Zwangsstörung

Obsessionen sind wiederkehrende Gedanken, Gefühle, Ideen oder Empfindungen, derer sich die Patienten nicht entledigen können.

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Was ist eine Zwangsstörung?

Ein Zwangssyndrom ist eine psychische Erkrankung, die durch fortwährende Zwangsgedanken (Obsessionen) bzw. zwanghafte Verhaltensweisen (Zwänge) gekennzeichnet ist. In der Fachsprache wird die Erkrankung als Zwangsstörung bezeichnet.

  • Obsessionen sind wiederkehrende Gedanken, Gefühle, Ideen oder Empfindungen, derer sich die Patienten nicht entledigen können. Sie umfassen oft Angst vor Ansteckung, Krankheit oder Gewalt. Die Obsessionen fühlen sich für die Patienten unangenehm und oft erschreckend an.
  • Zwangshandlungen sind Handlungen, die sich ständig wiederholen und in einigen Fällen mit Zwangsvorstellungen verbunden sind. Dabei kann es sich um das Sich-Waschen (Waschzwang), das Kontrollieren von Türen, Schlössern oder Kochplatten (Kontrollzwang) oder darum handeln, Dinge auf eine bestimmte Weise oder in einer bestimmten Reihenfolge zu erledigen (andere Rituale). Werden die Zwangshandlungen nicht ausgeführt, verursacht dies ein großes Unbehagen.

Obsessionen und Zwangshandlungen steuern daher oftmals in weiten Teilen den Alltag der Patienten.

Zwangsstörungen sind durchaus verbreitet und bei Kindern und Jugendlichen wahrscheinlich unterdiagnostiziert. Leichte Symptome zeigen sich bei 14–29% der Bevölkerung. Viele Menschen haben eine Tendenz zu Obsessionen und Zwangshandlungen. Der Grad des Zwangsgefühls und die Stärke seines Einflusses auf den Alltag des Patienten bestimmen im jeweiligen Fall, ob es als eine Krankheit einzustufen ist oder nicht. Zwangssymptome können auch Teil des klinischen Bildes von anderen psychiatrischen Erkrankungen sein, beispielsweise Schizophrenie, Persönlichkeitsstörung, beginnende Alzheimer-Krankheit, Phobien, generalisierte Angstzustände und Depressionen.

Das Durchschnittsalter bei Zwangsstörungen liegt zwischen 22 und 36 Jahren. Nur 15% beginnen später. Männer neigen dazu, Symptome etwas früher zu entwickeln als Frauen, aber die Prävalenz ist bei beiden Geschlechtern etwa gleich.

Konsultationsgrund

Menschen mit einer Zwangsstörung erkennen die Vergeblichkeit ihres wiederholten, unerwünschten Verhaltens und ihrer aufdringlichen, wiederkehrenden Obsessionen. Dies kann zu Schamgefühl, Zurückhaltung bei der Suche nach Hilfe sowie dazu führen, dass das medizinische Personal seinerseits die Symptome nicht erkennt. Menschen mit einer Zwangsstörung warten oft lange, bevor sie Hilfe suchen – laut einer Studie dauerte es durchschnittlich 17 Jahre. Für die Behandlung suchen sie oft andere Ärzte als Psychiater auf und die psychiatrischen Symptome werden nicht bemerkt. Die Krankheit erfordert mehr Aufmerksamkeit und Ärzte wie auch anderes medizinisches Pflegepersonal sollten verstärkt ihr Augenmerk darauf richten.

Krankheitsursachen

Die ursächlichen Bedingungen sind wahrscheinlich komplex und sowohl erbliche wie biologische und psychologische Faktoren tragen zur Entwicklung der Krankheit bei. Die Grenzen zwischen dem eigentlichen kausalen Zusammenhang, den Bedingungen, die infolge der Zwangsstörung auftreten, und den auslösenden Faktoren sind schlecht beschrieben. Alles deutet darauf hin, dass die Zwangsstörung eine Entwicklungsstörung des zentralen Nervensystems ist. Es scheint ein Ungleichgewicht in der Impulsübertragung zwischen den einzelnen Gehirnarealen zu bestehen. Dies ist der Grund für die dysfunktionellen Handlungen. Bei der Behandlung mit Antidepressiva (SSRI) und Verhaltenstherapien wurde eine Normalisierung dieser Missstände beobachtet.

Symptome

Die Patienten suchen selten ärztlichen Rat wegen der Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen. Einige kommen unter dem Druck der Umgebung, der Familie oder Freunde. Andere suchen einen Arzt auf wegen trockener Haut und Neurodermitis, die durch das übermäßige Waschen verursacht werden. Einige suchen Rat wegen Schlafstörungen. Die Patienten erleben in der Regel ihre eigenen Gedanken und Handlungen als übertrieben oder unvernünftig und spüren, dass sie Unbehagen verursachen, sehr viel Zeit in Anspruch nehmen oder die Arbeit und soziale Aktivitäten beeinträchtigen. Bei einer besonderen Variante der Erkrankung sind die Patienten nicht besonders einsichtig und erkennen nicht, dass die Obsessionen/Zwangshandlungen übertrieben oder unvernünftig sind.

Das Symptombild ist durch Obsessionen und Zwangshandlungen gekennzeichnet: Häufige Obsessionen sind Angst vor Ansteckung, Grübeln, Angst vor Krankheiten und Unfällen, aggressive und sexuelle Gedanken. Viele haben mehr als eine Art von Zwangsvorstellungen. Die häufigsten Zwangshandlungen sind Waschzwang (nicht um sich zu reinigen, sondern um eine Ansteckung zu verhindern), Überprüfen von Schlössern und Herdplatten sowie Rechenrituale.

Im Zusammenhang mit diesen Gedanken und Handlungen spielen Angst und Unbehagen eine wichtige Rolle. Obsessionen können selbst Angstsymptome auslösen. Werden Zwangshandlungen unterbunden, kann auch dies beim Patienten Angstsymptome auslösen. Äußerlich sind Zwangshandlungen das, was sich am meisten bemerkbar macht. Die Krankheit schränkt die Lebensweise des Patienten ein, nimmt oftmals einen immer größeren Teil des Alltags der Person ein und kann durch die Grenzen, die sie setzt, neben den Zwangsstörungen zu Depressionen führen.

Einige Patienten mit einer Zwangsstörung leiden an Perfektionismus und sind unflexibel in ihren Meinungen und Einstellungen. Es ist eine verbreitete, aber falsche Auffassung, dass eine solche zwanghafte Persönlichkeit zu Zwangsstörungen führt oder ein Risikofaktor hierfür ist.

Diagnose

Die Diagnose stützt sich auf das Gespräch des Arztes mit dem Patienten und eventuelle Beobachtungen dabei. Normalerweise wird auch eine körperliche Untersuchung durchgeführt, um zugrunde liegende Erkrankungen anderer Organe auszuschließen.

Die folgenden drei Fragen werden häufig gestellt, um zu klären, ob es sich um Zwangsstörungen handelt. Eine bejahende Antwort auf eine der Fragen ist ein starker Anhaltspunkt für die Diagnose:

  • „Haben Sie Gedanken, die ständig wiederkehren, die Sie nervös machen und derer Sie sich nicht entledigen können, so sehr Sie es auch versuchen?“
  • „Halten Sie Dinge äußerst sauber oder waschen Sie Ihre Hände sehr oft?"
  • „Müssen Sie bestimmte Dinge mehr als andere kontrollieren und steuern?“

Behandlung

Zwangsstörungen können mit Medikamenten und Gesprächstherapie als auch mit einer so genannten Expositionstherapie mit Reaktionsverhinderung behandelt werden. Die Behandlung hilft jedoch nicht allen Patienten. Bis zu 40% aller Patienten sprechen weder auf eine Verhaltenstherapie noch auf eine medikamentöse Behandlung an. Eine Behandlung mittels transkranieller Magnetstimulation zeigte bei einigen Patienten Erfolg.

Medikamentöse Behandlung

Bestimmte Antidepressiva (SSRI) können zu guten Ergebnissen führen. Die Behandlung muss längere Zeit andauern, mindestens ein Jahr. Viele Patienten verweigern sich jedoch einer Behandlung, brechen die Behandlung ab oder erleben einen Rückfall nach dem Absetzen der Medikation. Mindestens zehn bis zwölf Wochen der Behandlung sind erforderlich, um ihre Wirksamkeit beurteilen zu können. Die Symptome treten bei den allermeisten Patienten kurz nach dem Abbruch der Behandlung wieder auf. Ist die medikamentöse Behandlung erfolgreich, sollte der Patient sie für eine lange Zeit fortsetzen, mindestens ein Jahr. Die Behandlung ist nur langsam abzusetzen und bei Restsymptomen sollte eine langfristige Behandlung erwogen werden.

Psychotherapie

Gesprächstherapie und Expositionstherapie mit Reaktionsverhinderung werden in den meisten Fällen mit Medikamenten kombiniert. Bei der Expositionstherapie mit Reaktionsverhinderung versucht man, die Zwangshandlungen in der Hoffnung zu verhindern, dass der Patient lernt, diese Handlungen nach dem Ende der Behandlung einzuschränken. Diese Therapie wird von Psychiatern durchgeführt. Bei umfassenderen Problemen sollte der Patient mit einer Kombination aus Psychotherapie und Antidepressiva (Clomipramin oder SSRI) behandelt werden.

Bei der Expositionstherapie müssen die Patienten eine Liste mit den Obsessionen, Zwangshandlungen und den Dingen aufstellen, die sie vermeiden. Die Liste wird sortiert von den am wenigsten bis zu den am stärksten Angst auslösenden Elementen. Die Patienten beginnen dann mit den Reizen, die am wenigsten Angst auslösen, und setzen sich diesen immer wieder aus, bis die Situation nur noch eine geringe Angst hervorruft. Anschließend machen sie mit dem nächsten Stimulus auf der Liste weiter, dann wiederum dem nächsten und so weiter, bis die am meisten gefürchtete Situation wenig oder gar keine Angst mehr hervorruft. Diese Therapie wird von Fachleuten durchgeführt und nur relativ wenige Psychiater und Psychologen beherrschen sie.

Die Behandlung wird dem Krankheitsbild angepasst.

Wenn Zwangshandlungen dominieren, ist die Exposition die erste Wahl, aber auch Medikamente zeigen eine gute Wirkung. Wenn Obsessionen ohne Rituale dominieren, zeigen Medikamente die beste Wirkung. Normalerweise liegen sowohl Obsessionen als auch Zwangshandlungen vor. Die Wahl der Therapie erfolgt dann oftmals mit Blick auf die Bedürfnisse und die verfügbaren Ressourcen der Patienten.

Weiterer Verlauf

Bei Kindern und Jugendlichen kann die Krankheit einen variablen Verlauf mit der Möglichkeit einer Verbesserung nehmen. Nach der Pubertät hat die Krankheit meist einen chronischen Verlauf ohne spezifische Behandlung. Eine Studie ergab, dass 46% einen episodischen Verlauf zeigten, 54% hingegen einen chronischen Verlauf.

Depression ist oft eine Komplikation, vor allem als Folge der chronischen Zwangsstörungen. Persönlichkeitsstörungen erschweren die Behandlung. Im Rahmen einer psychologischen Therapie (ERP) können diese Probleme gezielt in Angriff genommen werden.

Große Verbesserungen lassen sich in den meisten Fällen bei einer spezifischen Therapie (Exposition mit Reaktionsverhinderung oder Antidepressiva) erwarten. Eine kombinierte Behandlung mit Medikamenten und Expositionstherapie hat zu guten Ergebnissen geführt. In den meisten Fällen ist ein gutes Follow-up entscheidend, weil einige Patienten nach dem Absetzen der Arzneimittelbehandlung einen Rückfall erleben.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Zwangsstörung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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