Antidepressiva-Absetzsyndrom

Bei einem Abbruch der Therapie oder beim zu raschen Absetzen des Antidepressivums kann es zu Beschwerden kommen.

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Was ist das Absetzsyndrom?

Bei einem Abbruch der Therapie mit Antidepressiva kann es in einigen Fällen zum sogenannten Absetzsyndrom kommen. Die Symptome können denen einer Erkältung ähneln und zudem Schlafstörungen, Übelkeit, Schwindel, Gefühl von Kribbeln oder Taubheit, ein Gefühl „elektrischer Schläge", Kopfschmerzen, Angstzustände und Überempfindlichkeit gegenüber Licht und Lärm beinhalten. Bei allen Arten der Antidepressiva kann es aufgrund eines abrupten Stopps der Einnahme oder eines zu schnellen Absetzens des Medikaments zu diesen Symptomen kommen. Die am häufigsten verwendeten Antidepressiva sind SSRI, trizyklische Antidepressiva und MAO-Hemmer. Andere Antidepressiva sind Mianserin, Mirtazapin, Venlafaxin, Reboxetin und Duloxetin.

Auch wenn die Symptome oft leicht ausgeprägt sind, muss das Absetzsyndrom beachtet und möglichst vermieden werden. Es können auch ernste Beschwerden auftreten und in Einzelfällen müssen die Betroffenen im Krankenhaus behandelt werden. Bei einer falschen Einschätzung der Symptome kann es zu internistischen und psychiatrischen Fehldiagnosen kommen, und der Patient muss sich eventuell unnötigen Untersuchungen und Therapien unterziehen. Darüber hinaus können die Beschwerden beim Patienten dazu führen, dass er zukünftig die Therapie mit Antidepressiva strikt ablehnt und daher für eventuell folgende Episoden einer Depression nicht effektiv behandelt werden kann.

Wie oft das Absetzsyndrom vorkommt, ist nicht ausreichend belegt. Die Häufigkeit schwankt in verschiedenen Studien zwischen 9 % und 66 %. 

Ursache

Die Ursache des Absetzsyndroms ist nicht mit Sicherheit geklärt. Es gibt keine systematischen Daten, aber das Syndrom scheint bei einer Therapiedauer mit Antidepressiva von weniger als 6–8 Wochen selten aufzutreten. Das Risiko ist möglicherweise höher bei der Verwendung von Präparaten mit einer relativ kurzen Halbwertszeit (also einem schnelleren Abbau im Körper, z. B. Paroxetin) im Vergleich zu Präparaten mit einer längeren Halbwertszeit (z. B. Fluoxetin).

Diagnostik

Die Diagnose wird anhand der Anamnese gestellt. Das Syndrom geht mit vielen psychischen und körperlichen Symptomen und Beschwerdebildern einher. Die Symptome hängen dabei von der Art des Antidepressivums ab. 

Die häufigsten Symptome nach dem Absetzen von SSRI-Präparaten sind Schwindel, Bauchschmerzen, Müdigkeit oder Angst, Kopfschmerzen, Übererregbarkeit, Niedergeschlagenheit und Schlafstörungen.

Trizyklische Antidepressiva können neben den Symptomen der SSRI auch zu parkinsonähnlichen Anzeichen (körperliche Steifigheit, Zittern) und Gleichgewichtsstörungen führen.

Das Absetzsyndrom nach der Verwendung von MAO-Hemmern kann in einigen Fällen zu schweren Symptomen wie Aggressivität, Unruhe, Muskelstarre/-steifigkeit (Katatonie), schweren Denkstörungen, Muskelkrämpfen oder Verwirrtheit führen und muss eventuell intensiv behandelt werden.

Das Absetzsyndrom tritt normalerweise innerhalb von etwa 3 Tagen nach dem Abbruch oder dem zu raschen Absetzen der Therapie auf, aber Reaktionen können sich auch schon innerhalb weniger Stunden nach Wegfall der ersten Dosis zeigen. Leichte Symptome müssen in der Regel nicht behandelt werden und gehen innerhalb von 1–2 Wochen zurück. In seltenen, aber ernsten Fällen mit Verwirrtheit, Katatonie und schweren Denkstörungen kann eine sofortige psychiatrische Intervention erforderlich sein.

Das Absetzsyndrom kann auch beim Wechsel des Antidepressivums auftreten. Hat das neue Medikament andere Eigenschaften, kann das Absetzsyndrom auch als Nebenwirkung des neuen Medikaments fehlinterpretiert werden.

Therapie

Wie erwähnt, kommt es in den meisten Fällen zu leichten Symptomen und eine Therapie ist nicht notwendig. Der Patient sollte lediglich über das Syndrom informiert werden.

Vorsicht bei der Verwendung von Antidepressiva

Obwohl das Absetzsyndrom nur eine kleine Anzahl der Patienten, die Antidepressiva verwenden, betrifft, und die Beschwerden in der Regel leicht und vorübergehend sind, sollten Antidepressiva dennoch mit Vorsicht verschrieben werden. Die Therapie der meisten psychiatrischen Erkrankungen, insbesondere bei Angststörungen und Depression, sollte auch immer psychosoziale Maßnahmen neben oder anstatt einer medikamentösen Therapie umfassen. Der Arzt wird den Nutzen einer kurzfristigen Therapie mit Antidepressiva bei nichtpsychischen Erkrankungen wie Reizdarm, Gewichtsverlust, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen gut abwägen, da auch hier das Risiko des Absetzsyndroms besteht.

Risikopatienten

Patienten mit einer Depression sind oft versucht, die Therapie abzubrechen, wenn sie sich besser fühlen. Dies kann jedoch zu einem frühen Rückfall und dem Absetzsyndrom führen. Auch Frauen, die während der Therapie schwanger werden, gehören zur Risikogruppe.

Bei der Therapie mit Antidepressiva sollte der Patient darauf hingewiesen werden, nicht zu früh mit der Therapie aufzuhören, da das Risiko für einen Rückfall damit steigt. Es wird empfohlen, die Symptome so lange zu behandeln, bis es zu einer deutlichen Besserung kommt; oft auch noch länger. Es ist auch wichtig, das Medikament regelmäßig einzunehmen – in Ausnahmefällen können die Beschwerden bereits nach einer vergessenen Tablette auftreten. Die Therapie muss durch die schrittweise Dosisreduktion des Medikaments nach Angaben des Arzts beendet werden.

Abschluss der Therapie

Fachleute empfehlen die schrittweise Reduzierung der Dosis. Der Patient sollte das Medikament über etwa 4 Wochen langsam reduzieren, um das Risiko für Beschwerden zu verringern. 

Es ist möglich, niedrige Dosierungen schneller zu senken, während das Absetzen bei einer Langzeitbehandlung über einen längeren Zeitraum (mindestens 3 Monate) erfolgen sollte.

Medikamentöse Therapie

Tritt das Syndrom auf und können andere Erklärungen ausgeschlossen werden, sollte der Patient informiert werden, dass es sich um einen vorübergehenden und nicht gefährlichen oder lebensbedrohlichen Zustand handelt, der 1–2 Wochen anhalten kann. Häufig empfiehlt der Arzt die Wiederaufnahme der Therapie mit Antidepressiva und anschließend die langsame Herabsetzung der Dosis. Möchte der Patient keine Medikamente mehr einnehmen, kann der Arzt ihn auch in anderer Form unterstützen. Schwere Symptome sollten innerhalb von 3 Tagen nach einer erneuten Therapie zurückgehen, häufig werden die Beschwerden bereits nach 24 Stunden gelindert.

Treten die Beschwerden bei der Dosisreduktion des Antidepressivums auf, sollte in Erwägung gezogen werden, zur ursprünglichen Dosis zurückzukehren und das Medikament langsamer abzusetzen. Kommt es auch bei einer sehr langsamen Reduktion zu Beschwerden, muss eventuell zu einem Medikament mit einer langen Halbwertszeit (z. B. Fluoxetin) gewechselt werden, da dieses auch beim Absetzen noch einige Zeit im Körper verbleibt und wirkt.

Tritt das Absetzsyndrom aufgrund von trizyklischen Antidepressiva auf und gibt es Anzeichen von Parkinsonismus und anderen Bewegungsproblemen, kann eventuell ein Anticholinergikum eingesetzt werden. Diese Therapie richtet sich vor allem an Patienten, die keine trizyklischen Antidepressiva mehr einnehmen möchten.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Medizinjournalistin, Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Antidepressiva-Absetzsyndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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