Hyperventilation

Als Hyperventilation wird eine deutlich zu schnelle Atmung bezeichnet, bei der mit der verstärkten Ausatmung zu viel Kohlendioxid (CO2) abgeatmet wird. Dies hat Auswirkungen auf den Säure-Basen-Haushalt des Körpers mit der Folge einer sog. respiratorischen Alkalose. Ursache ist oft plötzliche Angst/Stress; die Atmung lässt sich meist schnell wieder regulieren.

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Was ist Hyperventilation?

Hyperventilation bedeutet wörtlich „Überatmung“, oder mit anderen Worten ein übertrieben starkes Atmen im Verhältnis zu den Bedürfnissen des Körpers. In den meisten Fällen von Hyperventilation atmet man gleichzeitig zu schnell und tiefer als notwendig. Der Zustand geht in der Regel mit einer Angstreaktion einher, vor allem im Zusammenhang mit Panikattacken. Oft ist plötzliche Angst zwar der Auslöser für die beschleunigte Atmung, aber dies verstärkt dann wiederum die Angst zusätzlich. Es können jedoch auch andere Ursachen zugrunde liegen, z. B. eine Störung des Atemzentrums, das die Atmung reguliert. Auch Fieber, Aufenthalt in großer Höhe oder andere Krankheiten wie eine Lungenembolie, andere Lungenkrankheiten, Leberinsuffizienz oder Herzschwäche, schwere Verletzungen oder Schmerzen können zu einer Hyperventilation führen. Gemeinsam ist diesen Krankheiten eine reduzierte Versorgung mit Sauerstoff; dies versucht der Körper durch die verstärkte Atmung auszugleichen. Bei einer Panikattacke oder starken Schmerzen besteht jedoch kein Sauerstoffmangel; hier tritt die Hyperventilation als psychische Reaktion auf.

Eine Hyperventilation entsteht meistens in Form von kurzen Anfällen. Zwischen den Episoden sind die Betroffenen frei von solchen Beschwerden. Die Anfälle können manchmal sehr schnell entstehen und unterschiedlich lange anhalten, wenn sie nicht behandelt werden. Hyperventilation geht mit einer Reihe von begleitenden Symptomen einher, weil durch die verstärkte Ausatmung sehr viel CO2 abgeatmet wird. Dadurch verändern sich der pH-Wert im Körper und Werte für verschiedene andere Parameter, z. B. Kalzium. Diese Veränderungen führen zu den Begleitsymptomen.

Ursachen

In der Lunge findet die lebensnotwendige Aufnahme von O2 (Sauerstoff) durch die roten Blutzellen statt, während der Körper das Abfallprodukt CO2 (Kohlendioxid) ausstößt.
Wenn wir hyperventilieren, atmen wir mehr Sauerstoff in die Lunge ein, als wir benötigen, während wir gleichzeitig mehr CO2 als normal ausatmen. Der erhöhte Gehalt an Sauerstoff verursacht keinen Schaden, und wir bemerken kaum etwas davon. Wenn jedoch die Menge an CO2 im Blut abnimmt, führt dies zu bedeutenden Veränderungen des Säuregehalts im Blut (pH-Wert): Der pH-Wert steigt, also wird basischer (Alkalose), weil das (saure) CO2 fehlt. Durch diese Verschiebung ändern sich auch die Werte für z. B. freies Kalzium, Kalium und Phosphat sowie Bikarbonat. Diese Veränderungen sind die Ursache für die körperlichen Beschwerden, die mit Hyperventilation einhergehen.

Symptomatik

Der Anfall beginnt damit, dass die betroffene Person allmählich immer schneller atmet. Fast immer empfindet die/der Betroffene eine Form von Atemnot, die natürlich dazu führt, dass sie/er immer schneller und tiefer atmet. Nach einiger Zeit (oft schon nach einigen Minuten), die – abhängig vom Grad der Hyperventilation – variieren kann, machen sich die körperlichen Symptome des erhöhten pH-Werts im Blut bemerkbar. Dies beginnt häufig mit einem Kribbeln in den Fingern, Ohrläppchen, Wangen oder Lippen. Schließlich tritt ein Taubheitsgefühl im Mund und an der Zunge auf, wodurch das Sprechen schwierig wird. Sehstörungen und ein schneller Puls sind ebenfalls möglich. Oft setzt ein Schwindelgefühl ein, das sich im Laufe des weiteren Anfalls verstärkt, sodass die/der Betroffene das Gefühl bekommt, ohnmächtig zu werden. Viele Betroffene fühlen Schmerzen in der Brust und Herzklopfen. Das Kribbeln in den Fingern kann sich schließlich zu krampfartigen Kontraktionen in den Händen und Fingern entwickeln (sog. Pfötchenstellung). Kribbeln und Krämpfe sind durch den veränderten Kalziumwert im Blut verursacht.

All diese Symptome lösen Angst aus, und viele Betroffene berichten, dass sie das Gefühl haben zu ersticken und große Angst entwickeln, wenn sie sich der Ohnmacht nähern. Dies verstärkt natürlich die Hyperventilation und verschlimmert den Zustand weiter. Wenn sich der Anfall in dieser Weise entwickelt, kann er zur Ohnmacht führen. Bei einer Ohnmacht übernimmt das automatische Kontrollsystem des Körpers, und es registriert, dass der CO2-Spiegel zu niedrig ist. Die schnelle und tiefe Atmung hört daher bei einer Ohnmacht schnell auf, sodass der CO2-Spiegel wieder ansteigt und sich der pH-Wert im Blut normalisiert. Die ohnmächtige Person wacht dann rasch wieder auf, hyperventiliert dann aber oft erneut.

 Diagnostik

Es ist in der Regel leicht für Ärzte, die Diagnose zu stellen, wenn der Anfall beobachtet werden kann. Die Anamnese und der Anfall selbst sind typisch. Dennoch muss die Ärztin/der Arzt immer prüfen, ob es eine andere Erklärung geben kann, wie eine Herzkrankheit, Asthma, COPD, Lungenembolie, Epilepsie, Schilddrüsenerkrankung oder weitere mögliche körperliche Ursachen. In den meisten Fällen ist es kein Problem, diese Erkrankungen als Ursache von Hyperventilation zu erkennen oder auszuschließen.

Falls sich die Ärztin/der Arzt nicht ganz sicher sind, wird anhand einer Blutprobe der pH-Wert, Sauerstoff- und CO2-Gehalt untersucht, da diese Werte sich bei einer Hyperventilation in typischer Weise ändern.

Behandlung

Die Behandlung des akuten Anfalls

Beim ersten Anfall ist dem Patienten in der Regel nicht bewusst, was eigentlich vor sich geht. In solchen Situationen ist es wichtig, die betroffene Person zu beruhigen und zu erklären, dass sie hyperventiliert. Versuchen Sie zu erreichen, dass die Betroffenen sich entspannen und ruhig  und langsam atmen.
Patienten, bei denen der Anfall zum wiederholten Male auftritt und die den Zustand wiedererkennen, können den Anfall häufig selbst stoppen, indem sie sich dazu zwingen, ruhig zu atmen, obwohl sie Atemnot erleben und eigentlich tief und schnell ein- und ausatmen wollen.

Wenn der Anfall nicht durch Beruhigung gestoppt werden kann, ist es sinnvoll zu versuchen, einige Atemzüge lang in einen dicht vor den Mund gehaltenen Beutel zu atmen. Hierfür kann ein Helfer oder die/der Betroffene selbst eine Plastiktüte um die Lippen legen und diese aufpusten und dann wieder daraus einatmen. Dadurch atmet sie/er etwas von dem zusätzlich ausgeatmeten CO2 wieder ein. Auf diese Weise wird der pH-Wert im Blut erhalten, und die Symptome können schnell verschwinden. Das Kribbeln in den Fingern, Wangen, Lippen und der Zunge nimmt ab, und eventuelle Krampfzustände gehen zurück.

Manchmal schaffen es auch Ärzte nicht, die Patienten zu beruhigen und die Hyperventilation unter Kontrolle zu bringen, ohne eine kleine Dosis Beruhigungsmittel zu verabreichen.

Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass die Anfälle völlig harmlos sind! Deshalb ist es von zentraler Bedeutung für die Behandlung, den Betroffenen zu erklären, was bei einem Anfall geschieht, und sie darin zu unterweisen, wie sie den Anfall selbst stoppen können.

Die Behandlung bei wiederkehrenden Anfällen

Wenn trotz der oben genannten Maßnahmen ständig neue Anfälle zu entstehen drohen, ist dies in der Regel Ausdruck einer anhaltenden Angst oder von innerer Anspannung. In solchen Fällen besteht häufig die Notwendigkeit für professionelle ärztliche und/oder psychologische Hilfe.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Respiratorische Alkalose. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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