Psychischer Stress und Krankheit

Für viele ist Stress gleichbedeutend damit, viel zu tun zu haben oder an viele verschiedene Dinge denken zu müssen. Stress an sich macht nicht krank, wird er aber zu intensiv oder hält er zu lange an, können wir davon krank werden.

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Die meisten Menschen können gut mit Stress umgehen, aber eine hohe Stressbelastung über einen langen Zeitraum kann zu gesundheitlichen Problemen führen. Trotzdem ist die Fähigkeit, Stress zu empfinden, grundsätzlich positiv. Der Körper bereitet sich nämlich auf die zusätzliche Arbeit vor, die eine schwierige Situation erfordert, und kann dadurch, wenn nötig, eine etwas höhere Leistung abrufen als gewöhnlich.

Was versteht man unter psychischem Stress?

Psychischer Stress tritt auf, wenn Sie das Gefühl haben, dass die Anforderungen und Erwartungen der Umgebung die eigenen Kapazitäten übersteigen. Die Definition von Stress in diesem Artikel schließt psychische Erkrankungen infolge von traumatischen Ereignissen aus (posttraumatische Belastungsstörung).

Wie kann Stress Krankheiten verursachen?

Belastende Ereignisse können einen Einfluss auf die Entwicklung körperlicher Erkrankungen haben, indem sie negative Emotionen wie Angst und Depressionen auslösen, die sich wiederum auf biologische Prozesse oder Verhaltensweisen auswirken, die das Risiko einer Erkrankung erhöhen.

Chronischer Stress kann zu langanhaltenden oder dauerhaften emotionalen und psychischen Reaktionen und zu Verhaltensänderungen führen, die sich auf die Krankheitsanfälligkeit und sogar auf den Verlauf einer vorhandenen Erkrankung auswirken können. Zu den Ursachen für chronischen Stress zählen dauerhafte, belastende Umstände, wie z. B. die Pflege eines an Demenz erkrankten Partners, und kurzfristige Situationen, die ständig wiederkehren oder nicht zu bewältigen sind, wie z. B. sexueller Missbrauch.

Um mit chronischem Stress umgehen zu können oder sich daran anzupassen, können Menschen ihr Verhalten auf unterschiedliche Weise ändern. Einige Menschen fangen mit dem Rauchen an oder rauchen mehr, betätigen sich seltener körperlich, schlafen weniger, ernähren sich ungesund oder vernachlässigen ihre Gesundheitsvorsorge. Dies sind schwerwiegende Veränderungen, welche die Auswirkungen von Stress verstärken und dadurch das Erkrankungsrisiko erhöhen.

Das Hormonsystem ist besonders anfällig für psychischen Stress. Dies gilt sowohl im Gehirn (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, HPA) als auch in den Nebennieren. Eine erhöhte Aktivität in der HPA als Reaktion auf Stress führt zu einer Ausschüttung von Kortisol, welches eine Vielzahl von Prozessen im Körper reguliert (physiologische Prozesse). Die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin werden freigesetzt, wenn das Nebennierenmark aktiviert wird, und wirken auf Herz, Blutgefäße, Lunge, Stoffwechsel und Verdauung. Werden die verschiedenen Hormonsysteme für einen längeren Zeitraum aktiviert, kann dies die Steuerung von anderen Systemen im Körper beeinflussen, wodurch sich das Risiko von körperlichen und psychischen Erkrankungen erhöht.

Chronischer Stress erhöht das Risiko an Schlafstörungen, Angststörungen oder Depression zu erkranken. Starke berufliche Belastungen können auch zu einem Burnout führen. Stress beeinflusst zudem die Regulierung von immunologischen Prozessen und Entzündungsprozessen, was wiederum Auswirkungen auf Infektionen, Autoimmunerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten haben kann.

Löst Stress Erkrankungen aus?

Um sichere Belege dafür zu erhalten, dass ein Zusammenhang zwischen Stress und Erkrankungen besteht, sind experimentelle Studien erforderlich, in denen ein Teil der Probanden Stress ausgesetzt wird, der andere nicht. Solche Studien wären jedoch unethisch, weshalb sich unser Wissen auf schwächere Beweise stützen muss. In sogenannten Bevölkerungsstudien (epidemiologischen Studien) werden größere Bevölkerungsgruppen über einen längeren Zeitraum beobachtet und die Studienteilnehmer in Gruppen unterteilt, die mehr oder weniger stark Stress ausgesetzt sind, um so feststellen zu können, ob Unterschiede hinsichtlich der Entwicklung von Krankheiten bestehen. 

Stress und Depressionen

Depressionen entstehen durch das Zusammenspiel ungünstiger biologischer, psychischer und sozialer Einflüsse. Stress steht sowohl mit schweren Depressionen als auch mit depressiven Symptomen in Verbindung. Eine depressive Episode kann durch verschiedene belastende Ereignisse (Trauerfälle, Scheidung, Verlust der Arbeit etc.) ausgelöst werden. Wer in der Kindheit schwerwiegende Verluste erlebt haben, hat ein erhöhtes Risiko, im Erwachsenenalter mit einer Depression auf Krisen zu reagieren. Doch auch erhöhter Stress beeinflusst den Verlauf einer Depression: Die depressive Phase dauert länger, die Symptome werden schlimmer und Rückfälle sind häufiger.

Stress und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Studien haben ergeben, dass ein Zusammenhang zwischen Stress und Herz-Kreislauf-Erkrankungen besteht. Vermutlich fördert Stress Krankheitsprozesse, die den Blutfluss zum Herzen reduzieren und Entzündungs- und Blutgerinnungsmechanismen aktivieren; dies erhöht unter anderem das Risiko von Blutgerinnseln. Auch wurde gezeigt, dass Menschen, die starkem Stress ausgesetzt sind, ein höheres Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko haben. 

Das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt auf lange Sicht auch bei gesunden Menschen, die traumatische Erlebnisse haben, wie z. B. der Tod eines Kindes oder Missbrauch in der Kindheit. Auch Menschen, die Opfer von Naturkatastrophen oder Kriegen werden, haben ein erhöhtes Risiko, später Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln. Menschen, die in der Vergangenheit bereits an Herz-Kreislauf-Erkrankungen litten, haben ein erhöhtes Risiko von Neuerkrankungen, wenn sie unter Stress leiden, überarbeitet sind, Beziehungsprobleme haben oder sozial isoliert sind.

Stress und andere Erkrankungen

Andere Erkrankungen, bei denen zunehmend Hinweise auf einen Zusammenhang mit Stress festgestellt werden, sind Infektionen der oberen Atemwege, Asthma, Herpes-Infektionen, Magen-Darm-Erkrankungen, AIDS, Autoimmunerkrankungen, Hautkrankheiten und Wundheilungsstörungen.

Ob Stress zur Entstehung und Ausbreitung von Krebs beiträgt, ist bislang umstritten. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein Zusammenhang besteht, dieser ist jedoch bei Krebserkrankungen schwieriger nachzuweisen als beispielsweise bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Längst nicht jeder leidet unter den Auswirkungen von Stress

Obwohl Stressfaktoren oft mit Erkrankungen in Verbindung gebracht werden, kommt es bei den meisten Menschen, die traumatischen Ereignissen oder schweren, lang andauernden Problemen ausgesetzt sind, zu keinen Erkrankungen.

Ein Burn-out-Syndrom kann bei Personen auftreten, die dauerhaft Überlastung oder Stress ausgesetzt sind. Oft besteht ein Zusammenhang mit der Arbeit, aber das Burn-out-Syndrom kann auch durch Belastungen im Privatleben ausgelöst werden. Es zeigt sich als ausgeprägte, in der Regel über Monate anhaltende Erschöpfung. Infolge des Burn-out-Syndroms können Symptome wie z. B. Schwierigkeiten beim Ausführen einfacher Aufgaben, Gereiztheit, Nervosität, Angst und Schwindel auftreten. Die Betroffenen leiden meist auch an körperlichen Beschwerden, wie Kopf- und Rückenschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Herzklopfen oder Bluthochdruck.

Vorbeugung und Behandlung

Um Stress vorzubeugen müssen belastende Erlebnisse nicht unbedingt vermieden werden, da dies oft weder möglich noch wünschenswert ist. Wichtig ist jedoch, Methoden zu finden, mit solchen Erfahrungen umzugehen, sodass negative Gefühle reduziert werden. Regel Nummer eins ist, zu versuchen, etwas an der Stress auslösenden Situation zu ändern. Weitere Maßnahmen können sein:

  • Lernen Sie den richtigen Umgang mit negativen Gefühlen, z. B. indem Sie sich selbst ausreichend Zeit für den Trauerprozess geben.
  • Bitten Sie andere Menschen um Hilfe, wenn es die Situation erleichtern kann, wie z. B. bei großen Herausforderungen.
  • Sagen Sie deutlich, wenn die Erwartungen Ihrer Umgebung zu hoch sind, beispielsweise wenn es um die Pflege eines Angehörigen geht.
  • Denken Sie positiv und lösungsorientiert.
  • Verlangsamen Sie die Geschwindigkeit und reduzieren Sie die Anforderungen soweit möglich.
  • Übernehmen Sie die Kontrolle über die Situation – denn Kontrolle reduziert den Stress.
  • Suchen Sie, wenn nötig, einen Arzt auf.
  • Teilen Sie Ihrem Vorgesetzten mit, wenn Sie die Situation am Arbeitsplatz nicht mehr bewältigen können.
  • Nutzen Sie Pausen, Urlaubstage und Wochenenden, um sich auszuruhen und Dinge zu tun, die Ihnen Entspannung bringen und Ihnen helfen, „den Akku aufzuladen“.
  • Nehmen Sie sich Zeit für Freizeitaktivitäten und Hobbys.
  • Erlernen Sie ein Entspannungsverfahren.
  • Gehen Sie sportlichen Aktivitäten nach.

Es ist wichtig, aufmerksam für Warnzeichen zu sein und bei Problemen frühzeitig zu handeln. Wenn Sie über einen langen Zeitraum Stress ausgesetzt waren, kann der Weg zurück lang sein. Wenn sich infolge von Stress eine Erkrankung entwickelt hat, muss diese selbstverständlich angemessen medizinisch behandelt werden.

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Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden