Depressive Verstimmung

Niedergeschlagenheit, Müdigkeit, Antriebslosigkeit und der Verlust von Interesse und Freude an Aktivitäten, die zuvor Freude gemacht haben, sind typische Anzeichen einer depressiven Verstimmung.

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Depressive Verstimmung – Was ist das?

  • Niedergeschlagenheit über weite Teile des Tages
  • Verlust von Interesse und Freude an Tätigkeiten, die zuvor Freude bereitet haben 
  • Müdigkeit und Antriebslosigkeit
  • evtl. zusätzlich körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Schlafstörungen

Häufigkeit

  • Bei etwa 10 % der Patienten in Hausarztpraxen wird eine Depression diagnostiziert.
  • Mindestens 25 % der Frauen und 15 % der Männer entwickeln im Laufe ihres Lebens eine behandlungsbedürftige Depression.
  • Die meisten schweren depressiven Störungen setzen im späten Jugendalter ein.

Wie schwer ist die depressive Verstimmung?

  • Wie tief greifend ist die Depression?
    • Dies kommt u. a. durch den Grad der funktionellen Einschränkung zum Ausdruck. Fehlt Ihnen sogar die Energie, um alltägliche Aufgaben und Tätigkeiten auszuführen?
  • Spielen psychosoziale Faktoren eine mitwirkende Rolle?
    • Finanzielle Situation, Beruf, Familie usw.
  • Viele Betroffene entwickeln körperliche Beschwerden, ohne dass eine körperliche Erkrankung vorliegt.

Was sind mögliche Ursachen?

Häufige Ursachen, die meist eine Behandlung erforderlich machen

  • Depressive Episode, erstmaliges Auftreten
    • Bei leichten, mittelgradigen oder schweren depressiven Episoden leiden Sie typischerweise unter Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit und sind weniger aktiv. Die Fähigkeit, Freude oder Interesse zu empfinden, und das Konzentrationsvermögen sind eingeschränkt. Häufig sind selbst kleinste Anstrengungen mit starker Müdigkeit oder Ermüdbarkeit verbunden. In der Regel treten Schlafstörungen und Appetitlosigkeit auf. Das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen sind nahezu immer beeinträchtigt. Selbst bei leichten Depressionen besteht häufig ein Gefühl von Schuld und Wertlosigkeit.
    • Die getrübte Stimmung ändert sich kaum von Tag zu Tag, lässt sich nicht durch äußere Umstände beeinflussen und kann von sogenannten „körperlichen“ Symptomen wie Gleichgültigkeit und Freudlosigkeit, einem mehrere Stunden früheren Erwachen, einer morgens besonders stark ausgeprägten Depression, starker Antriebslosigkeit, Unruhe, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust und sexueller Unlust begleitet werden.
    • Im Artikel Depression finden Sie genauere Informationen dazu. 
  • Depressive Störung, wiederkehrend
    • Charakteristisch für die Störung sind wiederholte depressive Episoden (siehe oben), ohne dass die Betroffenen eigenständige Phasen mit gehobener Stimmung und erhöhter Energie (Manie) erleben.
    • Die erste Episode kann in sämtlichen Lebensphasen von der Kindheit bis zum hohen Alter auftreten und dabei sowohl akut als auch schleichend einsetzen. Die Dauer ist unterschiedlich und kann von wenigen Wochen bis hin zu mehreren Monaten reichen. Bei manchen Patienten kommen Episoden mit übermäßiger Aktivität (Manie) hinzu. In diesen Fällen wird das Krankheitsbild als manisch-depressive Störung (bipolare affektive Störung) bezeichnet.
  • Wochenbettdepression
    • Eine depressive Episode wird als Wochenbettdepression eingestuft, wenn sie weniger als vier Wochen nach einer Geburt einsetzt. Das Depressionsrisiko ist nach der Geburt jedoch bis zu sechs Monate lang erhöht.
    • Die Störung kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein und von leichten Beschwerden bis hin zu einer schweren Depression reichen. Dabei muss die depressive Verstimmung über einen Zeitraum von zwei Wochen oder mehr nahezu täglich über weite Teile des Tages vorhanden sein, um die Diagnosekriterien zu erfüllen.
    • Etwa 10–15% aller Mütter erleiden eine solche Depression nach der Geburt.
  • Zugrunde liegende körperliche Erkrankung
    • Bspw. Diabetes, Hypothyreose, Krebs, Anämie, chronische Infektion: Als Begleitsymptom dieser Krankheiten kann es zu depressiver Stimmung kommen.
  • Generalisierte Angststörung
    • Dabei besteht eine Angst, die generalisierter und andauernder Natur ist und sich nicht auf bestimmte Situationen oder Umstände beschränkt. Dies wird auch als „frei flottierende“ Angst bezeichnet.
    • Die Leitsymptome können unterschiedlich sein. Möglich sind anhaltende Nervosität, Zittern, Muskelverspannungen, vermehrtes Schwitzen, Benommenheit, Herzklopfen, Schwindel und Unwohlsein im Oberbauch. Betroffene äußern häufig eine Angst davor, dass sie selbst oder Angehörige erkranken oder einen Unfall haben könnten. Depression ist bei vielen Betroffenen ein zusätzliches Symptom.
  • Panikstörung
    • Charakteristisch für die Panikstörung sind wiederkehrende, anfallsartige, schwere Angstzustände (Panik), die nicht auf bestimmte Situationen oder Umstände beschränkt und daher unvorhersehbar sind.
    • Zu den Leitsymptomen zählen wie bei anderen Angststörungen auch plötzlich einsetzendes Herzklopfen, Brustschmerzen, ein Erstickungsgefühl, Schwindel und ein Gefühl der Unwirklichkeit. Häufig entwickelt sich infolge dieser Beschwerden auch eine Angst zu sterben, die Kontrolle zu verlieren oder „verrückt zu werden“. Auch hier ist eine depressive Stimmung oft ein Begleitsymptom.
  • Substanzmissbrauch
    • Ein übermäßiger Alkohol- und Medikamentenkonsum kann zu Depressionssymptomen führen.
    • Zu Beginn hat der Konsum bei vielen Betroffenen den Zweck, soziale Ängste zu lindern.
  • Durch Medikamente ausgelöst
    • Kortison, Betablocker und Antibabypille und andere Medikamente können depressionsähnliche Krankheitsbilder hervorrufen.

Häufige Ursachen, die normalerweise keine Behandlung erforderlich machen

  • Trauer
    • Trauer nach einem einschneidenden Erlebnis wie Verlust, Trennung, Todesfall ist eine normale Reaktion.
    • In der Regel halten die depressiven Symptome nach einem solchen Ereignis über wenige Monate an, bessern sich mit der Zeit jedoch deutlich.
    • Trauer kann in eine Depression übergehen, wenn der Betroffene seine Gefühle nicht verarbeiten kann.

Seltene Ursachen, die meist eine Behandlung erforderlich machen

  • Dysthymie
    • Die Dysthymie ist durch eine chronische depressive Verstimmung über einen Zeitraum von mehreren Jahren gekennzeichnet. Etwa 1 % der Bevölkerung ist zu einem Zeitpunkt jeweils betroffen.
    • Die Symptome sind nicht schwer oder lang andauernd genug, um die Diagnose leichte, mittelgradige oder schwere depressive Störung zu stellen.
    • Wird die Dysthymie mit Antidepressiva behandelt, ist die Wirkung mit der bei leichten bis mittelgradigen Depressionen vergleichbar.

Was können Sie selbst tun?

  • Es ist wichtig, dass Sie Ihre Gefühle und Gedanken nicht verstecken, sondern möglichst jemandem mitteilen.
  • Wenn möglich, können Ihre Angehörigen Sie durch eine positive Haltung unterstützen.

Wann sollten Sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen?

  • Wenn Ihre depressive Verstimmung Sie bei alltäglichen Aktivitäten behindert oder über einen längeren Zeitraum besteht, benötigen Sie professionelle Hilfe.
  • Auch wenn Angehörige und Freunde Sie oft eine Zeit lang unterstützen können, sind sie auf Dauer in der Regel mit der Situation überfordert und es ist ratsam, einen Arzt oder Psychologen zu konsultieren.

Wie läuft der Arztbesuch ab?

Anamnese

In der Arztpraxis werden Ihnen möglicherweise folgende Fragen gestellt:

  • Seit wann leiden Sie unter den Beschwerden?
  • Ist die depressive Stimmung konstant vorhanden oder tritt sie phasenweise auf?
    • Haben Sie vorher bereits häufiger unter einer depressiven Stimmung gelitten?
  • Welche Beschwerden haben Sie?
    • Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Traurigkeit, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Teilnahmslosigkeit, Schmerzen?
  • Haben Sie ein belastendes Ereignis durchlebt?
  • Leiden Sie unter Schlaflosigkeit?
  • Haben Sie Suizidgedanken?
  • Wie gut bewältigen Sie Ihren Alltag? Wie kommen Sie im Beruf, zu Hause und im Kontakt mit Freunden zurecht?
  • Haben Sie Phasen bemerkt, in denen Sie ungewöhnlich gut aufgelegt waren? Haben andere Ihnen gegenüber so etwas erwähnt?
  • Trinken Sie mehr Alkohol als gewöhnlich?
  • Wenden Sie Medikamente mit Suchtpotenzial an?

Ärztliche Untersuchung

  • Ihr Arzt wird den Schweregrad der Depression bestimmen und beurteilen, ob möglicherweise Anzeichen einer schweren psychischen Erkrankung vorliegen und welche Auswirkungen die Depression auf Sie hat.
  • Bei Bedarf wird eine körperliche Untersuchung durchgeführt, um eine körperliche Erkrankung auszuschließen.

Weitere Diagnostik

  • Ihr Arzt wird versuchen, anhand eines Fragebogens (hier gibt es verschiedene Formen) den Schweregrad der Depression zu ermitteln.
  • Bei Bedarf können auch bestimmte Blutuntersuchungen durchgeführt werden, um eine Grunderkrankung auszuschließen.

Überweisung an einen Spezialisten oder Einweisung in ein Krankenhaus

  • Viele Patienten mit einer depressiven Verstimmung können (zunächst) durch ihren Hausarzt behandelt werden.
  • Bei schweren Depressionen oder in Fällen, in denen die Behandlung nicht zu einer Besserung führt, werden Sie an einen Psychiater oder Psychologen überwiesen. In Ausnahmefällen kann auch eine Einweisung in ein Krankenhaus notwendig sein.

Achtung

  • Wenn Sie unter starken Beschwerden mit erheblicher Niedergeschlagenheit, Ängsten leiden, sollten Sie möglichst rasch einen Arzt aufsuchen.
  • Dies gilt insbesondere dann, wenn Sie Selbstmordgedanken haben.

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Medizinjournalistin, Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Depressive Verstimmung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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