Autoimmunerkrankungen

Autoimmunerkrankungen umfassen eine große Gruppe von Krankheiten mit der Gemeinsamkeit, dass das Immunsystem fälschlicherweise gesunde Zellen angreift, und sie sowie zugehöriges Gewebe zerstört.

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Was ist eine Autoimmunerkrankung?

Jeder Organismus muss sich vor potenziell gefährlichen Krankheitserregern schützen. Beim Menschen und anderen Säugetieren hat sich daher ein hoch spezialisiertes Abwehrsystem entwickelt, das Immunsystem. Hauptakteure sind verschiedene Typen von Immunzellen, v. a. die T- und B-Lymphozyten, aber auch sogenannte Makrophagen, die im Knochenmark produziert werden. In der Milz und den Lymphknoten durchlaufen sie verschiedene Reifungsstadien und werden sozusagen für ihre speziellen Aufgaben trainiert. So wird es für den Körper möglich, gefährliche Eindringlinge von ungefährlichen zu unterscheiden und erstere effektiv zu bekämpfen, damit der Mensch nicht krank oder zumindest schnell wieder gesund wird.

Im diesem sehr komplex regulierten System jedoch können Fehler auftreten. Beispielsweise reagieren manche Immunzellen auf bestimmte Oberflächenstrukturen von Erregern, können versehentlich aber auch Strukturen von körpereigenen, eigentlich gesunden Zellen als vermeintlich „fremd“ identifizieren. Diese Zellen werden dann so bekämpft, als wären sie gefährliche Eindringlinge. Durch dieses Ungleichgewicht im Immunsystem entstehen Autoimmunkrankheiten, als Krankheiten, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper („auto“) richtet.  

Der Kampf der Immunzellen gegen die körpereigenen Zellen ist von Dauer; es handelt sich bei Autoimmunkrankheiten daher um chronische, entzündliche Krankheiten. (Hierbei ist es wichtig zwischen Entzündung und Infektion zu unterscheiden: Eine Entzüdnung ist allgemein eine Reaktion des Immunsystems, eine Infektion bezeichnet die Reaktion des Immunsystems infolge eines Krankheitserregers). Bekannt sind zwischen 80 und 100 verschiedene solcher Krankheiten, die je nach betroffenem Organ ganz unterschiedliche Beschwerden verursachen und verschieden schwer verlaufen. Weltweit sind etwa 5–8 % der Bevölkerung von einer Autoimmunkrankheit betroffen.

Es wird grob unterschieden, ob sich die Immunzellen nur gegen ein Organ richten, etwa die Schilddrüse bei der Autoimmunthyreoiditis odder bestimmte Zellen der Bauchspeicheldrüse beim Typ-1-Diabetes, oder gegen Gewebe, das an vielen Stellen des Körpers vorkommt, etwa Bindegewebe (z. B. systemische Sklerose). 

Hier ist eine Liste mit einigen der gängigste Autoimmunkrankheiten.

Wie eine Autoimmunerkrankung sich bei einem Patienten bemerkbar macht, hängt vom betroffenen Körperteil ab. Wenn die Erkrankung die Gelenke befällt, wie beispielsweise bei der Arthritis, erleiden Sie Schmerzen sowie eine Versteifung des Gelenks und eine Einschränkung der Gelenkfunktion. Ist die Schilddrüse angegriffen wie bei der Thyreoiditis, führt dies zu Müdigkeit, Gewichtszunahme und Muskelschmerzen. Wenn wie bei der systemischen Sklerose, Vitiligo und dem systemischen Lupus erythematodes (SLE) die Haut angegriffen wird, hat dies Ausschläge, Blasenbildung und Farbveränderungen der Haut zur Folge.

Viele Autoimmunerkrankungen sind nicht auf einen einzelnen Körperteil beschränkt. Beispielsweise wirkt sich der systemische Lupus erythematodes (SLE) auf die Haut, Gelenke, Nieren, Herz, Nerven, Blutgefäße und andere Körperteile aus.

Immunsystem

Das Immunsystem ist ein Netzwerk von auf den ganzen Körper verteilten Zellen und Gewebe, die zusammenwirken, um eindringende Mikroben abzuwehren und Infektionen zu verhindern. Das System besteht aus zwei Teilen: Zum einen gibt es das erworbene System, das ständig neue Invasoren identifiziert und eine immer umfassendere Abwehr aufbaut (hauptsächlich während der Kindheit und Jugend), indem spezifische Antikörper (sozusagen die Botenstoffe der Immunzellen) gebildet werden. Zum anderen gibt es das angeborene System, das schon bei der Geburt aufgebaut ist und „primitivere“ Prozesse steuert, die u. a. die weißen Blutkörperchen aktivieren, damit sie Eindringlinge ohne die Hilfe von Antikörpern zerstören.

Ursache

Bis heute ist nicht genau bekannt, wie und warum solche Erkrankungen auftreten.

Wir wissen, dass einige dieser Krankheiten sich in gewissen Familien häufen, was auf eine erbliche Komponente hindeutet. Allerdings erkrankt oftmals nicht jedes Familienmitglied, was darauf hindeutet, dass ein externer Faktor nötig ist, um die Krankheit auszulösen.

Frauen sind grundsätzlich häufiger von Autoimmunkrankheiten betroffen, und während der Schwangerschaft, während der sich die Immunabwehr sowieso ändert, treten manche dieser Krankheiten auf oder verschlechtern/verbessern sich. Neben diesen Faktoren kommen Einflüsse von außen als Auslöser infrage. Dazu gehören Infektionen mit bestimmten Bakterien, Parasiten oder Viren, manche Medikamente, Stress oder Umweltgifte. Wahrscheinlich entstehen Autoimmunkrankheiten, wenn bei einem Menschen, der genetisch bedingt „anfällig“ für diese Krankheiten ist, mehrere dieser Faktoren zusammenwirken.  

Symptome

Autoimmunerkrankungen können fast jeden Körperteil befallen, unter anderem Herz, Gehirn, Nerven, Muskeln, Haut, Gelenke, Lungen, Nieren, Drüsen, Verdauungstrakt und Blutgefäße.

Sie unterscheiden sich erheblich von Krankheit zu Krankheit. Bei manchen sind die Symptome äußerlich zu erkennen, etwa bei Veränderungen der Haut oder Entzündungen der Gelenke. Andere zeigen sich nur durch die Folgen der zerstörten Zellen, etwa eine Schilddrüsenunterfunktion bei einer Autoimmunthyreoiditis mit Gewichtszunahme, Erschöpfung, Antriebslosigkeit. 

Diagnostik

Die Diagnose von Autoimmunerkrankungen kann sich schwierig gestalten, die die Symptome anfangs oft vage und diffus sind, beispielsweise eine Kombination aus Müdigkeit, Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen und leichtem Fieber. Das Krankheitsbild ist oft auch von einer Zunahme und Abnahme der Symptome geprägt: An einem Tag können sie stark auftreten, am nächsten kann sich der Zustand wieder erheblich verbessert haben. Oft geht es daher zunächst darum, häufigere Krankheiten, die zu ähnliche Symptomen führen auszuschließen.

Im Rahmen der fehlerhaften Reaktion des Immunsystems produizeren bestimmte Immunzellen spezielle Substanzen, die sogenannten Antikörper, die sich gegen das betroffene körpereigene Gewebe richten. Bei vielen Autoimmunkrankheiten lassen sich diese jeweils spezifischen Antikörper im Blut nachweisen und so die Diagnose sichern.

Behandlung

Für Autoimmunerkrankungen existieren keine Behandlungen, die in der Lage sind, die Krankheit endgültig zu heilen. Es gibt jedoch Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, sodass die Entzündung vermindert und die schwersten Symptome gelindert werden. Ein lange bekanntes Medikament, das die Immunreaktionen unterdrückt, ist Kortison. Dies kommt auch weiterhin zum Einsatz. Zusätzlich wurden inzwischen jedoch verschiedene neue, deutlich gezielter wirkende Medikamente entwickelt, um die unerwünschten Immunreaktionen einzudämmen.

Zusätzlich zu dieser Therapie geht es je nach Krankheit darum, die Folgesymptome zu behandeln, z. B. den erhöhten Blutzucker bei Diabetes. Bei Krankheiten, die das Bindegewebe oder die Gelenke betreffen, ist auch Physiotherapie ein wichtiger Teil der Behandlung. 

Für weitere Informationen über die Behandlung einer spezifischen Krankheit aus dieser Gruppe stehen die jeweiligen Informationen zu den Krankheiten zur Verfügung.

Prognose

Autoimmunkrankheiten sind nicht heilbar und verlaufen chronisch. Je nach Krankheitsbild stehen jedoch inzwischen verschiedene, auch sehr gezielt wirkende Medikamente zur Verfügung, die das Fortschreiten oft wirksam verlangsamen und die Beschwerden deutlich bessern können. Zudem wird in diesem Bereich weiterhin intensiv geforscht, und das wachsende Verständnis der genetischen Bedingungen und Ursachen dieser Krankheitsgruppe wird zu Verbesserungen in Diagnostik und Therapie führen.

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen