Somatoforme Körperbeschwerden

Zusammenfassung

  • Definition: Wiederholtes und anhaltendes Leiden an somatischen Symptomen trotz wiederholter negativer Befunde und Versicherung der Ärzte, dass die Symptome keine somatische Ursache haben.
  • Häufigkeit:Ca. 20 % der Menschen, die einen Arzt aufsuchen, leiden unter nichtspezifischen somatoformen Körperbeschwerden, häufiger Frauen, häufiger Menschen aus einkommensschwächeren Schichten und mit Migrationshintergrund, unabhängig vom Alter. Der Leidensdruck führt zu überdurchschnittlich häufigen Arztkontakten.
  • Symptome:Die Symptome können von einem beliebigen Organsystem oder einer entsprechenden Kombination abgeleitet sein. Eine beträchtliche Anzahl von Symptomen kann vorliegen.
  • Befunde: Unauffällige klinische Befunde.
  • Diagnostik:Somatische und psychosoziale Diagnostik sollten parallel laufen.
  • Therapie:Je nach Schwere des Verlaufs stehen unterschiedliche Therapiemodelle zur Verfügung. Wichtig ist, dass sich die Patienten auch ohne somatische Erklärungen ernst genommen fühlen. Eine vertrauensvolle, kooperative Patient-Arzt-Beziehung ist wesentlich.

Allgemeine Informationen

Definition

  • Somatoforme Beschwerden kommen in fast allen medizinischen Bereichen vor. Man spricht auch von funktionellen oder nichtspezifischen Körperbeschwerden.
  • Nach ICD-10 sind sie gekennzeichnet durch Beschwerden, für die keine ausreichende körperliche Ursache gefunden werden kann.
  • Die Schwierigkeit besteht darin, diese Beschwerdenkonstellation schon frühzeitig zu erkennen und die Patienten vor zu vielen unnötigen Untersuchungen und vor Chronifizierung zu bewahren, da Patienten dazu neigen, dem Arzt die negativen Befunde nicht zu glauben und den nächsten Arzt aufzusuchen (Doktor-Hopping).1
  • Der Verlauf ist häufig chronisch mit einem niedrigen Anteilen an Remissionen.
  • Der Schweregrad variiert von leichten Fällen, die schwer von der Normalität abzugrenzen sind, bis zu schweren invalidisierenden Krankheitszuständen.
  • Die häufigsten Erscheinungformen körperlich nicht hinreichend zu erklärender Beschwerden sind:2
    • Schmerzen
    • Störungen von Organfunktionen (vegetative Beschwerden)
    • Erschöpfung/Müdigkeit.

Häufigkeit

  • Ein signifikanter Anteil (20 %) der Patienten, die den Hausarzt aufsuchen, haben Körperbeschwerden, die sich nicht durch somatische Befunde erklären lassen.2
  • Frauen sind 2- bis 3-mal häufiger betroffen.
  • Menschen aus einkommensschwächeren Schichten und mit Migrationshintergrund sind häufiger betroffen.
  • Somatoforme Störungen sind unabhängig vom Alter.
  • Symptome und medizinische Untersuchung werden von kulturellen und sozialen Faktoren beeinflusst.
  • Die Patienten werden häufig Diagnostik und wiederholten Therapiemaßnahmen von mangelnder Wirksamkeit ausgesetzt, was zu Enttäuschungen und häufigen Arztwechseln führt.
  • Die Patienten führen oft langwierige Eigenbehandlungen durch, und viele wenden sich an mehrere und verschiedene Gruppen von Behandlern.
  • Es besteht häufig, aber nicht immer, eine psychische Komorbität (Depression, Persönlichkeitsstörungen).2
  • Ein biopsychosoziales Krankheitsmodell wird oft von den Patienten als Stigmatisierung erfahren.
  • Bei Patienten mit schweren somatoformen Störungen besteht ein erhöhtes Suizidrisiko.

Ätiologie und Pathogenese

  • Es gibt kein gemeinsames, vereinheitlichtes Erklärungsmodell für somatoforme Störungen.
  • Individuelle Faktoren sind wichtig: genetische Faktoren, Persönlichkeitsstruktur, psychosoziale Belastungen, Traumata, Körperbewusstsein und daraus resultierende somatische Erkrankungen.3
  • Die Symptome werden auch durch soziokulturelle Verhältnisse beeinflusst.
  • Von einem psychobiologischen Modell aus spricht man von 2 Schlüsselprozessen:
    1. Erhöhung der sensorischen Aktivität, oft mit biologischer Ursache (z. B. chronische Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse)
    2. Fehlfunktionen im System zur Signalfilterung, sodass die normale Impulshemmung herabgesetzt ist, was zu einer erhöhten Reizempfindlichkeit führt.
  • Lernvorgänge in der Herkunftsfamilie spielen eine Rolle (verhaltensmedizinisches Konzept).4
  • Early-Life-Distress, unsichere Bindungserfahrungen und lebensgeschichtlich begründete, unbewusste Konflikte, die sich daraus ableiten, sowie Ich-strukturelle Defizite können den genannten Schlüsselprozessen zugrunde liegen.5-7
  • Eine familiäre Häufung dieser Erkrankungen scheint vorzuliegen.1
  • Psychosozialer Stress, insbesondere Trennungen und Verluste, scheint oft die Grundlage für den Beginn der Störung darzustellen.
  • In vielen Fällen gibt es Begleiterkrankungen wie affektive Erkrankungen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen und Psychosen.

Prädisponierende Faktoren

  • Adoptionsstudien weisen auf eine gewisse biologische Disposition hin.
  • Traumatische Erlebnisse während Kindheit und Jugend (Verlust der Eltern, mangelnde Fürsorge, Inzest, Misshandlung) können prädisponieren.
  • Kränkende psychosoziale Traumata
  • Die subjektive Erfahrung von Stress, der Grad der Kontrolle über die Ereignisse und die Möglichkeiten für langfristige negative Folgen beeinflussen die psychophysiologischen Reaktionen.
  • Unzureichende Fähigkeiten, sich an Veränderungen anzupassen oder sie zu bewältigen, scheinen ebenfalls prädisponierend zu wirken (z. B. Persönlichkeitsstörungen, fehlende Kenntnisse oder kognitive Fähigkeiten).
  • „Modetrends“ spielen eine Rolle, sowohl bei der Ausformung als auch bei der Inzidenz.

ICPC-2

  • P75 Somatisierungsstörung

ICD-10

  • F45 Somatoforme Störungen
    • F45.0 Somatisierungsstörung
    • F45.1 Undifferenzierte Somatisierungsstörung
    • F45.2 Hypochondrische Störung
    • F45.3 Somatoforme autonome Funktionsstörung
    • F45.4 Anhaltende Schmerzstörung
      • F45.40 Anhaltende somatoforme Schmerzstörung
      • F45.41 Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
    • F45.8 Sonstige somatoforme Störungen
    • F45.9 Somatoforme Störung, nicht näher bezeichnet
    • F 48.0 Neurasthenie

Diagnostik

Diagnostische Kriterien nach ICD-10

  • Gekennzeichnet durch wiederholtes Aufweisen von somatischen Symptomen ohne nachweisbare somatischen Grundlage
  • Vor allem bei Hypochondrie bitten die Patienten häufig, dass eine ärztliche Untersuchung erfolgt, trotz wiederholter negativer Ergebnisse und Versicherungen des Arztes, dass die Symptome keine somatische Grundlage haben.
  • Ggf. vorliegende somatische Befunde und Erkrankungen erklären die Art oder das Ausmaß der Symptome nicht ausreichend; die Angst der Patienten und deren Beschäftigung mit den Symptomen steht in keinem angemessenen Verhältnis zu den tatsächlichen Befunden.

Mehrere Untergruppen

  • Chronische Müdigkeit oder Erschöpfung
  • Hypochondrie
    • Gekennzeichnet durch anhaltende Beschäftigung und Ängste, eine oder mehrere schwere Krankheiten zu haben.
    • Die Patienten klagen anhaltend über körperliche Beschwerden, bei denen „normale“ Befindlichkeiten als Ausdruck einer (schweren) Krankheit wahrgenommen werden.
    • Die Symptome sind oft auf ein Organsystem konzentriert.
  • Somatoforme autonome Funktionsstörung
    • Somatische Symptome, die auf die Stimulation eines ganz oder teilweise autonom gesteuerten Organs hinweisen (Herzklopfen, Schwitzen, Zittern und dergleichen), oder bei denen die Patienten subjektive Beschwerden einem bestimmten Organ zuschreiben (wie Blähungen, Kloß im Hals usw.).
    • Beim Reizdarmsyndrom sind gastrointestinale Motilität, Sekretion und Wahrnehmung gestört. 8
  • Anhaltende Schmerzstörung (somatoforme Schmerzstörung)9
    • Gekennzeichnet durch anhaltende, starke Schmerzen, die in keiner angemessenen Weise durch einen physiologischen oder pathologischen Prozess erklärt werden können.
    • Beginnen häufig in Zusammenhang mit psychosozialen Belastungen.
    • Die Beschreibung der Schmerzsymptomatik erfolgt oft mit affektiven Begriffen (scheußliche Schmerzen, grauenhaft etc.)
    • Oft wird eine hoher Wert auf der visuellen Analogskala angegeben, manchmal folgt der Satz: „Eigentlich kann ich was an Schmerzen aushalten ...“

Differenzialdiagnosen

  • Somatische Krankheiten
  • Erkrankungen, bei denen sowohl organische Ursachen vorliegen, als auch psychosoziale Faktoren den Verlauf der Krankheit beeinflussen.
  • Dissoziative Syndrome mit Störungen des Gedächtnisses, der Sensorik oder Motorik
  • Depressive Erkrankungen
  • Angsterkrankung
  • Postttraumatische Bealstungsstörung
  • Suchterkrankungen
  • Simulation (bewusst) oder Münchhausen-Syndrom (unbewusst) oder Verstärkung von somatischen Symptomen mit psychischen Ursachen (z. B. psychogene Auflagerung)
  • Aggravation
  • Schizophrenie
    • gelegentlich somatische Wahnvorstellungen und Halluzinationen
    • Der Inhalt ist in der Regel ziemlich unvernünftig.
    • Diffuse somatische Beschwerden sind manchmal Erstsymptome der Schizophrenie.

Anamnese

  • Sollte gründlich genug sein, um den psychosozialen Kontext zu erfassen und somatische oder andere psychische Störungen abzugrenzen. Findet die Erfragung des psychosozialen Kontexts erst nach einer apparativen Ausschlussdiagnostik statt, wird die Patient-Arzt-Beziehung belastet und die Psychoedukation erschwert.
    • Hilfreich sind Fragen wie: „Was sagen Ihre Angehörigen oder Ihre Arbeitskollegen zu Ihren Beschwerden?"
  • Eine biografische Anamnese, die Early-Life-Distress berücksichtigt und das, was die Patienten in ihrem Leben bereits gemeistert haben, kann bereits beim Erstkontakt oder bei den folgenden Kontakten erfasst werden.
  • Eine gründliche Anamnese unterstützt die wichtige hausärztliche Aufgabe: frühzeitige Schweregradeinteilung vornehmen und Warnsignale schwerer Verläufe erkennen.
  • Erfragen Sie die Patientenperspektive:
    • „Was ist Ihre Auffassung, woher die Beschwerden kommmen?"
  • Lebensereignisse zur Zeit vor und während des Beginns der Beschwerden sollten erfasst werden:
    • „Seit wann haben Sie die Beschwerden?"
  • Ein völlig beliebiges Organsystem oder eine entsprechende Kombination kann der Aufmerksamkeitsfokus der Patienten sein.
  • Verschaffen Sie sich einen Überblick über die gesamten Symptome und die Symptomentwicklung Ihrer Patienten („Haben Sie noch weitere Beschwerden?“), um eine korrekte Diagnose zu gewährleisten und Vertrauen bei den Patienten aufzubauen. Vertrauen ist wichtig für eine gute Zusammenarbeit.
  • Stellen Sie fest, inwieweit die Patienten in ihrem Alltagsleben durch die Symptome beeinträchtigt werden.
  • Aktive Befragungen zu Angstzuständen, Depressionen oder Symptomen eines psychischen Traumas
  • Erfragen Sie, welche Diagnostik und Therapie bereits erfolgt ist, um unnötige Diagnostik und wiederholte oder nichtindizierte Behandlungsversuche zu vermeiden. Kontaktieren Sie die Vorbehandler bei Ihnen unbekannten Patienten, bevor Maßnahmen erfolgen.
  • Erheben Sie eine genaue Medikamentenananmnese; manche Patienten haben bereits Episoden des Medikamentenübergebrauchs (Analgetika, Psychopharmaka) erlebt.

Klinische Erscheinungsformen

  • Gastrointestinale Beschweren wie Reizdarmsyndrom
  • Rückenschmerzen
  • Chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen
  • Kopfschmerzen
  • Chronische Müdigkeit
  • Fibromyalgie
  • Nahrungsmittelunverträglichkeit
  • Schmerzen in der Brust und andere Herzsymptome
  • Schwindelgefühl
  • Impotenz und Dyspareunie
  • Dysaesthesien der Haut
  • Körperdysmorphe Störungen

Klinische Untersuchung

  • Entweder findet sich keine somatische Erklärung der Symptome, oder es treten Veränderungen auf, die nicht im Verhältnis zu den Beschwerden stehen, über die die Patienten klagen.
  • Eine gründliche Anamnese ist von entscheidender Bedeutung.
  • Dasselbe gilt für die gründliche körperliche Untersuchung, die Fürsorge und Sicherheit vermitteln kann.
  • Die Untersuchung dieser Patienten erfordert Einblick, Erfahrung und Geduld.
  • Mit immer neuen, apparativen Untersuchungen bestärken Sie die Patienten in dem Glauben, doch somatisch erkrankt zu sein. Wenn Sie apparative Diagnostik gemeinsam vereinbaren, benennen Sie bereits jetzt das voraussichtlich gute Ergebnis.
  • Stellen Sie dennoch, in vernünftigem Maß, sicher, dass Sie keine somatischen Erkrankungen übersehen. Die Unterscheidung ist nicht einfach und erfordert einen kooperativen Dialog zwischen Patient und Arzt, pädagogische Fähigkeiten und gute medizinische Kenntnisse. Insbesondere bei Symptomwechsel sollte das emotionale Erleben der Patienten und Änderungen im psychosozialen Kontext angesprochen werden. Die Aufmerksamkeit für die medizinische Differenzialdiagnose, die eine erneute Diagnostik notwendig machen kann, sollte aufrecht erhalten bleiben.

Ergänzende Untersuchungen in der Hausarztpraxis

  • Körperliche Untersuchung
  • Relevante technische Untersuchungen, um Krankheiten für die vorgestellten Symptome zu erkennen oder auszuschließen.
  • Screening auf psychische Erkrankungen

Diagnostik beim Spezialisten

  • Eine Untersuchung durch einen Facharzt für Psychiatrie oder einen Facharzt für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin ist nach der somatischen Untersuchung angebracht, wenn die Patienten nach 3 Monaten keine Besserung zeigen.
  • Eine Überweisung zu einem Psychiater oder Psychotherapeuten kann erforderlich und hilfreich sein, um den Schweregrad einzuteilen und psychische Komorbidität zu klären.
  • Wiederholte Überweisungen zu somatischen Spezialisten können beitragen, die Symptome aufrechtzuerhalten und das Bedürfnis der Patienten nach einer rein somatische Erklärung zu verstärken.

Indikationen zur Krankenhauseinweisung

  • Bei Verdacht auf Suizidalität und schweren Verläufen
  • Multimodales Setting notwendig, aber ambulant nicht verfügbar
  • Längerfristige Arbeitsunfähigkeit (> 4 Wochen)
  • Große Probleme im sozialen Umfeld
  • Hohe biografische Belastung
  • Ausbleibender Erfolg der ambulanten Behandlung nach 6 Monaten

Therapie

Therapieziel

  • Beschwerden lindern (nicht Beschwerdefreiheit ist das Ziel!).
  • Therapieziele sollen gemeinsam mit den Patienten vereinbart werden, damit sie sich ernst genommen fühlen.
  • Eine Therapie sollte dazu führen, dass die Patienten mit oder trotz der Beschwerden ein „gutes“ Leben führen können (Verbesserung der Lebensqualität).
  • Erlernen von Techniken, die das Selbstmanagement und die Lebensqualität verbessern.10
  • Eine Chronifizierung sollte möglichst vermieden werden.

Allgemeines zur Therapie

  • Eine gute, empathische Patient-Arzt-Beziehung ist unerlässlich für einen Behandlungserfolg.
  • Konsequente biopsychosoziale Simultandiagnostik ermöglicht Früherkennung somatoformer Körperbeschwerden.11
  • Vermitteln Sie eine plausible Erklärung für körperliche Symptome ohne nachweisbare organische Erkrankungen, und erklären Sie die Beschwerden der Patienten mit diesem Modell.
  • Erkennen Sie das Leid der Patienten an.
    • „Das muss ja eine schlimme Erfahrung für Sie sein!"
  • Vermeiden Sie zu lange Arbeitsunfähigkeitszeiten, und machen Sie die Gründe dafür Ihren Patienten transparent.
  • Suchen Sie nach den Stärken der Patienten und danach, was sie bereits gut gemeistert haben (Ressourcenorientierung).
  • Symptomtagebücher sind selten eine gute Therapieoption, denn sie können die Aufmerksamkeit der Patienten darauf lenken, ihre Beschwerden und das, was sie nicht mehr können, zu beobachten.
  • Die Therapie sollte sich stufenweise nach dem Schweregrad, dem Verlauf und den vorhandenen Ressourcen richten.12
    • Bei leichteren Verläufen genügt oft eine Aufklärung der Patienten, Ermutigung und Beruhigung, ggf. symptomatische Maßnahmen sowie eine soziale und körperliche Aktivierung.
    • Dazu dienen regelmäßige, beschwerdeunabhängige Termine.
    • In der Hausarztpraxis ist es oft gut, einen festen ärztlichen Ansprechpartner zu haben, der mit den Patienten regelmäßig Kontakt hat.
    • Bei schwereren Verläufen empfiehlt sich immer das Einbeziehen weiterer Ressourcen, wie Einleitung einer Psychotherapie und/oder Hinzuziehen eines Psychiaters.
    • Bei sehr schweren Verläufen ist manchmal eine stationäre Einweisung oder Tagesklinik eine gute Option (multimodale Therapie mit verschiedenen Therapeuten).
  • Körperliche Aktivität hat sich im Allgemeinen als günstiger erwiesen als Ausruhen und Vermeiden von Aktivität bei somatoformen Körperbeschwerden.13
  • Behandlungsziele und diagnostische Maßnahmen sollten gemeinsam mit den Patienten erarbeitet werden.

Empfehlungen für Patienten

  • Ermuntern Sie ressourcenorientiert zu körperlichen, geistigen und sozialen Aktivitäten.
    • „Was hat Ihnen gut getan?“
    • „Wo sind Sie stolz auf sich?"
  • Ermuntern Sie zum Erlernen eines Entspannungsverfahrens.
  • Regen Sie zur Selbstfürsorge an.
  • Naturheilkundliche Interventionen bieten viele Möglichkeiten, die Patienten zu eigener Aktivität zu motivieren.

Medikamentöse Therapie

  • Im Allgemeinen ist eine medikamentöse Therapie bei der Behandlung somatoformer Störungen von mäßigem Wert.1
  • Bei einer somatoformen Schmerzstörung sind Analgetika nicht indiziert.9
  • Bei Schmerzdominanz soll zeitlich befristet ein Antidepressivum gegeben werden. Für niedrigdosierte trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin 10–50 mg/d) ist die Wirksamkeit derzeit am besten gesichert. Beim Fibromyalgiesyndrom kann bei Unverträglichkeit Duloxetin erwogen werden.
  • Es gibt jedoch einige kontrollierte Studien, die einzelne funktionelle Syndrome wie Reizdarmsyndrom, hyperkinetisches Herzsyndrom und einige spezifische Schmerzsyndromen betreffen.13
    • Dabei handelt es sich vor allem um symptomdämpfende Therapien, deren Anwendung auf alle Fälle zeitlich begrenzt bleiben muss.
    • Beim Reizdarmsyndrom lassen sich Symptome wie Schmerzen, Blähungen, Obstipation oder Durchfall vorübergehend gut mit Medikamenten behandeln.8
  • Psychopharmaka wie Antidepressiva, Anxiolytika, Hypnotika, Tranquilizer oder Neuroleptika sollten nur bei entsprechenden psychischen Komorbitäten zum Einsatz kommen.

Psychotherapie

  • Soll partizipativ vereinbart werden.
  • Bezüglich der psychotherapeutischen Verfahren liegt die beste Evidenz für die kognitive Verhaltenstherapie14 vor, empirisch belegt sind auch psychodynamische(-interpersonelle) Therapie und hypnotherapeutische/ imaginative Verfahren; Einzel- oder Gruppenpsychotherapie erreichen gleichermaßen niedrige bis mittlere Effektstärken.

Weitere Therapien

  • Weitere Behandlungsformen haben sich bei somatoformen Körperbeschwerden als wirksam erwiesen:
    • Biofeedback
    • psychomotorische Therapie
    • Entspannungsübungen
    • Familientherapie
    • Steigerung der körperlichen Aktivität
    • Physiotherapie.
    • Hypnose bei Reizdarm.10

Verlauf, Komplikationen und Prognose

Verlauf

  • Die Verlauf ist unterschiedlich und eine Spontanremission ist selten, wenn der Zustand länger als 12 Monate angedauert hat.
  • Die Erkrankung kann lebenslang vorkommen, und die Patienten unterziehen sich oft ohne Erfolg zahlreichen Untersuchungen und Behandlungsversuchen.15
  • Die Schwere des Verlaufs sollte anhand einer Reihe klinischer Charakteristika (Yellow Flags) wiederholt eingeschätzt werden. Für einen schwereren Verlauf sprechen:12
    • Beschwerden in mehreren Organsystemen
    • große Häufigkeit oder anhaltende Dauer der Beschwerden
    • ausgeprägte krankheitsbezogene Sorgen und Ängste
    • hohe Inanspruchnahme des Versorgungssystems und häufige Behandlungsabbrüche
    • starke Beeinträchtigung des Alltagsleben und Arbeitsunfähigkeitszeiten > 4 Wochen
    • hohe psychische Komorbidität
    • starke biografische Belastungen
    • dysfunktionales, iatrogenes Handeln: Über- und Wiederholungsdiagnostik und invasive Eingriffe in der Anamnese, Nicht-Berücksichtigung psychosozialer Krankheitsaspekte

Komplikationen

  • Es gibt Warnsignale für schwere Verläufe (Red Flags), die eine sofortige Veranlassung geeigneter Intervention nötig machen:12
    • erhöhte Suizidalität
    • besonders schwere psychische Komorbität (Angst)
    • Hinweise auf selbstschädigendes Verhalten
    • schwerste Ausprägung der Beschwerden und bereits körperliche Folgeschäden: Bettlägerigkeit, Kontrakturen der Gelenke
    • Auftreten von Warnsignalen somatischer Erkrankungen.
  • Es kommt häufig vor, dass im Verlauf behandlungsbedürftige depressive Störungen auftreten.
  • Die negativen Auswirkungen von unnötigen medizinischen und chirurgischen Therapien und langanhaltender Arbeitslosigkeit können erheblich sein.
  • Abhängigkeit von Schmerzmitteln oder Beruhigungsmitteln

Prognose

  • Als prognostisch günstig werden folgende Faktoren angesehen:12
    • aktive Bewältigungstrategien
    • gesunde Lebensführung
    • sichere Bindungen
    • soziale Unterstützung
    • gute Arbeitsbedingungen
    • gute Patient-Arzt-Beziehung
    • Vermeidung unnötiger Diagnostik
    • entkatastrophisierende Ansätze.
  • Die Prognose ist für frühzeitig behandelte Fälle unbekannt.
  • Für Beschwerden, die eine lange Zeit bestanden, ist die Prognose im Hinblick auf Genesung schlecht, obwohl der Zustand verbessert werden kann.

Verlaufskontrolle

  • Regelmäßige und beschwerdeunabhängige Termine bei einem festen ärztlichen Ansprechpartner mit dem Ziel, die Arztbesuche und die Unruhe der Patienten mit der Zeit zu vermindern und ihre Bewältigungskompetenz aufzubauen.
  • In den ersten 3 Monaten sollte eine Verlaufskontrolle häufiger, danach in der psychosomatischen Grundversorgung alle 3 Monate erfolgen.
  • Diese Termine dienen der Re-Evaluierung und Bilanzierung des Erreichten.
  • Relativieren Sie überzogene Erwartungen und setzen Sie Grenzen – auch die Ihrer Zeit!
  • Erkennen Sie das Leid Ihrer Patienten an und verstärken Sie positiv Erreichtes.
  • Führen Sie nur notwendige Untersuchungen durch, um evtl. neue Symptome zu erkennen und vermeiden Sie ein Überagieren.
  • Bleiben Sie aufmerksam gegenüber den geschilderten Symptomen.
  • Überprüfen Sie regelmäßig, ob ggf. eine fachpsychotherapeutische und/oder psychiatrische Diagnostik notwendig ist. 
  • Bei einem Reizdarmsyndrom sollten regelmäßig Warnhinweise auf eine doch somatische Krankheit überprüft werden (Red Flags):10
    • Durchfall und Fieber
    • Gewichtsverlust
    • Blut im Stuhl
    • nächtliche Symptome.

Patienteninformationen

Worüber sollten Sie die Patienten informieren?

  • Es kommt häufig vor, dass psychologische Faktoren körperliche Symptome verursachen.
  • Schmerz heute hängt oft auch mit früheren Schmerzerfahrungen zusammen. Schmerz wird nicht vergessen. Auch seelischer Schmerz hinterlässt Spuren im Gehirn und verändert die Empfindlichkeit für Schmerzen. Die Betroffenen sind auf diese Weise möglicherweise verletzlicher als andere.
  • Auch alltagssprachliche Metaphern können psychosomatische Erklärungen erleichtern, z. B.:
    • Etwas schlägt auf den Magen.
    • Schiss haben.
    • Es zerreißt einem das Herz.
    • Aus der Haut fahren.
    • Einen dicken Hals bekommen.
    • Eine schmerzliche Erfahrung machen.

Patienteninformationen in Deximed

Quellen

Leitlinien

  • Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e. V. (DGPM). Nicht-spezifische, funktionelle und somatoforme Körperbeschwerden. AWMF-Leitlinie Nr. 051-001, Stand 2012. www.awmf.org
  • Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG). Psychosomatische Dermatologie (Psychodermatologie). AWMF-Leitlinie-Nr. 013-024, Stand 2006 (in Überarbeitung). www.awmf.org

Literatur

  1. Oyama O, Paltoo C, Greengold J. Somatoform disorders. Am Fam Physician 2007; 76: 1333-8. PubMed
  2. Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e.V. (DGPM). Nicht-spezifische, funktionelle und somatoforme Körperbeschwerden, AWMF-Leitlinie Nr. 051-001. Stand 2012.www.awmf.org
  3. Rief W, Broadbent E. Explaining medically unexplained symptoms-models and mechanisms. Clin Psychol Rev 2008; 27: 821-41. PubMed
  4. Witthöft M, Hiller W: Psychological approaches to origins and treatments of somatoform disorders. Annu Rev Clin Psychol 2010; 6: 257–83.www.ncbi.nlm.nih.gov
  5. Strauß, B. Unsichere Bindung – Ein entwicklungspsychologisches „missing link” zur Erklärung somatoformer Störungen? PPmP-Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 2011; 61(06): 245-255.
  6. Rudolf G. Psychodynamische Psychotherapie. Die Arbeit an Konflikt, Struktur und Trauma. Stuttgart: Schattauer, 2012 (2. Aufl. 2014).
  7. Henningsen P, Rudolf G. Somatoforme/funktionelle Störungen: Klassifikation, psychodynamische Erklärungsmodelle, Diagnostik und Therapie. In: Rudolf G, Henningsen P. (Hrsg.): Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik: Ein einführendes Lehrbuch auf psychodynamischer Grundlage. Schattauer: Stuttgart, 2013.
  8. Andresen V, Keller J, Pehl C, Schemann M, Preiss J, Layer P: Clinical practice guideline: Irritable bowel syndrome—the main recommendations. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(44):aerzteblatt.de
  9. Egle, Ulrich Tiber; Nickel, Ralf; Schwab, Rainer; Hoffmann, Sven Olaf. Die somatoforme Schmerzstörung. Dtsch Arztebl 2000; 97(21): A-1469www.aerzteblatt.de
  10. Häuser W, Layer P, Henningsen P, Kruis W: Functional bowel disorders in adults. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(5): 83–94www.aerzteblatt.de
  11. Schaefert R, Hausteiner-Wiehle C, Häuser W, Ronel J, Herrmann M, Henningsen P: Clinical Practice Guideline: Non-specific, functional and somatoform bodily complaints. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(47): 803–13.www.aerzteblatt.de
  12. Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG). Psychosomatische Dermatologie (Psychodermatologie). AWMF-Leitlinie-Nr. 013-024. Stand 2006 (in Überarbeitung)www.awmf.org
  13. Henningsen P, Zipfel S, Herzog W. Management of functional somatic syndromes. Lancet 2007; 369: 946-55. PubMed
  14. Burton C. Beyond somatisation: a review of the understanding and treatment of medically unexplained physical symptoms (MUPS). Br J Gen Pract 2003; 53: 231-9. PubMed
  15. Birket-Smith M. Somatization and chronic pain. Acta Anaesthesiol Scand 2001; 45: 1114-20. PubMed

Autoren

  • Iris Veit, Dr. med., Fachärztin für Allgemeinmedizin, Herne (Review)
  • Monika Lenz, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Neustadt am Rübenberge
  • Tore Eliasson, docent och överläkare, Smärtcentrum, Angereds Närsjukhus