Angststörung

Etwa jeder fünfte Erwachsene leidet einmal im Leben an einer Angststörung.

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Was ist eine Angststörung?

Es ist wichtig, zwischen einer normalen und einer krankhaften Angstreaktion zu unterscheiden. Furcht, Schrecken und Angst können normale Reaktionen auf äußere oder innere Einflüsse sein, die als bedrohlich oder gefährlich wahrgenommen werden. Neben der psychischen Erfahrung der Angst führen solche Erlebnisse dazu, dass Teile des unwillkürlich gesteuerten, vegetativen Nervensystems aktiviert werden. Dies kann eine Vielzahl von körperlichen Symptomen auslösen, wie z. B. Herzrasen, Schwitzen, Hitzewallungen, Schwindel usw.

Bei einer krankhaften Angststörung werden die Angstsymptome leichter als normal ausgelöst, und die Angstreaktion ist oft übertrieben und unangemessen. Zittern, Schwitzen, Herzrasen, Brustschmerzen, Schwindel, Atembeschwerden, Muskelanspannung und Magenbeschwerden sind typische Symptome.

Angststörungen treten häufig auf. Rund jeder Fünfte ist einmal im Leben von einer Angststörung betroffen, das gilt für beide Geschlechter gleichermaßen.

Verschiedene Angststörungen/Syndrome

Man unterscheidet folgende Erkrankungen:

  • Eine generalisierte Angststörung ist eine fast allgegenwärtige Angst vor künftigen Katastrophen. Die Angst beschränkt sich dabei nicht auf bestimmte Umgebungsbedingungen. Die Betroffenen sind ständig angespannt und nervös.
  • Bei Panikattacken erleben die Betroffenen ein intensives Gefühl von Furcht oder Angst. Die Symptome wie Herklopfen, Atemnot oder Schwindel setzen plötzlich ein. Treten die Panikattacken wiederholt auf und führen sie zu einer Erwartungsangst vor der nächsten Attacke, handelt es sich um eine Panikstörung. Die Attacken treten unerwartet auf und sind nicht mit einer typischen Situation verbunden.
  • Phobien dagegen kennzeichnen sich dadurch, dass ein Gefühl großer Angst vor einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation auftritt, die die Betroffenen dann zu vermeiden versuchen. Phobien beziehen sich auf spezifische, deutlich abgegrenzte Phänomene wie Tiere, Höhe, geschlossene Räume, Blut, Spritzen oder die Angst vor dem Erbrechen. Dazu zählt auch die soziale Phobie.
  • Patienten mit Hypochondrie haben eine starke Angst, an einer schweren Erkrankung zu leiden. Sie deuten normale körperliche Vorgänge als potenzielle Krankheiten. Viele Patienten wechseln häufig den Arzt und recherchieren Symptome von Krankheiten z. B. im Internet.
  • Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) wird durch ein spezifisches, bedrohendes und erschütterndes Erlebnis ausgelöst, z. B. Vergewaltigung, Missbrauch, Unfall oder eine Naturkatastrophe. Nach solchen Erlebnissen durchlebt der Betroffene den schrecklichen Vorfall entweder im Traum oder im Wachzustand immer wieder. Gegenstände und Situationen, die an das Erlebte erinnern, werden gemieden. Die Erkrankung beginnt wenige Wochen bis Monate nach dem Trauma.

Bei Depression, Drogen- und Alkoholmissbrauch, Zwangsstörungen, bestimmten Persönlichkeitsstörungen („Borderline") sowie Schizophrenie tritt eine Angststörung häufig als Teil des Krankheitsbildes auf. Auch körperliche Erkrankungen wie Asthma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Epilepsie und andere neurologische Erkrankungen sowie bestimmte Stoffwechselstörungen können Angst auslösen.

Ursache

Angst tritt häufig als normale psychische Reaktion auf konkrete Gefahren und bedrohliche Situationen auf. Mit der natürlichen Angst vor tatsächlichen Gefahren und Bedrohungen haben Angststörungen nur wenig gemeinsam.

Meist wird die Angststörung nicht durch ein einziges Erlebnis ausgelöst, und die Ursachen hängen stark von der Art der Angststörung ab. Allen Arten gemein ist jedoch, dass sich der Patient unangemessen sorgt, sodass harmlose Körperwahrnehmungen und alltägliche Situationen als gefährlich eingestuft werden und Angst auslösen. Häufig haben die Patienten auch körperliche Beschwerden, die wiederum Grund zu weiterer Sorge bieten. Zudem spielen genetische Faktoren und Veränderungen von Botenstoffen im Gehirn eine Rolle. Viele Medikamente, die das Gleichgewicht dieser Botenstoffe beeinflussen, können auch die Angst lindern. 

Phobien können auftreten, wenn Sie in einem bestimmten Zusammenhang etwas Unangenehmes erlebt haben. Allerdings gibt es auch angeborene Phobien, die auftreten, ohne dass Sie dem gefürchteten Objekt oder der gefürchteten Situation ausgesetzt waren.

Diagnostik

Der Patient sollte von seinen Beschwerden erzählen, damit sich der Arzt ein möglichst umfassendes Bild von der sogenannten Anamnese (Krankengeschichte) machen kann. Eine typische Anamnese kann bereits ausreichen, damit der Arzt die richtige Diagnose stellen kann. Zusätzlich können Fragebögen zur Beurteilung der Art und des Schweregrads der Angststörung verwendet werden.

Anhaltende Angstgefühle mit allgemeiner Ängstlichkeit, Unruhe und Muskelverspannungen sind Anzeichen für eine generalisierte Angststörung. Kommt es zu kurzen (einige Minuten), intensiven Angstanfällen, handelt es sich möglicherweise um eine Panikattacke, die Teil einer Panikstörung sein kann. Angst im Zusammenhang mit der Exposition gegenüber einem bestimmten Objekt (Tier), Ort oder einer bestimmten Situation deutet auf eine spezifische Phobie hin.

Hyperventilation, d. h. eine schwere und schnelle Atmung aufgrund des Gefühls, zu wenig Luft zu bekommen, kann bei allen Arten von Angststörungen auftreten, kommt aber am häufigsten bei Panikattacken oder Phobien vor.

Die häufigsten körperlichen Symptome bei einer Angstreaktion sind Herzrasen, Atemnot, Schwitzen, Zittern, Muskelverspannungen, Mundtrockenheit und Übelkeit. Der Arzt misst den Blutdruck, hört Herz und Lunge ab, tastet den Bauch ab und untersucht die Muskeln, um körperliche Erkrankungen auszuschließen. In einigen Fällen können gezielte Blutuntersuchungen oder Untersuchungen von Herz (z. B. EKG), Lunge oder Gehirn sinnvoll sein.

Eine wiederholte körperliche Untersuchung ist in der Regel nicht notwendig, wenn die gleichen Symptome bei ähnlichen späteren Episoden ebenfalls auftreten und die frühere körperliche Untersuchung normal war.

Therapie

Ziel der Therapie ist es, Ihnen Kontrolle über die Angst zu geben, Angst und Vermeidungsverhalten zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern. Dies geschieht über eine medikamentöse Therapie oder eine Psychotherapie, bei der Sie Techniken lernen, mit denen Sie angstauslösende Situationen besser in den Griff bekommen. In der Regel werden Sie dazu zu einem Psychologen oder Psychiater überwiesen. Bei allen Angststörungen sollte eine Psychotherapie gegenüber einer medikamentösen Behandlung bevorzugt werden.

Spezifische Phobien werden nicht medikamentös behandelt. Die Wirksamkeit von Antidepressiva vom Typ selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) ist bei allen anderen Angststörungen erwiesen. Die angstlösende Wirkung tritt jedoch erst nach 2–4 Wochen ein.

Benzodiazepine sollten wegen des hohen Suchtpotenzials vermieden werden. Sie können bei einer generalisierten Angststörung in Ausnahmefällen für kurze Zeit bei Patienten angewendet werden, die nicht auf eine andere Behandlung ansprechen, jedoch nicht bei Patienten mit anderen Angststörungen. Es besteht die Gefahr der Gewöhnung und Abhängigkeit.

Bei Hyperventilation kann es hilfreich sein, ein bis zwei Minuten in eine Plastiktüte zu atmen.

Eine gründliche Information zu der Störung, die sogenannte psychopädagogische Beratung, ist meist sehr hilfreich und sollte vor allen anderen Therapien durchgeführt werden. Die Form der Psychotherapie, deren Wirkung am besten belegt ist und die derzeit als Therapie der Wahl empfohlen wird, ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Bei der KVT geht es darum, problematische Denkmuster zu erkennen, sie zu ändern und die Betroffenen Situationen auszusetzen, die bei ihnen Angst auslösen. Beispielsweise kann dem Patienten bewusst gemacht werden, dass er dazu neigt, mit Angst zu reagieren, wenn er harmlose körperliche Symptome entdeckt und diese als Zeichen einer körperlichen Erkrankung interpretiert. Die Psychotherapie kann auch in Kombination mit einer medikamentösen Therapie durchgeführt werden.

Spezifische Phobien werden mit einer Expositionstherapie behandelt. Dabei werden die Betroffenen langsam dem Objekt ausgesetzt, vor dem sie Angst haben. Dadurch verschwindet die Angst vor dem Objekt oder der Situation im Laufe der Zeit.

Prognose

Spezifische Phobien verschwinden ohne Behandlung nur selten spontan. Die Expositionstherapie zeigt hier eine gute langfristige Wirkung.

Eine Panikstörung hat bei der richtigen Therapie in der Regel auch eine gute Prognose, während eine generalisierte Angststörung schwieriger zu behandeln ist. Die Erkrankung verläuft in der Regel chronisch und macht oft eine lebenslange Therapie erforderlich.

Die posttraumatische Belastungsstörung bessert sich oft spontan im Laufe der Zeit, aber die Therapie sollte möglichst schnell eingeleitet werden, um Beschwerden und Funktionsstörungen zu reduzieren.

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Angst. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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