Paranoide Psychose (Wahnhafte Störung)

Eine Person mit einer paranoiden Psychose hat eine falsche Wahrnehmung der Realität, von der sie trotz Gegenbeweisen nicht abgebracht werden kann. Häufig liegt ein paranoider Persönlichkeitstyp vor, der von Misstrauen geprägt ist, Handlungen anderer schnell als feindlich oder abwertend interpretiert und sehr leicht kränkbar ist.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist eine paranoide Psychose?

Eine Psychose ist eine schwere psychische Erkrankung, die durch Wahnvorstellungen charakterisiert ist, d. h. die Patienten erleben die Welt anders als gesunde Menschen. Bei der paranoiden Psychose (wahnhaften Störung) werden nach und nach „glaubwürdige" Wahnvorstellungen entwickelt, häufig bei Menschen, bei denen ein paranoider Persönlichkeitstyp vorliegt. Es sollten keine Anzeichen anderer psychischer Erkrankungen vorhanden sein, wie Schizophrenie, Depression/bipolare Störung oder eine psychische Störung, die auf einer körperlichen Erkrankung beruht.

Die wahnhafte Störung ist definiert als eine fehlerhafte Wahrnehmung, die auf einer falschen Interpretation der äußeren Wirklichkeit beruht, an der der Patient trotz des Beweises des Gegenteils festhält. Diese Wahrnehmung wird normalerweise nicht von Familienmitgliedern oder anderen Menschen aus dem Umfeld des Kranken geteilt. Die Wahnvorstellungen halten im Allgemeinen lange, manchmal lebenslang, an. Glaubhafte Wahnvorstellungen müssen von den bizarren, unwahrscheinlichen Wahnvorstellungen abgegrenzt werden, die häufig bei einer Schizophrenie vorliegen. Die Grenzen zu anderen psychischen Störungen mit Wahnsymptomen sind jedoch fließend. Personen mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung sind übertrieben misstrauisch, interpretieren Handlungen anderer schnell als feindselig oder abwertend und sind sehr leicht kränkbar. Dies kann mit der Zeit in eine psychische Erkrankung übergehen, eine paranoide Psychose.

Patienten mit wahnhafter Störung suchen selten medizinische Hilfe für ihre psychischen Probleme, da ihnen ihre Probleme nicht bewusst sind. Allerdings wenden sie sich mitunter wegen körperlicher Beschwerden an einen Arzt, die diesem auffällig und unwahrscheinlich erscheinen. Auch Polizei und Anwälte begegnen mitunter dieser Gruppe von Patienten, da diese sich verfolgt fühlen oder der Überzeugung sind, dass ihnen Unrecht geschehen ist.

Es gibt nur wenige Forschungsdaten über die wahnhafte Störung, das Wissen darüber beruht zum größten Teil auf unkontrollierten Studien und Fallberichten.

Häufigkeit

Die wahnhafte Störung tritt selten auf, die Zahl der Neuerkrankungen (Inzidenz) beträgt ca. 1–3 pro 100.000 Einwohner jährlich. Amerikanischen Untersuchungen zufolge liegt die Prävalenz, also der Anteil der Bevölkerung, der zu einem bestimmten Zeitpunkt an dieser Störung leidet, bei ca. 0,3 %. Da Menschen mit wahnhaften Störungen selten Hilfe suchen, kann die Erkrankungsrate aber auch höher sein.

Die Erkrankung tritt am häufigsten bei Menschen mittleren Alters und bei älteren Menschen auf. Frauen scheinen etwas häufiger an wahnhaften Störungen zu leiden als Männer.

Ursachen

Die wahnhafte Störung kommt in der neueren medizinischen Literatur überraschend selten vor. Die Abgrenzung der paranoiden Psychose zu anderen Formen der Psychose war schon immer eher vage. Ein möglicher Zusammenhang mit Schizophrenie ist diskutiert worden, wobei man von einem Störungsspektrum ausgeht, das sich von der paranoiden Persönlichkeitsstörung über die wahnhafte Störung bis hin zur paranoiden Schizophrenie erstreckt, die von anderen Formen der Schizophrenie abgegrenzt werden kann. Andere Forscher gehen davon aus, dass die wahnhafte Störung eine eigene Kategorie darstellt.

Die genaue Ursache der wahnhaften Störung ist noch unklar, aber Vererbung und Umwelt spielen eine wichtige Rolle. Die Familien von Patienten mit wahnhafter Störung sind häufig von Misstrauen, starren Regeln, irrationalen Einstellungen, Ängstlichkeit, ungelösten Frustrationen und einer Erwartung von Feindseligkeit aus der Umwelt geprägt. Das kann sowohl auf erbliche als auch auf psychosoziale Faktoren hinweisen, die die Störung begünstigen. Möglicherweise spielt auch der Botenstoff Dopamin eine Rolle bei der Entwicklung von wahnhaften Störungen.

Ältere Menschen und einige Minderheiten scheinen ein besonders hohes Risiko zu haben, eine wahnhafte Störung zu entwickeln.

Symptome

Die Wahnvorstellungen, die bei einer paranoiden Psychose auftreten, sind falsche Aussagen über unsere Umwelt und nicht-bizarre Wahnvorstellungen, d. h., anders als bei der Schizophrenie, inhaltlich nicht ungewöhnlich und unverständlich. Den Betroffenen mangelt es an Einsicht und sie verstehen nicht, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Oft sind es Familienmitglieder, Polizei, Arbeitskollegen oder Ärzte, die zuerst das Problem vermuten und psychiatrische Hilfe suchen. Die Wahnvorstellungen sind in der Regel abgegrenzt und logisch zusammenhängend – die Wahrnehmungsverzerrung liegt also nur in einem abgegrenzten Bereich vor. Mitunter liegt nur ein einziger Wahn vor.

Nicht-bizarre Wahnvorstellungen sind Wahnvorstellungen von Situationen, die im Leben tatsächlich auftreten können, wie z. B. verfolgt zu werden, das Opfer eines Komplotts zu sein, geliebt zu werden, eine Infektion zu haben oder betrogen zu werden. Viele dieser Patienten weisen bereits viele Jahre vor Ausbruch der Psychose deutliche paranoide Persönlichkeitsmerkmale wie Überempfindlichkeit, Misstrauen und Selbstbezogenheit auf. Die paranoide Psychose ist typischerweise auf einen Bereich abgegrenzt, häufig liegt nur eine Wahnvorstellung vor.

Eine wirkliche wahnhafte Störung besteht erst, wenn der Patient deutliche Wahnvorstellungen entwickelt hat. Die Person ist von der Wahrheit ihrer Interpretationen und Fehldeutungen so überzeugt, dass eindeutig eine krankhaft gestörte Realitätseinschätzung vorliegt. Die wahnhafte Störung scheint sich schleichend zu entwickeln, der Übergang von einer paranoiden Persönlichkeitsstörung ist fließend. Nach und nach nimmt der „verrückte“ Anteil der Person immer mehr Raum ein. Es ist schwer zu entscheiden, wann die paranoiden Persönlichkeitszüge eine solche Intensität erreichen, dass man von einer psychischen Erkrankung sprechen kann.

Personen mit wahnhafter Störung sind misstrauisch, rechthaberisch, neigen zu überhöhtem Selbstwertgefühl und übertriebener Selbstbezogenheit. Sie führen häufig ein aktives Leben und tun sich gerne hervor. Solange sie nicht mit ihren Wahnvorstellungen konfrontiert werden, können sie anspruchsvolle und hoch qualifizierte Arbeiten übernehmen und gute Leistungen vollbringen. Mitunter sind die Patienten von ihren eigenen großen Projekten oder bahnbrechenden Ideen auf fast fanatische Weise überzeugt. Sowohl am Arbeitsplatz als auch im privaten Bereich sind sie häufig sozial isoliert. Häufig führt das paranoide Verhalten zu beruflichen oder sozialen Problemen, besonders als Folge des Misstrauens und der leichten Kränkbarkeit.

Eine ernsthafte wahnhafte Störung kann auch nach einem traumatischen Ereignis ausbrechen, bei dem der Person tatsächlich Unrecht geschehen ist. Die anhaltende Beschäftigung mit diesem Ereignis spricht für das Vorliegen einer paranoiden Psychose und nicht einer reaktiven Psychose (akute vorübergehende psychotische Störung). Alle Inhalte, die die These des Patienten unterstützen, werden als Beweise angesehen, während solche, die eher für das Gegenteil sprechen würden, ignoriert werden.

Unterarten

Es werden verschiedene Subtypen der paranoiden Psychose beschrieben, je nach Wahninhalt:

  • Liebeswahn
    • Hierbei ist das zentrale Thema, dass eine andere Person, oft von höherem Status, in den Patienten verliebt ist. Der Patient versucht mitunter, Kontakt zu der betreffenden Person aufzunehmen, indem er sie anruft, Briefe oder Geschenke schickt oder sie besucht.
  • Größenwahn
    • Der Patient ist der Überzeugung, über ein großes, unentdecktes Talent zu verfügen, wichtige Entdeckungen gemacht zu haben, eine besondere Beziehung zu einer prominenten Person zu haben oder besondere religiöse Erkenntnisse zu haben.
  • Eifersuchtswahn
    • Hierbei ist der wesentliche Inhalt der Wahnvorstellung, dass der Patient vom Ehepartner oder Partner betrogen wird. Das kann zu heftigen Anklagen und mitunter auch körperlichen Angriffen führen.
  • Verfolgungswahn
    • Der Patient glaubt, dass er verfolgt wird und dass ihm jemand Schaden zufügen will. Dies kann sich zunächst glaubwürdig anhören, sodass nicht erkannt wird, dass die Person unter Wahnvorstellungen leidet.
  • Körperbezogener Wahn
    • Hierbei sind die Wahnvorstellungen auf körperliche Funktionen und Empfindungen bezogen, z. B. dass der Betroffene von Insekten oder Parasiten befallen ist, einen üblen Geruch aussondert, dass ein Körperteil nicht richtig funktioniert oder dass ein bestimmter Körperteil deformiert oder hässlich ist. Der Patient lässt sich, ebenso wie Patienten mit Hypochondrie, durch nichts davon überzeugen, dass seine Ängste unbegründet sind.
  • Mischtyp
    • Mitunter liegen auch mehrere Arten von Wahnvorstellungen gleichzeitig vor.
  • unspezifische Wahnvorstellungen.

Behandlung

Die Behandlung ist schwierig, und es gibt wenig Forschung auf dem Gebiet. Das schwierigste ist, eine Allianz mit dem Patienten zu bilden, da dieser nicht einsieht, ein Problem zu haben, gleichzeitig aber eine stabile, vertrauensvolle Beziehung zwischen Behandelndem und Patienten die Grundlage für eine erfolgreiche Therapie darstellt. Eine Voraussetzung für eine gelungene Zusammenarbeit mit dem Patienten und einen Behandlungserfolg ist, den Patienten nicht direkt mit seinem Wahn zu konfrontieren.

Die Behandlung sollte den individuellen Bedürfnissen des Patienten angepasst werden. Im Allgemeinen wird eine Psychotherapie empfohlen, es gibt aber nur wenige Dokumentationen, die eine Wirkung nachweisen. Die Familie des Patienten sollte über den Zustand aufgeklärt werden, um zu verstehen, dass es sich um eine Erkrankung handelt.

Mitunter helfen Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie. Ein Teil der Behandlung kann auch in dem Versuch bestehen, zu erreichen, dass der Patient alternative Erklärungen für seine eingeschränkte Sicht der Dinge annimmt. Wirksamkeit und Nebenwirkungen der Therapie bei Patienten mit wahnhaften Störungen sind noch nicht ausreichend erforscht.

Medikamente aus der Gruppe der Antipsychotika, wie z. B. Haloperidol, wirken sich vor allem positiv in Bezug auf die Beschwerden und die Anspannung der Patienten aus, haben aber auf die Wahnvorstellungen häufig nur einen geringen Einfluss. Wahrscheinlich wirken  verschiedene Typen von Antipsychotika bei wahnhaften Störungen vergleichbar gut. Auch moderne Antipsychotika können Störungen des Stoffwechsels und Nebenwirkungen im Herz-Kreislauf-System verursachen.

Prognose

Die wahnhafte Störung kann in ihrem Verlauf in der Intensität der Ausprägung schwanken, verläuft aber in der Regel chronisch. Die Wahnvorstellungen beziehen sich fast immer auf das vorherrschende Thema, das die Grundlage dieser psychischen Erkrankung bildet, z. B. dass der Patient verfolgt wird.

Es gibt nur wenige Studien zur Prognose bei der wahnhaften Störung. Bei einer norwegischen Untersuchung mit 26 Patienten mit paranoider Psychose hatten nach 14 Jahren 13 Patienten weiterhin Wahnsymptome, während acht eine Schizophrenie entwickelt hatten. 

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Wahnhafte Störung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Berger M (Hrsg). Psychische Erkrankungen - Klinik und Therapie. 3. Auflage. München, Elsevier 2009.
  2. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI). ICD-10-GM Version 2018. Stand 22.09.2017; letzter Zugriff 12.01.2018 www.dimdi.de
  3. Abdel-Hamid M, Brüne M. Neuropsychological aspects of delusional disorder. Curr Psychiatry Rep. 2008 Jun. 10(3):229-34.
  4. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Schizophrenie. AWMF-Leitlinie Nr.038 - 009, Stand 2005 (abgelaufen). www.awmf.org
  5. American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. Fifth Edition. Washington, DC: American Psychiatric Association; 2013.
  6. Perala J, Suvisaari J, Saarni SI, et al. Lifetime prevalence of psychotic and bipolar I disorders in a general population. Arch Gen Psychiatry 2007; 64: 19. PubMed
  7. Kelly BD. Erotomania: epidemiology and management. CNS Drugs 2005; 19: 657-69. PubMed
  8. Falkai P, Wittchen HU, Döpfner M: Diagnostisches und StatistischesManual Psychischer Störungen – DSM-5. Göttingen: Hogrefe 2014.
  9. Paulzen M, Schneider F. Schizophrenie und andere psychotische Störungen im DSM-5. Zusammenfassung der Änderungen gegenüber DSM-IV. Nervenarzt 2014; 85:533–542. DOI: 10.1007/s00115-013-3985-3 DOI
  10. Parnas J. Belief and pathology of self-awareness. J Conscious Stud 2004; 11: 148-61. PubMed
  11. Retterstol N, Opgjordsmoen S. Differences in diagnosis and long-term course and outcome between monosymptomatic and other delusional disorders. Psychopathology 1994; 27: 240-6. PubMed
  12. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Therapeutische Maßnahmen bei aggressivem Verhalten in der Psychiatrie und Psychotherapie. AWMF-Leitlinie Nr. 038-022, Stand 2009. [url]http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/038-022.html[/url]
  13. Skelton M, Khokhar WA, Thacker SP. Treatments for delusional disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 5. Art. No.: CD009785. DOI: 10.1002/14651858.CD009785.pub2. DOI
  14. Manschreck TC, Khan NL. Recent advances in the treatment of delusional disorder. Can J Psychiatry 2006; 51: 114-9. PubMed
  15. Ray WA, Chung CP, Murray KT, Hall K, Stein CM. Atypical antipsychotic drugs and the risk of sudden cardiac death. N Engl J Med 2009; 360: 225-35. New England Journal of Medicine