Spezifische Phobie

Bei einer spezifischen Phobie erleben die Betroffenen eine starke Angst in Verbindung mit speziellen Situationen, Gegenständen oder wenn sie eine bestimmte Tätigkeit ausführen müssen.

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Was ist eine Phobie?

Phobien oder phobische Störungen lösen bei den Betroffenen starke Angst aus, wenn sie auf einen bestimmten Gegenstand treffen, eine spezielle Tätigkeit ausführen oder in eine bestimmte Situation oder an einen bestimmten Ort geraten. Dabei stellt diese Konfrontation keine echte Gefahr dar. Eine solche Angst kann bei vielen durch den bloßen Gedanken an den Auslöser hervorgerufen werden. Die Betroffenen versuchen, die Angst auslösenden Situationen zu vermeiden.

Verschiedene Phobien

Spezifische Phobien lassen sich je nach dem Fokus der Angst in fünf Untergruppen unterteilen:

  • Tiere (Zoophobie): zum Beispiel Spinnen, Schlangen, Mäuse, Hunde
  • Natürliche Umgebungen: zum Beispiel Höhen (Höhenangst/Akrophobie), Wasser (Hydrophobie), Unwetter
  • Orte: zum Beispiel Flugzeuge (Flugangst/Aviophobie), enge Räume (Klaustrophobie), Tunnel, Brücken, öffentliche Toiletten, nicht in der Lage zu sein, rechtzeitig aus öffentlichen Verkehrsmitteln auszusteigen
  • Blut, Verletzungen und Spritzen: z. B. Blutentnahme, Operationen
  • Andere: beispielsweise Angst vor Erbrechen, dass sich etwas im Hals festsetzt, Krankheit, Zahnarzt

Eine spezifische Phobie ist das häufigste Angstsyndrom. Phobien kommen in der Bevölkerung bei 12–15 % vor. Dabei machen Agoraphobie (Angst vor offenen Plätzen) 5,6 %, soziale Phobie 2,7 % und spezifische Phobien 4,6 % der Fälle aus. Im Lauf eines Lebens entwickeln 10 % die eine oder andere spezifische Phobie. Phobische Störungen sind bei Frauen häufiger als bei Männern. Sie treten oft im Alter zwischen 12 und 16 Jahren erstmals auf.

Ursachen

Nur selten ist ein bestimmter Grund für eine Phobie auszumachen, und in der Regel handelt es sich sowohl um biologische Faktoren, Umstände im Verhalten als auch Gründe, die mit Vererbung und dem Aufwachsen in Zusammenhang stehen. Das Risiko der Entwicklung einer spezifischen Phobie steigt, wenn es Phobien in der Familie gibt.

Phobien sind traditionell als erlernte Ängste betrachtet worden, bei denen der Einzelne starken Negativerfahrungen mit dem Angst auslösenden Objekt/der Angst auslösenden Situation ausgesetzt war. Diese Erklärung ist jedoch nicht wirklich zutreffend, da viele Menschen von keinem solchen auslösenden Ereignis berichten können.

„Vorbereitetes Lernen“ bedeutet, dass Personen plötzlich und mit nur einem Stimulus eine Phobie vor den typischen Objekten entwickeln können. Die meisten Patienten (70–80 %) können auf eine oder mehrere solcher Erfahrungen des entsprechenden phobischen Reizes verweisen, die mit der Entwicklung der Phobie in Zusammenhang stehen.

Symptome

Werden Patienten, die an phobischer Angst leiden, dem jeweiligen Angstauslöser ausgesetzt, kann das zu dramatischen Anfällen mit Herzklopfen, Atemnot und Ohnmachtstendenz führen. Andere bekommen Schweißausbrüche, ihr Körper wird steif oder sie bekommen Bauchschmerzen, müssen sich übergeben und haben weichen Stuhl. Die meisten können genau angeben, was die Angst ausgelöst hat, und sind äußerst vorsichtig, diesen Dingen nicht abermals ausgesetzt zu werden, was zu Vermeidungsverhalten und sozialer Isolation führen kann. Manche Patienten sind durch ihre Angst so stark beeinträchtigt, dasss sie sich nicht trauen, nach draußen zu gehen und andere Leute zu treffen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich häufig eine Erwartungsangst (Angst vor der Angst).

Diagnostik

Meist genügt es, wenn die Ärztin in einem ausführlichen Gespräch mit dem Patienten die Situation(en) erörtert, die die Angst auslösen, und wie diese seitens des Patienten erlebt werden. Es kann in einigen Fällen sinnvoll sein, den Patienten während einer Exposition mit dem phobischen Objekt zu beobachten.

Bei schweren Angstattacken wird eine allgemeine ärztliche Untersuchung, auch von Herz und Lunge, durchgeführt.

Behandlung

Das Ziel der Behandlung ist es, die Angstreaktion und das Vermeidungsverhalten des Patienten zu reduzieren. Spezifische Phobien sollten mit einer Konfrontationstherapie und nicht medikamentös behandelt werden. Insbesondere sollten Sie keine Benzodiazepine einnehmen.

Eine kognitive Verhaltenstherapie mit entsprechender Konfrontation stellt bei Phobien die wirksamste Form der Behandlung dar. Das Ziel dieser Therapie ist es, die Patienten dazu zu bewegen, sich in die Angst auslösenden Situationen zu begeben und sich nach und nach davon zu überzeugen, dass es nicht so schlimm wie angenommen und tatsächlich möglich ist, die Situation entspannt zu erleben.

Die Expositions- oder Konfrontationstherapie zielt auf eine Änderung der Reaktion auf das gefürchtete Objekt oder die Situation ab. Eine schrittweise und wiederholte Konfrontation mit der Ursache kann den Betroffenen dabei helfen, ihre Angst zu überwinden. Wenn beispielsweise Flugangst besteht, dann wird die Behandlung über Gedanken an Flugzeuge, Bilder von Flugzeugen, eine Fahrt zu einem Flughafen, sich in ein Flugzeug zu setzen bis hin zum eigentlichen Flug führen. Die Behandlungszeit ist oft sehr kurz und bei Tierphobie beispielsweise kann schon eine einzige Behandlungssitzung ausreichen.

Es ist auch wichtig zu wissen, wie Ihr Körper auf die akute Angst reagiert, wie Stresshormone in das Blut ausgeschüttet und die verschiedenen Symptome und Reaktionen ausgelöst werden. Die eigentlich harmlosen Reaktionen können ausgelöst werden, wenn unser Gehirn eine bestimmte Situation als Krise wahrnimmt. Es handelt sich um eine Stresssituation, doch nie um eine lebensbedrohliche Situation.

Prognose

Spezifische Phobien, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, sind ein Risikofaktor für die spätere Entwicklung psychischer Probleme, vor allem von Depressionen und anderen Angstsyndromen. Daher ist es von großer Bedeutung, einer negativen Entwicklung durch Früherkennung und Behandlung bei spezifischen Phobien vorzubeugen. Ohne die richtige Therapie neigt die Erkrankung dazu, lange anzudauern. In seltenen Fällen kann die Phobie zur Berufsunfähigkeit führen.

Unbehandelte Phobien gehen bei Erwachsenen selten spontan vorüber. Eine kognitive Verhaltenstherapie mit Schwerpunkt auf der Konfrontation zeigt eine gute langfristige Wirkung. Viele Patienten erleben mit der Zeit eine zunehmende Besserung.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Spezifische Phobie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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