Benzodiazepine

Benzodiazepine werden im Wesentlichen in zwei Bereichen eingesetzt: als Beruhigungsmittel und als Schlafmittel.

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Was sind Benzodiazepine?

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Benzodiazepine sind verschreibungspflichtige Medikamente, die im Wesentlichen in zwei Bereichen angewendet werden: als Beruhigungsmittel und als Schlafmittel. Zur Beruhigung werden vor allem Diazepam, Oxazepam und Alprazolam eingesetzt. Bei Angststörungen wird die Einnahme von Benzodiazepinen jedoch nur in Ausnahmefällen und für kurze Zeit empfohlen. Bei Schlafstörungen werden Nitrazepam, Flunitrazepam und mit Benzodiazepin verwandte Mittel wie Zolpidem und Zopiclon verwendet. Die Medikamente sollten nicht länger als 3–4 Wochen eingenommen werden.

Auch zur Behandlung von epileptischen Anfällen, zur Unterstützung während eines Alkoholentzugs und vor chirurgischen Eingriffen können Benzodiazepine gegeben werden. Obwohl die Medikamente unterschiedlich eingesetzt werden, gibt es kaum Unterschiede in der chemischen Zusammensetzung der Wirkstoffe. Daher ist es in der Regel nicht notwendig, sowohl ein Beruhigungsmittel als auch ein Schlafmittel einzunehmen.

Wie wirken Benzodiazepine?

Bei der kurzfristigen Anwendung reduzieren Benzodiazepine Ängste und wirken beruhigend, sind schlaffördernd und muskelentspannend. Die Wirkung setzt schnell ein, in der Regel innerhalb von 30 Minuten. Die Dauer der Wirkung hängt vom jeweiligen Wirkstoff ab. Werden Benzodiazepine in den empfohlenen Dosierungen und über einen begrenzten Zeitraum verwendet, führen sie selten zu einer Abhängigkeit. Eine Behandlung mit Benzodiazepinen sollte nur über wenige Wochen durchgeführt werden und dann langsam ausgeschlichen werden. 

Die Hauptnachteile von Benzodiazepinen sind jedoch, dass sie leicht zu einer Abhängigkeit führen und als Rauschmittel missbraucht werden können. Das Risiko für Toleranzentwicklung und Abhängigkeit steigt mit der Dauer der Anwendung. Bei plötzlichem Absetzen kann auch ein sogenannter Rebound-Effekt auftreten. Die Beschwerden (z. B. Schlafstörungen) kehren dann wieder zurück, was manche Patienten dazu veranlasst, die Medikamente weiter einzunehmen. Durch schrittweises Absetzen können Sie solchen Symptomen vorbeugen.

Benzodiazepine können unerwünschte Müdigkeit während des Tages verursachen. Die gelegentliche Verwendung von Benzodiazepinen kann zu einer unerwarteten Lethargie, Koordinationsproblemen und einer vorübergehenden Verschlechterung des Gedächtnisses und der Leistungsfähigkeit führen. In ähnlicher Weise können Benzodiazepine auch die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Bei älteren Patienten erhöht sich das Risiko von Stürzen, die u. a. zu Oberschenkelhalsbrüchen führen können.

Für welche Patienten sind Benzodiazepine geeignet?

Benzodiazepine werden zur Behandlung von Angststörungen, Unruhe und Spannungen verwendet, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichen. Sie werden bevorzugt zur Kurzzeittherapie für wenige Wochen eingesetzt. Benzodiazepine ersetzen jedoch keine andere Therapie (z. B. Psychotherapie). In Ausnahmefällen werden sie auch zur vorübergehenden Behandlung in Notfallsituationen verwendet. Diese Medikamente sollten restriktiv eingesetzt werden; die Einnahme von Benzodiazepinen kann z. B. eine angemessene Trauerarbeit erschweren.

Außerdem werden Benzodiazepine häufig zur Behandlung von Schlafstörungen eingesetzt, sollten aber nur für kurze Zeit und nicht jeden Abend eingenommen werden. Dennoch ist es wichtig, schwere Schlafstörungen zu behandeln, da sie die Funktionstüchtigkeit der Betroffenen beeinflussen und das Risiko weiterer Komplikationen (z. B. Depression) erhöhen können. Beachten Sie auch die Ratschläge für einen guten Schlaf!

Zur Behandlung von Depressionen sind Benzodiazepine nicht geeignet. Sie werden aber in einigen Fällen in der Anfangsphase einer Therapie mit Antidepressiva verwendet, um Angstzustände, die zu Beginn der Therapie auftreten können, zu lindern.

Abhängigkeit von Benzodiazepinen

Laut Schätzungen haben rund 5 % der Bevölkerung in Deutschland Erfahrungen mit Benzodiazepin-Missbrauch oder -Abhängigkeit. Bei älteren Anwendern steigt der Anteil mit problematischer Einnahme auf über 20 %.

Benzodiazepine sollten nur für eine begrenzte Zeit oder als Einzeldosis bei Bedarf verwendet werden. Eine längerfristige Behandlung mit Benzodiazepinen und verwandten Substanzen geht mit einem hohen Risiko für Toleranzentwicklung und Abhängigkeit einher. Bei kontinuierlicher Anwendung über längere Zeit lässt die Wirkung nach, sodass einige Patienten die tägliche Dosis steigern, was die Abhängigkeit weiter verstärkt.

Bei einer regelmäßigen Anwendung über mehrere Wochen oder Monate haben viele Patienten Schwierigkeiten, das Medikament abzusetzen. Die ursprünglichen Beschwerden können zurückkehren und Entzugserscheinungen auftreten. Entzugssymptome setzen wenige Tage nach Ende der Einnahme ein und halten etwa eine Woche an. Typische Entzugssymptome sind Unruhe, ZitternAngst und Rastlosigkeit sowie Schlafstörungen und Schweißausbrüche. Schwere Entzugserscheinungen sind Halluzinationen, Verwirrtheit, Krampfanfälle und Muskelschwäche.

Absetzen von Benzodiazepinen

Die Entwöhnung von Benzodiazepinen erfolgt über ein schrittweises Reduzieren der Dosis über 6–10 Wochen. Bei Patienten, die Benzodiazepine schon seit mehreren Jahren genommen haben, kann dies einige Monate bis zu einem Jahr dauern. Das langsame Ausschleichen kann Entzugssymptome in der Regel verhindern. Manchmal wird während der Entwöhnung auf ein länger wirksames Benzodiazepin umgestellt, welches sich leichter absetzen lässt. Die Entwöhnung von niedrigen Tagesdosen kann zu Hause mit ärztlicher Unterstützung durchgeführt werden. Patienten, die über längere Zeit Benzodiazepine in hohen Dosen eingenommen haben, werden stationär in einer spezialisierten Einrichtung behandelt. So lange Sie die Dosis reduzieren, können immer wieder Entzugssymptome auftreten.

Vorsicht

Ältere Patienten sollten geringere Dosen einnehmen, da das Medikament benebelnd wirken kann und dadurch die Gefahr für Stürze erhöht. Bei der Einnahme von Benzodiazepinen sollte beachtet werden, dass sie das Reaktionsvermögen beim Autofahren oder beim Bedienen von Maschinen beeinflussen können. Das Risiko für Unfälle ist dadurch erhöht. Sie sollten die Wirkung des Medikaments kennen, bevor Sie sich hinter das Steuer setzen oder eine Maschine bedienen. Benzodiazepine dürfen nicht zusammen mit Alkohol eingenommen werden. Die gleichzeitige Einnahme von anderen auf das Zentralnervensystem wirkenden Medikamenten kann zu unerwünschten Wechselwirkungen führen. Informieren Sie Ihre Ärzte, wenn Sie andere Medikamente einnehmen!

Eine längere Einnahme von Benzodiazepinen kann zur Gewöhnung und Abhängigkeit führen. Bei einem abrupten Abbruch der Medikation nach längerer Einnahme kann es nach einigen Tagen zu ausgeprägten körperlichen Beschwerden (Entzug) kommen.

Vernünftige Verwendung von Benzodiazepinen

Benzodiazepine sollten in erster Linie zur kurzzeitigen Therapie eingesetzt werden. Bereits nach wenigen Wochen der täglichen Einnahme haben einige Patienten Probleme, das Medikament abzusetzen. Benzodiazepine wirken zudem auch besser und verlieren ihre Wirksamkeit nicht, wenn sie nicht täglich eingenommen werden. Schlaftabletten sollten nicht länger als maximal 3–4 Wochen täglich eingenommen werden. Bei einer längeren Therapiedauer sollten mehrere Nächte zwischen den einzelnen Schlafmittelanwendungen liegen. Auch Beruhigungsmittel sollten nicht länger als 2–4 Wochen täglich eingenommen werden.

Manche Patienten haben das Gefühl, dass das Medikament nach einer längeren Therapiedauer schlechter wirkt. Die Patienten haben in dem Fall eine gewisse Toleranz gegenüber dem Medikament entwickelt und dürfen daher keine höhere Dosis einnehmen. Die Dosis darf keinesfalls die ärztliche Empfehlung überschreiten, da dies das Risiko einer Abhängigkeit erhöht.

Das Reaktionsvermögen und damit die Fahrtüchtigkeit sind in den Stunden nach der Einnahme einer normalen Dosis Benzodiazepin eingeschränkt. Sie sollten in den ersten 1–2 Wochen nach Beginn der Therapie mit Benzodiazepin nicht Auto fahren und keine Maschinen bedienen.

Weitere Informationen


Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Entzugssyndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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