Hochstimmung und Manie

Während einer manischen Episode ist die Stimmung gehoben oder gereizt und der Situation unangemessen.

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Was sind Hochstimmung und Manie?

  • Manie ist gekennzeichnet von erhöhter Erregung und Antriebssteigerung, starkem Rededrang, Hemmungslosigkeit, Ablenkbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten, vermindertem Schlafbedürfnis, erhöhtem Sexualtrieb, überhöhter Selbsteinschätzung, Ideenflucht und verminderter Gefahrenwahrnehmung.
  • Bei einer manischen Episode hält die gehobene oder gereizte, der Situation unangemessene Stimmung über mindestens 1 Woche an. Die alltägliche Lebensführung wird dadurch stark beeinträchtigt.
  • Hypomanie ist eine milde Form der Manie. Die leicht gehobene Stimmung hält dabei mindestens 4 Tage lang an. Die Symptome beeinträchtigen nicht die Berufstätigkeit oder soziale Beziehungen.
  • Manische und hypomanische Episoden treten häufig im Zusammenhang mit bipolaren Störungen auf.

Häufigkeit

  • Laut einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe aus den 1990er Jahren treten manische Episoden bei knapp 3 % der 14- bis 24-Jährigen auf und hypomanische Episoden bei 4 %.
  • Im Laufe des Lebens leiden 1–5 % der Bevölkerung unter einer Form der bipolaren Störung.

Wichtige Aspekte bei Hochstimmung und Manie

  • Es ist wichtig, Menschen mit Manie oder Hypomanie frühzeitig aufzufangen. Es besteht ein großes Risiko, dass eine manische Person sich in Schwierigkeiten bringt und Dinge tut, die sie in gesundem Zustand nie tun würde, z. B. große Geldbeträge ausgeben.
  • Eine Abgrenzung zu manieähnlichen Symptomen, die durch Drogenmissbrauch, körperliche Erkrankungen oder als Nebenwirkungen eines Medikaments ausgelöst werden, ist wichtig.
  • Eine Behandlung sollte so früh wie möglich erfolgen und neuen Schüben sollte vorgebeugt werden.

Ursachen

Häufige Ursachen, die einer Behandlung bedürfen

  • Hypomanie
    • Eine Hypomanie äußert sich in Phasen leicht gehobener Grundstimmung und gesteigerten Antriebs, in der Regel wird ein starkes Wohlbefinden und hohe körperliche und seelische Leistungsfähigkeit erlebt. Die gehobene oder gereizte Stimmung hält mindestens 4 Tage lang an.
    • Gesteigerte Aktivität, erhöhte Geselligkeit, gesteigerte Gesprächigkeit, übertriebene Vertrautheit, erhöhter Sexualtrieb, Ablenkbarkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten und ein vermindertes Schlafbedürfnis sind oft vorhanden, jedoch nicht in einem solchen Ausmaß, dass sie zu Arbeitsplatzverlust oder sozialer Ausgrenzung führen. Reizbarkeit, eingebildetes Auftreten und ruppiges Verhalten können an die Stelle der leichten Euphorie und Geselligkeit treten.
    • Die Funktion im Alltag kann leicht beeinträchtigt sein.
    • Die Episode ist weder auf die Einnahme psychoaktiver Substanzen noch auf eine körperliche Erkrankung zurückzuführen.
  • Manie ohne psychotische Symptome
    • Die Stimmungslage ist so gehoben, dass sie nicht zur Situation des Patienten passt. Sie kann von unbeschwerter Heiterkeit bis hin zu beinahe unkontrollierbarer Euphorie oder Reizbarkeit variieren. Dieser Stimmungswechsel hält mindestens 1 Woche an.
    • Hochstimmung wird von erhöhter Energie begleitet, was zu einer Überaktivität, starkem Rededrang und vermindertem Schlafbedürfnis führt. Die Konzentrationsfähigkeit lässt nach, die Person ist leicht ablenkbar und hat schnell wechselnde, „rasende" Gedanken. Das Selbstwertgefühl ist häufig erhöht, mit Größenwahn und Selbstüberschätzung. Der Verlust der normalen sozialen Hemmungen kann zu leichtsinnigem, rücksichtslosem oder unangemessenem und für die Person untypischem Verhalten führen. Der Sexualtrieb ist häufig gesteigert.
    • Es treten keine Halluzinationen oder Wahnvorstellungen auf, Wahrnehmungsstörungen können aber vorkommen.
    • Die betroffene Person ist durch die Symptome im Alltag stark beeinträchtigt.
    • Die Episode ist weder auf die Einnahme psychoaktiver Substanzen noch auf eine körperliche Erkrankung zurückzuführen.
  • Manie mit psychotischen Symptomen
    • Symptome wie oben beschrieben. 
    • Hinzu kommen Wahnvorstellungen (in der Regel Größenwahn) oder Halluzinationen (in der Regel Stimmen, die direkt mit dem Betrfoffenen sprechen).
    • Die Erregung, die übermäßige körperliche Aktivität und die Ideenflucht können so extrem sein, dass die Person unverständlich oder für eine normale Kommunikation nicht zugänglich ist.
  • Zyklothymie
    • Über einen Zeitraum von mindestens 2 Jahren liegt eine instabile Stimmungslage mit mehreren depressiven und hypomanischen Episoden vor, wobei diese von Phasen mit normaler Stimmungslage unterbrochen sein können.
    • Die Kriterien für eine manische Episode oder eine mittelgradige bis schwere Depression sind dabei nicht erfüllt.
  • Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose)
    • Die Schilddrüsenüberfunktion führt zu einer erhöhten Produktion von Schilddrüsenhormonen.
    • Die Erkrankung tritt deutlich häufiger bei Frauen als bei Männern auf.
    • Typische Symptome sind Zittern, Gewichtsverlust trotz gutem Appetit, Schwitzen und Wärmeunverträglichkeit, erhöhte Stuhlfrequenz bis hin zum Durchfall, Störungen im Menstruationszyklus, Herzklopfen, erhöhter Blutdruck, Unruhe und Reizbarkeit.
  • Alkoholdelir (Delirium tremens)
    • Das Delirium tremens tritt zumeist im Rahmen eines Alkoholentzugs auf.
    • Hierbei handelt es sich um eine Gruppe von Symptomen unterschiedlicher Zusammensetzung und Schweregrade, nach absolutem oder relativem Entzug einer psychotropen Substanz, die anhaltend konsumiert worden ist.
    • Beginn und Verlauf des Entzugssyndroms sind zeitlich begrenzt und abhängig von der Substanzart und Dosis, die unmittelbar vor Beendigung oder Reduktion des Konsums verwendet worden ist.
    • Das Entzugssyndrom kann von Verwirrtheit, eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten, Halluzinationen sowie Gedächtnisstörungen begleitet werden.
    • Weitere typische Symptome sind Zittern, Übelkeit und Erbrechen, Angstzustände, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, erhöhter Puls und Blutdruck, erweiterte Pupillen und Schwitzen.

Häufige Ursachen, die in der Regel keiner Behandlung bedürfen

  • Akuter Rausch
    • Insbesondere bei Konsum von Amphetaminen und anderen psychotropen Substanzen wie Kokain, Ecstasy oder Alkohol können die Symptome bei einem Rausch an Manie erinnern.
  • Medikamente
    • Hochstimmung und manieähnliche Zustände können auch durch verschiedene Medikamente ausgelöst werden, z. B. Kortison, Schilddrüsenhormone und andere Hormone, Medikamente zur Behandlung von Parkinson oder Epilepsie, Hustenstiller, Medikamente gegen Bluthochdruck, Antidepressiva.

Seltene Ursachen, die einer Behandlung bedürfen

  • Delir
    • Ein Delir ist durch vorübergehende Bewusstseinsstörungen unterschiedlicher Schwere und Dauer gekennzeichnet.
    • Es wird durch eine körperliche Erkrankung, Medikamente oder Drogen verursacht.
    • Häufig treten psychotische Symptome und Halluzinationen auf, die Betroffenen sind zudem stark verwirrt.
  • Schizophrenie
    • Die schizophrenen Störungen sind gewöhnlich durch grundlegende und charakteristische Störungen von Denken und Wahrnehmung sowie unangemessene oder verflachte Gefühlsregungen gekennzeichnet. Die Bewusstseinsklarheit und intellektuellen Fähigkeiten sind in der Regel nicht beeinträchtigt, obwohl sich im Laufe der Zeit gewisse kognitive Einschränkungen entwickeln können.
    • Die wichtigsten Symptome sind Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder Gedankenentzug, Gedankenausbreitung, Beeinflussungswahn oder das Gefühl von Fremdsteuerung, Wahnvorstellungen, Halluzinationen (v. a. Stimmen, die in der dritten Person den Betroffenen kommentieren oder über ihn sprechen), Denkstörungen und Ausfall normaler Funktionen (sogenannte Negativsymptome).
  • Körperliche Erkrankungen

Was können Sie selbst tun?

  • Sie sollten ausreichend schlafen und von äußeren Reizen abgeschirmt werden.
  • Ein Alkoholmissbrauch oder Drogenkonsum muss eingestellt werden, ggf. im Rahmen einer Entzugsbehandlung.
  • Familie oder Freunde sollten Ihnen dabei helfen, unbedachte Handlungen zu vermeiden.
  • Treffen Sie keine finanziellen oder sonstigen wichtigen Entscheidungen, solange die Episode andauert.
  • Nehmen Sie Ihre ärztlich verordneten Medikamente regelmäßig ein. Stellen Sie sich darauf ein, dass diese eine gewisse Tagesmüdigkeit verursachen können.

Wann wird ein Arztbesuch empfohlen?

  • Ausgeprägte Hochstimmung und Manie sollten von einem Arzt untersucht werden, unter anderem um zu vermeiden, dass Sie sich selbst gefährden und in unangenehme Situationen versetzen.

Was geschieht bei der ärztlichen Kontrolle?

Anamnese

Der Arzt kann Ihnen folgende Fragen stellen:

  • Welche Symptome haben Sie?
  • Seit wann bestehen die Symptome?
  • Liegt wahlloses Verhalten vor – blamieren Sie sich selbst?
  • Gibt es Wahnvorstellungen oder Halluzinationen?
  • Konsumieren Sie Drogen?
  • Hat es früher bereits Phasen von Manie, Hypomanie oder Depression gegeben?
  • Haben Sie auffällig viele Pläne? Kommen die Assoziationen in hohem Tempo?
  • Wechselt Ihre Stimmung schnell?
  • Nehmen Sie Medikamente ein? Wenn ja, welche?
  • Liegen andere Krankheiten vor?
  • Gibt es psychische Erkrankungen in der Familie?
  • Hatten Sie in letzter Zeit veränderte Schlafgewohnheiten?

Ärztliche Untersuchung

  • Der Arzt führt eine körperliche Untersuchung durch, um eine eventuell zugrunde liegende körperliche Erkrankung auszuschließen.
  • Er verschafft sich einen Eindruck über die Orientierung des Patienten in Bezug auf Zeit, Ort und Person. Gibt es Wahnvorstellungen oder Halluzinationen? Zeigt die Person unangemessenes Verhalten?
  • Spezielle Fragebögen können unterstützend zur Diagnostik eingesetzt werden.

Andere Untersuchungen

  • Einfache Bluttests sind angezeigt, um eine eventuell zugrunde liegende körperliche Erkrankung auszuschließen.
  • Zum Ausschluss einer Erkrankung des Gehirns kann eine Magnetresonanztomografie (MRT) oder Computertomografie (CT) des Kopfes durchgeführt werden. Zusätzlich können die Hirnströme in einem Elektroenzephalogramm (EEG) gemessen werden.

Überweisung an Spezialisten oder in ein Krankenhaus

  • Bei Verdacht auf Manie werden Sie in der Regel an einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie überwiesen.
  • Ein Krankenhausaufenthalt sollte erfolgen, wenn Eigen- oder Fremdgefährdung droht oder eine ambulante Behandlung nicht ausreicht, z. B. wenn die Lebensumstände den Therapieerfolg behindern.

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Manie und Hypomanie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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