Lösungsstörung der Plazenta (Placenta accreta)

Eine Lösungsstörung der Plazenta ist eine besonders seltene Komplikation. Ein solches Krankheitsbild kann zu lebensbedrohlichen Blutungen bei der Entbindung führen. Das Risiko für eine Placenta accreta ist bei Frauen höher, bei denen früher ein Kaiserschnitt (Sectio caesarea) durchgeführt wurde.

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Was ist eine Placenta accreta?

Im Verlauf einer normalen Schwangerschaft nistet sich die befruchtete Eizelle in die nährstoffreiche Schleimhaut im Gebärmutterinneren ein. Der Mutterkuchen (Plazenta) bildet sich heraus und wächst in diese Schleimhaut ein. Bei der Entbindung lösen sich Schleimhaut und Mutterkuchen (Plazenta). Der Mutterkuchen kommt als Einheit (Nachgeburt) heraus. Bei einer Placenta accreta wachsen Teile des Mutterkuchens durch die Schleimhaut hindurch und in die Muskelschicht der Gebärmutter (Uterus) hinein, wo sie teilweise mit der Muskelwand verwachsen. Bei der Entbindung kann der Mutterkuchen dadurch an dieser Muskelverwachsung festhängen.

Eine Placenta accreta-Komplikation ist äußerst selten. Da sich die Zahl der Kaiserschnitte erhöht hat, steigt auch die Zahl der Placenta accreta-Fälle. US-amerikanischen Berechnungen zufolge kommt es bei 1 von 500 bis 1 von 2.500 Entbindungen dazu.

Ursache

Warum der Mutterkuchen manchmal hineinwächst und so stark verwächst, konnte bislang nicht bis ins Detail geklärt werden. So viel ist bekannt: Bei einer vorgeschädigten oder zu dünnen Uterusschleimhaut geschieht dies häufiger. Fakt ist, dass eine Placenta accreta häufig bei Frauen mit einer Narbenbildung in der Gebärmutter vorkommt. Ein Kaiserschnitt (Sectio caesarea) ist die vorherrschende Ursache für eine solche Narbenbildung in der Gebärmutter. Ganz unten in der Gebärmutter ist die Schleimhaut etwas dünner als in der Gebärmuttermitte. Deshalb birgt ein tiefsitzender Mutterkuchen ein erhöhtes Risiko. Darüber hinaus steigt die Gefahr bei Frauen, die rauchen, viele Kinder bekommen haben sowie mit zunehmendem Alter der Frau.

Diagnose

Während der Schwangerschaft kommt es infolge der Lösungsstörung des Mutterkuchens bei der Schwangeren in den meisten Fällen zu keinerlei Beschwerden oder Symptomen. Kurze Zeit nach der Entbindung löst sich normalerweise die Plazenta und wird ausgestoßen. Löst sich der Mutterkuchen nicht, führt dies häufig zu starken und anhaltenden Blutungen. Dieser Zustand kann lebensbedrohlich sein. Im Krankenhaus ist dieser Zustand mithilfe von Bluttransfusionen und intensivmedizinischer Betreuung gut behandelbar.

Eine Placenta accreta wird immer häufiger bei Ultraschalluntersuchungen entdeckt. Besteht infolge einer herkömmlichen Ultraschalluntersuchung der Verdacht auf eine solche Diagnose, kann eine interne Ultraschalluntersuchung (vaginal) sichereren Aufschluss darüber geben. Forschungen zufolge kann diese Diagnose nicht immer per Ultraschall gestellt werden. Daher gilt es, sich bei der Entbindung auf diese Diagnose einzustellen.

Behandlung

Eine Lösungsstörung des Mutterkuchens (Plazenta) sowie starke Blutungen sind zwingende Gründe für eine Notoperation. Ein Kaiserschnitt (Sectio caesarea) wird vorgenommen. Der Arzt versucht, den Mutterkuchen (Plazenta) von der Wand der Gebärmutter (Uterus) zu lösen. In vielen Fällen ist dies nicht möglich. Dann müssen sowohl Gebärmutter als auch Plazenta operativ entfernt werden. Wird die Diagnose im Vorfeld gestellt, wird der Eingriff rechtzeitig vor Entbindungsbeginn durchgeführt. Zunächst wird das Kind per Kaiserschnitt (Sectio caesarea) entbunden, anschließend werden Mutterkuchen (Plazenta) oder die gesamte Gebärmutter (Uterus) mitsamt Plazenta während desselben Eingriffs herausgenommen.

Bei einer Diagnose gleich nach der Geburt ist es in der Regel notwendig, die Gebärmutter mithilfe eines chirurgischen Eingriffs zu entfernen, um die Blutung zu kontrollieren.

Da ein früherer Kaiserschnitt (Sectio caesarea) ein prädisponierender Faktor für eine Placenta accreta (Lösungsstörung der Plazenta) ist, spricht vieles dafür, einen Kaiserschnitt nur in den medizinisch notwendigen Fällen durchzuführen.

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Placenta accreta. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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