastungen Schmerzen auslösen oder ob eine Schwächung der Muskulatur und/oder Einschränkung der Beweglichkeit vorliegt.
  • Der Arzt wird genau prüfen, ob die Funktion der Nerven sowie die Durchblutung intakt sind.
  • Unter Umständen wird eine Spritze mit einem Lokalanästhetikum verabreicht, um die Ursache der Symptome (verschwinden die Schmerzen nach der Betäubung?) zu bestätigen.

Weitere Untersuchungen

  • Im Röntgenbild lassen sich vermutete Frakturen erkennen.
  • Manche Veränderungen lassen sich auch im Ultraschall nachweisen.
  • Eine MRT kann oft aussagekräftige Ergebnisse zum Zustand der Sehnen und Gelenkstrukturen liefern, evtl. ist auch ein CT sinnvoll.
  • Bei Verdacht auf eine rheumatische Erkrankung oder andere allgemeine Erkrankung werden im Blut verschiedene Parameter bestimmt.

Überweisung an einen Spezialisten

  • Die meisten Betroffenen werden vom Allgemeinarzt oder Orthopäden und zusätzlich oft vom Physiotherapeuten behandelt, gelegentlich ist jedoch eine Überweisung an einen weiteren Spezialisten angezeigt.

Illustrationen

Schultergelenk
Schultergelenk
Supraspinatussehne
Supraspinatussehne

 

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Schulterschmerzen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Schaufelberger M, Meer A, Furger P, Derkx H et al.. Red Flags - Expertenkonsens - Alarmsymptome der Medizin. Neuhausen am Rheinfall, Schweiz: Editions D&F, 2018.
  2. Fleischmann T. Fälle Klinische Notfallmedizin - Die 100 wichtigsten Diagnosen. München, Deutschland: Elsevier, 2018.
  3. Burbank KM, Stevenson JH, Czarnecki GR, Dorfman J. Chronic shoulder pain: Part I. Evaluation and diagnosis. Am Fam Physician 2008; 77: 453-60. PubMed
  4. Burbank KM, Stevenson JH, Czarnecki GR, Dorfman J. Chronic shoulder pain: Part II. Treatment. Am Fam Physician 2008; 77: 493-7. PubMed
  5. Smidt N, Green S. Is the diagnosis important for the treatment of patients with shoulder complaints?. Lancet 2003; 362: 1867-8. PubMed
  6. Magosch P, Lichtenberg S, Loew M, Tauber M, Habermeyer P. Die Klinische Untersuchung der Schulter. Dtsch Z Sportmed 2013; 64 (12): 372-379. www.germanjournalsportsmedicine.com
  7. Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie. Rotatorenmanschette. AWMF-Leitlinie-Nr.033 - 041. Stand 2017. www.awmf.org
  8. Mutschler, Kohn, Pohlemann. Praxis der Orthopädie und Unfallchirurgie. 3., vollständig überarbeitete Auflage 2013 Thieme Verlag Stuttgart S. 944ff
  9. Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie. Schulterluxation, rezidivierend und habituell. AWMF-Leitlinie Nr. 033-027. Stand 2009 (in Überarbeitung). www.awmf.org
  10. Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. Schultergelenk-Erstluxation. AWMF-Leitlinie Nr. 012-012. Stand 2017 www.awmf.org
  11. Coghlan JA, Buchbinder R, Green S, Johnston RV, Bell SN. Surgery for rotator cuff disease. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 1. Art. No.: CD005619. DOI: 10.1002/14651858.CD005619.pub2. DOI
  12. Bischoff H-P, Heisel J, Locher H. Praxis der konservativen Orthopädie Thieme- Verlag Stuttgart. 1. Auflage: 2007. S.369ff.
  13. Assmus H, Antoniadis G, Bischoff C. Karpaltunnel-, Kubitaltunnel- und seltene Nerven­kompressions­syndrome. Dtsch Arztebl Int 2015; 112(1-2): 14-26; DOI: 10.3238/arztebl.2015.0014. www.aerzteblatt.de
  14. European League Against Rheumatism/American College of Rheumatology: 2015 Recommendations for the Management of Polymyalgia Rheumatica, Stand 2015. www.rheumatology.org
  15. Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie. Behandlung der Polymyalgia rheumatica. AWMF-Leitlinie Nr. 060-006. Stand 2017. www.awmf.org
  16. Brkic M, Froemel D. Meurer A. Klinische Untersuchung der Schulter. Manuelle Medizin 2015; 53:63–78. Springer-Verlag Berlin/Heidelberg, 2015.
  17. Deutsche Vereinigung für Schulter- und Ellenbogenchirurgie. Untersuchungstechniken des Schultergelenks. Obere Extremität Springer-Verlag 2012 www.dvse.info
  18. Englund M, Guermazi A, Gale D et al. Incidental meniscal findings on knee MRI in middle-aged and elderly persons. N Engl J Med 2008; 359: 1108-15. New England Journal of Medicine
  19. Moosmayer S, Heir S, Smith H-J. Sonography of the rotator cuff in painful shoulders performed without knowledge of clinical information: results from 58 sonographic examinations with surgical correlation. J Clin Ultrasound 2007; 35: 20-6. PubMed