Winterdepression

Für die meisten Menschen ist es nicht ungewöhnlich, vom Wechsel der Jahreszeiten beeinflusst zu werden, und fast jeder fühlt sich ab und zu etwas niedergeschlagen. Wer jedoch im Vergleich deutlich stärker und intensiver mit gedämpfter Stimmung während Herbst und Winter reagiert, bei dem könnte die Diagnose Winterdepression zutreffen.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist die Winterdepression?

Die jahreszeitabhängige affektive Störung oder Winterdepression ist eine psychische Erkrankung, die typischerweise in der lichtärmeren Zeit des Jahres auftaucht. Auf Englisch wird die Krankheit mit SAD (Seasonal Affective Disorder) abgekürzt.

Die Winterdepression wird zur Gruppe der wiederkehrenden (rezidivierenden) Depressionen gezählt, und auch als saisonale Depression bezeichnet. Meist sind die Symptome mittelmäßig oder nur leicht ausgeprägt. Leichtere Formen der Winterdepression können deshalb auch als Wintermüdigkeit bezeichnet werden. Man nimmt an, dass 5–10 % der Bevölkerung mehr oder minder stark an der Winterdepression leiden.

Ursachen

Im Winter werden in der nördlichen Hemisphäre die Tage kürzer und die Nächte länger. Es gibt keine genaue Antwort darauf, warum manche Menschen sich im Winter besonders niedergeschlagen und müde fühlen. Man nimmt aber an, dass das fehlende Licht die Hauptursache für die Winterdepression ist. Licht reguliert den Schlaf-Wach-Rhythmus und wirkt sich auf die biologische Uhr des Körpers aus, die bestimmt, wann man schläft oder wach ist.

Das lichtempfindliche Hormon Melatonin steht in Verbindung mit dem Schlaf, und spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Das Gehirn schüttet in der Nacht Melatonin aus, und während der langen Winternächte wird mehr Melatonin ausgeschüttet. Ist man viel Tageslicht ausgesetzt, verringert sich hingegen die Melatoninproduktion. Deutlich veränderte Konzentrationen von Melatonin (zu viel oder auch zu wenig) wirken sich bei vielen Menschen auf den Schlaf-Wach-Rhythmus aus; ein erhöhter Spiegel macht in der Regel sehr müde.

Melatonin entsteht im Körper durch den Abbau eines Neurotransmitters namens Serotonin, der im Körper und im Gehirn natürlicherweise vorhanden ist. Serotonin ist einer der verschiedenen Nervenbotenstoffe, die die Weiterleitung der Nervenimpulse zwischen den Nervenzellen ermöglichen. Serotonin ist dafür bekannt, die menschliche Stimmungslage positiv zu beeinflussen und hat zusätzlich Wirkungen u. a. auf Herz und Kreislauf, den Schlaf, Appetit und auch Funktionen wie Lernen und Gedächtnis. Über den Abbau zu Melatonin, der von der Menge des Tageslichts mitbeeinflusst wird, sinkt und steigt auch die Menge des im Körper und Gehirn verfügbaren Serotonins. 

Die Lichtbedingungen wirken sich also sowohl auf die Produktion von Melatonin als auch den Stoffwechsel von Serotonin aus. Das Fehlen von Sonnenlicht kann bei manchen Menschen niedergeschlagene Stimmung, Antriebslosigkeit, rasche Ermüdbarkeit und andere Symptome einer Depression auslösen.

Interessant ist auch, dass Tryptophan, nämlich die Substanz, aus der der Mensch Serotonin herstellt, in verschiedenen Nahrungsmitteln vermehrt vorkommt. Grundsätzlich lässt sich also über die Ernährung mitbestimmen, wie viel Serotonin ein Mensch produzieren kann. Jedoch gibt es hierfür keine einfache Formel: entscheidend für die Tryptophanaufnahme aus der Nahrung sind nämlich auch die Nahrungsmittel, die man zusammen mit den tryptophanreichen Lebensmitteln verzehrt. Dass Serotonin wiederum eine (allerdings auch wiedersprüchlich diskutierte) Rolle bei der Depression spielt, wird daran deutlich, dass eine bestimmte Art von Antidepressiva darauf abzielt, die Serotoninkonzentration im Gehirn anzuheben.

Symptome

Alle Symptome einer Winterdepression haben gemeinsam, dass sie im Herbst auftauchen und im Frühjahr wieder verschwinden. Sie wiederholen sich in der Regel Jahr für Jahr, und verschwinden oder bessern sich deutlich, sobald man in sonnige Gebiete verreist. Die häufigsten Symptome einer Winterdepression sind:

  • Mangelnde Energie
  • Erhöhter Schlafbedarf
  • Gedrückte Stimmungslage
  • Mehr Appetit (insbesondere Süßigkeiten)
  • Gewichtszunahme
  • Sozialer Rückzug
  • Verminderte Libido

Die Symptome variieren in ihrem Grad und die Betroffenen müssen nicht alle Merkmale aufweisen. Die meisten Patienten haben einen erhöhten Schlafbedarf und sind auch nach viel Schlaf meist nicht erholt. Im Laufe der Zeit wird der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört, und entwickelt sich zu Schlaflosigkeit, chronischem Schlafmangel und anderen Schlafstörungen (z. B. Verzögertes Schlafphasensyndrom). Der Grad der depressiven Stimmungslage ist verschieden stark ausgeprägt.

Ratschläge zur Vorbeugung

Sie können selbst einiges unternehmen, um etwas gegen diese Symptome zu tun oder der Winterdepression vorzubeugen.

  1. Suchen Sie das Licht auf: Reisen Sie in den Süden und genießen Sie die Sonne. Haben Sie dazu keine Möglichkeit, sollten Sie die Behandlung mit künstlichem Tageslicht in Erwägung ziehen. Hierfür gibt es spezielle sehr lichtstarke Lampen. Vor deren Anwendung sollten Sie sich ärztlich beraten lassen und nachfragen, welche Intensität und Dauer der Therapie der Arzt Ihnen empfehlen würde. In der Regel reicht es, sich diesem hellen Licht eine halbe bis eine Stunde täglich auszusetzen. Das Licht in einem Solarium hat keinen Effekt.
  2. Licht in Ihrer Umgebung: Ziehen Sie die Vorhänge auf und schalten Sie alle Lampen an. Machen Sie tagsüber einen Spaziergang im Freien. Beleuchten Sie Ihr Zuhause hell.
  3. Die Batterien aufladen: Bereiten Sie sich auf die dunkle Zeit im Winter vor, indem Sie bereits im Sommer und Herbst viel Licht tanken. Das kann vorbeugend wirken und bereitet Sie gut auf den Winteranfang vor.
  4. Gut schlafen: Schlaf und ein guter Schlaf-Wach-Rhythmus sind wichtig für Ihren mentalen Zustand. Regelmäßige Störungen Ihrer biologische Uhr können schnell zu einem schlechteren Schlaf und Müdigkeit führen.
  5. Bewegen Sie sich: Es ist erwiesen, dass Training und allgemein regelmäßige körperliche Bewegung ganz grundsätzlich einen positiven Einfluss auf die Stimmungslage haben und gegen (leichte bis mittelschwere) depressive Symptome helfen können.

Diagnostik

Sie sollten sich überlegen, einen Arzt oder Psychologen aufzusuchen, wenn Sie sich über eine längere Zeit ohne Grund (etwa einen Trauerfall oder anderes schwerwiegendes Ereignis) depressiv fühlen, und sich nicht für Aktivitäten begeistern können, die Sie normalerweise mögen. Ihr Arzt oder Psychologe beantwortet Ihnen alle relevanten Fragen zu Ihren Symptomen. Es kann für den Arzt manchmal schwierig sein Ihnen zu sagen, ob Sie an einer Winterdepression leiden oder nicht, da diese leicht mit anderen psychischen Störungen verwechselt werden kann. Die Winterdepression wird definiert als rezidivierende depressive Episode, die für mindestens drei Jahre jedes Jahr zur etwa gleichen Zeit beginnt und endet. Falls depressive Episoden zu anderen Jahreszeiten vorkommen, handelt es sich nicht um eine typische Winterdepression.

Behandlung

Da nachgewiesen wurde, dass mehr Tageslicht hilft, Ihre Schlaf-Wach-Balance und Ihre Stimmung aufrecht zu erhalten, ist die Lichttherapie die erste Wahl gegen die Winterdepression. Die Behandlung besteht darin, dass Sie vor einer Tageslichtlampe sitzen, die künstliches Tageslicht abstrahlt. Behandelt wird mit einem Minimum von 30 Minuten täglich mit der Lichtintensität von 10.000 Lux für 2–4 Wochen. Die meisten Patienten erleben eine rasche Verbesserung der Symptome schon nach 2–3 Wochen. Viele erleben allerdinge erneute depressive Symptome, wenn sie die Lichttherapie wieder absetzen.

Die Lichttherapie kann mit Medikamenten und Psychotherapie oder anderen unterstützenden Verfahren (Entspannungstherapien etc.) kombiniert werden. Aber Vorsicht: Manche Medikamente können die Lichtempfindlichkeit der Haut erhöhen (z. B. Lithium, Johanniskraut) und sollten dann natürlich nicht mit einer Lichttherapie kombiniert eingenommen werden. Grundsätzlich sind für die meisten Betroffenen ein regelmäßiger Tagesrhythmus mit ähnlichen Schlaf-/Wachzeiten sowie regelmäßiger Sport hilfreich.

Prognose

Die Prognose ist für die meisten Menschen mit einer Winterdepression gut. Die Lichttherapie ist eine gut wirkende Behandlung mit wenigen oder keinen Nebenwirkungen. Leichte Augenreizungen, Sehstörungen, Kopfschmerzen, Nervosität u. a. Probleme können in den ersten Tagen auftreten. Diese Symptome verschwinden aber meist nach einigen Tagen Lichttherapie oder dann, wenn Sie die Lichtstärke oder -dauer verringern. Falls Sie bereits an Augenkrankheiten leiden, sollten Sie dies aber vor Aufnahme der Lichttherapie mit Ihrem Arzt besprechen.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen