Posttraumatische Belastungsstörung

Etwa 1,5–2 % der Bevölkerung in Deutschland entwickeln im Lauf des Lebens eine posttraumatische Belastungsstörung. Die Häufigkeit variiert mit Art und Schwere des traumatischen Ereignisses. Bei Naturkatastrophen liegt sie unter 10 %, bei Opfern von Krieg, Vergewaltigung oder Folter bei ca. 50 %.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)?

Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist definiert als eine verzögerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Es handelt sich um eine relativ langwierige und nicht selten chronische Erkrankung, die infolge schwerer oder lang anhaltender psychologischer Traumata auftreten kann. Dabei kann es sich um Unfälle, Kriegserfahrungen, Katastrophenerlebnisse sowie Übergriffe (z. B. Vergewaltigung, sexueller Missbrauch und andere erlebte Gewalt) handeln.

Das Syndrom ist durch ein ständiges Wiedererleben (Flashbacks) des traumatischen Ereignisses gekennzeichnet, sowohl im wachen als auch im schlafenden Zustand. Viele Betroffene versuchen Dinge oder Situationen zu vermeiden, die an dieses Ereignis erinnern. Sie sind reizbar und leiden an Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Stimmungsschwankungen. Häufig treten negative Gedanken und Stimmungen auf. Die Erkrankung beginnt wenige Wochen bis Monate nach dem Trauma.

Etwa 1,5–2 % der Bevölkerung in Deutschland leidet im Lauf des Lebens an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die Häufigkeit variiert u. a. mit Art und Schwere des traumatischen Ereignisses. Nach einer Vergewaltigung, bei Kriegs-, Vertreibungs- und Folteropfern liegt sie bei 50 %. Bei Soldaten nach Kriegseinsätzen beträgt die Häufigkeitsrate 10–20 %, bei Verkehrsunfallopfern und bei schweren Organerkrankungen 10 %. Etwa ein Drittel der Betroffenen entwickelt chronische Beschwerden.

Ursache

Die posttraumatische Belastungsstörung kann durch Ereignisse ausgelöst werden, die unabhängig von ihrer Dauer als lebensbedrohlich, erschreckend oder fürchterlich wahrgenommen werden. Plötzliche Ereignisse und mangelnde Kontrolle über die Situation erhöhen die Gefahr dafür. Wie sich gezeigt hat, haben Menschen, die bereits vor dem auslösenden Ereignis nervöse Störungen aufwiesen, ein erhöhtes Risiko, an einer posttraumatischen Belastungsstörung zu erkranken. Eine höheres Risiko besteht ebenfalls bei einem Aufenthalt in einer fremden und unsicheren Umgebung oder wenn im Zuge dieser Situation ein großer Verlust eintritt, wie z. B. der Tod einer nahestehenden Person. Studien zufolge können auch genetische Faktoren eine Rolle spielen.

Alle Menschen können auf extremen Stress mit psychischen Symptomen reagieren. Dabei besteht ein gleitender Übergang von leichten und allgemeinen Reaktionen bis hin zu intensiveren und lähmenden Reaktionen, die auftreten können. Diese gravierenderen Erkrankungen treten häufiger bei den Personen auf, bei denen bereits vorher psychosomatische Störungen vorlagen. Etwa 80 % der Patienten leiden gleichzeitig an mindestens einer weiteren psychischen Erkrankung – entweder als Traumafolge oder als Vorerkrankung, die die Entstehung einer posttraumatischen Belastungsstörung begünstigt. Am häufigsten sind dabei Depressionen, Suchterkrankungen und Angststörungen.

Diagnose

Die Diagnose setzt voraus, dass der Patient einer extremen Belastung oder einer Bedrohung für Leib und Leben ausgesetzt war. Im US-amerikanischen Diagnosesystem DSM-5 lässt sich die Diagnose ebenfalls stellen, wenn die betroffene Person gesehen oder erfahren hat, dass eine andere Person Opfer eines schweren Traumas geworden ist. Die Symptome treten wenige Wochen bis Monate nach dem Trauma auf. Die Diagnose sollte nicht für Reaktionen auf kleinere Belastungen angewandt und nicht für Personen genutzt werden, die schwächere Reaktionen nach schweren Traumata erlebt haben. Viele Spezialisten gehen davon aus, dass diese Diagnose in den letzten Jahren im Zusammenhang mit leichteren Traumata, Belästigungen, Scheidungen u. Ä. inflationär verwendet wurde.

Behandlung

Jeder, der diese Erkrankung entwickelt hat und langfristige Probleme mit einem Wiedererleben des Traumas aufweist, Vermeidungsverhalten zeigt und Angst verspürt, die über das Normale hinausgehen, profitiert von einer Psychotherapie. Dies gilt auch, wenn das Trauma bereits längere Zeit zurückliegt. Die empfohlene Behandlung wird als traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie bezeichnet. Dabei geht der Therapeut im Gespräch vom eigentlichen Trauma und den Erlebnissen des Patienten aus. Die Erfahrungen und körperlichen Reaktionen werden bearbeitet und interpretiert, sodass sie allmählich als ungefährlich empfunden werden und mit ihnen gelebt werden kann. Die behandelnden Psychotherapeuten sollten über eine traumatherapeutische Qualifikation verfügen.

Als ergänzende Verfahren können Ergotherapie, Kunst- und Musiktherapie, Körper- und Bewegungstherapie, Physiotherapie sowie Entspannungsverfahren wie achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) angewendet werden.

Eine medikamentöse Behandlung wird nicht als alleinige Therapie empfohlen. Sie ersetzt keine traumaspezifische Psychotherapie, kann aber zur Unterstützung hilfreich sein. In erster Linie werden Antidepressiva wie Paroxetin und Sertralin verordnet. Bei Schlafstörungen können in der Akutphase einige Tage lang Schlafmittel eingenommen werden.

Menschen, die Konzentrationslager überlebt haben, gefoltert wurden oder schweren sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren, können trotz aller Behandlungsversuche schwere dauerhafte Probleme haben.

Einige Zeit lang wurden allen, die schreckliche Unfälle oder Unglücke erlebt haben, individuelle Gespräche mit medizinischen Fachkräften angeboten. Forschungen zufolge ist dies nicht hilfreich und wird daher nicht mehr empfohlen. Allerdings zeigen sich gute Ergebnisse einer professionellen Behandlung von Personen, die langanhaltende und ausgeprägte Beschwerden aufweisen.

Prognose

Der Verlauf einer posttraumatischen Belastungsstörung unterliegt Schwankungen. Doch im Laufe der Zeit tritt in den meisten Fällen eine Besserung ein. In wenigen Fällen nimmt die Störung über viele Jahre einen chronischen Verlauf und geht dann in eine andauernde Persönlichkeitsänderung über. Häufig treten Suchterkrankungen und andere psychische Begleiterkrankungen auf.

Laut einer norwegischen Untersuchung, die nach einer großen Explosion in einer Farben- und Lackfabrik durchgeführt wurde, entwickelten 43 % der am stärksten gefährdeten Gruppe eine posttraumatische Belastungsstörung, während bei der Gruppe der weniger Betroffenen dies nur bei 23 % der Fall war, und bei denen, die der Katastrophe knapp entronnen sind, lediglich 10 % erkrankten. Nach vier Jahren wiesen nur noch 15 % (zehn Personen) der am stärksten exponierten Gruppe deutliche Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung auf. Ein Unfall auf einem Erdölfeld in der Nordsee zeigt ein ähnliches Muster. Der internationalen Literatur zufolge wirken sich im Allgemeinen verschiedene Faktoren, die vor dem traumatisierenden Ereignis liegen, bei den Betroffenen stärker auf die Symptomveränderung aus, als die Besonderheiten des eigentlichen Ereignisses.

In den Fällen, in denen geringere Schädigungen oder Beanspruchungen zu den Folgesymptomen geführt haben, ist die Prognose gut. Die Beschwerden klingen üblicherweise nach ein paar Tagen oder Wochen ab. In solchen Situationen sind Diagnosen wie die einer posttraumatischen Belastungsstörung falsch.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Posttraumatische Belastungsstörung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsches Institut für Medizinische Information und Dokumentation (DIMDI). ICD-10-GM Vorabfassung 2018. F43.1 Posttraumatische Belastungsstörung. Stand 21.07.2017; letzter Zugriff am 08.09.2017. www.dimdi.de
  2. Falkai P, Wittchen HU (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5. Göttingen: Hogrefe 2015.
  3. Bering R, Schedlich C, Zurek G. Intrusion, Vermeidung, Übererregung, negative Kognitionen und Affekte - Psychotraumatologie und PTBS. DNP - Der Neurologe & Psychiater 2016; 17: 40-50. www.springermedizin.de
  4. Warner CH, Warner CM, Apenzeller GN, Hoge CW. Identifying and managing posttraumatic stress disorder. Am Fam Physician 2013; 88: 827-34. American Family Physician
  5. Kringlen E. Posttraumatisk stressforstyrrelse. Tidsskr Nor Lægeforen 2007; 127: 61-2. PubMed
  6. Kilpatrick DG, Koenen KC, Ruggiero KJ, et al. The serotonin transporter genotype and social support and moderation of posttraumatic stress disorder and depression in hurricane-exposed adults. Am J Psychiatry 2007; 164: 1693. pmid:17974934 PubMed
  7. Grinage BD. Diagnosis and management of post-traumatic stress disorder. Am Fam Physician 2003; 68: 2401-9. PubMed
  8. Roberts AL, Agnew-Blais JC, Spiegelman D et al. Posttraumatic stress disorder and incidence of type 2 diabetes mellitus in a sample of women: a 22-year longitudinal study. JAMA Psychiatry 2015; 72: 203-10. pmid:25565410 PubMed
  9. Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie. S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung ICD-10: F43.1. AWMF-Leitlinie Nr. 051-010, Stand 2011 (abgelaufen). www.emdr-institut.de
  10. Hoge CW, Castro CA, Messer SC et al. Combat duty in Iraq and Afghanistan, mental health problems, and barriers to care. N Engl J Med. 2004;351: 13–22. PMID: 15229303 PubMed
  11. Jonas DE, Cusack K, Forneris CA, et al. Psychological and pharmacological treatments for adults with posttraumatic stress disorder (PTSD). . AHRQ Comparative Effectiveness Reviews. Rockville (MD): Agency for Healthcare Research and Quality (US); 2013 Apr. Report No.: 13-EHC011-EF. www.ncbi.nlm.nih.gov
  12. Hetrick SE, Purcell R, Garner B, Parslow R. Combined pharmacotherapy and psychological therapies for post traumatic stress disorder (PTSD). Cochrane Database of Syst Rev 2010, Issue 7. Art. No.: CD007316. DOI: 10.1002/14651858.CD007316.pub2 DOI
  13. Bisson JI, Roberts NP, Andrew M, et al. Psychological therapies for chronic post-traumatic stress disorder (PTSD) in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2013 Dec 13;12:CD003388. doi: 10.1002/14651858.CD003388.pub4. DOI
  14. Polusny MA, Erbes CR, Thuras P, et al. Mindfulness-Based Stress Reduction for Posttraumatic Stress Disorder Among Veterans: A Randomized Clinical Trial. JAMA 2015; 314: 456-65. PMID: 26241597 PubMed
  15. Stein DJ, Ipser JC, Seedat S. Pharmacotherapy for post traumatic stress disorder (PTSD). The Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, 21 January. CD002795.pub2. Cochrane (DOI)
  16. Jeffreys M, Capehart B, Friedman MJ. Pharmacotherapy for posttraumatic stress disorder: review with clinical applications. J Rehabil Res Dev 2012; 49: 703-15. pmid:23015581 PubMed
  17. Posttraumatic stress disorder (PTSD): the management of PTSD in adults and children in primary and secondary care. National Institute for Clinical Excellence (NICE), 2005.
  18. Rose S, Bisson J, Wessely S. Psychological debriefing for preventing post traumatic stress disorder (PTSD) (Cochrane Review). The Cochrane Library, issue 2, 2002. Oxford: Update Software The Cochrane Library
  19. Wessely S, Deahl M. Psychological debriefing is a waste of time: For/against. Br J Psychiatry 2003; 183: 12-4. British Journal of Psychiatry
  20. Bradley R, Greene J, Russ E et al. A multidimensional meta-analysis of psychotherapy for PTSD. Am J Psychiatry 2005; 162: 214-27. American Journal of Psychiatry
  21. Ekeberg Ø. Kriseintervensjon etter katastrofer. Tidsskr Nor Lægeforen 2005; 125: 714. PubMed
  22. Amos T, Stein DJ, Ipser JC. Pharmacological interventions for preventing post-traumatic stress disorder (PTSD). Cochrane Database Syst Rev. 2014 Jul 8;7:CD006239. PMID: 25001071 PubMed
  23. Gradus LJ, Qin P, Loncoln AK, et al. Posttraumatic stress disorder and completed suicide. Am J Epidemiol 2010; 171: 721-7. American Journal of Epidemiology