Reaktive Arthritis

Reaktive Arthritis ist die Bezeichnung für eine Gruppe von Gelenkentzündungen, bei denen Forscher vermuten, dass die Erkrankung durch Infektionen ausgelöst wird.

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Was ist reaktive Arthritis?

Reaktive Arthritis beginnt oft mit akuten Schwellungen, Schmerzempfindlichkeit, Wärme, Rötungen und eingeschränkter Beweglichkeit in einem oder mehreren großen Gelenken. Entzündungen der Knie und Knöchel kommen in 80 % der Fälle vor. Etwa die Hälfte der Patienten haben Gelenkentzündungen in den Schultern, Ellbogen und Handgelenken. Bei einem Viertel der Erkrankten treten Schmerzen im unteren Rückenbereich auf. Dies deutet auf eine Entzündung in den Gelenken zwischen Rücken und Becken hin.

Auch Schmerzen an den Sehnenansätzen kommen häufig vor, insbesondere am Ansatz der Achillessehne und am Ansatz der Bindegewebshülle unter dem Fuß. Außerdem kommen häufig Entzündungen in den Schlüsselbeingelenken und in den Gelenken zwischen Brustbein und Rippen vor. Die Patienten bemerken diese Entzündungen selbst oft nicht, die Gelenke sind jedoch bei Druck schmerzempfindlich. Beschwerden an Haut und Schleimhäuten kommen ebenfalls häufig vor.

In der akuten Phase der Erkrankung treten häufig Unwohlsein, Müdigkeit, Fieber, Gewichtsverlust und Appetitlosigkeit auf. Etwa die Hälfte der Patienten berichtet über Infektionen des Darms, der Harnwege oder des Unterleibs, die etwa eine bis vier Wochen vor dem Ausbruch der Gelenkentzündung auftraten. Die restlichen Patienten hatten wahrscheinlich ebenfalls eine Infektion, ohne diese jedoch bemerkt zu haben. Eine Untergruppe der reaktiven Arthritis bildet die sogenannte Reiter-Krankheit. Typisch für dieses Syndrom sind Entzündungen der Harnröhre (Urethritis), Arthritis und Entzündungen der Bindehaut des Auges (Konjunktivitis).

Wie viele Fälle reaktiver Arthritis jährlich auftreten, ist noch nicht vollständig bekannt. Reaktive Arthritis infolge sexuell übertragener Krankheiten kommt vor allem bei jungen Männern vor. Reaktive Arthritis nach einer Darminfektion tritt bei Frauen und Männern gleich häufig auf.

70–80 % der Personen, die nach einer Infektion Arthritis bekommen, weisen einen besonderen Gewebetyp namens HLA-B27 auf. 1–2 % aller Patienten mit Infektionen, die durch die unten aufgeführten Bakterien verursacht werden, entwickeln eine reaktive Arthritis. Das Risiko ist bei Personen mit dem Gewebetyp HLA-B27 deutlich erhöht.

Ursache

Eine große Anzahl von Infektionen mit verschiedenen Bakterien kann zur Entwicklung von reaktiver Arthritis führen. Die häufigsten sind: (1) Darmbakterien wie Shigellen, Salmonellen, Yersinien und Campylobacter, sowie (2) Bakterien aus den Harnwegen und Geschlechtsorganen, wie Chlamydien und Gonokokken.

Diagnose

Die Krankengeschichte, wie oben beschrieben, ist typisch. Oft ist der Zusammenhang zwischen Infektion und Arthritis unklar und Ärzte finden die Lösung nicht immer nach dem ersten Gespräch und der ersten Untersuchung.

Häufig werden die Blutsenkung, CRP und weitere Blutwerte gemessen. Bei akuter reaktiver Arthritis sind die Blutsenkung sowie CRP erhöht. Der Hämoglobin-Wert liegt zunächst im normalen Bereich, sinkt anschließend jedoch ab. Eine Antikörper-Analyse aktueller Bakterien und Viren wird bei Verdacht auf reaktive Arthritis durchgeführt. Der Arzt kann zudem Proben für die Kultivierung von Bakterien aus dem Rachen (Streptokokken), dem Darm (pathogene Darmbakterien) und der Harnröhre/dem Gebärmutterhals (Chlamydien, Gonokokken) entnehmen. Um Gelenkrheumatismus auszuschließen, werden spezielle Blutuntersuchungen durchgeführt. Ein Test der Patienten auf den Gewebetyp HLA-B27 kann dazu beitragen, die Zuverlässigkeit der Diagnose zu erhöhen. Der Gewebetyp HLA- B27 kommt jedoch auch bei Patienten mit anderen Erkrankungen gehäuft vor und kann auch bei Gesunden vorliegen. Röntgenaufnahmen der betroffenen Gelenke sind nicht erforderlich, da sich Veränderungen erst nach längerer Zeit entwickeln.

Behandlung

Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR wie Naproxen, Ibuprofen etc.) sind die Medikamente der ersten Wahl bei reaktiver Arthritis. Sie reduzieren Gelenkentzündungen und wirken schmerzlindernd. Absaugen von Gelenkflüssigkeit oder eine Injektion von Kortison in die Gelenke kann bei einigen Patienten hilfreich sein. Bei Entzündungen, die sich durch die Behandlung mit NSAR nicht bessern, können Basistherapeutika wie Sulfasalazin und einige Arten von Chemotherapeutika wirksam sein. Hierbei handelt es sich allerdings um eine Spezialbehandlung, die im individuellen Fall zusammen mit dem Facharzt erwogen werden kann.

Sobald die akute Krankheitsphase endet, ist es wichtig, ein Training nach den Empfehlungen der Physiotherapeuten zu beginnen. Das Training beugt einer Schwächung und Verkürzung der Muskeln sowie einer Schrumpfung der Gelenkhäute vor, die zu Fehlstellungen der Gelenke führen kann. Wichtig ist jedoch, beim Training eine Überbelastung der Gelenke zu vermeiden, die gerade entzündet waren.

Idealerweise sollten der Hausarzt, ein Physiotherapeut und ggf. ein Rheumatologe zusammenarbeiten.

Prognose

Die Erkrankung kann zeitweise die Arbeitsfähigkeit einschränken. In der Regel heilt die reaktive Arthritis innerhalb von 3–12 Monaten ohne dauerhafte Beschwerden aus. Bei einigen Betroffenen kann es jedoch zu mehr oder weniger chronischen Beschwerden kommen, insbesondere im Rücken und in den Fersen. Regelmäßige Physiotherapie nach der akuten Krankheitsphase ist wichtig, um Komplikationen und chronischen Beschwerden vorzubeugen. Das Risiko, dass die Erkrankung wieder auftritt, beträgt jährlich ca. 15 %.

Weitere Informationen

Illustrationen

Akute Arthritis.jpg
Akute Arthritis
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Chronische Arthritis

Autoren

  • Marie-Christine Fritzsche, Ärztin, Freiburg

 

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Reaktive Arthritiden. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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