Hypochondrie

Der Begriff Hypochondrie bezeichnet die übertriebene Angst, krank zu sein oder krank zu werden. Richtig behandelt ist die Prognose bei Hypochondrie heutzutage gut.

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Was ist Hypochondrie?

Der Begriff Hypochondrie bezeichnet die übertriebene Angst, krank zu sein oder krank zu werden. Charakteristisch für das Krankheitsbild ist die Neigung der Betroffenen, normale körperliche Symptome automatisch als Ausdruck einer dramatischen Erkrankung zu deuten: Kopfschmerzen = Hirntumor, Magenschmerzen = Magenkrebs, Verstopfung = Darmkrebs usw. Erkrankte sind stark fixiert auf das Risiko, an einer oder gar mehreren schweren und lebensbedrohlichen Krankheiten zu leiden. Sie klagen über anhaltende körperliche Beschwerden. Normale oder leichte Beschwerden und Symptome werden als unnormal angesehen.

Über die Häufigkeit von Hypochondrie in der Bevölkerung kann keine genaue Aussage getroffen werden, da bisher keine umfassenden Bevölkerungsstudien dazu durchgeführt wurden. Studien kleineren Maßstabs lassen nur bedingt eine Schätzung zu, da sie sich unterschiedlicher Definitionen und Abgrenzungen bedienen. Die Angaben zur Häufigkeit dieser psychischen Störung variieren je nach zugrundegelegten Kriterien zwischen weniger als 1 % bis hin zu 7 %. Aus demselben Grund variieren auch die Angaben der Allgemeinmedizin zum Auftreten der Erkrankung, hier liegen die Zahlen zwischen 2 und 30 %.

Ursache

Die Hypochondrie kann primär sein oder sekundär zu bzw. parallel mit einer anderen psychischen Störung auftreten. So kann es beispielsweise im Rahmen einer Panikstörung infolge der erhöhten Aufmerksamkeit für sowie der Angst vor körperlichen Symptomen zur Hypochondrie kommen.

Es handelt sich demnach um kein einheitliches Krankheitsbild, die Ursachen können verschieden sein. Ein früheres Erklärungsmodell besagt, dass die Hypochondrie ihren Ursprung in einem starken Bedürfnis nach Fürsorge und Aufmerksamkeit habe. Heutzutage gilt dies allerdings als überholt und eher unwahrscheinlich. Nicht selten ruft sie eher negative Aufmerksamkeit hervor, und die häufigen Arztbesuche und Untersuchungen können sowohl unangenehm als auch teuer sein. Die meisten Patienten leiden stark unter ihrer Hypochondrie und fühlen sich im alltäglichen Leben von der Krankheitsangst erheblich eingeschränkt. In der Forschungsliteratur unterscheidet man üblicherweise zwischen Patienten mit einer generellen Angst vor Erkrankungen und solchen, die fest davon überzeugt sind, krank zu sein, und nicht selten auch mehrere körperliche Symptome aufweisen. Dabei handelt es sich nicht notgedrungenermaßen um verschiedene Patientengruppen, sondern wahrscheinlich eher um verschiedene Stadien der Erkrankung.

Die übertriebene Beachtung körperlicher Symptome sowie Eltern mit ständiger Angst vor Krankheiten können bei Kindern zur Ausbildung einer Hypochondrie beitragen. Auch bestimmte Wesenszügen können Forschern zufolge das Risiko für die Entstehung einer Hypochondrie erhöhen: Hierzu zählen zum Beispiel ein überhöhtes Gesundheits- und Körperbewusstsein sowie der Hang zum Perfektionismus. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe berichteten Personen mit Hypochondrie häufiger von sexuellen Übergriffen und körperlicher Misshandlung während der Kindheit. Auch ernsthafte Erkrankungen oder Todesfälle im engsten Familienkreis oder eine neue Lebenssituation mit neuer Verantwortung (z. B. das Elternwerden) können eine hypochondrische Störung hervorrufen. Die vermehrte Beachtung und Kontrolle körperlicher Befindlichkeiten kann zur Aufrechterhaltung der Symptome und Angstzustände beitragen.

Diagnose

  • Hypochonder sind stark auf ihre Angst vor schweren Erkrankungen (oder von ihrer Überzeugung, bereits lebensbedrohlich erkrankt zu sein) fixiert.
  • Dies beruht auf einer Fehldeutung körperlicher Symptome.
  • Trotz adäquater medizinischer Untersuchungen und beruhigender Versicherungen halten sie an ihrer Überzeugung fest.
  • Die Gedanken und Ängste rufen erhebliches Leiden hervor und erschweren die Teilnahme am beruflichen oder gesellschaftlichen Leben erheblich.
  • Die psychische Störung besteht seit mindestens sechs Monaten.
  • Die Gedanken und Ängste lassen sich nicht besser durch das Vorliegen einer generalisierten Angststörung (GAS), Zwangsstörung, Panikstörung, depressiven Phase oder anderen psychischen Erkrankung erklären.

In den meisten Fällen ist dem Patienten zumindest irgendwann im Krankheitsverlauf einmal bewusst, dass seine Krankheitsängste übertrieben sind. Die Hypochondrie ist als eine somatoforme Störung (nach DSM-IV) klassifiziert, sollte aber vielmehr als eine Art Angststörung betrachtet werden, da sie mit starken Ängsten einhergeht. Normale und triviale körperliche Wahrnehmungen und Symptome werden vom Patienten als ungewöhnlich oder beunruhigend interpretiert. Häufig ist die Aufmerksamkeit überwiegend auf ein bestimmtes Organ oder Organsystem gerichtet. Gleichzeitig liegen sekundär zur Hypochondrie nicht selten Depressionen und Angstzustände vor.

In einigen Fällen kann die Diagnose der Hypochondrie erschwert sein. Differenzialdiagnostisch kommen sowohl Depressionen als auch eine generalisierte Angststörung, eine Panikstörung, eine Zwangsstörung, eine paranoide Psychose oder eine anderweitige somatoforme Störung infrage.

Symptome

Patienten mit Hypochondrie haben häufig Angst, an Krebs, Herzkrankheiten, schweren neurologischen Erkrankungen (z. B. Multiple Sklerose) oder Infektionskrankheiten wie AIDS zu leiden. Einige befürchten auch, eine ernste psychische Störung zu entwickeln. Betroffene meinen mitunter, sie stünden kurz vor dem Sterben, nehmen Abschied von der Familie und trauen sich nicht, schlafen zu gehen, weil sie Angst haben, die Nacht nicht zu überleben. Die Hypochondrie und die damit verbundene Isolation können als ebenso stark empfunden werden, als seien sie tatsächlich an Krebs im fortgeschrittenen Stadium erkrankt. Insbesondere die Ungewissheit, woran man eigentlich stirbt, belastet die Patienten enorm. Vielleicht wäre die Erkrankung ja heilbar, wenn man sie nur diagnostizieren könnte?

Manchmal lässt sich die Angst vor Krankheiten durch eine Depression erklären. Patienten mit Depressionen weisen häufig körperliche Symptome auf, wenn sie einen Arzt aufsuchen. Vor allem bei älteren Menschen kann es mitunter schwer sein, eine zugrundeliegende Depression als solche zu diagnostizieren. Nicht selten kommt es bei Patienten mit primärer Hypochondrie auch zur Ausbildung einer sekundären Depression. Einigen Forschungsstudien zufolge handelt es sich um die häufigste komorbide Störung (Begleiterkrankung). Chronologisch tritt die Depression nach der Ausbildung der Hypochondrie auf und ist Ausdruck der Erschöpfung oder der Verzweiflung über die Situation.

Der Zusammenhang zwischen Angst und hypochondrischen Vorstellungen ist wissenschaftlich gut dokumentiert. Treten solche Vorstellung nur während einer Panikattacke auf, so wird statt einer Hypochondrie eine Panikstörung diagnostiziert und diese auch entsprechend behandelt. Besteht die Angst vor dem Krankwerden auch unabhängig von den Panikattacken, so liegt möglicherweise gleichzeitig eine Hypochondrie vor. Es konnte ein enger Zusammenhang zwischen Panikstörungen und hypochondrischen Gedanken beobachtet werden.

Bei einigen Betroffenen kann die Überzeugung, an einer schweren Krankheit zu leiden, regelrecht zwanghaft und Teil einer Zwangsstörung sein. Patienten mit Hypochondrie schämen sich – im Gegensatz zu jenen mit einer Zwangsstörung – normalerweise nicht für ihre Gedanken.

Wenn die Hypochondrie als psychotisch und Teil einer paranoiden Psychose betrachtet werden kann, ist die Prognose schlechter. Die Vorstellungen und Ängste sind in dem Fall eher bizarr: So können Betroffene trotz Untersuchungen und gegenteiliger Beteuerungen fest davon überzeugt sein, Parasiten unter der Haut zu haben oder unter „Hirnfäule“ zu leiden. Die Betroffenen halten unerschütterlich an ihrer Überzeugung fest und lassen sich nicht von Untersuchungen oder Informationen beirren.

Hinsichtlich somatoformer Störungen ändern sich die diagnostischen Kriterien kontinuierlich, zudem überlappen sich die Symptome stark mit denen der Hypochondrie. Liegen sowohl eine somatoforme Störung als auch eine Hypochondrie vor, so weist der Patient körperliche Symptome auf, die sich nicht durch eine somatische Erkrankung erklären lassen, der Überzeugung des Patienten zufolge aber eindeutig organisch bedingt sind. Häufig zeigen Patienten mit einer Somatisierungsstörung bereits in jungen Jahren eine Tendenz, eine Reihe diffuser körperlicher Symptome aufzuweisen, allerdings sind die Katastrophengedanken nicht so stark ausgeprägt wie bei Hypochondern. Sie sind auch nicht so ängstlich, was die beobachteten Symptome betrifft. Patienten mit einer somatoformen Störung möchten ihre Beschwerden gern lindern, während Patienten mit Hypochondrie ihre Symptome in erster Linie als Anzeichen einer schweren Erkrankung ansehen, die es zu diagnostizieren gilt.

Therapie

Bei primärer Hypochondrie zielt die Behandlung darauf ab, dem Patienten zur Einsicht zu verhelfen und ihn dabei zu unterstützen, seine hypochondrische Störung zu bewältigen. Handelt es sich um eine sekundäre Hypochondrie, so ist die Behandlung in erster Linie auf die zugrundeliegende Erkrankung – Depression, Panikstörung oder GAS – ausgerichtet.

Die Behandlungsalternativen bestehen aus einer psychologischen Therapie (kognitive Verhaltenstherapie, KVT), einer medikamentösen Behandlung oder einer Kombination aus beidem. Die grundlegenden Verhaltensweisen bei Hypochondrie stehen häufig im Zusammenhang mit dem Tod, der Fähigkeit, mit der Unsicherheit leben und trotz Zweifel Stellung nehmen zu können, der Sicht auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie auf einen selbst, der Einstellung zur Angst und den Kriterien zur Symptomdeutung.

Psychotherapie

Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist die psychotherapeutische Therapievariante, die bei der Behandlung von Hypochondrie am besten dokumentiert ist und in diversen Forschungsstudien wiederholt gute Behandlungserfolge aufweisen konnte.

Medikamentöse Behandlung

Ist die Hypochondrie sekundär zu einer Depression entstanden, so besteht die Therapie der Wahl in der Gabe von Antidepressiva. Die Beweislage zu den Behandlungsresultaten bei primärer Hypochondrie ist zwar schwach, die klinische Erfahrung spricht allerdings dafür, dass eine Behandlung mit SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, eine bestimmte Art Antidepressiva) versucht werden kann.

Praktische Behandlung

Zugang zum Patienten finden

Zu Beginn sind Patient und Arzt auf verschiedene Dinge orientiert. Der Patient möchte wissen, was körperlich nicht stimmt, weshalb der Arzt viel Zeit investieren sollte, eine gemeinsame Basis aufzubauen und Zugang zum Patienten zu finden. Betroffene benötigen die Bestätigung, dass ihre Symptome tatsächlich vorhanden und nicht nur ein Hirngespinst sind.

Der Arzt sollte daher alle subjektiven Symptombeschreibungen akzeptieren, muss diese aber nicht genauso wie der Patient deuten. In einer Arzt-Patienten-Beziehung ist es stets wichtig, den Patienten mit Respekt, Wärme und Mitgefühl zu behandeln, dies gilt insbesondere bei der Hypochondrie. Allein die Erklärung, dass der Patient seine Sicht auf die Beschwerden ändern muss, kann schon bewirken, dass der Arzt Zugang zu ihm erhält und die Zusammenarbeit gestärkt wird.

Der Patient ist ständig bestrebt, weitere Untersuchungen durchführen zu lassen, um eine Diagnose der Erkrankung zu ermöglichen. Dies ist für den Arzt eine enorme Herausforderung. Wann ist der Zeitpunkt erreicht, dass die Bemühungen des Arztes als ausreichend betrachtet werden können? Diverse Faktoren können ausschlaggebend dafür sein, dass der Arzt weitere Untersuchungen veranlasst, um eine mögliche körperliche, organische Krankheit zu diagnostizieren. Wenn der Arzt unsicher ist und nicht weiß, welche Maßnahmen er als nächstes in die Wege leiten soll, wird er möglicherweise eine Überweisung an einen Spezialisten für weitere Untersuchungen ausstellen. Der Patient ist (zumindest kurzfristig) zufrieden. Darüber hinaus gilt es, ärztliches Fehlverhalten und Versäumnisse zu vermeiden („Was, wenn ich nun eine ernste Erkrankung übersehen habe?“). Selbstverständlich wäre es fatal, eine schwere körperliche Erkrankung nicht diagnostiziert zu haben. Andererseits wäre es aber auch nicht wünschenswert, eine durchaus behandelbare psychische Erkrankung übersehen zu haben.

Wer kann Patienten mit Hypochondrie behandeln? Die Hypochondrie ist eine so häufige Erkrankung, dass im Prinzip jeder praktizierende Arzt in der Lage sein sollte, betroffene Patienten auf vernünftige und konstruktive Weise zu behandeln und zu beraten. Häufig kann schon eine einfache Klarstellung von enormer Bedeutung sein. Zuweilen genügt ein einziges Gespräch mit dem Allgemeinmediziner, in anderen Fällen wiederum können die Probleme deutlich komplexer sein, weshalb wiederholte Konsultationen sowie unter Umständen auch eine Überweisung an einen Psychiater oder Psychologen erforderlich sind. Eine kognitive Verhaltenstherapie zur Behandlung von Hypochondrie kann 5 bis 20 Sitzungen á 45 Minuten in Anspruch nehmen.

Symptomdeutung

Während der Behandlung sollten in jedem Fall die ausschlaggebenden Gedanken für die Krankheitsangst des Patienten identifiziert werden. Zentrale Bedeutung kommt auch der Deutung der subjektiven körperlichen Symptome zu. Viele Patienten können nur zwischen zwei Kategorien wählen: „erklärbare Bagatelle“ oder „ernstes Symptom“. Wer sich derart minimalistischer Deutungsmuster bedient, weist oftmals eine erhöhte Neigung zur Hypochondrie auf. In dem Fall ist es wichtig, dem Patienten zu einer neuen, wichtigen Einsicht zu verhelfen: Subjektive körperliche Symptome sind bei allen Menschen völlig normal. Betroffene müssen lernen, eine gewisse Unsicherheit zu akzeptieren, da es nie möglich ist, zu 100 % sicher zu sein.

Parallel zur Änderung der eigenen Denkweise bezüglich der Symptome stehen Patienten mit Hypochondrie zudem vor der Herausforderung, auch ihre Verhaltensweise zu ändern, diese also an die neuen Verhältnisse oder Lebensregeln anzupassen. Dazu gehört beispielsweise, dass sie aufhören müssen, bei Angehörigen, Ärzten oder durch stundenlanges Surfen im Internet eine Bestätigung dafür zu suchen, dass ihre Symptome ungefährlich sind. Es genügt nicht, dass der Arzt jedes Mal, wenn der Patient mit einem neuen Symptom zu ihm kommt, eine erneute Untersuchung anberaumt, den Patienten beruhigt und ihn bittet, sich zusammenzureißen und nicht mehr so ängstlich zu sein. Der Patient benötigt konkrete Hilfe, um die notwendigen Veränderungen auch umsetzen zu können. Besonders wichtig ist dabei, dem Patienten zu verstehen zu geben, dass neue Symptome oder eventuelle Rückfälle kein Grund sind, Angst zu haben. Vielmehr sollten diese Gelegenheiten als Möglichkeit betrachtet werden, die neuen Verhaltensweisen zu üben und zu schauen, an welchen man eventuell noch vermehrt arbeiten muss.

Wichtig bei der Symptomdeutung ist es, den korrekten Zusammenhang zwischen Symptom und spezifischer Erkrankung zu erkennen. So gehen bestimmte Erkrankungen zwar mit eindeutigen Symptomen einher, dies bedeutet aber nicht, dass das Vorhandensein eines diffusen Symptoms als eindeutiges Anzeichen einer spezifischen Erkrankung gesehen werden kann. Als exemplarisches Beispiel kann hier der Herzinfarkt dienen, bei dem Brustschmerzen zu den klassischen Symptomen zählen: Mehr als 80 % der von einem Herzinfarkt Betroffenen leiden unter Brustschmerzen. Dies lässt aber keinesfalls einen entsprechenden Umkehrschluss zu: Denn nur 20 % aller Personen mit Brustschmerzen haben tatsächlich auch einen Herzinfarkt. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, dass die Brustschmerzen durch Muskelschmerzen, Sodbrennen oder Angst hervorgerufen werden. Menschen mit einem Hang zum Katastrophendenken wählen jedoch stets die gefährlichste und zugleich unwahrscheinlichste Symptominterpretation, die in den meisten Fällen gar nicht zutrifft und nur unnötige Angstreaktionen provoziert.

Leben in ständiger Unsicherheit

Der übermäßige Wunsch, jetzt noch nicht zu sterben, sowie Schwierigkeiten, die Unsicherheit diesbezüglich zu ertragen, können die treibende Kraft hinter einer hypochondrischen Störung sein. Dadurch kann es für die Betroffenen sehr schwer sein, auf eine Erklärung für ein bestimmtes Symptom zu warten. Sie wollen unbedingt sofort wissen, ob es sich um ein gefährliches Symptom handelt oder nicht, und fragen den Arzt: „Was kann das sein?“ Da diffuse Symptome schlimmstenfalls auf eine schwere Erkrankung hindeuten können – was aber nur selten der Fall ist – fühlen die Meisten sich nicht durch die ehrliche Antwort, die sie erhalten, beruhigt. Statt die schlimmste aller Möglichkeiten zu erfragen, sollte daher besser gefragt werden, welche Erklärung am wahrscheinlichsten ist. Es ist keinesfalls sinnvoll, die Ausnahme zur Regel zu machen.

Personen, die von sich selbst behaupten, sie kämen mit der Ungewissheit bezüglich der für sie wichtigen Fragen (wie beispielsweise der Gesundheit) nicht klar, sagen eigentlich vielmehr, dass sie es nicht ertragen, in dieser unsicheren Welt zu leben. Diese Sichtweise mit dem Patienten zu diskutieren, kann überaus hilfreich sein, und erfreulicherweise ist es auch möglich, die Fähigkeit, eine gewisse Unsicherheit zu akzeptieren, zu trainieren. Einige Menschen haben Probleme, sich mit grundlegenden Tatsachen des Lebens wie dem Tod oder der Ungerechtigkeit im Leben abzufinden. Je nachdem, welche Probleme oder Themenbereiche als vordergründig erscheinen, werden diese zum Diskussionsgegenstand, wenn es darum geht, Denkmuster und Verhaltensweisen zu identifizieren und modifizieren.

Prognose

Die Hypochondrie spiegelt eine Erfahrung wider, die viele Menschen im Laufe ihres Lebens machen, nämlich dass es nicht immer die tatsächlichen Probleme sind, die das Leben erschweren können, sondern solche, von denen man befürchtet, sie könnten eventuell einmal eintreffen. Das Katastrophendenken führt dazu, dass man einen Großteil seiner Lebensenergie und des dringend benötigten Nachtschlafs darauf verwendet, Probleme zu wälzen, die möglicherweise nie auf einen zukommen werden. Probleme, die nur in der Phantasie eines Menschen existieren, können im Gegensatz zu tatsächlich befindlichen Problemen vermieden werden. Die Ängste, die derartige Probleme auslösen, sind sowohl ermüdend als auch nutzlos, da sie nicht zur aktiven Problemlösung beitragen – die Probleme bestehen ja nur in der Theorie, als hypothetische Möglichkeit, und sind daher praktisch unlösbar. Die Hypochondrie wirft viele wichtige Grundsatzfragen auf: über Leben und Tod, über Gesundheit und Krankheit sowie über die Bedeutung der Fähigkeit, Entscheidungen treffen zu können, auch wenn man unsicher ist.

Einst als kaum behandelbar eingestuft und mit einer düsteren Prognose versehen, ruft die Diagnose Hypochondrie mittlerweile ein beeindruckendes Interesse hervor und weist eine gute Prognose auf.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Hypochondrie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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