Zwangsgedanken und Zwangshandlungen

Zwangshandlungen (Zwänge) sind Handlungen, zu denen Personen sich ständig gezwungen fühlen, auch wenn sie einsehen, dass sie eigentlich sinnlos sind. Zwangsgedanken können sich aufdrängen und die Betroffenen immer wieder beschäftigen.

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Was sind Zwangsgedanken und Zwangshandlungen?

  • Zwangsgedanken (Obsessionen) sind unerwünschte, aufdringliche und sich wiederholende Gedanken, Gefühle, Ideen oder Empfindungen, derer man sich nicht entledigen kann. Sie beschäftigen die Betroffenen immer wieder und werden meistens als belastend, einschüchternd bzw. bedrohlich erlebt.
  • Zwangshandlungen (Zwänge) sind Handlungen, zu denen Personen sich ständig gezwungen fühlen, auch wenn sie einsehen, dass sie eigentlich sinnlos sind. Diesem Verhalten liegt die Furcht vor einer vermeintlichen Gefahr zugrunde, die durch die Zwangshandlung abgewendet werden soll. Die Zwangshandlungen mindern das Gefühl von Unbehagen/Angst, das die Person in verschiedenen Situationen verspürt (beispielsweise bei Waschzwang das Gefühl, schmutzig zu sein).

Häufigkeit

  • Leichter ausgeprägte Zwangshandlungen kommen bei ca. 15–30 % der Bevölkerung vor.
  • Von Zwangsstörungen sind im Lauf ihres Lebens 1–3 % der Menschen betroffen. 
  • Die meisten Zwangsstörungen beginnen ab einem Alter von rund 20 Jahren, aber die Symptome können bereits während der Kindheit einsetzen.
  • Beide Geschlechter sind gleichermaßen betroffen.

Wie wird die Diagnose gestellt?

  • Diese Patienten fühlen sich abgelehnt und wenig beachtet. Sie haben den Eindruck, dass sie ein Problem haben, dass „nur sie haben“, sodass sie sich andersartig fühlen. Daher fällt es ihnen nicht leicht, ihren Zwang zu beschreiben.
  • Die Patienten suchen oft Rat wegen anderer Probleme (z. B. trockene Haut oder Ausschlag durch übermäßiges Händewaschen).
  • Zwangsstörungen sind häufig von anderen psychischen Erkrankungen begleitet, v. a. Depressionen und Angststörungen.
  • Mit den folgenden drei Fragen lassen sich Zwangsstörungen erkennen:
    • Meinen Sie, dass Sie sich unnötig oft waschen?
    • Meinen Sie, dass Sie Türen, Armaturen, Schlösser usw. unnötig oft kontrollieren müssen?
    • Haben Sie aufdringliche und unangenehme Gedanken, derer sie sich nur schwer entledigen können?

Was können die Ursachen sein?

Häufige Ursachen

  • Zwangsstörung
    • Die Patienten versuchen, die Zwangsgedanken zu unterdrücken oder zu ignorieren. Die Patienten erkennen, dass die Gedanken ihre eigenen sind. Zwangshandlungen werden ausgeführt, um Unbehagen oder Angst zu reduzieren. Die Patienten sehen ein, dass die Gedanken/Handlungen übertrieben oder unvernünftig sind. Die Gedanken/Handlungen verursachen großes Unbehagen, nehmen viel Zeit in Anspruch und wirken sich negativ auf den Alltag, das Arbeitsleben oder soziale Aktivitäten oder Beziehungen aus.
    • Eine phobische Vermeidung tritt häufig bei Patienten mit Zwangsstörungen auf. Sie vermeiden Situationen, die Zwangsgedanken (Katastrophengedanken, unangenehme Gedanken) oder Zwangshandlungen (Waschzwang durch Schmutz oder Schlösser, die kontrolliert werden) auslösen. Typisch für Patienten, die unter Zwangshandlungen leiden, ist die Abnahme der Angst, sobald die Zwangshandlung ausgeführt wurde.
  • Phobische Störungen
    • Eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen Angst nur oder überwiegend in bestimmten, genau definierten Situationen auftritt, die keine wirkliche Gefahr darstellen. Als Folge davon werden diese Situationen gemieden oder mit Furcht ertragen.
    • Die Beunruhigung der Patienten kann sich auf einzelne Symptome wie Herzklopfen oder ein Gefühl, dass sie in Ohnmacht fallen werden, konzentrieren und ist oft mit einer sekundären Angst verbunden, nämlich dass sie sterben, die Kontrolle oder ihren Verstand verlieren. Die Vorstellung, sich in eine phobische Situation zu begeben, verursacht häufig Erwartungsangst. Wird die Situation gemieden, reduziert sich die Angst.
    • Im Unterschied zur Zwangsstörung versuchen die Betroffenen nicht, die Angst durch Zwangshandlungen zu mindern.
  • Generalisierte Angststörung
    • Die Patienten machen sich übertriebene Sorgen und haben fast ständig Angst.
    • Die Gedanken und Sorgen drängen sich jedoch nicht wie bei einer Zwangsstörung unwillkürlich auf.
  • Depression
    • Depressive Symptome treten häufig in Verbindung mit Zwangsgedanken und Zwangshandlungen auf.
    • Zwangssymptome können auch mit einer bipolaren Störung einhergehen.
    • Eine Depression ist durch eine gedrückte Grundstimmung, Sorgen und innere Unruhe, Müdigkeit und Antriebslosigkeit Interesseverlust und Freudlosigkeit sowie Schuldgefühle und Angst gekennzeichnet.
    • Im Unterschied zur Zwangsstörung richten sich die Gedanken eher auf die Vergangenheit und drängen sich nicht auf.

Seltene Ursachen

  • Schizophrenie
    • Bei der Schizophrenie können Zwangsgedanken und Zwangshandlungen auftreten. Die Zwangsgedanken werden von den Patienten als von Anderen kommende (keine eigenen) Gedanken wahrgenommen und nicht als übertrieben oder unvernünftig empfunden. Zwangshandlungen haben einen stark stereotypen Charakter.
    • Die Schizophrenie ist allgemein durch grundlegende und charakteristische Veränderungen im Denken und in der Wahrnehmung geprägt, sowie durch unangemessene und abgestumpfte Gefühlsreaktionen. Ein klarer Verstand und gute intellektuelle Fähigkeiten bleiben normalerweise erhalten, auch wenn sich im Laufe der Zeit bestimmte Denkstörungen entwickeln können.
    • Die wichtigsten psychischen Symptome sind Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder Gedankenentzug, Wahnvorstellungen und Halluzinationen (z. B. Stimmen, die die Patienten in der dritten Person diskutieren oder sie kommentieren), Denkstörungen und negative Symptome.
  • Tics und Tourette-Syndrom
    • Zwangsstörungen und Tourette-Syndrom treten oft gleichzeitig auf.
    • Das Tourette-Syndrom ist gekennzeichnet durch unkontrollierbare Tics (Zucken), unwillkürliche Laute (Räuspern, Schmatzen, Grunzen) und/oder Koprolalie (zwanghaftes Wiederholen vulgärer Wörter oft sexuellen Inhalts mit lauter Stimme).
  • Zwangssymptome, die auf einer Gehirnerkrankung beruhen
    • Bei Demenz können verschiedene Verhaltensstörungen und psychische Symptome auftreten.
    • Nach einer Hirnverletzung können kognitive Beeinträchtigungen und Zwangssymptome auftreten.
    • Auch bestimmte Erkrankungen des Gehirns können mit Zwangssymptomen einhergehen, z. B. Parkinson-Syndrom und Hirntumoren.

Was können Sie selbst tun?

  • In leichten Fällen von Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen brauchen Sie keine Maßnahmen zu ergreifen, um sich der Symptome zu entledigen, wenn diese für Sie keine erhebliche Beeinträchtigung oder Unannehmlichkeit darstellen.

Wann sollten Sie einen Arzt aufsuchen?

  • Stellen Sie Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen fest, die Ihr Leben erheblich einschränken, sollten Sie einen Arzt aufsuchen.

Wie geht der Arzt vor?

Anamnese

Der Arzt wird Ihnen möglicherweise folgende Fragen stellen:

  • Wann sind die Symptome erstmals aufgetreten?
  • Haben Sie in den letzten Monaten mehr als eine Stunde pro Tag damit verbracht, sich wiederholt die Hände zu waschen oder zu überprüfen, ob die Herdplatten abgestellt sind, oder in Gedanken gerechnet oder Wörter wiederholt?
  • Putzen Sie sehr viel und achten Sie stark auf Ordnung?
  • Waren Sie in den letzten Monaten beunruhigt durch Gedanken, Bilder oder Impulse, die Sie als abstoßend, schmerzhaft oder aufdringlich empfinden und die zurückkehren, wenn Sie sie zu verdrängen versuchen?
  • Wie ist deren Ausmaß und Schwere?
    • Wie oft und in welchem Maße behindert Sie dies bei ihren alltäglichen Beschäftigungen?
    • Ist es im Laufe der Zeit schlimmer geworden?
    • Fühlen Sie sich depressiv oder haben die Gedanken einen depressiven Inhalt?
  • Inwieweit fühlen Sie sich durch zeitraubende Rituale und Gedankengänge beeinträchtigt? Ergeben sich aus der Krankheit Einschränkungen für Sie (Vermeiden öffentlicher Plätze usw.)?
  • Wodurch werden die Symptome ausgelöst?

Ärztliche Untersuchung

  • Der Arzt beurteilt Ausmaß und Schwere der Krankheit. Evtl. werden Bezugspersonen und Angehörige in die Befunderhebung einbezogen.
  • Der Arzt sollte organische Erkrankungen des Gehirns und andere psychische Störungen ausschließen.

Weitere Untersuchungen

  • In der Regel sind keine weiteren Untersuchungen erforderlich.
  • Bei Patienten, die Zwangssymptome erstmals im Alter von über 50 Jahren zeigen, können bildgebende Untersuchungen (CT oder MRT) sinnvoll sein.

Überweisung an einen Spezialisten oder an ein Krankenhaus

  • Bei schwereren Erkrankungen können Sie zu einem Neurologen oder Psychologen überwiesen werden.
  • Wenn Sie sich hinsichtlich der Ursache unsicher sind und starke Symptome zeigen, sollten Sie einen Arzt aufsuchen.

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

 
  1. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI). ICD-10-GM Version 2018. Stand 22.09.2017; letzter Zugriff 23.01.2018 www.dimdi.de
  2. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. S3-Leitlinie Zwangsstörungen. AWMF-Leitlinie Nr. 038-017, Stand 2013. www.awmf.org
  3. Bebbington PE. Epidemiology of obsessive-compulsive disorder. Br J Psychiatry 1998; 35(suppl): 2-6.
  4. Hapke U, Robert-Koch-Institut. DEGS Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland. Psychische Gesundheit in der Bevölkerung - Aktuelle Daten und Hintergründe. Online-Ressource, 26.03.2015; letzter Zugriff am 24.01.2017. www.bfr.bund.de
  5. The Expert Consensus Panel for Obsessive-Compulsive Disorder. Treatment of obsessive-compulsive disorder. J Clin Psychiatry 1997;58:Suppl 4:2-72.
  6. Mell LK, Davis RL, Owens D. Association between streptococcal infection and obsessive compulsive disorder, Tourette's syndrome, and tic disorder. Pediatrics 2005. 116(1):56-60. PMID: 15995031 PubMed